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»Oa Baaz und oa Doag«

Der Kabarettist Bruno Jonas über die idealen Voraussetzungen eines Bayern, außerhalb Bayerns nicht als solcher wahrgenommen zu werden
aus DER SPIEGEL 5/2002

Seitdem unser Landesvater sich zum Kandidaten hat ausrufen lassen, können wir Bayern nicht mehr ruhig schlafen. Über Nacht sind wir in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Endlich nimmt man uns als schicksalentscheidende Region wahr. Wir freuen uns ganz narrisch, dass einer der Unsrigen jetzt Kanzler werden könnte.

Es herrscht Jubel allüberall, über Stoibers Raffinesse, der Preußin Merkel die Kandidatur entrissen zu haben. Der erste Schritt ist getan, nun muss der zweite folgen. Dabei ist die größte Sorge, der Edi könnte im Norden als Bayer abgelehnt werden. Was wir nicht kapieren, weil sich der Bayer bundesweit doch großer Beliebtheit erfreut. Vielleicht auch deshalb, weil er für ziemlich blöd gehalten wird.

Der Zoo im Süden mit diesem haferlbeschuhten, goaßlschnalzenden, immer brünftig-griabigen, jodelnden, wuid umananda bieslnden Naturvolk ist halt auch gar zu schön. Und der urige Südstamm ist überhaupt nicht traurig darüber, denn das Image vom Jodelbayern lässt sich prima vermarkten. Außerdem hat man immense Vorteile, wenn man für blöder gehalten wird, als man tatsächlich ist.

Blöd ist unser Edi schon mal gar nicht, schließlich ist er bei FJS in die Lehre gegangen. Der hat dem Edmund das Knowhow beigebracht, das man braucht, um einen Staat zu regieren. Leider hat der Edmund nicht mehr allzu viel von ihm.

Nur manchmal glänzt er noch mit Weisheiten der Strauß-Schule. Wenn er etwa der frisch inthronisierten Verbraucherschutzministerin Künast vorhält, sie betreibe eine Landwirtschaftspolitik »mit einer Art Reichsnährstandsideologie«. Das klingt pfundig und bringt fetten Applaus am Stammtisch. Oder als er Innenminister war. Da verteidigte er das rabiate Vorgehen der Polizei beim Weltwirtschaftsgipfel in München und seinen Regierungschef Streibl, der gemeint hatte, man müsse diese »bayerische Art«, auch einmal kräftiger hinzulangen, verstehen.

Mei, oft geht's halt nur mit G'walt. Lang ist es her, als der Edi Angst um die Reinheit des deutschen Volkskörpers äußerte und Angst schürte vor einer »durchmischten und durchrassten« Gesellschaft. Ja mei, manchmal redet man halt auch, was man denkt, gell! Bei seinem Lehrmeister Strauß hätte sich der Edi dafür ein Sonderlob abholen können. Doch heute macht er solche Sprüche nicht einmal mehr für die rechte Fankurve in Bayern, geschweige denn im Norden. Da muss der Bayer ja moderat rüberkommen.

Franz Josef ist auch schon mal als Kanzlerkandidat angetreten, aber gescheitert. Viele Bayern konnten das nicht verstehen. Heute wissen wir, woran es lag: an seinem Aussehen. Er verkörperte zu sehr die Idealform eines Bayern.

Da schaut's beim Stoiber besser aus. Es gibt ein eindrucksvolles Bild, auf dem der Edmund im Bayern-Outfit abgelichtet ist: Als Ehrenleutnant der Gebirgsschützen schreitet er eine Ehrenformation dieser Ehrfurcht erregenden Truppe ab und hinterlässt einen seltsam fremden Eindruck. Beim Betrachten des Bildes wird man das Gefühl nicht los, dass er nicht ist, was er vorgibt zu sein. Auf den ersten Blick denkt man, einen Bayern vor sich zu haben. Bei genauerem Hinsehen wird man den Verdacht aber nicht los, es könnte ein verkleideter Preuße sein.

