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Odysseus in den Akten

aus DER SPIEGEL 50/1993

Die Lebensbeichte des Horst Schuster füllt zwei Aktenordner und sollte nach dem Willen von Bundesregierung und Bundesnachrichtendienst (BND) niemals publik werden. Doch jetzt konnten die Mitglieder des Schalck-Ausschusses in den Akten lesen.

Die Lektüre der Protokolle, die der Überläufer von 1983 an den Pullacher Geheimen diktierte, zerstört das Märchen vom braven Kaufmann Alexander Schalck-Golodkowski, den CDU/CSU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble noch immer als »verläßlichen Partner« bezeichnet.

So wußten bundesdeutsche Behörden seit 1983 von Schuster, daß *___Schalcks Imperium insgesamt 204 Stasi-Spitzeln in Ost ____und West als Tarnung diente; *___über die KoKo-Firmen ein schwunghafter Schmuggel von ____West-Waffen und anderen Embargogütern für die DDR lief, ____an dem insgesamt 38 Firmen auf beiden Seiten der Grenze ____beteiligt waren; *___Schalck-Firmen wie die Kunst & Antiquitäten GmbH (KuA) ____oder »Interport« nicht nur der »Finanzierung der ____operativen Arbeit« des MfS dienten, sondern auch ____Spionage-Aufgaben für die HVA von Markus Wolf und den ____Militärischen Nachrichtendienst der DDR übernahmen.

Der Überläufer Schuster war eine Top-Quelle, darin waren sich MfS und BND einig. 1963 von der HVA angeworben, ließ er sich auch mit dem US-Geheimdienst CIA ein (Deckname »Pfaff"), brachte es unter Schalck bis zum KuA-Direktor, packte schließlich 1983 beim BND unter dem Decknamen »Odysseus« aus.

So erfuhren die Pullacher am 12. April 1983, daß der militärische Geheimdienst der DDR gerade dabei war, über Schalcks KoKo-Imperium und einen österreichischen Geschäftspartner zwei bundesdeutsche Panzer vom Typ Leopard 2 zu besorgen: einen für den eigenen Bedarf und einen für den großen Bruder in Moskau.

Von Schuster erfuhren die Bundesdeutschen auch, wie scharf die DDR-Spione darauf waren, ein Muster des Gewehrs G 11 von Heckler & Koch in die Finger zu kriegen. Tatsächlich konnte Schalck 1985 mehrere Produkte der schwäbischen Waffenschmiede besorgen.

An KoKos Schmuggel mit Embargogütern beteiligten sich - so verriet »Odysseus« - Firmen aus allen westlichen Industrienationen: Zwei Computer-Konzerne aus den USA, berichtete Schuster, belieferten die Schalck-Leute mit geheimen Elektronik-Unterlagen; die Anlage zur Mikroverfilmung im Archiv der HVA stammte von einem Konzern aus Frankfurt; andere bundesdeutsche Unternehmen schickten direkt oder auf dem Umweg über Österreich und Nordkorea High-Tech-Computer, die auf der Cocom-Verbotsliste standen.

»Odysseus« nannte auch die Schmuggelwege, etwa über die DDR-eigene Spedition Deutrans. Die meisten Güter wurden als »Aktentaschen- oder Kofferraumgeschäfte« über Drittländer in die DDR geschafft. Bei Großgeräten mietete die Schalck-Firma Intertechna schon mal ein Charterflugzeug, das von Italien über Österreich und die CSSR zum Zielort Dresden kurvte.

Ganz unauffällig lief lange Zeit offenbar auch ein West-Ost-Transfer für speziellen Geheimdienstbedarf: Schuster erzählte, ein MfS-Mann sei regelmäßig in West-Berliner Baumärkte geschickt worden.

Sein Auftrag: Er mußte kleine Ketten kaufen, an denen die Stöpsel von Waschbecken hängen - die Mielke-Truppe brauchte die Westware, um damit ihre Dienstausweise an der Kleidung zu befestigen.

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