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Ob jemand die Wahrheit spricht

aus DER SPIEGEL 45/1947

Oberzahlmeister Hellbusch war sich der Bedeutung der Stunde bewußt. Der Vorsitzende im Berliner Schwärzel-Prozeß fragte ihn, ob er Dr. Karl Gördeler festgenommen habe, weil er sich dazu verpflichtet fühlte. »Ich fühlte mich nicht nur verpflichtet, ich war es auch, nachdem die schwerwiegende Behauptung vom Aufenthalt eines wegen Hochverrats verfolgten Mannes in unserer Mitte einmal aufgestellt war. Das muß ganz klargestellt werden.« Der Mann im braunen Trainingsanzug betont das.

Mittelgroß und schlank, mit einem hageren Gesicht und etwas hervortretenden, hektisch glänzenden Augen geht er zur Zeugenvernehmung im Revisionsprozeß gegen die Frau, die von Hitler eine Million bekam, als sie in Konradswalde Gördeler entdeckt hatte. An ihn gefesselt Oberzahlmeister Schadwinkel, untersetzt, blond, leise und unsicher. Hellbusch, der gewesene Volksschullehrer, fühlt sich nicht nur als Zeuge und halber Angeklagter, sondern auch als Sachverständiger. »Ich als Erzieher muß es wissen, ob jemand die Wahrheit spricht, oder nicht«, sagt er, als er über die Glaubwürdigkeit der Aussagen Helene Schwärzels befragt wird. Es wurde klar, daß der schwingend gestikulierende Mann unangenehme Konsequenzen von Gördelers Denunziation auf sich zu nehmen und nicht auf unbedeutende Nebenfiguren abzuwälzen beabsichtigte.

Dazu war das kleine Persönchen in der Anklagebank herabgesunken. Jedesmal warf Helene Schwärzel die Nase schräg in die Luft und schaute zur Saaldecke empor, wenn sie unvorbereitet eine Frage gestellt bekam. »Um Gottes willen, Sie können den Mann doch nicht laufen lassen, Sie werden ja sehen, was Ihnen sonst blüht«, hatte sie in Konradswalde gesagt.

Mit unheimlicher Deutlichkeit zaubert sie mit einigen Gesten die ostpreußische Wirtsstube in den Gerichtssaal: »Hier saß ich mit Kolleginnen, da drüben rechts an einem anderen Tisch die beiden Zahlmeister, und hier links auf dem Sofa saß Dr. Gördeler, hielt den Kopf in die Hand gestützt und sah mich durch die vorgehaltenen Finger an.« Die Schwärzel kannte Gördeler von früher und schrieb einen Zettel an die beiden Zahlmeister. »Hätte ich schon um diese Zeit gewußt, daß es wirklich Dr. Gördeler war, so hätte ich bereits im Gastzimmer meine Maßnahmen ergriffen«, sagt Hellbusch. Er läßt gar nicht mit sich darüber diskutieren, ob es richtig war, daß er dem ihm Fremden mit dem Rad nachfuhr und die Verhaftung vornahm, oder nicht.

Der Generalstaatsanwalt machte eine Verbeugung vor Rechtsanwalt Dr. Ronge, der sich wie ein großer Bruder vor die Denunziantin seines Freundes Gördeler gestellt hatte, und beantragte acht Jahre Zuchthaus. Antrag Ronge: Freispruch. Urteil im ersten Prozeß: 15 Jahre, Urteil im Revisionsprozeß: sechs Jahre.

»Ich als Lehrer...« Zahlmeister Hellbusch spricht große Worte

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