Für gebürtige Bayern sieht Stoiber einfach nicht wie ein echter Bayer aus. Rein optisch ist er für uns überhaupt kein Bayer. Er schaut aus wie ein Preiß. Stoiber ist meilenweit vom vollendeten bayerischen Körper entfernt. Kein »Stiergnack« schmückt die hintere Halspartie, nichts Rundes, Barockes putzt ihn; eher kantig, weißblond, schlaksig, asketisch erscheint uns der Kandidat. Man fragt sich, wie der Stoiber mit diesem Aussehen in Bayern Ministerpräsident werden konnte. Ein Rätsel. Ein Versehen?

Tatsache ist, dass die Bayern den Edi »gescheit hergewählt« ham. Aber warum? Achtet der Wähler in Bayern weniger auf die Optik und doch mehr auf den Inhalt? Unwahrscheinlich. Könnte aber auch sein, dass es dem Bayern wurscht ist, was der Stoiber spricht, solange er in der richtigen Partei ist. Und in Bayern ist nun mal die richtige Partei die CSU, und das ist die Partei, in der unser Stoiber der Oberste ist. Bayern und die CSU, des is »oa Baaz und oa Doag«. Wer das nicht versteht, sollte schleunigst anfangen, Bayerisch zu lernen, denn es könnte gut sein, dass nach der Bundestagswahl zwar nicht mehr Bayerisch gesprochen, aber erheblich mehr verstanden werden muss.

Allen zum Trost, die sich damit schwer tun: In Wirklichkeit kommt es nicht darauf an, zu verstehen, was der Bayer sagt, oft reicht es, wenn man es hört. Es kommt nie darauf an, was der Bayer sagt, es zählt nur, was er nicht sagt. In Bayern wissen wir das. Das Reden in längeren Sätzen beherrscht der Nord-Stoiber Schröder um vieles besser. Er ist die redende Einschränkung, sagen nicht nur die Bayern.

Schröder selbst hat sich neuerdings als Bayer geoutet. Öha! Am Ende will auch er für dümmer gehalten werden, als er ist. Beneidet er vielleicht den Stoiber um die Bayernklischees, mit denen man den Edi versieht?

Im Ernst. Gelacht wird bei uns sehr viel, nach wie vor auch über die Preußen und über Schröder im Besonderen, wenn er mit ruhiger Hand die Hände in die Hosentaschen steckt und mitteilt, dass seine Mutti putzen gehen musste.

Über Stoibers Mutti wissen wir noch fast nichts, das muss im Wahlkampf geklärt werden. Bisher wissen wir nur, dass sie in der Familie die »kühle Blonde aus dem Rheinland« hieß, somit eindeutig als Preußin identifiziert ist. Damit wird der Edi im Norden punkten. Die Familie wird im Wahlkampf den Ausschlag geben. Stoiber ist schon Großvater aus eigenem Samen, Schröder dagegen ließ bisher andere für sich arbeiten. Der mündige Wähler wird dies alles in seine Entscheidung mit einbeziehen.

Auf die Politik wird im Wahlkampf wohl nicht so viel Wert gelegt werden. Stoiber wird sich womöglich Schröders Niveau anpassen müssen und auf Inhalte komplett verzichten. Inhalt stört. Das war ja schon beim letzten Mal die Strategie des noch amtierenden Kanzlers: Der Kommunikator kommuniziert am liebsten die Kommunikation. Er konferiert, leitet über und ruft die Themen auf, wobei das Hauptthema die Person Schröder selbst sein wird.

Ob der Schröder weiß, dass wir ihn uns im Süden schon eher als echten Bayern vorstellen können als umgekehrt die Wähler im Norden den Stoiber als Bundeskanzler? Wahrscheinlich nicht. Aber Schröders gedrungenes Äußeres bietet alle Voraussetzungen zum Vollbayern. Manchmal erinnert er uns vom Erscheinungsbild her entfernt an FJS.

Zwei Themen werden den Wahlkampf dominieren: Schröder und Stoiber. Die Aktivierung der Vorurteile über den jeweils anderen könnte die Wahl entscheiden.

Auf geht's, Buam, pack ma's!

Bruno Jonas
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