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SCHRIFTSTELLER / JOYCE Odysseus in Dublin

aus DER SPIEGEL 45/1961

An einem Sommerabend des Jahres 1902 bummelte ein hagerer und schlaksiger junger Mann, eine Schiffermütze auf dem Asketenschädel, in schäbiger Kleidung und schmutzigen Tennisschuhen durch die Straßen der Stadt Dublin. Der 20jährige Verseschreiber klopfte schließlich - es war bereits nach Mitternacht - mit seinem Spazierstock aus Eschenholz an die Haustür des irischen Dichters George Russell und bat um eine Unterredung: James Joyce hatte sich entschlossen, Russell mitzuteilen, daß den Iren möglicherweise ein neuer Gott im Fleische erstehe - offenbar Joyce selbst.

Russell, der sich unter den Initialen »A. E.« im Irland der Jahrhundertwende einiges Schriftsteller-Renommee erworben hatte, war anderer Meinung als sein nächtlicher Besucher. Nachdem er sich mehrere Stunden lang die Theorien, die Kritik und die Verse des selbstbewußten Jünglings angehört hatte, formulierte er sein Urteil: »Sie haben nicht genug Chaos in sich, eine Welt zu erschaffen.«

Der Lyriker, Dramatiker und spätere Literatur-Nobelpreisträger William Butler Yeats, den der ehrgeizige Dichter-Aspirant bald danach auf der Straße ansprach und in ein Streitgespräch verwickelte, urteilte weit abfälliger: »Noch nie habe ich so viel Anmaßung getroffen und so wenig, das sie gerechtfertigt hätte.« Joyce hatte dem Dichter erklärt: »Sie sind zu alt, als daß ich noch einen Einfluß auf Sie ausüben könnte.«

Zwanzig Jahre später, im Februar 1922, wies Joyce ein Buch vor, das die Skepsis seiner Kollegen Yeats und Russell widerlegte und das intellektuelle Leserpublikum, die Kritiker und Schriftsteller über Jahrzehnte hinweg zu enthusiastischen Lobpreisungen oder zu heftiger Kritik, zu Vergleichen mit Goethe, Rabelais und Dostojewski und zu endlosen Diskussionen trieb.

Der internationale Ruhm galt einem Experiment, das die herkömmliche Erzählung mit ihren Ausnahmesituationen, ungewöhnlichen Konflikten und spannungsgeladenen Handlungen verwarf und statt dessen ein Bild der Alltagswirklichkeit zu geben versuchte: Das Buch »Ulysses« - auf griechisch »Odysseus« - beschreibt nicht mehr als die zumeist recht banalen Ereignisse eines einzigen Tages, des 16. Juni 1904, aus der Sicht des Dubliner Durchschnittsbürgers Leopold Bloom. Wie sein literarisches Vorbild Odysseus befindet sich auch Bloom auf einer Irrfahrt, die sich allerdings nicht ganz so dramatisch gibt wie die des homerischen Helden: Bloom wandert durch das Labyrinth der modernen Großstadt.

Der englische Lyriker und Nobelpreisträger Thomas Stearns Eliot ("Mord im Dom") äußerte, Joyce habe mit seinem »Ulysses« das 19. Jahrhundert umgebracht; der österreichische Schriftsteller Hermann Broch ("Die Schlafwandler") bezeichnete das Buch als ein Protokoll vom »Welt-Alltag der Epoche«; in einem Radio-Essay über James Joyce lobte der Slang-Romancier Arno Schmidt das Epos als »das erste umfassende Handbuch für Städtebewohner; die erste komplette Darstellung des Vollblut-Pflastertreters«.

Leopold Blooms Odyssee durch Dublin ebenso wie die Odyssee ihres Autors James Joyce durch die Städte Europas sind seither dankbare Themen für Literaturwissenschaftler, Biographen und Essayisten gewesen und haben eine beträchtliche Anzahl mehr oder weniger gründlicher Untersuchungen ausgelöst. Zwei dieser Monographien sind im vergangenen Jahr auch in deutscher Sprache erschienen: die Studie »Das Rätsel Ulysses« von Stuart Gilbert und das Erinnerungsbuch »Meines Bruders Hüter« von Stanislaus Joyce, dem jüngeren Bruder des »Ulysses«-Verfassers*.

Bereits drei Jahre zuvor hatte der Hamburger Claassen Verlag die Joyce-Biographie des Amerikaners Herbert Gorman herausgegeben, die noch zu Lebzeiten von Joyce und mit seiner Unterstützung verfaßt worden war; eine weitere und weitaus umfassendere Lebensbeschreibung des amerikanischen Literaturforschers Richard Ellmann bringt, zwei Jahre nach der Originalausgabe, in diesem Herbst der Züricher Rhein-Verlag auf den deutschen Büchermarkt**.

Die im Herbst erscheinende, gründliche Joyce-Biographie von Ellmann korrigiert auf drastische Weise das pietätvolle Bild, das der vorangegangene Biograph Gorman in seinem Buch von Joyce gezeichnet hat. Ellmann ist der Meinung, daß sein Kollege Gorman allzusehr unter dem Einfluß seines Forschungsobjekts gestanden und, Joyces Absicht entsprechend, das »Stachelschwein unter den Dichtern« zu ehrfurchtsvoll dargestellt habe. Ellmann: »Ohne es Gorman ausdrücklich zu sagen, machte (Joyce) klar, daß er als Heiliger mit einem ungewöhnlich lang hingezogenen Martyrium behandelt zu werden wünschte.«

Biograph Ellmann, vor solcherlei Anfechtungen bewahrt, bemüht sich in seinem voluminösen Buch, Gormans Retuschen zu entfernen. Ellmann: »In den Augen der Welt begann er als ungezogener Junge und endete als alter Sonderling.«

Ellmann weist nach, in welchem Ausmaß Joyce auch die geringfügigsten Episoden und Begegnungen seines Lebens, seine Freund- und Feindschaften und seinen unausgesetzten Haß gegen das Dublin und Irland seiner Jugend - hinter dem freilich oft genug die leidenschaftliche Zuneigung eines Besessenen deutlich wurde - in Literatur umzusetzen verstand. »Joyce«, kommentiert der Biograph, »sparte sich seine endgültige Rache für den 'Ulysses' auf, wo er ebenso peinlich genau und unerbittlich wie Dante Strafen verhängte.«

Die lebenslängliche Odyssee von James Augustine Joyce - er wurde am 2. Februar 1882 in Rathmines, einem Dubliner Vorort, geboren - begann schon in seiner frühen Kindheit, als Vater John Stanislaus, »unter Irlands hartgesottenen Sündern der begabtesten einer« (Ellmann), mit seiner Familie von Wohnung zu Wohnung zog, anfangs, um Raum für die anwachsende Kinderschar zu schaffen, später, um seinen Gläubigern zu entkommen.

