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Briefe

Oberstes Gebot
aus DER SPIEGEL 43/1976

Oberstes Gebot

(Nr. 41/1976, SPIEGEL-Titel »Der [zu knappe] Sieg; Nr. 42/1976, SPIEGEL-Titel »Riß in der Union')

Mit Betrübnis mußte ich feststellen, daß (gemessen an dem CDU/CSU-Wahlslogan) 42,6 Prozent der Wähler unseres Landes den Sozialismus wollen, 7,9 Prozent der Wähler diesem Vorhaben Vorschub leisten, in dem sie die FDP wählten. Unter diesen Umständen wäre den Herren Strauß und Dregger doch nur dringendst zu raten, zu emigrieren.

Telgte (Nrdrh.-Westf.) WOLFGANG KOCHMANN

Die gehässige und haßvolle Kampagne, die Sie in Ihrem Magazin gegen den Vorsitzenden der CSU, Herrn Strauß, betrieben, hat sich nicht ausgezahlt. Die Bevölkerung in Bayern hat auch auf diesen SPIEGEL-Exzeß entsprechend reagiert und der CSU und ihrem Vorsitzenden in kaum zu überbietender Weise ihre Stimme und damit ihr Vertrauen gegeben und ausgesprochen.

Münster DR. JUR. KARL BIGALKE

Nach dem Votum der Bayern fordern wir: Laßt dieses Volk endlich frei!

Henstedt (Schleswig-Holst.)

MONIKA UND DIERK BÜNNING

Das Geschäft mit der Angst bleibt oberstes Gebot der Christenführer. Panikmache zahlt sich aus, wie das Wahlergebnis zeigt. Wo das Gefühl dominiert, ist eben kein Platz mehr für den Verstand.

Luxemburg RENÉ WAGNER

Das hätte dir so gepaßt, Franz Josef, erst das Parlament belügen und es dann beherrschen wollen. Aber wir sind sicher (und deshalb getröstet), daß solch ein machtversessener, psychopathischer Angstprophet auch 1980 wieder voll mitproletet, um als Knall- und Querkopf der CDU/CSU erneut zur Bauchlandung zu verhelfen!

Neckarsulm DR. WILHELM LIPFERT

Facharzt für Neurologie und Psychiatrie

Auch die Eskalation der Angriffe gegen Herrn Strauß hat ganz offensichtlich diesem keineswegs geschadet, sondern im Gegenteil seine Stellung gestärkt, was für die Zukunft der Bundesrepublik zu begrüßen ist.

Bonn WILHELM OTT

Dipl.-Kaufmann

Jetzt ist von Kohl und seiner Partei in Bonn sicherlich nur Obstruktion zu erwarten. Selbstverständlich alles aus Liebe zu Deutschland!

Bad Pyrmont KURT GERHARD

Kohls These vom Wahlsieger könnte man mit sportlichen Wettkämpfen vergleichen: Ich habe noch nie gehört, daß bei einer Olympiade ein Langstreckenläufer zum Sieger erklärt wurde, weil die Differenz zum Wiederholungssieger ein paar Sekunden geringer geworden ist als vier Jahre zuvor.

Landau (Rhld.-Pf.) HARTMUT GRISCHY

Herr Kohl erinnert beim fast schon manischen Aufsagen seines »Ich will aber auch an den gar nicht liebenswerten Großwesir Isnogud aus der gleichnamigen Comic-Serie, dessen fanatischer Lebensstil es ist, Kalif von Bagdad zu werden, was er durch schier endloses Wiederholen des Satzes dokumentiert.,, Ich will Kalif sein anstelle des Kalifen!« Übrigens scheitern alle seine diesbezüglichen Versuche kläglich -- und recht geschieht ihm.

Nieblum (Schlesw.-Holst.> NAMINE WITTWAY

Nur 5 (fünf) Abgeordnete verhindern in der Bundesrepublik die »Freiheit«! Mein Gott. »um Liebe zu Deutschland« wird doch wohl irgend jemand ein paar Tausender übrig haben -- oder?

Remscheid CHRISTIAN STEPHAN

Das geltende Verhältniswahlrecht mit nur vorgetäuschter Persönlichkeitswahl hat sich erneut disqualifiziert; es schafft keine Mehrheiten bei einer polarisierten Gesellschaft; in Saarbrücken keine Mehrheit, in Niedersachsen eine tolerierte Minderheitsregierung, in Schleswig-Holstein nahezu ein Patt und jetzt in Bonn kein klares Mandat, das heißt eine Regierung, die nichts als verwalten kann. Aus diesem Grunde habe ich auf dem SPD-Bundesparteitag 1968 und noch lange danach für mein mehrheitsbildendes Wahlsystem mit Dreierwahlkreisen geworben. Dieses Mehrheitswahlsystem hätte bei vorher vereinbarter Koalition und damit dem Koalitionspartner zugestandenen FDP-Mandaten in den für die SPD sicheren 2:1-Wahlkreisen eine handlungsfähige Regierung mit 265 für SPD/FDP gegen 230 für CDU mit CSU gebracht. Mit Ortega y Gasset:

Das Heil der Demokratien, von welchem Typus und Rang sie immer seien, hängt von einer geringfügigen technischen Einzelheit ab: dem Wahlrecht. Alles andere ist sekundär

Wann hat die SPD endlich die Courage, die im Prager Exil 1933 in bitterer Erkenntnis für notwendig erachtete Wahlrechtsänderung in die Wirklichkeit umzusetzen. Für unsere Demokratie wäre es ein Meilenstein!

PROF. DR. ERNST WRAGE Wahlrechtsexperte der SPD

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