Zur Ausgabe
Artikel 38 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AMADEUS Nur noch unter »A...«

aus DER SPIEGEL 43/1964

Im Sommer 1954 wurde er geboren in einem »winzigen Redaktionszimmerchen« der »Welt«, wie es in einer Verlagsbroschüre heißt. Als »Hebamme und Taufpatin« fungierte die Journalistin Heilwig von der Mehden. Sein Konterfei zeichnete der (inzwischen verstorbene) Karikaturist Mirko Szewczuk nach dem Profil des »Welt«-Redakteurs Hans-Wilhelm Meidinger. Seinen Namen erhielt er von »Welt«-Chef Hans Zehrer: Amadeus.

Leben und Plastizität aber wurden der Figur vom Juristen Dr. Eckart Hachfeld, 54, eingehaucht. Seine Amadeus-Verse - kesse Weltbetrachtungen kabarettistischen Zuschnitts - erschienen fortan an jedem Wochenende auf der »Welt«-Seite »Das kleine Welttheater": stets links oben; stets in vier Strophen von je vier Zeilen; stets unter der Dachzeile »Amadeus geht durchs Land« - mit der Laterne (von Szewczuk) in der Hand.

Zehn Jahre lang leuchtete Hachfeld in der »Welt« Politikern, Bürgern und Banausen heim. Als er aber jüngst den ersten »Amadeus« für die Illustrierte »Stern« schrieb, ging die Laterne aus:

- Am 30. September erwirkte der »Stern« eine Einstweilige Verfügung, die der »Welt« untersagte, weiterhin den Titel »Amadeus geht durchs Land« und das Pseudonym »Amadeus« zu verwenden.

- Am 5. Oktober erwirkte die »Welt« eine Einstweilige Verfügung, die dem »Stern« und Hachfeld untersagte, das literarische Markenzeichen »Amadeus« zu verwenden.

»Das ist«, erläuterte Hachfeld, »wie wenn man einem Dienstmädchen nach zehn Jahren treuen Diensten den Lohn pfändet und sagt, es habe gestohlen.« Freilich fühlte sich auch die »Welt« -Redaktion unfein behandelt, als Hachfeld in seinem »Stern«-Debüt die Gründe für seinen Stellungswechsel aus dem Hause Axel Springer zur Illustrierten wohlgereimt präsentierte: Frei und frech und liberal will er nicht als lieber Aal

sich auf Wunsch und zartes Drängeln nach der Art des Hauses schlängeln. Denn der Geist, der sinnt und dichtet, fühlt sich ungern ausgerichtet, und er haßt es, Springerkragen oder Axelstück zu tragen.

»Welt«-Mitarbeiter empfanden die Verse als »Fußtritt zum Abschied«, und »Welttheater«-Redakteur Wolfgang Hicks versicherte: »Herr Springer hat nie versucht, Einfluß zu nehmen.«

Der Amadeus-Poet hatte hingegen in den letzten zehn Jahren des öfteren Einflüsse verspürt, die für ihn »von oben« kamen. Als er sich nach der Kennedy-Wahl zusammenreimte, der erste katholische US-Präsident werde wehl zuerst dem Papst einen Besuch abstatten, wurde das Gedicht nicht gedruckt.

Hachfeld war so ergrimmt, daß er im November 1960 - Kündigungs-Reime an Chefredakteur Zehrer verfaßte: »Amadeus nahm devot Kenntnis vom Zensur-Verbot.« Und:

Aus der Welt geht er noch Haus und blast still sein Lämpchen aus, weil man ihm in diesem Blatt zu oft reingepinkelt hat.

Doch der Reimer blieb, und es blieb auch der Ärger. Ende letzten Jahres wechselten »Welttheater«-Redakteure Hicks und Christian Ferber in einem Gedicht, das »de Gaulle einen vor den Koffer« (Hachfeld) geben sollte, den Namen »de Gaulle« gegen »Nikita« aus. Hachfeld sah seinen Text dadurch »völlig sinnentstellend verbogen«, und der Versemacher mußte es sich gefallen lassen, daß der Berliner Kabarettist Wolfgang Neuss ihn öffentlich anpflaumte.

Hachfeld beschwerte sich bei Zehrer, man habe ihn zum »tiefgefrorenen kalten Krieger« gestempelt, und verlangte Richtigstellung. Ferber entschuldigte sich in der ersten Wochenendausgabe des neuen Jahres unter dem Pseudonym »Lisette Mullère": »Nie wieder drei Tage vor Silvester soviel Calvados und Wodka durcheinandertrinken, daß dann bei Hachfeldchen plötzlich Nikita steht statt Charles.«

Im Mai dieses Jahres wurde ein Anti -Seebohm-Gedicht von den Redakteuren umgeschrieben (Hachfeld: »Pflaumenweich"), und ein Pro-Heye-Poem erschien überhaupt nicht. Als dann der zehnte Jahrestag der ersten Amadeus-Publizierung (21. August) vorüberging, ohne daß von der »Welt« ein Zeichen des Gedenkens zum Autor drang, packte Hachfeld seine Sachen und ging - erst in Urlaub, dann zum »Stern«.

Das Antrittsgedicht in der »Stern« -Nummer 41 stand noch unter der Rubrik »Amadeus«, das folgende firmierte (nach der Einstweiligen Verfügung von der »Welt") nur noch unter »A...«. Die »Welt« behalf sich (nach der Einstweiligen Verfügung vom »Stern") mit dem Fremdwort »Impromptu« als Überschrift für die weiterlaufende Reim-Serie im Hachfeld-Stil.

Seit letztem Sonnabend reimen »Welt« -Dichter wieder unter »Amadeus geht durchs Land": Das Landgericht Hamburg hob am vergangenen Mittwoch die Einstweilige Verfügung des »Stern« gegen die »Welt« wieder auf. Das Verbot für »Stern« und Hachfeld, das Pseudonym »Amadeus« zu benutzen, blieb bestehen.

Amadeus-Texter Hachfeld

Lieber liberal...

Amadeus-Symbol der »Welt«

... als ein lieber Aal

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.