Nachdem Mutter Mary Jane ("May") zwölf Kinder in die Welt gesetzt und John Joyce seinen gesamten Grundbesitz verpfändet hatte, war die Familie verarmt. John häufte fortan Schulden, die noch anstiegen, als er im Alter von zweiundvierzig Jahren seine einträgliche Stelle als Steuereinzieher verlor und von einer kleinen Rente leben mußte.

Offensichtlich hat John Joyce eine beachtliche Zahl von Charakterzügen auf seinen Sohn James - »Sunny Jim« - vererbt, der auch als einziger in der Familie die Launen und Exzesse des Vaters akzeptierte. Ellmann beschreibt den Vater Joyce als einen zugleich sentimentalen und ironischen Schwätzer, Alkoholiker und Verschwender mit Hang zum Gesang und zur Politik, der die Schuld an seinem Unglück gern eingebildeten Feinden zuschrieb und sich überall herumzankte.

In seinen Memoiren »Meines Bruders Hüter« gibt Stanislaus Joyce eine noch krassere Beschreibung von der Wesensart seines Vaters. So berichtet er, daß John Joyce eines Tages betrunken nach Hause gekommen und auf seine Frau losgestürzt sei, die sich von einer Geburt erholte. »Bei Gott, jetzt oder nie wird ein Ende gemacht«, habe er gebrüllt und sie an der Kehle gepackt. Mutter May entkam dem tobenden Ehemann und flüchtete zu einem Nachbarn.

Ähnlich rüde gab sich der Vater auch, als seine Frau im Sterben lag. Er kam, so erzählt Stanislaus, berauscht wie üblich nach Hause, trat in ihr Zimmer und tobte: »Ich bin fertig. Ich kann nicht mehr tun. Wenn du nicht gesund werden kannst, dann stirb doch. Stirb und fahr zur Hölle.«

In dieser Zeit - Mary Joyce starb 1903 - hatte James bereits seine Ausbildung auf der Jesuitenschule Clongowes Wood, dem Jesuitischen Belvedere College und dem Dubliner University College abgeschlossen, seine Abkehr vom Katholizismus vollzogen und literarische Versuche angestellt.

Er schrieb Verse und Zeitungsartikel, übersetzte die Dramen »Vor Sonnenaufgang« und »Michael Kramer« von Gerhart Hauptmann und Gedichte von Verlaine ins Englische und begeisterte sich vor allem an den Stücken des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen. Unter dessen Einfluß verfaßte er innerhalb weniger Tage schließlich ein eigenes Schauspiel mit dem Titel »Eine glänzende Karriere«, das er sich mit den Worten dedizierte: »Meiner eigenen Seele widme ich dieses erste echte Werk meines Lebens.« Ellmann: »Es ist das einzige Werk, das er jemandem widmete.«

Der englische Ibsen-Übersetzer William Archer, dem der jugendliche Poet das Stück zur Kritik sandte, war aber nicht sehr beeindruckt; Joyce zog die Konsequenzen und vernichtete das Opus, ohne freilich die gute Meinung, die er von sich und seinem Dichter-Talent hatte, aufzugeben. Er schickte sich - wenigstens vorläufig - in die Rolle des unverstandenen Genies, spielte den literarischen Außenseiter, war unzugänglich und arrogant und attackierte, seines streitsüchtigen Vaters durchaus würdig, die Religion, den Nationalismus und die irischen Dichter, die zu jener Zeit mit einer Art mystischer Blut-und-Boden-Literatur den keltischen Geist Irlands zu erneuern versuchten.

Irland war schon damals ein bevorzugtes Objekt seines Hasses. Er bezeichnete es als das »am meisten zurückgebliebene Land Europas«, als »eine alte Sau, die ihre Ferkel frißt«, und bereitete sich auf eine erste Emigration vor: Nachdem er am Dubliner University College den akademischen Grad eines Bachelor of Arts erworben hatte, wollte er in Paris Medizin studieren.

Anfang Dezember 1902 reiste er über London nach Frankreich. Diese erste freiwillige Emigration währte allerdings nicht sehr lange; bereits wenige Wochen später kehrte James Joyce wieder nach Dublin zurück, um im Familienkreis ausgedehnte Weihnachtsferien zu verleben.

Ein zweiter Aufenthalt in Paris, der »Lampe für Liebende, in den Wald der Welt gehängt«, war nicht ganz so kurz. Joyce ging für eine Weile in Vorlesungen, gab aber den Besuch wieder auf, weil er die Kolleggelder nicht bezahlen konnte. Er schrieb einige Buchbesprechungen für englische Zeitungen, gab privaten Sprachunterricht, schmarotzte bei Freunden und Schülern und hungerte sich durch.

Eine Nachricht aus Dublin machte auch diesen freiwilligen Exil-Monaten ein jähes Ende. John Joyce telegraphierte an seinen Sohn: »Mutter liegt Sterben komme Hause Vater«, und James, wie gewöhnlich völlig mittellos, begab sich gegen Mitternacht zu einem seiner Schüler, weckte ihn auf und borgte sich von ihm das Reisegeld. Tags darauf machte er sich auf die Heimfahrt.

