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»Nur noch ein Schluchzen«

Ein vergessenes Kapitel aus der NS-Zeit: Vor 50 Jahren retteten protestierende Frauen in Berlin ihre jüdischen Ehemänner und Kinder vor der Deportation nach Auschwitz. 8000 Zwangsarbeiter wurden abtransportiert. 1500 Juden aus »Mischehen« kamen frei, weil das Regime, vom Aufruhr beeindruckt, einlenkte.
aus DER SPIEGEL 8/1993

Am 27. Februar 1943 erhielt die Berliner Schneiderin Charlotte Israel eine beunruhigende Nachricht. Bei ihrer Mutter in Berlin-Charlottenburg hatte ein Unbekannter angerufen und mitgeteilt, ihr Ehemann Julius, ein jüdischer Musiker und Zuschneider, sei verhaftet und in der Straßenbahn weggebracht worden.

Charlotte Israel begab sich mit ihrer Mutter auf schnellstem Weg zur Polizeiwache Grolmannstraße, wo ihr Mann morgens eine Genehmigung für Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln zu dem zugewiesenen Arbeitsplatz in der Nähe des Alexanderplatzes hatte holen wollen. In der Revierwache wurden die beiden Frauen weitergeschickt: »Gehen Sie mal zur Rosenstraße.« Ein Wachtmeister erklärte ihnen freundlich den Weg, sie fuhren mit der S-Bahn bis zur Haltestelle Börse (siehe Stadtplan Seite 59).

In der Rosenstraße 2-4 befanden sich, in einem wuchtigen dreistöckigen Gebäude, die Räume der ehemaligen Sozialverwaltung der Jüdischen Gemeinde. Vor dem Haus hatten sich, als die beiden Frauen eintrafen, mehr als hundert Menschen eingefunden, fast nur Frauen. Später stellte sich heraus, daß in den wohl 40 bis 50 Räumen des gesamten Verwaltungsgebäudes etwa 1500 jüdische Häftlinge zusammengepfercht waren.

Einige sogenannte Ordner aus den Reihen der Gefangenen gingen ein und aus, benachrichtigten die meist männlichen Insassen vom Eintreffen ihrer Frauen und erkundeten für die Menschen draußen, ob ihr Ehemann, ihr Sohn, ihre Tochter in dem Gebäude festsaßen. Die Frauen bedrängten den Lagerleiter namens Krell mit Forderungen, verlangten unbedingt benötigte Schlüssel oder, wie Charlotte Israel, die Kartoffelkarte ihres Mannes. Eine halbe Stunde später wurde die Karte herausgereicht, eine Bleistiftnotiz mit dem ersten Lebenszeichen auf der Rückseite: »Ich bin gesund.«

Die Ehefrau war erleichtert, aber keineswegs beruhigt. Seit Herbst 1942 hatten die Nazis die zuvor eher geräuschlose Deportation der Juden immer offener betrieben, hatten Straßen- und Häuserrazzien organisiert. Die meisten der über 160 000 Berliner Juden waren bereits verschwunden, bis 1941 in die Emigration getrieben und danach in den Osten verschleppt.

Julius Israel gehörte zu den etwa 27 000 in Berlin, die in Rüstungsbetrieben Zwangsarbeit leisteten oder in sogenannten Mischehen mit nichtjüdischen Ehepartnern zusammenlebten. Da Israels Frau Nichtjüdin war, galt er in der Sprache der NS-Rassenideologen als »arisch versippt«. Er mußte das Brandmal des gelben Judensterns tragen und ebenfalls Zwangsarbeit leisten.

An diesem Tag im Februar war der Musiker von der Grolmannstraße mit vier jüdischen Frauen unter Bewachung eines Polizisten zunächst zur Synagoge in der Moabiter Levetzowstraße gebracht worden, die seit Oktober 1941 ein Deportationslager war. In der Straßenbahn hatte ihn ein Unbekannter mit einer freundlichen Bemerkung angesprochen. Dem hatte Israel einen Zettel mit der häuslichen Telefonnummer zugesteckt. Später am Tag wurde er in die Rosenstraße verlegt.

