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Zeitschriften Obenhin und obenauf

Eine deutschsprachige Version des US-Magazins »Playboy« startete letzte Woche der Bauer-Konzern. Lizenzgeber Hugh M. Hefner sicherte sich bestimmenden Einfluß: Er entsandte einen Aufpasser.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Der Kontrakt wurde um Mitternacht geschlossen, im »Atlantic«-Hotel zu Hamburg -- auf einem Bierdeckel. Kontrahenten: Manager Dr. Manfred Hintze, 37, vom Illustrierten-Konzern Heinrich Bauer ("Neue Revue«. »Quick") und »Jasmin« Journalist Heinz Losecaat van Nouhuys (sprich: Nauheus). 42.

Bei Kaffee und Kognak war ein buntbedrucktes Magazin, das Millionen Männer in aller Welt allmonatlich beschäftigt, Thema eins: das amerikanische Herrenjournal »Playboy«. für das Hintze in Amerika eine Option erworben hatte. Der deutsche »Playboy« (Devise: »Alles, was Männern Spaß macht") erscheint seit letzter Woche; Blattmacher: van Nouhuys; Startort: München: Startauflage: 300 000. Der Einzelpreis beträgt, wie schon für das bislang in Deutschland (mit knapp 40 000 Auflage) verkaufte US-Original, fünf Mark.

Mithin sind als »Playboy«-Leser künftig auch solche dabei, denen außer der üppigen Augenweide des »Farbkerns« (Fachwort), mit ausgezogenen Modellen und ausklappbaren »Playmates«, bislang das vordere und hintere Heft-Drittel sprachlich verschlossen blieb. Dieser Heft-Rahmen aber ~- mit einer weitgefächerten Themenvielfalt aus Kunst und Modern Living, Politik und Party Jokes -- machte den »Play. boy« (Umfang: jeweils über 200 Seiten) erst zu dem, was er ist.

Seite an Seite mit gelackten Nackten, nice«,aber leblos, erschließen sich den »Playboy«-Fans dort so prominente Autoren wie Tennessee Williams, Jean-Paul Sartre, Alberto Moravia, Henry Miller und James Baldwin. Exklusiv für »Playboy« schrieb einst Ernest Hemingway »Stories«, erteilt noch heute öl-Nabob Paul Getty Lektionen in »business & finance« (laut Impressum).

In breiten Interviews druckte »Playboy« Zeit- und Gesellschaftskritik zu Abrüstungsfragen, Rassenproblemen und amerikanischer »Politik am Rande des Abgrunds« (mit dem britischen Historiker Arnold Toynbee) zu Hitler, seinen Nazis und seinem Krieg (mit Hitlers einstigem Rüstungsminister Albert Speer) . »Playboy«-Beiträge gegen den Vietnam-Krieg nahm der US-Kongreß zu seinen Akten, dem »Congressional Record«.

Träufelt so ätzende Lektüre auch nur wenige Male im Jahr in die Spalten des Monatsmagazins« so ist sie doch kennzeichnend für das redaktionelle Konzept des »Playboy«-Erfinders und -Herausgebers Hugh Marston Hefner, 46 -- und bezeichnend für seinen Erfolg.

»Wenn Mädchen-Photos der einzige Grund dafür wären. daß man unser Magazin kauft«, sagt der Verleger deutsch-schwedischer Abstammung, »wurde es sich nicht gut verkaufen.« Es war das Lebensgefühl einer in Spät- und Nachkriegszeit erwachsen gewordenen Generation, das sich im »Playboy« vom Blattstart 1953 weg (Hefner begann mit geliehenen 600 Dollar) meist obenhin und immer obenauf artikulierte.

Befriedigt wurden antipuritanischer Jungmänner-Reflex und der Hang zu einer gewissen intellektuellen Härte, die beide vom bis dahin führenden US-Herrenblatt »Esquire« vernachlässigt wurden. Unterhaltsame, zuweilen brutale Versachlichung der Bedürfnisse von »brains and balls« (Hirn und Hoden) -- das war die neue Art, die Hugh Hefner zu bieten hatte. Und Nouhuys bietet mit: »Auf Leserinnen legen wir keinen Wert.«

Mädchen als Spielzeug, Kritik als Spaß, Politik als Match sind Normen, die heutzutage Women"s Lib und jungen Linken wenig oder nichts mehr bedeuten. Doch die Zwanzigjährigen von damals blieben als vierzigjährige Familienväter Hefner und seiner Fellow-Philosophie ("Entertainment for men") treu. Und unter Aufsteigern wie Bohemiens der jüngeren Generation hielt der Zuwachs weltweit an -- bis auf nunmehr 6,9 Millionen Käufer,