Faulenzend, streitsüchtig und von seinem Freund Oliver Gogarty, einem Oxforder Medizinstudenten - dem groben Zyniker Buck Mulligan des »Ulysses« -, zu immensem Alkoholkonsum verführt, wartete er auf den Tod seiner krebskranken Mutter. Mit zerknitterter, sackiger Kleidung und ungewaschen spazierte er durch Dublin, brach bei den geringsten Anlässen in ein wildes Gelächter aus und spielte den Pariser Bohemien. Als er einmal gefragt wurde, gegen was er die stärkste Abneigung hege, erklärte er: »Wasser und Seife.«

Seinen Bruder Stanislaus, der ihm Vorwürfe wegen seines wilden Lebens machte, verhöhnte er: »Du hast Angst zu leben, du und alle, die so sind wie du, die ganze Stadt leidet an halbseitiger Willenslähmung. Ich fürchte mich nicht zu leben.« Des »Bruders Hüter« Stanislaus fragte: »Also willst du kein Schriftsteller werden?« James: »Mir ist es völlig gleich, ob ich jemals noch eine Zeile schreibe. Ich will leben. Man sollte mich auf Staatskosten erhalten, weil ich fähig bin, das Leben zu genießen.«

Trotz Faulenzerei und gewaltigem Alkoholverbrauch glaubte Joyce jedoch auch weiterhin an künftigen Dichterruhm. Er schrieb, trieb Literaturstudien und plante eine Gesellschaft, die Aktien auf seine späteren Bücher verkaufen sollte. Freilich fand er keinen Teilhaber, der bereit war, das allzu große Risiko einzugehen.

Gelegentlich sah er sich nach weniger abwegigen Verdienstmöglichkeiten um. So unterrichtete er, gleich dem jugendlichen Stephen Daedalus im »Ulysses«, einige Wochen lang an einer Privatschule, gab die Stelle aber ebenso schnell wieder auf wie seine Gesangsstunden und einen weiteren Versuch, Medizin zu studieren.

Zu dieser Zeit hatte der 21jährige Schriftsteller, beeinflußt vom literarischen Naturalismus, bereits erste Ansätze zu jener Romantheorie gefunden, die er in seinen Dubliner Novellen, vor allem aber im »Ulysses«, anwandte. »Sage die Wahrheit; übertreibe nicht«, forderte er. Und: »Beschreibe, was sie tun.«

Joyce lehnte es ab, die Charaktere seiner Erzählungen als Moralist zu betrachten, der ihre Handlungen auf ihren ethischen Gehalt hin prüft, lobt oder verwirft. Vielmehr nahm er sich vor, alle seine Gestalten und deren Aktivität mit »gleichgültigem Mitgefühl« darzustellen. Die Vergangenheit sollte keinen »eisernen Denkmalaspekt« bilden, sondern »eine ständige Folge von Gegenwartsaugenblicken« umschließen.

Inzwischen hatte Joyce die Bäckerstochter und Hotelangestellte Nora Barnacle kennengelernt, ein einfaches und wenig literaturbegeistertes Mädchen, in das Joyce sich sogleich verliebte. Der 16. Juni 1904, an dem sie ihm ein erstes Rendezvous gewährte, blieb für Joyce fortan ein bemerkenswertes Datum. Es war, Ellmann zufolge, eine Art »Talisman« und wurde schließlich sogar zum »Bloomstag« erhoben - zu jenem Tag im Leben des jüdischen Annoncen-Akquisiteurs Leopold Bloom, den Joyce auf den über 800 Seiten des »Ulysses« beschreibt.

Schon nach kurzer Bekanntschaft machte der egozentrische Dichter seiner Nora Barnacle einen Heiratsantrag, den er so formulierte: »Gibt es jemanden, der mich versteht?« Nora antwortete: »Ja«, und Joyce dankte ihr sogleich in einem formellen Brief: »Die Tatsache, daß Du wählen kannst, Dich auf diese Weise neben mich zu stellen in meinem gewagten Leben, erfüllt mich mit großem Stolz und großer Freude ... Gestatte mir, liebste Nora, Dir zu sagen, wie sehr ich wünsche, daß Du alles Glück, das mir zuteil wird, mit mir teilest, und Dich meiner größten Hochachtung für Deine Liebe zu versichern, die zu verdienen und zu erwidern mein Wunsch ist.«

Siebenundzwanzig Jahre später, am 4. Juli 1931, fand auf einem Londoner Standesamt die Eheschließung zwischen dem 49jährigen Junggesellen James Joyce und seiner Gefährtin Nora Barnacle statt.

1904 hatte der Trunkenbold und Bohemien immerhin schon einige Schriftsteller-Arbeiten geleistet. Er hatte seinen Gedichtband »Chamber Music« (Kammermusik) nahezu abgeschlossen, einige Erzählungen für den geplanten Novellenband »Dublin« geschrieben und einen autobiographischen Roman, »Stephen Hero«, begonnen. »Stephen Hero« (deutscher Titel: »Stephen Daedalus") war die erste Fassung des späteren »Portrait of the Artist as a Young Man« (deutscher Titel: »Jugendbildnis"), für das Joyce seine eigene Kindheit und Jugend, seine Auseinandersetzungen mit dem Katholizismus und seine literarischen Lehrjahre als Modell benutzte.

Nachdem er noch eine lyrische Streitschrift gegen seine irischen Dichter-Kollegen verfaßt hatte, bereitete er sich wieder einmal darauf vor, die »irischen Trolle« zu verlassen und - zusammen mit Nora - eine Karriere auf dem Kontinent zu versuchen. Eine englische Agentur vermittelte ihm eine Stelle als Lehrer an der Züricher Berlitz School.

Finanzielle Schwierigkeiten wurden überwunden: Joyce ging seine sämtlichen Freunde um Geld an und spannte schließlich noch Bruder Stanislaus ein: »Geh durch die Hauptstraßen der Stadt, aber zu keinem der bereits angegangenen Freunde, und versuche, noch vor Samstag ein Pfund aufzutreiben, und schick es mir an diesem Tag mit Sicherheit. Sag Pappi nichts davon.«

Das mühselig zusammengeborgte Geld reichte eben aus, um Joyce und seine Gefährtin nach Frankreich zu bringen, aber schon in Paris mußte er wieder alte Freunde um Reisegeld anbetteln. Auch in Zürich nahmen die Komplikationen kein Ende. Der Direktor der Sprachschule war von der Ankunft des Lehrers nicht unterrichtet und hatte ihm auch keine Stelle zu bieten - Joyce war offenkundig von dem Vermittlungsbüro betrogen worden.

Eine Woche später - der menschenfreundliche Schulleiter hatte für Joyce inzwischen eine freie Lehrstelle in Triest besorgt - setzte das junge Paar seine Odyssee fort.