Daß er aus diesem »Auffanglager für arisch versippte Juden« nicht ohne Wiederkehr in den Holocaust verschwand, hatte Israel wie seine Mitgefangenen einer dramatischen Entwicklung zu verdanken, die zu den kleinen Wundern in den großen Schrecknissen jener Zeit gehörte - eine Episode von Bürgermut und Opfersinn, die später weitgehend in Vergessenheit geriet. Der Berliner Autor Gernot Jochheim hat die genauen Umstände dieses für die NS-Zeit einzigartigen Vorgangs ermittelt*.

Die Situation vor dem Judenkerker in der Rosenstraße begann sich an jenem Februartag vor 50 Jahren zuzuspitzen. Freunde und Verwandte belagerten die Kerkermeister. Sie leisteten passiven Widerstand, ließen sich nicht vertreiben und sorgten für so viel Aufsehen, daß das Unglaubliche geschah: Eine Woche nach Beginn der Verhaftungswelle wurden die ersten Gefangenen freigelassen, zunächst einzelne und schließlich, nach einigen Tagen, alle.

Das gleiche geschah in der Großen Hamburger Straße, in einem früheren jüdischen Altersheim mit benachbartem Schulgebäude. Auch dort hatten Angehörige die Freilassung jüdischer Häftlinge verlangt, die ohne diese Demonstration sicherlich der Deportation und Vernichtung zum Opfer gefallen wären.

Das Schicksal »arisch versippter« Juden hatte die NS-Führung zuvor lange Zeit in der Schwebe gehalten. Die Juden allesamt zu vernichten lag in der Logik des nationalsozialistischen Rassenwahns. Aber diese Familien hatten verwandtschaftliche Beziehungen auch mit sogenannten Ariern, die bis in Wehrmachtskreise und für die Reichsführung wichtige Künstlerzirkel reichten. Sie waren daher nicht so isoliert in der »Volksgemeinschaft« wie rein jüdische Familien.

Feine Unterschiede machten die Nazis dennoch. Die Verbindung einer Jüdin mit einem nichtjüdischen Ehemann galt als »privilegierte Mischehe«. Umgekehrt lebten jüdische Ehemänner mit nichtjüdischen Frauen in »einfachen Mischehen«. Jüdische Väter wurden aber ebenfalls privilegiert, wenn die Kinder aus solchen Ehen einer nichtjüdischen Religionsgemeinschaft angehörten.

Zum Privileg gehörte, daß der jüdische Elternteil in diesen Ehen und die Kinder keinen Judenstern tragen mußten. Sie wurden auch nicht von der Fangaktion im Februar 1943 erfaßt.

Da den Nazis eine gewisse Zurückhaltung opportun schien, waren Juden mit nichtjüdischen Ehepartnern und ihre Kinder noch nicht vom Strudel der »Endlösung« erfaßt. In der Wannsee-Konferenz und in einer Nachbesprechung im März 1942 wurden »arisch versippte« Juden in die Pläne aber ausdrücklich einbezogen.

Jüdischen Beschäftigten in kriegswichtigen Betrieben war ein Aufschub der »Evakuierung«, wie die Judenvernichtung in der Tarnsprache der Nazis umschrieben wurde, auf Betreiben der Rüstungsindustrie gewährt worden, hinter der die Militärführung stand. Jüdische Rüstungsarbeiter sollten daher, wie es in einem Lagebericht der Rüstungsinspektion III Berlin vom 15. November 1941 geheißen hatte, »nach Möglichkeit am Schluß der Evakuierungsmaßnahmen aus den Betrieben herausgenommen werden«.

Die Zwangsarbeiter wurden in der Kriegsindustrie dringend gebraucht. Ihre Verschonung ließ dennoch einige Naziführer nicht ruhen. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, Gauleiter der NSDAP in Berlin, setzte sich seit Mai 1942 bei seinem Führer für die »Aufhebung« jener Regelung ein. Hitler befahl laut Rüstungsminister Albert Speer Ende September 1942, »alle noch in Rüstungsbetrieben des Reiches arbeitenden Juden in die östlichen Lager abzutransportieren«. Ende Februar 1943 habe ihm Goebbels telefonisch »mit äußerster Entschiedenheit« erklärt, so Speer, »daß keine Juden noch länger in Berlin bleiben könnten«.

