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USA O Jesus

Zwei Wochen nach dem Abschuß zweier libyscher MiGs scheint es, als hätten die US-Piloten den Kampf provoziert. An der offiziellen Washingtoner Darstellung werden Zweifel laut.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Für US-Verteidigungsminister Frank Carlucci war die Sachlage klar: Libysche MiGs hätten sich, so der Pentagon-Boss am 4. Januar vor der Presse, zwei amerikanischen F-14-Jagdflugzeugen »in feindlicher Absicht« genähert. Der Abschuß der Gaddafi-Flieger sei mithin ein Akt der »Selbstverteidigung« gewesen.

Schon eine Woche nach dem Luftkampf über dem östlichen Mittelmeer aber hegen nicht nur die meisten Mitglieder des Uno-Sicherheitsrats Zweifel an dieser Darstellung (Washington, London und Paris verhinderten mit ihrem Veto eine Verurteilung), sondern auch US-Militärexperten. Wie schon nach dem Abschuß eines zivilen iranischen Airbus durch den US-Raketenkreuzer »Vincennes« im Sommer 1988 rückten Pentagon und Weißes Haus den Vorfall in möglichst günstiges Licht - auf Kosten der Wahrheit, wie Kritiker meinen.

So hatte Carlucci bei seiner Pressekonferenz am Morgen nach dem Abschuß der beiden MiG-23 behauptet, die zwei US-Marinepiloten hätten »fünf verschiedene Ausweichmanöver unternommen«, um die hartnäckigen libyschen Jäger abzuschütteln. Diese Darstellung, widerspricht Admiral a. D. Eugene Carroll vom Center for Defense Information in Washington, sei »absolut falsch«.

Carroll, 1975 bis 1977 Befehlshaber einer US-Trägergruppe im Mittelmeer, behauptet, die angeblichen »Ausweichmanöver« der Navy-Piloten seien ein »ganz normaler Versuch« gewesen, »sich in eine günstige Position« für einen Luftkampf zu bringen. Zwar bekräftigte Pentagon-Sprecher Dan Howard, als vorige Woche Zweifel an der offiziellen Darstellung laut geworden waren, die Piloten hätten die für Patrouillen über dem Mittelmeer geltenden Regeln »rigoros eingehalten«.

Doch der Pentagon-Korrespondent der »Washington Post« war sich nicht so sicher: Die Auswertung des auf Tonband aufgezeichneten Funkverkehrs zwischen den F-14-Besatzungen und Admiral David Morris, dem Kommandeur an Bord des Flugzeugträgers »John F. Kennedy«, zeige, daß keine Erlaubnis zum Feuern gegeben worden sei.

Im Gegenteil - es sei der Befehl »weapons hold« ergangen - »Feuerbereitschaft«, also kein »Feuer frei«. Noch bevor der Pilot der Führungsmaschine den Kommandierenden um einen Schießbefehl ersuchen konnte, habe der hinter ihm sitzende Radaroffizier eine »Sparrow«-Rakete abgefeuert. Mitgeschnittener Kommentar des Piloten auf den schnellen Schuß: »O Jesus.«

Admiral Carroll zufolge hat die Besatzung trotzdem noch innerhalb ihrer Richtlinien gehandelt: Die vier Düsenjäger seien so schnell aufeinander zugerast, daß ein Feuerbefehl nicht eingeholt werden mußte. Die Piloten, sagt der Admiral, hätten dazu gar keine Zeit mehr gehabt. So sah es auch Ronald Reagan. Auf die Zweifel an der offiziellen Version angesprochen, verteidigte der Präsident die beiden US-Piloten: Ihr Handeln sei »gerechtfertigt« gewesen.

Ob die US-Flugzeuge, wie Reagan angab, »sich gegen einen Angriff verteidigten«, bleibt fraglich. Denn die beiden F-14-Piloten schwenkten bereits auf die MiGs ein, als die noch 130 Kilometer entfernt waren. Das, so folgerten Kritiker, lege nahe, daß sie den Kampf gesucht hätten. »Die sinnvollste Entscheidung wäre gewesen, zu diesem Zeitpunkt nicht auf die MiGs zuzudrehen«, sagt Carroll. »Dem amerikanischen Volk zu sagen, man habe eine Konfrontation vermeiden wollen, entspricht nicht ganz den Tatsachen.«

Noch bedenklicher: Das für einen Angriff mit Raketen unverzichtbare Zielradar der libyschen Jets war offenbar nicht eingeschaltet. Die elektronische Abwehr der F-14 löst unüberhörbaren Alarm aus, wenn sie gegnerische Radarsuchstrahlen auffängt. Das Warnsignal war aber nicht zu hören.

Selbst unbedroht, so scheint es, schossen die Amerikaner mit der dritten Sparrow-Rakete eine Gaddafi-MiG ab. Die zweite, rücklings von einer US-Sidewinder-Rakete vom Himmel geholt, war entgegen Pentagon-Beteuerungen erst recht keine Gefahr mehr. Erfahrene Piloten vermuten, die MiG habe »Richtung Heimat abhauen wollen«.

F-14 beim Raketenabschuß: »Günstige Position«

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