In Triest verdiente Joyce, »von Natur aus ein etwas verstimmter Angestellter« (Ellmann), seinen Lebensunterhalt in den folgenden Jahren als Lehrer an der Berlitz School. Seine Lehrweise war allerdings wenig methodisch. Während der Unterrichtsstunden, erinnert sich Joyces italienischer Kollege Francini Bruni, überraschte er seine Schüler mit Sentenzen dieser Art: »Berlitz, Berlitz, was habe ich nur getan, um dies von dir zu verdienen.« Und: »Ein Ehemann ist gewöhnlich ein Ochse mit Hörnern. Seine Frau ist ohne Gehirn. Zusammen bilden, sie ein vierfüßiges Tier.«

Für fortgeschrittene Studenten hatte er ausführlichere Lebensweisheiten parat: »Diese Frau hat hübsche kleine Brüste, aber ihr Gewissen ist so ausgedehnt wie eine Kloake. Ihr Gatte ist glücklich, weil ihre Hausfreunde mithelfen, ihre guten Seiten zu entwickeln. Ich entwickle mich auch. Gehe hin und tue desgleichen. Laß dir nur vierzehn Absinthspritzen machen auf nüchternen Magen, und du wirst's erleben: Wenn diese Kur dich nicht entwickelt, dann bist du eben hoffnungslos. Dann kannst du den Versuch, auf diesem Wege Englisch zu lernen, ebensogut aufgeben.«

Während der ersten Triester Jahre schrieb Joyce weitere Erzählungen für das Buch »Dublin«, arbeitete am »Stephen Daedalus« und unterhielt eine rege Korrespondenz mit seinen Jugendfreunden, vor allem aber mit Bruder Stanislaus, bei dem er sich eingehend nach den Dubliner Verhältnissen erkundigte. Als James Joyce später gefragt wurde, ob er nicht nach Irland zurückkehren wolle, antwortete er: »Habe ich es je verlassen?«

Der Unterricht an der Berlitz School und die intensive Schreibarbeit hinderten Joyce nicht, seiner Neigung zum Alkohol nachzugeben. Im Gegensatz zu Gorman, der in seiner Biographie Joyces Alkoholismus kaum erwähnt, berichtet Ellmann, Joyce habe sich häufig in den Kneipen der Triester Altstadt herumgetrieben, wo er sich als Sozialist aufspielte und mit seinen Arbeiterfreunden Trinkgelage feierte.

Auch nach der Geburt seines Sohnes Giorgio änderte Joyce seine Gepflogenheiten nicht - ebensowenig wie nach Ankunft von Bruder Stanislaus, der, von Joyce herbeigerufen, im Oktober 1905 nach Triest kam und ebenfalls eine Stelle als Lehrer an der Berlitz School antrat.

Stanislaus, um vieles fleißiger, ordentlicher und pedantischer als der Bruder, diente dem Joyce-Haushalt von nun an als bereitwilliger und aufopferungsvoller Geldgeber. Sechsmal, so vermerkte Stanislaus mit einiger Verbitterung in seinem Tagebuch, habe er James und Nora während der Triester Jahre vorm Verhungern bewahrt.

Weniger angetan war James von anderen Hilfeleistungen seines jüngeren Bruders. Hüter Stanislaus war von Anfang an bemüht, James von den Kneipen fernzuhalten und zum regelmäßigen Schreiben zu zwingen. Zuweilen gelang es James, sich davonzuschleichen, und Stanislaus rannte ihm dann fluchend nach, brachte den Betrunkenen nach Hause und verprügelte ihn, bis Francini Bruni erschien und schlichtete: »Es hat keinen Sinn.«

James reagierte auf seine Weise, um sich den lästigen Beschützer vom Halse zu schaffen und zugleich den armseligen Wohnverhältnissen und dem Triester Milieu, das ihn inzwischen langweilte, zu entkommen: Mit Nora und dem einjährigen Giorgio machte er sich auf den Weg nach Rom, wo er die Stelle eines Korrespondenten bei einer Bank antrat.

Allerdings blieb der römische Aufenthalt nur eine kurze Episode. Joyce war von seiner neuen Beschäftigung nicht sehr angetan und beschwerte sich auch bald über die Stadt: »Rom erinnert mich an einen Menschen, der davon lebt, daß er den Leichnam seiner Großmutter für die Reisenden ausstellt.«

Sieben Monate später kehrte James Joyce nach Triest und zu Stanislaus zurück. Er brachte den Plan zu einer neuen Erzählung mit, die »Ulysses« heißen und von einem Dubliner Juden namens Hunter handeln sollte. Vorerst allerdings machte er sich daran, den vor Jahren begonnenen Roman »Stephen Daedalus« völlig umzuschreiben.

Den Unterhalt für sich und seine Familie - sie hatte sich um ein weiteres Mitglied, Tochter Lucia, vergrößert - bestritt Joyce nun durch private Sprachstunden; gelegentlich schrieb er auch Zeitungsartikel und hielt an der Triester Volkshochschule öffentliche Vorträge über Irland. »Kein Künstler«, bemerkt Ellmann zu der unablässig kritischen Situation, in der Joyce sich befand, »hat seine Umgebung zu trüberen Prognosen veranlaßt als Joyce. Das Wunder war bloß, daß es ihm immer wieder mit geringer Mühe gelang, auf die Füße zu fallen.«

Inzwischen hatte ein englischer Verleger endlich den Gedichtband »Chamber Music« herausgebracht, doch mit seinen Dubliner Novellen hatte James Joyce weniger Glück. Sein Verleger Grant Richards, der das Manuskript angenommen hatte, zögerte die Veröffentlichung mit Änderungswünschen und Einwänden hinaus, so daß Joyce schließlich, fünf Jahre nach seiner Abreise aus Dublin, zum erstenmal aus der selbstauferlegten Verbannung nach Irland zurückkehrte, um mit einem neuen Verleger zu verhandeln. Aber auch diese Verhandlungen blieben ohne Erfolg. »Dublin« erschien erst 1914 in einem Londoner Verlag.

Während seines Besuchs in Dublin hatte der »Mann mit dem Hahnrei-Komplex« (Joyce-Kenner Arno Schmidt) auch Gelegenheit, sein Bedürfnis nach psychischen Krisen zu befriedigen. Einer seiner Freunde, Vincent Cosgrave, der sich 1904 gleichfalls um Nora Barnacle beworben hatte, vertraute ihm an, daß sein Verhältnis zu Nora fortgedauert habe, nachdem sie sich für Joyce entschieden hatte.