Auch für die Rüstungsproduktion im polnischen Generalgouvernement ordnete Heinrich Himmler, der Reichsführer der SS, im Oktober 1942 an, die arbeitsfähigen Juden »Zug um Zug herauszulösen« und in »ein paar wenigen« _(* Gernot Jochheim: »Frauenprotest in der ) _(Rosenstraße«. Edition Hentrich, Berlin; ) _(200 Seiten; 24,80 Mark. ) Großbetrieben von Konzentrationslagern in Ostpolen zusammenzufassen. »Doch auch dort«, so Himmler, »sollen eines Tages, dem Wunsche des Führers entsprechend, die Juden verschwinden.«

»Wir schaffen nun die Juden endgültig aus Berlin hinaus«, triumphierte Goebbels am 2. März 1943 in seinem Tagebuch: »Sie sind am vergangenen Samstag schlagartig zusammengefaßt worden und werden nun in kürzester Frist nach dem Osten abgeschoben.«

»Samstag« - das war der Tag der Gefangennahme von Julius Israel, der 27. Februar. Wenig später schickte das Berliner »Zentralamt« einen Vermerk über »Judentransporte«, beginnend mit dem 1. März, nach Auschwitz: _____« Es wird nochmals darauf hingewiesen, daß sich bei » _____« diesen Transporten etwa 15 000 vollkommen arbeitsfähige, » _____« gesunde Juden befinden, die bisher in der Berliner » _____« Rüstungsindustrie gearbeitet haben. Auf ihre weitere » _____« Arbeitsverwendung ist mit allen Mitteln Wert zu legen. »

15 000 - das war eine verräterische Zahl. Sie enthielt neben den Rüstungsarbeitern auch die in »einfachen Mischehen« lebenden Juden, dazu die daraus hervorgegangenen Jugendlichen; andernfalls wäre sie deutlich zu hoch gewesen.

Tatsächlich waren es etwa 8000, die in den folgenden zwei Wochen in die Hölle von Auschwitz geschickt wurden. Die Forderung des Berliner Zentralamts, die arbeitsfähigen Juden »mit allen Mitteln« zur »Arbeitsverwendung« einzusetzen, verhallte ungehört. Die Rückmeldungen aus Auschwitz sagen aus, daß nur ein geringer Anteil der Todgeweihten zu einem längeren »Arbeitseinsatz« kam.

Ein weiterer Anteil von schätzungsweise 4000 Menschen war gewarnt worden und untergetaucht - vorerst. In seinem Tagebuch beklagte Goebbels: »Unsere Aktion ist vorzeitig verraten worden, so daß uns eine ganze Menge von Juden durch die Hände gewischt sind.« Aber die Häscher der Gestapo waren unterwegs. »Wir werden ihrer doch noch habhaft werden«, notierte Goebbels (SPIEGEL 43/1992).

Zu den übrigen rund 3000 Personen zählten die »arisch versippten« Juden, die demnach durch den Widerstand ihrer »arischen« Verwandten und Freunde vor der auch ihnen zugedachten Auslöschung gerettet wurden.

»Dieser spektakuläre Protest stellte im Dritten Reich die schärfste Form einer öffentlichen Auflehnung dar«, schreibt der in Australien lehrende Historiker Konrad Kwiet: »Der erfolgreiche Ausgang legt die Vermutung nahe, daß ähnliche Aktionen den Kurs der NS-Judenpolitik in andere Bahnen hätten leiten können.«

Geholfen hat den aufbegehrenden Frauen sicher auch die kritische Stimmung in der Berliner Bevölkerung nach dem schweren Luftangriff vom 1. auf den 2. März. Goebbels notierte einige Tage später, am 6. März, in seinem Tagebuch: _____« Gerade in diesem Augenblick hält es der SD für » _____« günstig, in der Judenevakuierung fortzufahren. Es haben » _____« sich da leider etwas unliebsame Szenen vor einem » _____« jüdischen Altersheim abgespielt, wo die Bevölkerung sich » _____« in größerer Menge ansammelte » _____« und zum Teil sogar für die Juden etwas Partei ergriff. » _____« Ich gebe dem SD den Auftrag, die Judenevakuierung nicht » _____« ausgerechnet in einer so kritischen Zeit fortzusetzen. » _____« Wir wollen uns das lieber noch einige Wochen aufsparen; » _____« dann können wir es um so gründlicher durchführen. »

