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ABWASSER Nur zur Nachtzeit

Der größte Teil des gifthaltigen Frankfurter Klärschlamms wurde jahrelang heimlich in den Main gekippt. Die Verantwortlichen gehen straffrei aus. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Dreispaltig pries die Stadt ihr Verantwortungsbewußtsein: Um einen »reineren Main« zu bekommen, habe sich Frankfurt, so hieß es Ende letzten Monats in Zeitungsannoncen, »mächtig angestrengt«.

Das Eigenlob verschweigt, was die städtischen Saubermänner nach Ansicht der Staatsanwaltschaft vor dem Beginn der Werbekampagne betrieben haben: »unbefugte Gewässerverunreinigung« in ganz großem Stil.

Möglicherweise mehr als eine Million Tonnen stinkenden, gifthaltigen Fäkalienbreis sind bis 1981 aus der Frankfurter Kläranlage illegal direkt in den Main geleitet worden. Genauere Zahlen konnten die Frankfurter Staatsanwälte nicht erheben, die jetzt nach vierjähriger Arbeit das Verfahren gegen die städtischen Verantwortlichen einstellten.

Das Ermittlungsergebnis erhellt eine amtliche Praxis, die bundesweit beispiellos ist: Abwasser-Reinigung nur zum Schein. Denn was die ohnehin zu klein bemessene Kläranlage in Frankfurt-Niederrad aus dem Abwasser herausholte, wurde nach den Erkenntnissen der Ankläger zum großen Teil »zur Nachtzeit« und mittels einer »gesondert installierten Rohrleitung« ausgerechnet »in den Main geleitet«, den zu schützen die Anlage gebaut worden war.

Den »Umgehungskanal« (Staatsanwaltschaft) hatte das Entwässerungsamt ohne Kenntnis der Bau- und Umweltbehörden errichtet und betrieben. Amtliche Begründung: Weil die Einleitung von Schlämmen in den Main »gar nicht erlaubnisfähig« ist, sei auch ein Genehmigungsantrag unterblieben.

Das alles, meint Frankfurts oberster Stadtentwässerer, Leitender Baudirektor

Hugo Obländer, sei zwar »nicht bei Nacht und Nebel« geschehen, »aber auch nicht offiziell«. Es habe sich schlicht um ein »unzureichendes Klärwerk« gehandelt.

Die Beschreibung schönt den Sachverhalt. In einem vertraulichen städtischen Vermerk vom Februar 1980 ist festgehalten, daß »eine Gesamtschlammenge von 7205 Kubikmetern« täglich »in den Main geht« - mithin der größte Teil dessen, was im Großraum Frankfurt durch Toiletten und Abflüsse gespült worden war.

Daß die »potemkinsche Kläranlage« (ein Frankfurter Ankläger) sich »nur zur Nachtzeit« des Schlamms entledigte, hatte, so Staatsanwalt Klaus Benner, »einen einfachen Grund": »Nachts schlafen die Leute und riechen nichts.«

Informiert über die Amtspraxis waren Fachleute des Chemiekonzerns Hoechst, der unterhalb des Klärwerks sein Brauchwasser aus dem Main pumpt und dessen Filter gelegentlich mit Fäkalien verklebt waren. Nachdem Hoechst-Techniker darum gebeten hatten ("Sag Bescheid, wenn bei dir was rausläuft"), ließ Klär-Chef Obländer den Chemiewerkern telephonisch über jeden Schlamm-Schub Bescheid geben.

Eingeweiht war auch die Wasser- und Schiffahrtsdirektion Würzburg, die sich ihr Wissen um die Kläranlage, die keine war, mit Frankfurter Steuergeld bezahlen ließ. Deren Bagger hatten in den siebziger Jahren immer mehr »stinkende Substanzen« (Wasser- und Schiffahrtsamt) aus der Fahrrinne des Untermains schaufeln müssen. Nachdem Analysen die Herkunft der Fäkalien nachgewiesen hatten, zahlte der Stadtkämmerer dem Bundesamt für das Baggern eine Schmutzzulage - bis zu 500 000 Mark pro Jahr. Während der zuständige Stadtrat Hans-Erhard Haverkampf (SPD) jetzt bei der Neueröffnung der Kläranlage die Umweltschutz-Recherchen der Staatsanwaltschaft als »unerträglich« anprangerte, hielten sich die Ankläger an dessen Untergebenen Obländer. Der sollte die Verantwortung für das »strafbare Verhalten« übernehmen.

Gleichwohl wurde das Verfahren letzten Monat ohne Verhandlung eingestellt - wegen »geringer Schuld« und gegen Zahlung von 30 000 Mark, die Obländer noch am gleichen Tag »von meinem Privatkonto« überwies. Fachleute im Wiesbadener Justizministerium rügten die Verfahrenseinstellung, sie sehen darin ein Indiz für ungleiche Behandlung.

Denn während die städtischen Großverschmutzer - und in anderen Verfahren auch leitende Angestellte der Hoechst AG - gar nicht erst vor dem Richter erscheinen mußten und nach der Verfahrenseinstellung weiterhin als nicht vorbestraft gelten, werden in Frankfurt jährlich rund ein Dutzend Umweltsünder, überwiegend Ausländer, zu Haft- oder Geldstrafen verurteilt.

Dabei sind diese Taten, die mit aller Härte des Gesetzes geahndet werden, nach den Erfahrungen eines Strafverfolgers »vergleichsweise Petitessen": Meistens geht es um »verbotenen Ölwechsel« oder um »Autowaschen am Main«. _(Bei der Eröffnung der neuen Frankfurter ) _(Kläranlage am 7. Februar. )

Bei der Eröffnung der neuen Frankfurter Kläranlage am 7. Februar.

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