John Francis Byrne, ein anderer Jugendfreund, dem Joyce diese offenbar unwahre Geschichte erzählte, berichtet, er habe nie »ein menschliches Wesen schlimmer zerrüttet gesehen«; Joyce »weinte und stöhnte und gestikulierte in sinnloser Schwäche«.

Joyce - »Ich bin sinnlos eifersüchtig auf die Vergangenheit« - schickte eine Anzahl klagender Briefe nach Triest: »Wenn ich meine Bücher und meine Kinder vergessen könnte und vergessen könnte, daß mir das Mädchen, das ich liebte, untreu war, und sie nur in Erinnerung behalten könnte, wie ich sie mit den Augen meiner jünglingshaften Liebe sah, dann würde ich zufrieden aus dem Leben gehen. Wie fühle ich mich alt und elend.« Und kurze Zeit später: »Noch schwelt die Eifersucht in meinem Herzen. Deine Liebe zu mir muß wild und gewaltig sein, um mich völlig vergessen zu machen.«

Als er nach Triest zurückkehrte, begegneten sich, Stanislaus zufolge, James und Nora wie ein Brautpaar. Joyce überreichte ihr eine Halskette mit der Inschrift: »Liebe muß weinen, wenn der Liebste nicht nah«, und Stanislaus bemerkte bissig: »Der Liebe Bruder auch.«

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, 1914, löste sich der Triester Zweig der Joyce-Familie auf. Während Stanislaus wegen seiner pro-italienischen Gesinnung interniert wurde und den Krieg in österreichischen Lagern zubringen mußte, durfte James fürs erste weiter unterrichten und schließlich - gegen Zusicherung, daß er keinen Kriegsdienst leisten würde - mit Nora und den Kindern in die Schweiz ausreisen.

Als ihm in Zürich der britische Generalkonsul dennoch einen Brief mit der Aufforderung zuschickte, sich als Freiwilliger zu melden, antwortete er: »James Joyce läßt sich dem Generalkonsul Seiner Majestät empfehlen und sendet ein ihm versehentlich zugestelltes Schriftstück hiermit zurück.« Ellmann kommentiert: »Der Kriegsausgang war ihm vollständig gleichgültig, und solange das Geschützfeuer nicht zu hören war, auch der Krieg selbst.«

In dem von politischen Emigranten, Schiebern und Künstlern überfüllten Zürich des Jahres 1915 - im Café Odeon war Lenin Stammgast, im Café Voltaire gründeten Tristan Tzara und Hans Arp die dadaistische Bewegung - hatte Joyce bald eine Schar von Engländern, Österreichern, Schweizern, Italienern und Griechen um sich versammelt. Er gründete eine Theatergruppe, die englische Stücke aufführte, hockte allabendlich in Kneipen herum, trank und gab zur Gitarre zotige Lieder zum besten.

Mittlerweile hatte sich Joyce auch bereits einiges Schriftsteller-Renommee erworben. Der amerikanische Lyriker Ezra Pound, der zu jener Zeit in London lebte, die zeitgenössische Lyrik zu revolutionieren suchte und nach neuen Talenten Ausschau hielt, propagierte den Namen James Joyce, und die von Harriet Weaver redigierte englische Zeitschrift »Egoist« begann mit dem Vorabdruck des inzwischen fertiggestellten »Jugendbildnisses«.

Gefährtin Nora hingegen betrachtete die literarische Aktivität ihres Jim mit einiger Skepsis. Sie war der Meinung, Joyce hätte Sänger werden sollen, und erklärte dem Maler und Joyce-Freund Frank Budgen: »Mein Mann schreibt ein Buch, aber ich sage Ihnen, das Buch ist ein Schwein.«

Joyce war über das abschätzige Urteil seiner Nora bestürzt. In einem Brief an Stanislaus klagte er: »Sie macht sich nichts aus meiner Kunst«, und zu Budgen sagte er: »Du hast Verständnis, du kannst erkennen, daß ich eine Art Persönlichkeit bin. Ich übe eine bestimmte Wirkung auf die Leute aus, die mit mir in Berührung kommen, mich kennen und meine Freunde sind. Aber die Persönlichkeit meiner Frau ist gegen jeden Einfluß meinerseits völlig gefeit.«

Während der Züricher Jahre besserten sich endlich die finanziellen Verhältnisse von Joyce. Geldspenden von Freunden und Bewunderern trafen ein; der britische Premierminister ließ dem hilfsbedürftigen Dichter 100 Pfund aus dem Ziviletat zukommen, die Amerikanerin Edith McCormick, die als die reichste Frau Zürichs galt, setzte ein monatliches Stipendium von 1000 Franken für ihn aus, das sie regelmäßig bis zum Ende des Krieges zahlte.

So konnte sich Joyce ganz der Schreibarbeit widmen. Er hatte das Ehedrama »Verbannte« beendet - es wurde 1918 in Amerika und in England veröffentlicht und ein Jahr später in München uraufgeführt - und arbeitete nun intensiv am »Ulysses«, den er schon in Triest begonnen hatte. Als er die ersten drei Kapitel, die »Telemachiade«, an Ezra Pound und Harriet Weaver schickte, applaudierte ihm Pound mit einer Parodie amerikanischen Slangs: »Nun, Herr Joyce, ich schätze, Sie sind'n verdammt guter Schriftsteller, schätze ich. Un' ich schätze, dieses Ihr Buch is'n Stück interessante Literatur. Mir können Sie's glauben. Bin Fachmann.«

Pound bewunderte das »Stück interessante Literatur« mit dem Titel »Ulysses« - laut Pound vermuteten während des Krieges die britischen Zensoren in dem rätselhaften Text eine Zeitlang verschlüsselte Nachrichten eines Spionagerings - vor allem wegen seiner neuartigen Erzähltechnik, die später von dem französischen Kritiker Valéry Larbaud die Bezeichnung »monologue interieur« erhielt und seither beträchtliche Wirkung auf den zeitgenössischen Roman ausgeübt hat - so auf die Werke von Thomas Wolfe, Hermann Broch, William Faulkner, Ernest Hemingway und sogar auf den Traditionalisten Thomas Mann, der in seinem Goethe-Roman »Lotte in Weimar« den alternden Dichterfürsten auf durchaus Joycesche Manier monologisieren läßt.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Romanen, in denen der Erzähler Handlungen und Gedanken seiner Helden dem Leser mitteilt, verdeutlicht und interpretiert, gibt der »innere Monolog« den Bewußtseinsstrom der Romanfigur, ihre assoziierenden Gedankengänge, ihre halbbewußten Empfindungen, Erinnerungsbrocken und Impressionen gleichsam ohne die deutende und erklärende Vermittlung des Romanschreibers wieder.