Als Stichwort ist bei Goebbels nur das frühere Altersheim in der Großen Hamburger Straße hängengeblieben, wo ebenso wie vor dem jüdischen Sozialamt in der Rosenstraße demonstriert wurde. Der Eintrag zeigt, daß die Führung in dieser Situation äußerst nervös auf den öffentlichen Protest reagierte.

Die Verfolger ließen sich aber nur durch die Demonstrationen vor Ort beeindrucken. Die Deportation der Rüstungsarbeiter, die in anderen Gefängnissen festgehalten wurden, lief vom 1. bis 12. März unvermindert weiter.

Die Jagd auf die in Berlin und im übrigen Reich verbliebenen Juden ging als »Fabrik-Aktion« in die Geschichte der Judenverfolgung ein und wurde mit äußerster Brutalität durchgeführt (SPIEGEL 38/1988).

Am 27. Februar 1943 mußten die jüdischen Zwangsarbeiter, obwohl für sie Sabbat war, wie üblich von sechs Uhr bis zum Mittag arbeiten. Im Lauf des Vormittags fuhren an ihren Arbeitsstätten Lastwagen der SS, auch der Waffen-SS-Division »Leibstandarte Adolf Hitler«, vor und holten die Arbeitssklaven ab, egal wie sie gerade gekleidet waren. In Straßen und Häusern wurden bei Razzien vorwiegend alte Menschen und Kinder abgeführt.

»Ältere Leute, die nicht schnell genug auf die Lastwagen steigen konnten«, wurden »buchstäblich hinaufgeworfen«, berichtet der überlebende Augenzeuge Otto Fried, »Knochenbrüche waren die Folge«.

Als in den Sammellagern, früheren Altersheimen, Kasernenhallen und dem kurz zuvor geschlossenen Vergnügungslokal »Clou«, die Lkw-Verschläge geöffnet wurden, boten sich den Helfern teilweise entsetzliche Bilder. »Eine ältere Frau fiel uns blutüberströmt, ohnmächtig in die Arme«, berichtete später eine jüdische Krankenschwester, Überlebende der Verfolgungen, in einer Aufzeichnung, »hinter uns taumelte ein vielleicht 17jähriges Mädel vom Wagen, das Blut lief ihr über das Gesicht, daneben ein Mann, der aus zwei Beinwunden blutete, seine Frau haltend, deren Kleider zerfetzt waren.« Die Juden hätten sich »zur Wehr gesetzt«, erklärten SS-Männer lachend, einer fotografierte begeistert.

Nicht anders ging es Anfang bis gegen Mitte März bei den Abtransporten der 8000 nach Osten zu. Als die frühere Vergnügungsstätte »Clou« an der Mauerstraße geräumt wurde, wo Hitler 1927 seine erste Versammlung in Berlin abgehalten hatte, konnte SS-Hauptsturmführer Rudolf aus den Ruthen das Geschehen von der Redaktion der SS-Zeitschrift Das Schwarze Korps aus beobachten. Der Schriftleiter schrieb dem SS-Obersturmbannführer Rudolf Brandt vom persönlichen Stab Himmlers einen Protestbrief gegen die Übergriffe. Auszug: _____« Als ungefähr die Hälfte der Juden auf dem Wagen war » _____« (schneller ging es wirklich nicht), kam ein Zivilist, mit » _____« der Zigarette im Mund, eine große Hundepeitsche » _____« schwingend, ebenfalls aus dem »Clou« gelaufen und schlug » _____« wie ein Wildgewordener auf die zum Einsteigen drängenden » _(* Die Nähwerkstatt in ) _(Berlin-Charlottenburg bestand von Juli ) _(bis Dezember 1933 und wurde wegen des ) _(Boykotts jüdischer Geschäfte ) _(geschlossen. ) Juden ein. Ich muß bemerken, daß sich unter diesen Jüdinnen mit kleinen Kindern auf dem Arm befanden . . . Als ich aus dem Zimmer ging . . . berichteten mir meine Sekretärinnen, daß der Mann beim nächsten Transport wiederum und vor allem auf Frauen eingeschlagen hätte.

