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USA Nur lachen

Gary Hart, im Mai ausgestiegen, will wieder Präsident werden. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Zuerst erfuhren es führende Kongreßmitglieder frühmorgens im Weißen Haus: Frank Fahrenkopf, Vorsitzender der Republikanischen Partei, überraschte die Parlamentarier mit der Ankündigung, Gary Hart werde wieder in das Rennen um die Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten einsteigen.

Niemand wollte ihm zunächst glauben, dann, so Fahrenkopf, »lachten sie nur«. Stunden später, während die Nation beim Lunch saß, verging zumindest den demokratischen Parteibossen das Lachen. Hoch droben im kalten Neuengland-Staat

New Hampshire, wo Mitte Februar die ersten innerparteilichen Vorwahlen stattfinden, bahnte Gary Hart sich einen Weg durch Kameras und Zuhörer, lieferte den zur Teilnahme an der Vorwahl erforderlichen Scheck über 1000 Dollar ab und erklärte, ab jetzt sei er wieder im Rennen.

Nur sieben Monate zuvor hatte Hart sich wegen seiner Beziehung zu dem Photomodell Donna Rice gezwungenermaßen aus den Anfängen des Rennens um die Präsidentschaft zurückgezogen. Jetzt stand der wiedererstandene Kandidat auf den Stufen des Parlamentsgebäudes in New Hampshires Hauptstadt Concord - die vorläufig letzte Überraschung im amerikanischen Vorwahlkampf.

Seine Kampagne, so Hart, werde »anders sein als alles, was Sie bisher gesehen haben. Wir haben keinen Stab, kein Geld, keine Medienberater, keine Meinungsbefrager«. Und dann, in altbekanntem Jargon, versicherte der frühere Senator, er verfüge »über etwas, viel Besseres: die Macht der Ideen«; über die solle »das Volk entscheiden«.

Bevor das Volk noch am selben Tag via Talkshows und

Meinungsumfragen mit der Entscheidung über Gary Harts politische Zukunft begann, huschten Amerikas Politiker und Wahlkampfingenieure durch die sofort angesetzten TV-Sondersendungen oder diskutierten öffentlich über Harts politische Absonderlichkeiten, vor allem die »Charakterfrage«.

Es sei eben eine »verrückte alte Welt«, kommentierte der demokratische Fraktionsvorsitzende im Senat, Robert Byrd, den Wiedereinstieg seines Parteifreundes.

Weniger abgeklärt reagierte der Parteivorsitzende Paul Kirk: Im Scheinwerferlicht der Cameras gestand er jedem, »sofern er möchte«, das Recht zu, sich um die Präsidentschaftsnominierung der Demokraten zu bewerben. Abseits des Medienfestivals jedoch wütete der demokratische Apparatschik vor Parteifreunden über Harts Zweitversuch, doch noch im Weißen Haus zu landen.

Und in trister Stimmung bekannte Walter Mondales ehemaliger Wahlkampfmanager Robert Beckel nach dem Einschlagen der Bombe aus New Hampshire, das alles sage »viel über das Kandidatenfeld, über die Politik der 80er Jahre und über Gary Hart«.

Der, kaum wieder im Bewerberfeld, mußte sich vor allem gegen den Vorwurf wehren, den sechs anderen Aspiranten um die Präsidentschaftskandidatur lediglich die Show verderben zu wollen.

Der Partei brachte der Neue keineswegs neue Hoffnung. Nur zwei Monate vor Beginn der Vorwahlen hat sich unter den bisher sechs - nun wieder sieben - demokratischen Bewerbern um die Präsidentschaftsnominierung noch immer kein Star herausgeschält, ist die Parteibasis vorwiegend unzufrieden mit dem unscheinbaren Pulk ihrer Möchtegern-Kandidaten, zerren altbekannte Fraktionskämpfe die Partei auseinander. Harts Auftritt in New Hampshire verleihe dem Vorwahlkampf noch mehr als bisher »eine Zirkusatmosphäre«, jammerte die Partei-Insiderin Ann Lewis.

Zirkus hin, Zirkus her: Gary Hart hat nichts mehr zu verlieren, denn nach dem Bekanntwerden seiner amourösen Abenteuer war er ins finanzielle wie politische Abseits gerutscht. Es fehlte an interessanten Arbeitsangeboten, aus einem Buchvertrag wurde nichts, und zu Harts letzter, hochbezahlter Rede an einem kleinen College im Bundesstaat New Jersey fanden sich bloß 200 Zuhörer ein.

Der Geldmangel wiegt um so schwerer, als noch immer über eine Million Dollar Schulden aus dem Wahlkampf 1984 auf Hart lasten. So sahen Zyniker und Feinde im Comebackversuch des Ideen-Menschen aus Colorado vornehmlich Gier nach Mammon und Selbstdarstellung.

Chancen auf die Nominierung oder eine Rolle als »Königsmacher-» innerhalb der Partei wollten sie ihm nicht einräumen. Harts Anhänger verweisen darauf, daß ihr Mann schon wiederholt für Überraschungen gut war, seit er 1972 den Wahlkampf des demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern managte. 1974 gelang ihm im ersten Anlauf der Sprung in den Senat, zehn Jahre danach brachte er den vom demokratischen Parteiestablishment als Präsidentschaftskandidaten ausersehenen Walter Mondale während des Vorwahlkampfes in Bedrängnis.

Und kaum war Hart wiedereingestiegen, plante er schon Größeres: einen auf Amerikas Jugend ausgerichteten »Grassroots«-Wahlkampf, wie Senator Eugene McCarthy ihn 1968 bei den demokratischen Vorwahlen dargeboten hatte.

Doch seine Aussichten, auf diese Weise das demokratische Feld aufzurollen scheinen gering: Die amerikanische Öffentlichkeit betrachte Ehebruch »noch nicht als eine nationale Tugend«, lästerte etwa der texanische Demokratenboß Robert Slagle. Weil Hart mit weiteren Enthüllungen über sein Privatleben rechnen muß, wehrte er unangenehme Fragen vorsorglich ab und warnte, dazu werde er sich nicht auslassen.

Im Mai hatte Hart aufgegeben, nachdem die »Washington Post« ihre Beweise für eine weitere, bisher unbekannte Affäre in Aussicht gestellt hatte. »Washington Post«-Chef Benjamin Bradlee ließ gleich nach Harts Auftritt in New Hampshire mitteilen, es sei noch nicht entschieden, was mit dem pikanten Material geschehen solle.

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