Seine Erzählweise, die bereits drei Jahrzehnte vor dem »Ulysses« der französische Schriftsteller Edouard Dujardin in seinem Roman »Les lauriers sont coupérs« ("Die Lorbeeren sind geschnitten") erprobt hatte, erklärte Joyce so: »In diesem Buch, von den ersten Zeilen an, findet sich der Leser selbst etabliert, im Denkvorgang der Hauptgestalt und in dem ununterbrochenen Abrollen dieses Denkvorgangs, das die übliche Erzählform ersetzt und uns übermittelt, was diese Person tut und was mit ihr geschieht.«

In dieser Art schildert James Joyce die Odyssee des Annoncen-Akquisiteurs Leopold Bloom durch das Dublin des 16. Juni 1904. Bloom, ein intelligenter, friedfertiger und gelegentlich etwas komischer Mann in mittleren Jahren, wandert durch das Labyrinth der Großstadt; er wohnt einer Beerdigung bei, besucht eine Zeitungsredaktion und eine Bibliothek, ißt in einem Hotel zu Mittag und betritt ein Entbindungsheim, um sich nach dem Befinden einer Bekannten zu erkundigen. Er hockt in Kneipen, bummelt durch das Bordellviertel und kehrt nachts nach Hause zu seiner Frau Marion zurück.

Das Buch endet mit dem berühmten Monolog der einschlafenden Molly Bloom - einem 58 Seiten umfassenden, interpunktionslosen Protokoll der stellenweise recht derben und obszönen Gedankengänge von Blooms treuloser Ehefrau, die sich ihrer Jugend, ihrer Liebhaber und ihrer Bekanntschaften erinnert, die Ereignisse des vergangenen Tages memoriert, sich Wunschträumen hingibt und Zukunftspläne faßt.

Diese realistische Darstellung des Dubliner Alltags hat Joyce einem strengen Bezugssystem unterworfen. So gilt jede der achtzehn Episoden des »Ulysses« einem Organ des menschlichen Körpers; jede hat ein bestimmtes Symbol und eine eigene Technik und ist einer Kunst- oder Wissenschaftsgattung gewidmet. Gleichzeitig ist das Buch aber auch zum homerischen Epos in Beziehung gesetzt: Die Charaktere personifizieren die Helden Homers, die Kapitel entsprechen den Gesängen der »Odyssee« und sollen eine Travestie der odysseeischen Abenteuer im modernen Milieu bieten.

Als die Pariser Buchhändlerin Sylvia Beach den »Ulysses« 1922 in einer Subskriptionsausgabe von 1000 Exemplaren veröffentlichte, meldete die englische Zeitung »Observer": »Kein Buch ist jemals mit größerer Spannung und Neugier von dem seltsamen, kleinen Kreis der Bücherfreunde und von den literarisch Gebildeten erwartet worden als der 'Ulysses' von James Joyce.« Die Zeitschrift »The Nation« bezeichnete den »Ulysses«-Verfasser als »ein Genie allerhöchsten Ranges, durchaus vergleichbar dem Genie Goethe oder Dostojewski«.

Der Kritiker Valéry Larbaud schrieb an Sylvia Beach: »Ich bin ganz wahnsinnig vor Begeisterung über 'Ulysses'« und verglich Joyce mit Rabelais. Der spätere Literatur-Nobelpreisträger Thomas Stearns Eliot klagte: »Wie kann man überhaupt noch schreiben, nachdem diese immense Ungeheuerlichkeit des letzten Kapitels einmal erreicht ist?« Eliot war der Ansicht, daß »der Manipulation einer kontinuierlichen Parallele zwischen Gleichzeitigkeit und Antike ... die Bedeutung einer wissenschaftlichen Entdeckung« zukomme.

Allerdings gab es auch kritischere Stimmen. Die englische Schriftstellerin Virginia Woolf verachtete den »Ulysses« als »das Buch eines bildungsbeflissenen Arbeiters«, eines »ekelhaften Studenten, der seine Pickel kratzt«, ließ sich aber gleichwohl von der revolutionären Erzähltechnik inspirieren. Der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung nannte die Schreibweise von Joyce das »Eingeweidedenken und -fühlen bei weitgehender Unterdrückung der Großhirntätigkeit«, änderte jedoch später seinen Essay ab und attestierte nun dem Romancier Joyce profunde Kenntnisse von der »wirklichen Psychologie der Frau«. Noras Kommentar dagegen: »Er (Joyce) versteht überhaupt nichts von den Frauen.«

Auch Joyces Landsmann George Bernard Shaw, der sich anfangs von den »infantilen klinischen Geilheiten« des »Ulysses« angeekelt fühlte, änderte später seine Meinung und schrieb: »Sollte Mr. Joyce jemals ein Zeugnis von mir wünschen, daß er der Autor eines literarischen Meisterwerkes ist, werde ich es ausstellen, mit allem mir möglichen Nachdruck und mit aufrichtiger Begeisterung.«

Der ebenso bedeutende wie zweifelhafte Ruf, der dem »Ulysses« vorausging, machte bald die englischen und amerikanischen Zensurbehörden auf das Buch aufmerksam. Die Herausgeberinnen der amerikanischen Zeitschrift »Little Review«, die Teile des »Ulysses« im Vorabdruck publiziert hatten, wurden wegen Veröffentlichung obszöner Literatur vor ein Gericht gestellt und zu einer Geldstrafe von fünfzig Dollar verurteilt. Nachdem der »Ulysses« durch Sylvia Beach, die Inhaberin der Pariser Buchhandlung »Shakespeare and Company«, als Buch herausgebracht worden war, wurde dessen Einfuhr nach England und in die Vereinigten Staaten verboten.

