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Subventionen Nutzlos versickert

Fast 300 Millionen Mark steckten die Schweriner Landesregierung, der Bund und die Treuhand in eine Pleite-Fabrik. Nun droht das Ende.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Vor fünf Jahren war der Hamburger Kaufmann Eduard Kynder, 66, noch »voller Euphorie über die Einheit«. Gerade hatte er der Treuhand das VEB Faserplattenwerk im mecklenburg-vorpommerschen Ribnitz-Damgarten abgekauft, das größte Spanplattenwerk der DDR und einer der wichtigsten Arbeitgeber an der Ostseeküste. Der Preis: eine Mark.

Mitarbeitern, die den Fremden bei seinem ersten Besuch fragten, was er im Werk zu suchen habe, antwortete er forsch: »Ich bin der neue Besitzer.« Wenig später benannte er den Betrieb, in dem zu DDR-Zeiten über 2200 Mitarbeiter beschäftigt waren, in Bestwood E. F. Kynder GmbH um.

Heute ist das Werk ruiniert. 276 Millionen Mark an Subventionen von Bund, Land und Treuhand hat die Firma bislang verschlungen - und dennoch droht den verbliebenen 484 Arbeitern die Kündigung.

Der Absturz von Bestwood ist ein Musterbeispiel für Unfähigkeit, Schlamperei und politische Fehlplanung. Seit der Übernahme hat der Betrieb nicht eine Mark verdient. Wirtschaftsfachleute wie Klaus-Michael Rothe, Chef der Schweriner Handelskammer, warnen vor »einem sich zur Finanzkatastrophe auswachsenden Subventionsskandal«.

Mittlerweile kümmern sich Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung sowie der Landesrechnungshof um das »teuerste Abenteuer der Wirtschaftspolitik unseres Landes« (Rothe).

Mit dem Ankauf einer Altanlage und überhöhten Rechnungen, so der Vorwurf der Fahnder, hätten sich Kynder und sein Mitgesellschafter, die niedersächsische Maschinenbaufirma Bison-Werke, 35 Millionen Mark an Steuergeldern erschlichen, mit verdeckten Gewinnausschüttungen weitere 20 Millionen.

Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe. Die Anlage sei einmalig und neu gewesen, behaupten die Maschinenbauer. Kynder hält eine Täuschung durch seinen Partner für möglich und hat Strafanzeige gestellt.

Unter Druck gerät auch die Schweriner Landesregierung. Als im Februar vergangenen Jahres der Konkurs der maroden Firma kaum noch abzuwenden war, traten Kynder und die Bison-Werke 75,1 Prozent ihrer Anteile kostenlos an eine Tochtergesellschaft der Norddeutschen Landesbank ab. Als Sicherheit bekamen die Banker eine Landesbürgschaft von 25 Millionen Mark.

Dabei hatte die damalige CDU/ FDP-Landesregierung bereits im Dezember 1993 über den Rechnungshof von den Zuständen in der Holzfabrik erfahren. Doch die Politiker verzichteten auf Konsequenzen und genehmigten neue Subventionen.

Später schaltete sich der Schweriner Rechnungshof erneut ein und machte Landtag und Regierung auf Unsauberkeiten in Bestwood-Abrechnungen aufmerksam. Rechnungshofpräsident Uwe Tanneberg warnte die Politiker: »Die Fortführung des Unternehmens ist mit betriebswirtschaftlichem Erfolg nach aller Voraussicht nicht möglich. Sein Überleben hängt von der regelmäßigen Zuführung von Liquidität ab.«

Die Regierung entschied sich trotz allem, weitere Millionen in den nicht lebensfähigen Betrieb zu pumpen. Unter der Regie eines vom Kabinett bestimmten Aufsichtsrates schnellten die Verluste von zwei Millionen Mark auf zeitweise über drei Millionen im Monat hoch. Vergangenen November stand das Werk erneut vor dem Konkurs.

»Fünf Jahre Arbeit und 400 000 Mark pro Arbeitsplatz haben keinerlei Sicherheit geschaffen«, urteilt der Hamburger Anwalt Berthold Brinkmann, der das Unternehmen seit dem 4. Dezember als Sequester führt.

Die regierenden Parteien scheuen sich aus Angst um Wählerstimmen gleichwohl, das Millionen-Grab an der Ostsee dichtzumachen. Der Bestwood-Ruin wäre für die abgelegene Region eine Katastrophe.

Neben der Pleite-Fabrik gibt es in der 17 500-Einwohner-Stadt Ribnitz-Damgarten nur kleine Händler und Dienstleistungsbetriebe. Etliche Arbeiter sind zu DDR-Zeiten extra für das Spanplattenwerk aus Thüringen und Sachsen in den Norden gezogen. »Unvorstellbar für die, wenn Bestwood platt gemacht würde«, sagt die sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Sigrid Keler, »wo sollen die Menschen denn hin?«

Derzeit versucht die Schweriner Regierung erneut, Bestwood loszuwerden. Und wieder könnten dabei Steuermillionen nutzlos versickern.

Die bayerische Atex-Schlingmann-Gruppe, ein Holzverarbeitungs-Unternehmen mit rund 280 Millionen Mark Umsatz, zeigt Interesse an dem Werk. Vorher soll allerdings das Land zahlen. 74 Millionen Mark müßte Schwerin für Entschuldung, Ausgleich von Anfangsverlusten und Investitionszulagen ausgeben. Für jede weitere Investition - 145 Millionen Mark sind geplant - wird das Land bürgen müssen.

Ein Gutachten zu den neuen Plänen liegt der Seite-Regierung bereits auf dem Tisch, erstellt von Experten der Norddeutschen Landesbank. Weil niemand die Preisentwicklung auf dem Markt für Faserplatten kenne, sei eher abzuraten: »Eine Übernahme durch Atex ist mit sehr hohen Risiken belastet.«

Von seinem Schweizer Wohnsitz aus erregt sich Kynder derweil über die Entwicklung. Der Osten Deutschlands sei eine »Spielwiese für Dilettanten«. Sich selbst zählt er nicht dazu. Y

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