Zur Ausgabe
Artikel 2 / 83

»O Gott, was macht der denn da?«

aus DER SPIEGEL 14/1979

SPIEGEL: Herr Kempowski, der Lehrer Böckelmann, Figur Ihres neuesten Buches*, ist ein schrulliger, einfältiger, reichlich trübsinniger Kauz, liebenswert gleichwohl wegen kindlicher Beschränktheit und hintersinnigen Humors. Er ähnelt zahlreichen seiner literarischen Kollegen. Sind Lehrer nun einmal so, bis auf den heutigen Tag?

KEMPOWSKI: Wie Böckelmann sein, auch wenn er's möchte, das kann sich ein Lehrer heutzutage kaum noch leisten. Unser Herr Böckelmann ist da eher der Anti-Lehrer, ein Fossil. Heute tragen Lehrer normalerweise Blue jeans, progressives Äußeres, Spitz- oder Vollbart.

SPIEGEL: Böckelmann hat auch einen Bart.

KEMPOWSKI: Ja, aber nur einen kleinen. Nein, Böckelmann gibt es nicht mehr. Was soll ein Lehrer heute alles sein, du lieber Himmel. Er soll Menschenfreund sein, soll gut aussehen, sich sicher bewegen, gut sprechen können, und jung muß er sein und bleiben. Ich mach' manchmal bewußt auf alten Opa, das mögen die Kinder.

* Walter Kempowski: »Unser Herr Böckelmann. Albrecht Knaus Verlag, Hamburg; 96 Seiten; 24 Mark.

Manchmal sag' ich dann: »Schreibt mal alle was auf, Opa muß jetzt seine Ruhe habenY

SPIEGEL: Wie kommt es, daß Lehrer in der Literatur, von Goethe bis Graß, fast durchweg als Diktatoren, Pauker und Steißtrommler oder, ebensohäufig, als Trottel dargestellt werden -- als Lehrer, wie Hermann Hesse schrieb, die »wir entweder fürchteten und haßten, denen wir auswichen und die wir belogen oder die wir belächelten oder verachteten«?

KEMPOWSKI: Vielleicht werden Menschen leicht fürchterlich oder lächerlich, wenn sie, vor aller Augen, eingezwängt sind zwischen eigenem Vermögen und dem Anspruch, den andere fortwährend an sie stellen. Der Lehrer hat ja auch seine Probleme mit seinem Ehrgeiz, mit seiner Eitelkeit und natürlich auch mit seinem Unvermögen.

SPIEGEL: Bleibt der Lehrer häufig ein Kindskopf, weil er fast immer von Kindern umgeben, mit ihnen beschäftigt ist? Ihnen muß er sich verständlich machen, entsprechend artikulieren, ihnen muß er sich also anpassen.

KEMPOWSKI: Sich mit Kindern zu beschäftigen, mit ihnen zusammen zu sein ist ein Vorteil, den gerade der Lehrer genießt. Kinder sind schließlich keine Akten; von denen gibt es in der Schule allerdings auch immer mehr. Aber der Lehrer muß sich selbstverständlich davor hüten, auf Grund naturgegebener Überlegenheit zum Despoten im Klassenzimmer zu werden oder dadurch Schaden an seiner Persönlichkeit zu nehmen, weil er vielleicht angehimmelt oder auch nur, notgedrungen, als der Besserwisser respektiert wird. Wenn der Lehrer seine Kinder nicht mehr lieben kann, aus innerer Not oder aus den Zwängen der Bürokratie, dann ist alles verloren, nicht nur was die Bildung angeht, sondern auch, was unsere Zukunft betrifft.

SPIEGEL: War es mit Liebe zu den Kindern in der Schule je weiter? Bert Brecht erlebte das Gegenteil: »Groß tritt dem jungen Menschen in (ler Schule in unvergeßlichen Gestaltungen der Unmensch gegenüber«, schrieb er; der Schüler bekomme »Gelegenheit, vier bis sechs Stunden am Tag Roheit, Bosheit und Ungerechtigkeit zu studieren«.

KEMPOWSKI: Wer weiß, in welche Schule der arme Bert Brecht gegangen ist. Sicher ist, daß es den Lehrer, der mit dem Knüppel in die Klasse kommt, »Rohheit, Bosheit und Ungerechtigkeit« verbreitet, heute nicht mehr gibt, nicht mehr geben kann. Der Lehrer wird ständig kontrolliert, von allen Seiten beäugt, oft genug mißtrauisch. Heute sind es oft die Lehrer, die eingeschüchtert werden. An vielen Schulen herrscht ein Klima der Angst.

SPIEGEL: Jammern gehört offenbar zum Handwerk.

KEMPOWSKI: Sie mögen sich mokieren, aber es ist nun einmal so: Alles, was der Lehrer tut, ist einklagbar. Wenn er auch nur einen Tadel aussprechen will, so kostet das Dutzende von Arbeitsstunden. Und kommt es dann wirklich zum Tadel, ist der auch noch anfechtbar. Die Bildungsreform und die vielen Schulexperimente haben den Lehrern eine Unmenge unsinniger Lasten aufgebürdet und auch den Schülern mehr geschadet als genützt. Ein großer Teil unserer Energien ergießt sich nun in Listen, Karteien, Konferenzen und in Absicherungen. Je größer die Schulen, desto schlimmer ist es, desto größer das Übermaß an Bürokratie.

