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ENGLAND O Herr

Das Land trocknet langsam aus, für Volk und Wirtschaft wird das Wasser knapp.
aus DER SPIEGEL 36/1976

Die Geistlichen der Kathedrale im südwestenglischen Exeter besannen sich auf einen Vers aus dem 17. Jahrhundert. Sie ließen die Gemeinde beten: »0 Herr, wir flehen dich an, versorge uns zumindest mit dem notwendigsten Regen, damit wir die Früchte der Erde ernten können.«

Auf der anderen Seite des Kanals gab Frankreichs kommunistische »Humanité« zu: »Gegen den Himmel kann man sich nicht wehren.«

Während die Westdeutschen sich zumindest vorübergehend kühlerer Lüfte erfreuten, mußte sich Britanniens Premier James Callaghan über Hitze, Wetter-Berichte und Wasser-Werke informieren, beriet Frankreichs Regierung in Sondersitzungen, wie den Bauern zu helfen ist, die Dürreschäden von mehr als drei Milliarden Mark erwarten.

Das England, wie es Agatha Christie und Edgar Wallace sahen Nebel, Schauer, Kälte, Verbrecher in Trenchcoats mit hochgeschlagenem Kragen, Detektive nie ohne Regenschirm -, schien 1976 wie eine schriftstellerische Fata Morgana.

Denn England »kocht« ("Daily Mirror ), »ist ausgetrocknet« ("Sunday Times"), war vorige Woche verdorrt wie nie zuvor in den letzten fünf Jahrhunderten. Sogar die Quelle der Themse versiegte.

Araber, die in diesen Monaten zu Tausenden aus der Wüste in die Briten-Metropole ziehen, um der heimatlichen Hitze zu entfliehen, wandeln in ihren traditionellen. nachthemdähnlichen Gewändern so selbstverständlich durch das tropische London, als wären sie daheim bei Ölquelle und Kamel, wegen ihrer luftigen Hemden von dunkelgekleideten, zugeknöpften Gentlemen beneidet, die sich in der City zuweilen auch jetzt nicht von ihren Regenschirmen trennen mochten -- man wußte ja nie. Eine Buchmacherfirma bot Wetten zum Kurs 10:1 für die Nennung des ersten Tages an, an dem in London mindestens 0,1 Millimeter Regen gemessen werden.

Der Wassermangel, prophezeite Planungsminister John Silkin, werde nicht durch einen Tag, eine Woche oder einen Monat Regen ausgeglichen: »Weit in den Winter hinein müssen wir selbst dann noch rationieren.« Im Gegensatz zu Frankreich, das noch nicht um die Wasserversorgung von Volk und Industrie bangt, sondern darüber diskutiert, wer für die Hitze-Hilfe der Landwirtschaft aufkommen soll -- der Staat oder die Steuerzahler durch Sonderabgaben -, wurde Englands marode Wirtschaft durch die Dürre schwer geschlagen.

In zwei Wochen, erklärte der britische Industriellen-Verband CBI, müßten Betriebe wegen des Wassermangels die Drei-Tage-Woche einführen -- böse Erinnerung an die Zeit, da Premierminister Heath und die Gewerkschaften das Land durch ihren Machtkampf auf die Drei-Tage-Woche gesetzt hatten.

In Wales erhielten mehr als eine Million Bürger nur noch sieben Stunden Wasser täglich, ausgenommen von die-

* Test der Regierungsplakate »Der Privatgebrauch von Gartenschläuchen und Rasensprengern ist bis auf weiteres verboten: Rette jeden Tropfen --

ser Einschränkung waren weder Friseure noch Brauer noch Wäschereien. Schon fragten sich die Waliser Nationalisten, wieso Wales eigentlich sein gutes Wasser nach Osten abführe -- auch dieses Briten-Trauma, der staatliche Zerfall, gedeiht dank der Dürre.

Falls die Wettervorhersagen der Meteorologen zutreffen, wonach in den nächsten Wochen ausreichend Regen kaum zu erwarten ist, können sich allenfalls die zu Dutzenden aus den USA eindrängenden Eiscreme-Ketten freuen. Die Wasser-Reserven Londons etwa reichen bei normalem Verbrauch noch rund drei Monate, in anderen Landesteilen reichen die Vorräte nach Schätzungen bis zu 180 Tage. Bei weiteren regenlosen Monaten jedoch erscheinen der »Sunday Times« die »Aussichten erschreckend«.

»British Rail«, die staatliche Eisenbahn. von Benutzern bislang schon nicht als sonderlich sauber empfunden, verzichtete bereits auf die regelmäßige Wäsche der Waggons. Gereinigt wurden nur noch Wagen. »von denen der Dreck in Scheiben abfällt«, so ein Bahn-Bediensteter in Birmingham.

Tankfahrzeuge transportierten Abwässer zu Löscheinsätzen und zum Bewässern von Fußball-Plätzen. Die »Times« druckte den Brief eines Inders ab, der die heimatliche Erfahrung mitteilte: »Ein Eimer Wasser reicht zum Baden.«

Sechs Zentimeter Wasser in der Wanne erachten die Behörden in Wales für angemessen. Das Bad zu zweit ist nicht länger verpönt, sondern amtlich erwünscht. In den Kantinen einiger Fabriken servierte man das Essen auf Papptellern, damit der Abwasch gespart wurde.

Vor zwei Jahren erst hatten sich die Briten entschlossen, ihre Wasserversorgung nicht mehr unter der Verwaltung 1500 verschiedener Gemeinden und Verwaltungen zu belassen. sondern zu zentralisieren.

Staudämme und Reservoirs sollten neu angelegt, die Strukturen des Wassernetzes verbessert werden. Doch die Pläne mußten mehrmals überarbeitet werden, weil der erwartete Bevölkerungszuwachs und der Industriebedarf hinter den Prognosen zurückblieb. Umweltschützer wehrten sich gegen die Neubauten, Abgeordnete forderten Streichungen der öffentlichen Ausgaben -- bis die Sonne kam.

So bauten, beteten und bohrten die Briten und hofften darauf, daß die beiden Sowjet-Kosmonauten des Raumschiffes Sojus 21 vor ihrer Landung die rechte Weltanschauung hatten: Die beiden prophezeiten Regen für Europa.

Sonst aber bleibt den hitzegeplagten Inselbewohnern nur ein -- schwacher -- Trost: In dem mit England verfeindeten Island regnet es zwar seit mehr als sechs Wochen -- doch die Schäden der Überschwemmung stehen denen der Dürre in England nicht nach.

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