Erst 1933, in derselben Woche, in der auch das amerikanische Prohibitionsgesetz aufgehoben wurde, entschied ein New Yorker Bezirksgericht, daß der »Ulysses« in den Vereinigten Staaten verkauft und gelesen werden dürfe.

»Ich bin mir völlig bewußt«, erklärte Richter John M. Woolsey in der Urteilsbegründung, »daß der 'Ulysses' aufgrund einzelner Stellen eine ziemlich starke Dosis ist, wenn er von einem empfindsamen, aber normalen Menschen geschluckt werden soll. Doch nach langer Überlegung bin ich der wohlbegründeten Überzeugung, daß der 'Ulysses', wenn er auch an vielen Stellen auf den Leser zweifellos etwas abstoßend wirkt, nirgends auf eine aphrodisiakische Wirkung abzielt. 'Ulysses' kann daher in den Vereinigten Staaten zugelassen werden.«

Zehn Minuten nach diesem Beschluß waren die Drucker bereits an der Arbeit, um die amerikanische Ausgabe des Buches vorzubereiten.

Joyce triumphierte: »So hat sich nun die eine Hälfte der englischsprechenden Welt ergeben. Die andere Hälfte wird folgen.« Er erkannte durchaus richtig, »daß sich England ein paar Jahre später dem Urteil anschließen wird, und Irland nach weiteren 1000 Jahren«. In Irland ist der »Ulysses« noch heute verboten.

Bereits drei Jahre vor der Veröffentlichung des »Ulysses«, 1919, war Joyce mit seiner Familie in das verödete Triest zurückgekehrt und kurz darauf nach Paris übergesiedelt, Joyce legte nun eine düster-würdige Haltung an den Tag, die ihm bei seiner Verlegerin Beach bald den Spitznamen »melancholischer Jesus« eintrug, und verschwendete übertriebene Sorgfalt auf seine Kleidung. Er genoß seinen Dichter-Ruhm, empfing Besucher aus New York, London und Dublin und verschaffte sich neue Freunde und neue Feinde.

Für die Literaten von Paris hatte Joyce, der sich lieber mit Concierges und Kellnern, Schneidern und Angestellten umgab, nicht viel übrig; Ellmann zufolge begegnete er dem Intellektualismus seiner französischen Kollegen mit bäurischer Verachtung.

Die Herausgeberin der »Little Review«, Margaret Anderson, berichtete von einer Begegnung zwischen Joyce und dem französischen Romancier Marcel Proust, dessen siebenbändiges Werk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« von Literaturkritikern hinsichtlich seiner Bedeutung für die Romantechnik als gleichrangig neben den »Ulysses« gestellt wird.

Während einer Abendgesellschaft im Hause des englischen Schriftstellers Sydney Schiff habe Proust, laut Margaret Anderson, nur erklärt: »Ich bedaure, daß ich Joyces Werk nicht kenne«, und Joyce habe gesagt: »Ich habe Proust nie gelesen.«

Ein Bericht des amerikanischen Erzählers William Carlos Williams überliefert eine andere, parodistische Version. »Ich habe jeden Tag Kopfschmerzen«, habe sich Joyce beklagt, »meine Augen sind fürchterlich.« Und Proust stimmte ein: »Mein armer Magen. Was soll ich nur tun? Er macht mich ganz fertig. Ich muß eigentlich sofort wieder gehen.« Joyce jammerte: »Mir geht's genauso; wenn ich nur jemanden finden könnte, der mich am Arm nimmt. Auf Wiedersehen.« Proust entgegnete: »Charmé. Ach, mein Magen.«

Joyce hatte sich wegen seines Augenleidens, das er sich, möglicherweise als Folge eines fieberigen Rheumatismus, in Triest zugezogen hatte, mehrere Male operieren lassen müssen. Nach der achten Operation beklagte er sich: »Zweimal pro Tag halten sie ein Licht vor meine Augen und fragen: Sie sehen nichts? Überhaupt nichts? Ich bin das alles jetzt leid. Es geht schon so lange.« Joyce fühlte sich in dieser Zeit derart hilflos und von Ehefrau Nora abhängig, daß er, als sie einmal zu einer Operation ins Krankenhaus eingeliefert wurde, ein zweites Bett in ihrem Zimmer aufstellen ließ, um in ihrer Nähe zu sein.

Seinem »übertriebenen Hang zur Zügellosigkeit«, den er sich selbst eingestand, blieb er allerdings weiterhin treu. Er war nun einigermaßen mit Geld versorgt, leistete sich aber beträchtliche Extravaganzen, so daß er zuweilen von einem Tag auf den anderen in die ihm vertraute Armut der Triester Jahre zurückkehrte und seine Freunde um Hilfe angehen mußte.

»Er gibt sein Geld aus wie ein betrunkener Matrose«, belustigte sich ein Verleger in einem Gespräch mit Sylvia Beach, und in einem Brief an den amerikanischen Erzähler Sherwood Anderson berichtete Hemingway, der zu jener Zeit in Paris lebte: »Joyce hat ein ganz verflucht herrliches Buch. Sie werden es wahrscheinlich rechtzeitig in die Hände bekommen. Mittlerweile heißt's, daß er und seine ganze Familie am Hungertuch nagen, aber man kann die ganze irische Meute jeden Abend bei Michaud finden, was Binney und ich uns nur ungefähr einmal pro Woche leisten können ... Die verdammten Iren, sie stöhnen immer über alles mögliche, aber man hat noch nie von einem Iren gehört, der verhungerte.«

Joyce fand denn auch wirklich immer wieder Geldgeber, die ihm in seiner finanziellen Bedrängnis beistanden. Von London aus half Gönnerin Harriet Weaver mit beachtlichen Summen, in Paris kümmerte sich die Inhaberin von »Shakespeare and Company«, Sylvia Beach, um das Wohlergehen ihres Autors.