Einen Hieb bekam auch Julius Israel ab, als er von der früheren Synagoge in der Levetzowstraße zum Verwaltungsgebäude in der Rosenstraße gebracht wurde. Durch eine Kinderlähmung leicht behindert, erhielt er beim Besteigen des Lkw einen schweren Schlag mit einem Gewehrkolben in den Rücken, weil es den Bewachern nicht schnell genug ging.

Am Ziel wurde der Musiker mit 30 bis 40 Männern in einen Raum gesperrt. In einem anderen Raum drängten sich 130 Frauen. Trotz Verbots nahmen einzelne Gefangene andere auf die Schulter, damit sie durch die hochgelegenen Fenster sehen konnten. Ungläubig erblickten sie draußen die Menschenmenge.

Die Frauen auf der Straße wichen nicht, sie wurden immer mehr. Und plötzlich wurden Rufe laut: »Wir wollen unsere Männer wiederhaben«, Sprechchöre flackerten auf: »Gebt unsere Männer frei!«

Berufstätige kamen nachmittags und abends hinzu. Durch Berlin lief ein Gerücht, mitten im Stadtzentrum gebe es eine Demonstration und Widerstand gegen die Behörden. Die ersten Neugierigen tauchten auf. Am Abend war die Situation nicht beruhigt. Die Menschen blieben über Nacht oder kamen am nächsten Tag wieder, auch am übernächsten.

Die ganze erste Märzwoche hindurch nahm der Auflauf der Protestierenden kein Ende. Die Rosenstraße war manchmal, wie Charlotte Israel beobachtete, »schwarz« von Menschen. Die Schätzungen der Augenzeugen schwankten später zwischen 100, 200, 1000, zeitweise sogar 6000 Leuten - eine Zahl, die unter dem Eindruck der Ereignisse sicher zu hoch gegriffen war. Immerhin konnte der Straßenbahn oft nur mit Mühe eine Gasse durch die Rosenstraße gebahnt werden.

Die Menschen widersetzten sich den Machthabern mit einer geradezu selbstmörderischen Entschlossenheit. Sie waren durch ein gemeinsames Schicksal verbunden, hatten Erniedrigungen, Spießrutenlaufen in der Öffentlichkeit, Vorladungen zur Gestapo durchlitten.

Charlotte Israel hatte eine 1933 eröffnete Näherei nach einem halben Jahr wieder schließen müssen, weil sie und ihr Mann boykottiert wurden.

Andere Menschen hatten auf ähnliche Weise ihre Existenz verloren. Und das alles, weil sie einen Ehepartner und Kinder hatten, die den gelben Stern tragen und mit dem Schlimmsten rechnen mußten. Wenn sie sich nur scheiden ließen, so hatten die Behörden gelockt, dann würden ihre Kinder schon »arisiert«. Aber sie waren standhaft geblieben. Nun drohte ihren Angehörigen die Deportation.

Die Sicherheitsbehörden reagierten zunächst unsicher und drohten dann mit Gewaltanwendung. Charlotte Israel schloß sich einer Gruppe von Frauen an, die 200 Meter weiter, beim »Judenreferat« der Gestapo in der Burgstraße, heftig gegen die Gefangennahme ihrer Angehörigen protestierten.

Andere informierten ausländische Journalisten, Korrespondenten aus Schweden oder der Schweiz, die das Geschehen aus der Nähe beobachteten.

»Es haben sich unglaubliche Szenen abgespielt«, erinnert sich die Augenzeugin Charlotte Rosenthal, »in meiner nächsten Nähe stand eine Frau mit ihrem Bruder, der in Uniform und gerade auf Urlaub war.« Auch andere Wehrmachtsangehörige waren da.

Der Bruder der anderen Frau ging plötzlich auf einen SS-Mann zu und erklärte: »Wenn mein Schwager nicht freigelassen wird, gehe ich nicht wieder an die Front.« Der SS-Mann drängte den Soldaten zurück »und drohte mit Abführung«, so Frau Rosenthal.

