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SPRAYDOSEN Nur noch Pappe

Verbraucher schicken, nach einem Appell der Öko-Organisation Greenpeace, leere Sprühdosen an die Hersteller zurück. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Die Manager des Chemiegiganten Hoechst waren beleidigt. »Sie müssen uns«, schrieb Prokurist Gerhard Kollrack an die Freiburger Umweltschützerin Sonja Rubin, »mit Ihrem örtlichen oder regionalen Abfallbeseitigungsbetrieb verwechselt haben.«

Auslöser für die säuerliche Reaktion war ein Paket, Inhalt: eine Kollektion gebrauchter Spraydosen. In einem Begleitschreiben bat Sonja Rubin, die Treibgasreste in den Büchsen zu entsorgen oder wiederzuverwerten.

Mit diesem Anliegen werden bundesdeutsche Chemiefirmen derzeit häufig traktiert. Auch Walter Schütz, Geschäftsführer der Industrie-Gemeinschaft Aerosole in Frankfurt, in der sich rund 80 Hersteller und Abfüller von Spraydosen zusammengeschlossen haben, muß in jüngster Zeit eine Menge kritische Post beantworten.

Die Mehrarbeit haben Schütz und seine Kollegen aus der Industrie der Umweltschutzorganisation Greenpeace zu verdanken. Ende Juli starteten die Öko-Fighter eine Kampagne, die, so Birgit Siemen von der Hamburger Zentrale, »hoffentlich zu einer Massenbewegung wird«. In einem an 1,8 Millionen Bundesbürger verschickten »Notruf« schlägt Greenpeace Alarm: »Helfen Sie mit, die drohende Katastrophe zu stoppen.«

Mit der Aktion wollen die Ökologen »eine Minute vor zwölf« eine Gefahr abwenden helfen, die schon seit Mitte der siebziger Jahre bekannt ist. Die für Mensch und Natur lebenswichtige Ozonschicht in der Stratosphäre löst sich unter dem Einfluß großer Mengen von Chlor-Fluor-Kohlenwasserstoffen (CFK), allmählich auf.

Auf der Suche nach ungiftigen und nicht brennbaren Kühlmitteln hatten Chemiker des Autoproduzenten General Motors 1928 die Substanzen entwickelt. Unter Markennamen wie »Freon 11« und »Freon 12« wurden sie schnell zum Renner, seit Jahrzehnten werden sie als Kühlmittel in jedem Kühlschrank, als Treibgas für Kosmetik-, Pflege- oder Lacksprays und zum Aufschäumen von Kunststoffen verwendet.

Doch 1974 überraschten amerikanische Chemiker die Fachwelt mit der These, Chlor-Fluor-Kohlenwasserstoffe zerstörten die Ozonschicht. Unter harter Sonnenstrahlung setzen die CFK Chlor-Atome frei, die das dreiatomige Ozon zu gewöhnlichem zweiatomigem Sauerstoff reduzieren.

Die USA zogen Konsequenzen, seit 1978 ist »Freon« als Treibgas für Spraydosen nicht mehr erlaubt. Doch für das expandierende Geschäft mit Kühl- und Klimaanlagen wurden die Stoffe eifrig weiterproduziert. Folge: Die Gesamtproduktion an CFK hat in den USA längst wieder den alten Stand erreicht.

Weltweit werden jährlich rund 800000 Tonnen CFK hergestellt, in der EG allein 300000 Tonnen. Die Bundesrepublik ist mit etwa zehn Prozent an der Weltproduktion beteiligt. Immerhin noch 26000 Tonnen - vor zehn Jahren waren es mehr als doppelt soviel - aus 672 Millionen Spraydosen zerstäubten die Bundesbürger allein letztes Jahr.

Daß die Chlor-Fluor-Kohlenwasserstoffe zu einem gefährlichen Abbau der Ozonschicht führen, gilt den Klimaforschern seit März 1985 als nahezu sicher. Damals entdeckten britische und japanische

Wissenschaftler über der Antarktis ein riesiges Loch im Ozonschild.