SPIEGEL: Zurück zur Zwergschule?

KEMPOWSKI: Zur kleinen Schule, ja, etwa zur alten Landschule, die es nur noch in ganz wenigen Exemplaren gibt. Da konnte der Lehrer noch ausgeruht und gelassen in den Unterricht kommen, mit Frohsinn und Heiterkeit den Kindern gegenübertreten und menschlich, weil großzügig, handeln. ich bin überzeugt, früher war Schule humaner.

SPIEGEL: Der Lehrer anno dazumal war ausgeruhter, jedenfalls mit Bürokratie weniger belastet und weniger gegängelt als der Lehrer heute, aber ob er auch gelassen, heiter war, das steht doch wohl dahin. Oft war er geradezu brutal.

KEMPOWSKI; Verallgemeinern macht immer unscharf, das ist klar. Aber ich würde doch behaupten wollen. daß der Lehrer früher mehr Muße hatte und daß sich das wohltuend auf das Kind auswirkte. Er konnte mehr auf den einzelnen eingehen, er konnte dem Schüler mehr von seinem Persönlichsten mitgeben.

SPIEGEL: Sie wohnen zwischen Hamburg und Bremen, ganz weit draußen, und sind an einer kleinen Schule. Sind Sie. noch heiter und gelassen, wenn Sie morgens in die Klasse kommen?

KEMPOWSKI: Mir macht das sehr viel Spaß. In meiner Schule sind nur 450 Kinder, in meiner Klasse nur 25. Ich bin Grundschullehrer und habe ein erstes Schuljahr; das ist ungewöhnlich für einen Mann. Auch das Verhältnis zu den Kollegen ist gut. Bei uns gibt es nicht die beinahe schon komische Konkurrenz, die an vielen Schulen herrscht. Niemand durchstöbert etwa die Fächer des Kollegen in Sorge, der könnte vorgeprescht sein.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit? KEMPOWSKI: Es wird in vielen Kollegien abgesprochen, wie schnell der Stoff durchgenommen werden soll, in welcher Zeit beispielsweise im ersten Schuljahr wieviel Buchstaben einzuführen sind. Was meinen Sic., was da manchmal los ist, wenn der eine schon beim 25., der andere aber erst heim 18. ist. Das ist natürlich irrsinnig. Aber der Leistungsdruck sitzt vielen Lehrern im Nacken.

SPIEGEL: Lehrer sind, par excellence, Exekutivorgane der Leistungsgesellschaft; die wiederum wird von jungen Leuten mehr und mehr vorabscheut. Ergibt sich aus dieser Spannung quasi wie von selbst ein latenter, zeitweilig auch virulenter Dauerkonflikt zwischen Lehrern und Schülern?

KEMPOWSKI: Sicher ist es so, obgleich der Leistungsdruck durch die Reformen ursprünglich ja hatte verringert werden sollen, Lehrer und Schüler sollten doch davon befreit werden. Da sitzt wirklich der Teufel drin .

SPIEGEL: ... in der Bildungsreform? KEMPOWSKI: Ja, in der Schulreform und den vielen Experimenten, da kommt ja keiner mehr zur Ruhe. Schule ist heute oft schlimmer als bei Kaiser Wilhelm. Vor allem die Hauptschule ist schlimm dran, und keiner kümmert sich darum. Die armen Kollegen, die da unterrichten. Also, wer die kritisiert, der müßte selbst einmal in eine Hauptschule gehen; da ist er ausgeliefert. Aber es sind weniger die Schüler, die den Betrieb erschweren und manchmal schon unerträglich machen, obwohl über Aufsässigkeit, ja Frechheit. Mangel an Konzentration und Krakeel in den Klassen oft geklagt wird, und sicher nicht unbegründet. Es ist die Institution Schule, die Institutionalisierung von Pädagogik, die den größten Schaden anrichtet.

SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel parat?

KEMPOWSKI: Ich habe es gewagt, nach eigenem Gusto zu unterrichten: ohne Fibel! Das war früher durchaus üblich. Heute ruft das schon die Schulbehörde auf den Plan. »O Gott, was macht der denn da?«

SPIEGEL: Wenn man Sie so reden hört, könnte man meinen, mit dem bequemen Halbtagsjob sei es nicht mehr weit her, Überwiegen Streß und Ärger nun schon die vielen Vorteile des Lehrerberufs: günstige Arbeitszeit, viel Ferien, unkündbare Anstellung, abgesicherter Lebensabend?

KEMPOWSKI: Was Zeit und Geld angeht, so geht es den westdeutschen Lehrern wohl immer noch besser als allen anderen in der Welt. Aber das Gerede vom Halbtagsjob stimmt schon lange nicht mehr. Die Anforderungen sind gewachsen, die Umstände sind unerfreulicher geworden. Es gibt natürlich auch jetzt noch träge Lehrer, darauf wollen Sie doch hinaus?

