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Beichte Nur ins Ohr

Der Vatikan verteidigt die Beichte gegen zwei deutsche Bischöfe sowie gegen zahlreiche Priester, die Beichtstühle für überflüssig halten.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Die Klassen waren versammelt, und die Kinder wurden einzeln gefragt, ob sie katholisch oder evangelisch seien. Ergebnis: 60 von 80 wußten es nicht.

Gleichwohl müssen die Katholiken unter ihnen etwas tun, was sie von ihren evangelischen Altersgenossen unterscheidet: zur ersten Beichte gehen, etwaige Sünden bekennen und sich so den Weg zur Erstkommunion eröffnen.

Dieses Beispiel berichtete der Frankfurter Jesuiten-Professor Ludwig Bertsch, als es im Mai auf der Synode in Würzburg (einer Art Kirchenparlament der Bundesrepublik) zu einer Debatte über Buße und Beichte kam.

Es ging um die Frage, ob die kollektive Lossprechung aller Teilnehmer von Bußgottesdiensten (wie sie seit dem Konzil abgehalten werden) von ihren Sünden ebenso ein Sakrament sei wie die Lossprechung nach einer herkömmlichen Einzelbeichte.

Jesuit Bertsch gab sich liberal: Irgendwie sei auch ein Bußgottesdienst sakramental. Doch was im Mai noch katholisch klang, wurde jetzt im Juli für ketzerisch erklärt. Der Vatikan entschied, daß es in der katholischen Kirche bei der Einzelbeichte bleiben soll. Sie darf nicht heimlich abgeschafft und durch die Kollektiv-Beichte ersetzt werden.

Mit einem von dem jugoslawischen Kurienkardinal Franjo Seper unterzeichneten Erlaß stoppte die Kongregation für die Glaubenslehre eine Entwicklung, die unter anderem von zwei deutschen Bischöfen gutgeheißen, von etlichen anderen Oberhirten stillschweigend gebilligt und von zahlreichen Priestern gefördert wurde. In vielen Gemeinden hat sie sich eingebürgert. Die Synoden-Mehrheit in Würzburg empfahl dem Vatikan, diese Praxis zu legalisieren.

Nach dem Willen des Heiligen Stuhls soll es aber bei der alten Regelung bleiben, daß jeder Katholik mindestens einmal jährlich, meist in der Osterzeit, zur Beichte gehen soll und nur dann von seinen Sünden losgesprochen wird, wenn er sie zuvor einem Priester als Beichtvater ins Ohr gesagt hat.

Die »irrigen Theorien«, gegen die sich Seper wandte, waren vor allem in Holland und in der Bundesrepublik weit verbreitet, ebenso wie die »widerrechtliche Praxis, die sakramentale Lossprechung gleichzeitig vielen zu erteilen, die nur im allgemeinen ihre Sünden bekannt haben«.

ihre Bücher umschreiben müssen nun Moraltheologen wie der in Rom lehrende Deutsche Bernhard Häring. Er hatte gemeint, bei Bußgottesdiensten geschehe wie bei der Beichte »ein wirkliches autoritatives Binden und Lösen«.

Sogar der Trierer Bischof Bernhard Stein war vom rechten Kirchenkurs abgekommen, als er vor zwei Jahren in einer »Pastoralen Weisung« sein Generalvikariat erklären ließ: »Da in der Bußfeier die wesentlichen Elemente des Bekehrungsvorgangs enthalten sind. geschieht in ihr unbestritten echte Vergebung der Schuld.« Auch der Limburger Bischof Wilhelm Kempf irrte, als er in seinem Amtsblatt noch im vergangenen Jahr verbreiten ließ, es gebe neben der Beichte »noch andere Formen der Buße und Sündenvergebung«.

Und die Schweizer Bischöfe weckten bei ihren Gläubigen falsche Hoffnungen, als sie amtlich befanden, es sei »theologisch möglich, daß die Kirche ihre heutige Praxis ändert«.

Wegen solcher Erklärungen schlugen wachsame Theologen wie der Münchner Dogmatiker Leo Scheffczyk Alarm: Es sei nicht mehr eine katholische, sondern eine »protestantische Überzeugung« zu glauben, daß die Vergebung der Sünden außer im Beichtstuhl auch bei »beliebig vielen anderen Anlässen« empfangen werden könne. Eifernde Bischöfe baten den Vatikan um einen Eingriff.

Angesichts des rapiden Rückgangs der Beicht-Zahlen war anderen Oberhirten immer noch lieber, daß die kümmerlichen Reste ihrer Herden bei Bußgottesdiensten wenigstens im Chor die Sünden bekannten, als daß sie sich gar nicht mehr um Absolution bemühten.

Längst ist die Zeit vorüber, als vor allem in der Oster-Zeit noch überall die Gläubigen vor den Beichtstühlen Schlange standen und zuweilen im Eiltempo -- bis zu 40 pro Stunde -- abgefertigt wurden. Mancher besonders flinke Beichtvater wurde deshalb »Pater Fix« genannt.

Lästig oder sogar lächerlich ist den meisten Katholiken die Einteilung ihrer Verfehlungen in läßliche Sünden (die nicht beichtpflichtig sind) und Todsünden (von denen absolviert werden muß).

Die Kollektiv-Beichte nebst Lossprechung der gesamten Gemeinde schien einen Ausweg zu bieten. Nun soll wieder individuell gebeichtet werden, obwohl es die meisten entweder nicht wollen oder nicht können.

Klage eines Pfarrers in der »Münchener Katholischen Wochenzeitung": Oft seien die Bekenntnisse in Beichtstühlen so formelhaft. daß sich der Priester frage: »Habe ich jetzt einen kleinen Buben oder eine ältere Frau vor mir?«

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