Voriges Jahr schließlich verbreiteten Professor Paul J. Crutzen und Christoph Brühl vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie weitere Schreckensnachrichten: Bleibt die CFK-Emission konstant, wird nach ihren Berechnungen die obere Stratosphäre bis zum Jahr 2050 »dreißig Prozent ihres Ozons einbüßen, bezogen auf den mutmaßlichen Wert in vorindustrieller Zeit«.

Ein »erschreckender Sachverhalt«, so Crutzen, denn Ozon hält den größten Teil der kurzwelligen ultravioletten Sonnenstrahlung von der Erde fern. Verliert die »Sonnenbrille der Biosphäre« (Crutzen) weiter an Wirkung, kann es auf der Erde zu einer enormen Zunahme an Hautkrebs, zu katastrophalen Vegetationsschäden und einer gefährlichen Klimaveränderung kommen.

Dennoch hat sich die EG bisher nicht zu Beschlüssen gegen die Industrie durchgerungen. Ein Uno-»Übereinkommen zum Schutz der Ozonschicht« vom März 1985 sieht lediglich vor, daß die Unterzeichner-Staaten die Entwicklung weiter beobachten und sich gegenseitig informieren.

Seitdem schleppen sich die EG-Staaten von Verhandlung zu Verhandlung. Spätestens 1990 sollen die Vertragspartner verpflichtet werden, innerhalb von zwei Jahren die Produktion bestimmter CFK auf dem Niveau von 1986 einzufrieren. Erst bis zum Jahr 2002 sollen Produktion und Import halbiert werden.

Der jetzige Verhandlungsstand, pries Bundesumweltminister Klaus Töpfer die geplante Minimal-Lösung, sei »maßgeblich« von der Bundesrepublik »mit beeinflußt« und gegen die EG-Kommission durchgesetzt worden. Unterzeichnet werden soll der Kontrakt Mitte September im kanadischen Montreal.

Die Sprühflaschenhersteller wollen unterdessen durch freiwillige Drosselung der Produktion von Chlor-Fluor-Kohlenwasserstoffen einem gesetzlichen Verbot der Verwendung von CFK als Treibgas entgehen. Vorige Woche kündigten sie an, von 1990 an weitgehend auf CFK in Spraydosen zu verzichten, jedoch nicht auf deren Einsatz in Verpackungen. Die Umstellung auf weniger umweltschädliche Sprühverfahren mit Propan-Butan, Preßluft oder auf simple mechanische Zerstäuber kostet die Industrie, so schätzt Aerosole-Geschäftsführer Walter Schütz, »mindestens hundert Millionen Mark«.

Eine freiwillige Lösung ist rechtlich allerdings unverbindlich und kann von Bonn nur schwer kontrolliert werden. Die SPD verlangt deshalb ein gesetzliches CFK-Verbot, und auch Birgit Siemen von Greenpeace hält die freiwillige Vereinbarung für »völlig ungenügend«.

Mit ihrer Aktion zur Rettung der Ozonschicht wollen die streitbaren Umweltschützer deshalb den Druck auf die Politiker, sich für gesetzliche Regelungen

einzusetzen, verstärken. Vor allem, so die Greenpeace-Forderung, dürfe ein CFK-Verbot »nicht nur auf Spraydosen beschränkt bleiben«.

Greenpeace appelliert an die Verbraucher, keine CFK-getriebenen Spraydosen zu kaufen, in Schnellrestaurants ausschließlich Teller oder Verpackungen aus Pappe zu verlangen und massenhaft Protestbriefe an die Herstellerfirmen zu schreiben. Gebrauchte Spraydosen sollen an die Produzenten zurückgeschickt werden. Greenpeace: »Das Treibgas läßt sich nämlich recyclen.«

Die Firma Hoechst, zusammen mit Kali-Chemie in Hannover größter CFK-Produzent in der Bundesrepublik, will davon jedoch nichts wissen. Der Frankfurter Chemiekonzern schickt Spraydosen-Müll postwendend an die Absender zurück. Die Möglichkeiten zum Recycling, läßt Hoechst-Prokurist Kollrack die Umweltschützer abblitzen, beschränkten sich »bisher auf das Gebiet der Kältemittel«. Entleerte Spraydosen, rät er, seien besser »der Hausmüllbeseitigung anzuvertrauen«.

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