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SÜDAFRIKA Nur Rundhütten

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an den schwarzen Bischof Tutu trifft die weiße Regierung. *
aus DER SPIEGEL 43/1984

Die aufgebrachte Masse schrie »Impimpi«, das Xhosa-Wort für Verräter. Harte Fäuste rissen den Mann mit dem Tonbandgerät zu Boden und begannen auf ihn einzuprügeln.

Da stürzte Bischof Tutu von der Tribüne, warf sich über den Bedrohten, einen schwarzen Hilfspolizisten, und schützte ihn mit seinem Körper. Als er annehmen konnte, daß sich die Menge beruhigt hatte, ging Tutu zurück zum Rednerpult - da wurde der verhaßte Spitzel erschlagen.

Der Zwischenfall ereignete sich vor einigen Jahren bei der Beerdigung eines Anhängers der verbotenen südafrikanischen Befreiungsbewegung ANC (African National Congress). Er zeigt besser als selbst der Friedensnobelpreis, den er vorige Woche bekam, die Stellung von Desmond Tutu: Der Bischof (von Lesotho) und Generalsekretär des »South African Council of Churches« (SACC) steht fest auf der Seite der entrechteten Schwarzen gegen den Polizeistaat Südafrika. Aber er lehnt Gewalt als Mittel im Befreiungskampf konsequent ab.

Für das weiße Minderheitsregime ist der schwarze Geistliche dennoch eine Art Staatsfeind. Und daß er den Friedensnobelpreis erhielt, paßt der Regierung in Pretoria gerade jetzt besonders wenig: In den Beziehungen zu den unabhängigen schwarzen Nachbarstaaten war dem Apartheidregime ein überraschender Durchbruch gelungen; innenpolitisch bemüht es sich - etwa durch die Aufnahme von Indern und Farbigen ins Parlament - um kosmetische Veränderungen seines starren Rassisten-Images.

Tutu, 53, erlebte den Rassengegensatz früh, obwohl er als Sohn eines Lehrers

der Methodistenkirche in verhältnismäßig gesicherter Umgebung aufwuchs. Er erinnert sich daran, wie schwarze Mitschüler Essen aus den Mülltonnen holten, in die weiße Kinder es geworfen hatten. Im Lehrerseminar wurde ihm gesagt, daß die schwarzen Studenten nicht in rechteckigen Gebäuden zu leben hätten, sondern in Rundhütten.

Für die Theologie entschied sich Tutu 1953, als ein neues »Bantu-Bildungsgesetz« festlegte, daß Schwarze niemals »über eine bestimmte Form von Arbeiten hinaus« ausgebildet werden dürfen. 1960, als er zum Priester geweiht wurde, brach der erste große Aufstand der südafrikanischen Schwarzen los: Beim Massaker von Sharpeville starben 67 Menschen.

1978 stieg Tutu zum ersten schwarzen SACC-Generalsekretär auf. Dem Rat gehören alle apartheidkritischen Kirchen Südafrikas an, ausgenommen die Kirchen calvinistisch-burischer Richtung, deren farbige Ablegerkirche sich allerdings schon zum SACC bekennen. Durch den SACC wurde der Rassenkonflikt im Kap-Staat auch ein Kampf Staat gegen Kirche.

Der charismatische Tutu predigt und agitiert mit eigenartig schriller Stimme. Er ist als einer der letzten schwarzen Führer noch zu Gesprächen mit den Apartheidpolitikern bereit. Von Regierungsseite droht ihm ständig die Verhaftung unter dem Gesetz für innere Sicherheit, das Festnahmen unter Ausschluß jeglicher Rechtsmittel ermöglicht. Geschützt hat Tutu bislang vor allem seine internationale Anerkennung, die nun mit der Auszeichnung durch den Friedensnobelpreis ihren Höhepunkt erreichte.

Der Bischof wird voraussichtlich zur Verleihungszeremonie im Dezember nach Oslo reisen können: Er besitzt zwar keinen südafrikanischen Paß, aber sein sogenanntes »Dokument für Reisezwecke« gilt noch bis zum Jahresende für alle Länder. _(Am Donnerstag bei Tutus Ankunft. )

Am Donnerstag bei Tutus Ankunft.

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