Die Begehrlichkeit, an Hefners Dollarschwemme in Mark und Pfennig teilzuhaben, trieb immer wieder mal -- und immer wieder vergeblich -- deutsche Verleger in das »Playboy«-Hauptquartier nach Chicago. Dort tüftelte in einer luxuriösen Zimmerflucht, die er selten verließ, der »Playboy«-Chef, der sich mit Strömen von Pepsi-Cola die Zähne verdarb, lieber an profitträchtigen Plänen für »Playboy«-Klubs, »Playboy« -- Hotels, »Playboy«-TV -- statt seine Zeit auf dem engen deutschsprachigen Pressemarkt zu vergeuden.

Das änderte sich erst, als im Sommer 1970 der Bauer-Manager Hintze mit einem Stapel Marktforschungs-Berichten bei »Playboy«-Geschäftsführer Robert 5. Preuss in Chicago vorsprach. Die Reaktionen in der deutschen Zielgruppe von 20- bis 40jährigen, bessersituierten männlichen Städtern -- Bekanntheitsgrad des »Playboy": 77 Prozent -- stimmten Hintze für eine Lizenzausgabe optimistisch: »250 000 verkaufte Exemplare sind drin.«

Hefners Manager honorierten die Bauer-Ziffern, Hintze bekam seine Option. Doch der »Playboy«-Blattmacher selbst (Hintze. »der größte Perfektionist im Zeitschriftengeschäft, dem ich begegnet bin") überwand sein Unbehagen an dem fremdsprachigen -- seiner journalistischen Kontrolle mithin entrückten -- Projekt wenn überhaupt, dann erst später.

Zum November letzten Jahres jedenfalls komponierte er mit dem inzwischen angeheuerten Heinz van Nouhuys den Auswahlband »Das Beste aus Playboy« (Auflage: 150 000; sieben Mark) als deutsches Testobjekt. Der gebürtige Holländer: »Da habe ich rasch begriffen, wie Hefner tickt.«

In einem letzten März paraphierten 30-Seiten-Kontrakt (Lizenzpreis für Bauer: 20 Prozent des Anzeigen-Nettoerlöses) behielt sich der Amerikaner allerdings bestimmenden Einfluß auf die deutsche 20-Mann-Redaktion vor. Selbst mitreden will Hefner lediglich über »Titelbild und nackte, wohlgemerkt nur nackte Mädchen« (Chefredakteur Raimond Je Viseur). Doch als Garanten dafür, »daß nichts gegen die Playboy-Guide-Lines verstößt« (Je Viseur), attachierte er Nouhuys den US-Journalisten Franz Spelman, als Autor einer »Life«-Reportage einst Erfinder des »Fräulein-Wunders«.

Mit deutschen Fräuleins fand denn auch Nouhuys auf Anhieb Anklang in Amerika. Ein hautnaher Bildbeitrag zum Münchner Olympia-Start -- Titel: »Die schönen Mädchen von München«. Produktionskosten: 26 000 Mark -- wurde in Chicago auch für die amerikanische Parallel-Ausgabe im August akquiriert.

Den Anforderungen des Milieus zeigt sich Lebemann van Nouhuys (Spitzname: »Graf") demnach gewachsen. Der Wahl-Münchner, verheiratet mit einer Familienangehörigen der italienischen Auto-Dynastie Farina, speist Salat am liebsten »mit leicht gesalzenem Kaviar angemacht«. In seiner Münchner Villa in der Harthauser Straße bevorzugt er Louis-quinze-Möbel, bei Zuschneider Cardin in Paris hat er eine Modellpuppe mit seinen Maßen stehen.

Künftig sieht sich Nouhuys jedoch auch anderen »Playboy«-Ansprüchen konfrontiert. Etwa 60 Prozent des Hefner- Produkts sollen durch redaktionellen Stoffwechsel deutscher Mentalität angepaßt werden.

Daß der Germanisierung die angelsächsischen Sophismen der spezifischen »Playboy«-Sprache zum Opfer fallen werden, meint Nouhuys verwinden zu können: »Wir arbeiten seit einem Jahr am redaktionellen Stil.« Zur Premiere nehmen »Playboy«-Debütanten wie Heinrich Heine und Esther Vilar an der Stilübung teil.

Ob deutschem Wesen etwa auch »Playboy«-Lektüre über Vietnam-Verbrechen zuträglich sei, darüber scheint Nouhuys noch im Zweifel: »Das ist sicher ein Grenzfall. Das würde ich wohl nicht gleich bei der Einführung bringen.«

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