Am 4. März, dem fünften Tag nach der »Fabrik-Aktion«, blickte Charlotte Israel plötzlich in ein Maschinengewehr. Die Waffen wurden hinter Sandsäcken in Stellung gebracht. Ein Teil der Menschen floh, andere drängten nach vorn. Frau Israel schickte sofort ihren gerade anwesenden Bruder zurück, der zu Haus erzählte: »Charlotte ist jetzt bestimmt schon tot.«

Aber sie hielt durch und berichtet heute als 80jährige: »Nun war uns alles egal. Wir brüllten: ,Ihr Mörder! Ihr Feiglinge!'' In der Hauptsache habe ich an meinen Mann gedacht. ,Jetzt kann ich ihn überhaupt nicht mehr retten'', hab'' ich gedacht. ,Jetzt ist alles aus.'' Wir haben laut geschrien, wir haben gebrüllt: ,Ihr Mörder!''«

»Dann geschah etwas Unerwartetes«, beobachtete die damals 30jährige Berlinerin, »die Maschinengewehre wurden abgeräumt. Vor dem Lager herrschte jetzt Schweigen, nur noch vereinzeltes Schluchzen war zu hören.« Einen Tag später wurden die ersten 25 Gefangenen, weitgehend unbemerkt, aus der Rosenstraße zum Bahnhof Putlitzstraße gebracht und nach Auschwitz deportiert.

Meldung der Kommandantur des Konzentrationslagers vom 8. März 1943 nach Berlin: _____« Transport aus Berlin, Eingang 7. März 43, » _____« Gesamtstärke 690 einschließlich 25 Schutzhäftlingen. Zum » _____« Arbeitseinsatz gelangten 153 Männer und 25 » _____« Schutzhäftlinge (Buna) und 65 Frauen. Sonderbehandelt » _____« wurden 30 Männer und 417 Frauen und Kinder. »

Am 6. März betrat ein Mann das Milchgeschäft, in dem Charlotte Israel als Aushilfskraft arbeitete. Er bestellte Grüße von ihrem Mann, kündigte seine Entlassung für den nächsten Tag an und richtete die Bitte aus, sie möge nicht zur Rosenstraße kommen. Am 7. März, einem Sonntag, kehrte Julius Israel zurück nach Haus.

Nach der Entlassung der »arisch versippten« Juden protestierten die Ehefrauen der 25 bereits nach Auschwitz Deportierten bei der Gestapo gegen die »ungleiche« Behandlung ihrer Männer. Die Behörden erklärten schließlich, die Häftlinge seien »versehentlich evakuiert« worden, und ließen sie aus Auschwitz zurückholen - eine kaum glaubliche Maßnahme.

Doch die Verschleppten hatten schon zuviel gesehen. Die Männer waren mit KZ-Gefangenennummern tätowiert und von einem SS-Scharführer barsch instruiert worden, sie befänden sich in einem Vernichtungslager und hätten hart zu arbeiten. Sie kamen in Berlin nicht frei wie ihre Schicksalsgenossen aus der Rosenstraße, sondern wurden mit Besuchserlaubnis ihrer Ehefrauen in Lagern untergebracht.

Bei Kriegsende wurden sie aus dem ehemaligen Jüdischen Krankenhaus in der Schulstraße befreit. Mehrere tausend andere Juden mit »arischen« Angehörigen hielten sich bis zum Ende der Naziherrschaft, gezeichnet mit dem »Judenstern«, in der Reichshauptstadt auf. Julius Israel starb 1976, mit 77 Jahren, in Berlin. Die meisten der 17 000 noch übriggebliebenen jüdischen Zwangsarbeiter in Berlin und im Reich überlebten die Deportation nicht.

[Grafiktext]

__59_ Stadtplan Berlin (Rosenstraße 1943)

[GrafiktextEnde]

* Gernot Jochheim: »Frauenprotest in der Rosenstraße«. EditionHentrich, Berlin; 200 Seiten; 24,80 Mark.* Die Nähwerkstatt in Berlin-Charlottenburg bestand von Juli bisDezember 1933 und wurde wegen des Boykotts jüdischer Geschäftegeschlossen.

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