SPIEGEL: Wir wollen auf die faulen Lehrer hinaus.

KEMPOWSKL Aber welcher Lehrer ist eigentlich faul und welcher fleißig? Ist der faul, der sich nach Tisch aufs Ohr haut? Vielleicht braucht er ja sein Nickerchen, um am nächsten Tag ausgeruht und gelassen guten Unterricht machen zu können. Oder ist schon fleißig, wer hektische Geschäftigkeit um sich verbreitet? Ich kenne einen Kollegen, sage ich Ihnen, der hat sich eine elektrische Eisenbahn angeschafft, um sich abzulenken; der kann sonst nachts nicht schlafen.

SPIEGEL: Ist aber Schule nicht immer noch der beste Arbeitsplatz für Faulenzer? Immerhin gehen Lehrer mittags meistens nach Hause, und da findet Leistungskontrolle nun einmal nicht statt.

KEMPOWSKI: Indirekt doch. Denn wer die schriftlichen Arbeiten zu lange unkorrigiert liegen läßt, und es ist ja genau vorgeschrieben, wie viele in welcher Zeit geschrieben werden müssen, oder zu oft unvorbereitet in die Klasse schneit, fällt bestimmt auf, beim Schulleiter, bei den Kollegen, bei den Eltern. Und etwas Wichtiges kommt ja noch hinzu: Nehmen wir einmal an, Sie hätten das Bedürfnis, zum Pastor zu gehen, weil Sie Schmerzen an Ihrer Seele haben. Wie möchten Sie den lieber sehen daß er am Schreibtisch sitzt und Konfirmandenscheine stempelt oder daß er im Garten sitzt und gerade Kaffee trinkt. Ich möchte irgendwann zu einem Menschen kommen, der Zeit hat, sogar mehr Zeit, als ihm die Gesellschaft vielleicht zubilligt. Ich wollte, der Lehrer säße noch auf dem Pausenhof, in der Sonne, und äße da sein Frühstücksbrot.

SPIEGEL: Und montags bekäme er, wie Herr Böckelmann, Bonschen von seinen Schülern.

KEMPOWSKI: Ich will Ihnen was sagen, so unsympathisch finde ich den gar nicht. Also, wenn ich denn unbedingt faulenzen wollte, dann wurde ich heute nicht mehr Lehrer, sondern Beamter, vielleicht im Finanzamt.

SPIEGEL: Dann müßten Sie acht Stunden an Ihrem Arbeitsplatz sitzen.

KEMPOWSKI: Büroschlaf inklusive, und jeden Freitag um eins ist Schluß und sonnabends ganz frei.

SPIEGEL: Was halten Sie von dem Feldgeschrei des GEW-Vorsitzenden Frister, der Arbeitszeitverkürzungen mit Kampfmaßnahmen durchsetzen will? Bei den Schülern macht er sich damit sicherlich beliebt; bei Lehrern auch?

KEMPOWSKI: Was heißt Feldgeschrei? Frister hat Forderungen wiederholt, die schon vor Jahren gestellt worden sind. Die neue Initiative halte ich für verständlich, ich billige sie auch. Sinnvoller wäre es allerdings, wenn sich die GEW dafür stark machte, die zahllosen nachmittäglichen Konferenzen auf das Stundensoll anzurechnen. Gegen Kampfmaßnahmen bin ich jedoch in jedem Fall. Das hat für mich was mit Gewalt zu tun. Wenn ich Streik höre, denke ich immer an Krieg. Ich glaube aber, daß sich durch Gespräche und Toleranz noch einiges erreichen läßt.

SPIEGEL: Herr Kempowski, Sie schreiben ein Buch nach dem anderen, haben einen mehrteiligen Fernsehfilm gemacht, sitzen an einer Schulfibel, halten Vorträge, sind viel unterwegs. Wie schaffen Sie das alles -- nebenbei?

KEMPOWSKI: Ich bin eben sehr fleißig, ich bin flink, wie man so schön sagt. Hinzu kommt, daß ich nur vierzehn Stunden in der Woche unterrichte; ich bin Halbzeit-Lehrer.

SPIEGEL: Würden Sie das alles auch schaffen, wenn Sie nicht Lehrer, sondern, sagen wir, Rechtsanwalt oder Architekt wären -- oder etwa Oberregierungsrat in der Finanzhehörde?

KEMPOWSKI: Was wäre wenn? Ich bin nicht Landschullehrer geworden, um möglichst viel Ferien zu machen. Ich habe diesen Beruf gewählt, weil die Beschäftigung mit jungen Menschen in der Schule und das Bücherschreiben zu Hause für mich eine Einheit sind. Für mich ist es im Grunde dasselbe, ob ich jetzt Bücher schreibe, also Erwachsenen was erzähle, oder ob ich Kindern ein Märchen erzähle oder ihnen eine Sache klarmache, sagen wir die Wasserpumpe.

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 83
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.