Auf die Dauer aber geriet Joyce mit seiner Verlegerin Sylvia Beach in ernsthafte Streitigkeiten und bekannte in einem Brief an Harriet Weaver: »Möglicherweise ist es zum Teil meine Schuld. Ich, mein Auge, meine Nöte und mein unruhestiftendes Buch sind immer da. Es gibt kein Fest, keine Feier, kein Treffen von Börsenspekulanten, wo ich nicht in der Schicksalsstunde an der Tür erscheine, in zweifelhafter Gewandung, mit einem Gepäcktroß, einer stummen, erwartungsvollen Familie, ein Pflaster über dem Auge, düster um Hilfe heulend.«

Umgekehrt half Joyce aber auch weniger erfolgreichen Kollegen. So propagierte er den längst vergessenen Roman »Les lauriers sont coupés« von Edouard Dujardin, den er als seinen Lehrmeister bezeichnete, er machte in Paris die Kritiker und Verleger auf die Bücher seines einstigen Triester Schülers Ettore Schmitz aufmerksam und vollzog so an beiden das »Wunder der Wiedererweckung des Lazarus« (Dujardin): Der Dujardin-Roman wurde neu aufgelegt, die unbeachtet gebliebenen Bücher von Schmitz, der unter dem Namen Italo Svevo schrieb, wurden von der französischen Literaturkritik als Meisterwerke gepriesen und erlangten bald darauf internationalen Ruhm.

Der Versuch, seinen Landsmann, den Tenor John Sullivan, zu fördern - nach Joyces Meinung wurde das Talent Sullivans nicht gebührend beachtet -, war hingegen weniger erfolgreich, obwohl sich Joyce recht ungewöhnlicher Mittel bediente, um seinem Freund zu huldigen. Als er nach einer Augenoperation die Pariser Oper besuchte, wo Sullivan sang, wurde, einer Zeitungsnotiz zufolge, »das Publikum Zeuge einer dramatischen Szene, die an Intensität das Drama, das auf der Bühne gespielt wurde, übertraf": Joyce erhob sich in seiner Loge, lehnte sich über die Brüstung, nahm seine dunkle Brille von den Augen und rief theatralisch: »Ich danke dir, mein Gott, für dieses Wunder. Nach zwanzig Jahren habe ich mein Augenlicht wieder.«

Ein Jahr nach der Veröffentlichung des"Ulysses« hatte sich Joyce wieder an die Arbeit gemacht. 1927 publizierte Sylvia Beach seinen Gedichtband »Pomes Penyeach - zu deutsch »Ferse fürn Fennich -, und vom gleichen Jahr an erschienen in der literarischen Zeitschrift »transition« rätselhafte Prosastücke, die den Titel »Work in Progress« trugen:

Ich hör nicht wegen des Wassers von. Des Wassergeschwassers von. Fleddernder Flug, Feldmaus pfiff schrill. Ho! Bist du nicht derheim gegangen? Was? Den Leim gegangen? Ich hör nicht vor Mäuse Gewisper liffey laufenden Wassers von. Ho, rett und die Red. Mein Fuß ist wie Mus. Ich fühl so alt wie jener Baum. Eine alte Mär von Shem und Shaun. All Livias Töchtersohn. Dunkle Falken hören uns. Nacht! Nacht! Mein ho Haupt hallt. Ich fühl so schwer wie jener Stoan. Erzähl mir doch von John und Shaun. Wer waren Shem und Shaun lebendige Söhne und Töchter von? Nacht nun. Sag mir, sag mir, sag mir, Baum. Nacht, nacht. Berichtegeschichte von Stein und Staun. Neben den flüssernden Wassern von, den hinundherrinnenden Wassern von. Nacht!

Die dunkelsinnigen Texte waren Teile des Buches »Finnegans Wake«, dessen Titel Joyce bis zur Veröffentlichung im Jahr 1939 streng geheimhielt. Joyce gedachte in diesem Text dem Bericht vom »Welt-Alltag der Epoche« die Geschichte vom Traum des Jedermann gegenüberzustellen, die auch gleichzeitig eine Art Universalgeschichte sein sollte.

Wie die Bilder des Traums sich fortgesetzt verwischen, andere Gestalt annehmen und ihre Bedeutung ändern, ist auch der Inhalt von »Finnegans Wake« irrational und vieldeutig. Joyce erklärte, er schreibe sein Buch »in Anpassung an die Ästhetik des Traums, wo die Formen größer werden und sich vervielfältigen, wo die Visionen vom Trivialen ins Apokalyptische übergehen, wo das Hirn die Wortstämme benutzt, um andere Wörter daraus zu bilden, die es möglich machen, seine Phantasmen, seine Allegorien, seine Anspielungen zu benennen«.

Den Titel für sein Buch hatte Joyce einer irischen Ballade entlehnt, die von dem Maurer Tim Finnegan erzählt. Finnegan ("Mit der Liebe zum Schnaps ward er gebor'n") fällt bei der Arbeit von einer Leiter und kommt dabei scheinbar ums Leben, wird jedoch während der Leichenfeier vom Whiskygeruch wiedererweckt.

Laut Ellmann verbirgt sich hinter der Gestalt des Tim Finnegan aber noch ein älteres Urbild der irischen Legende: der Held und Weise Finn MacCumhal. Joyces Buch ist offenbar als der Traum des alten Finn gedacht, der neben dem Fluß Liffey im Sterben liegt und sich im Schlaf der Geschichte Irlands und der Welt erinnert.

Freilich gibt sich die Gestalt Finn MacCumhals ebensowenig zu erkennen wie die übrigen Figuren des Buches; ihre Konturen und ihre Bedeutung wechseln unausgesetzt. So wird, entsprechend Joyces Auffassung, daß das Leben seit Anbeginn nichts anderes sei als eine Wiederkehr immergleicher Situationen und Charaktere, der Kneipenbesitzer Humphrey Chimpden Earwicker beispielsweise nacheinander zum Jedermann, zu einem Berg und einem Riesen der Urzeit; seine Frau Anna Livia Plurabelle verwandelt sich in den Fluß Liffey; die feindlichen Brüder Shem und Shaun, in deren Verhältnis zueinander Joyce unter anderem auf die Beziehung zwischen sich und seinem Bruder Stanislaus anspielt, personifizieren gleichzeitig Kain und Abel, Christus und Judas, Napoleon und Wellington. Joyce: »Die Zeit und der Fluß und der Berg sind die wirklichen Helden meines Buches.«

Um diese phantasmagorische Weltgeschichte niederschreiben zu können, bediente Joyce sich einer Sprache, die das übliche Englisch weit hinter sich ließ. Noch während seiner Arbeit am »Ulysses« hatte er einem Freund erklärt: »Ich möchte eine Sprache haben, die über allen Sprachen steht, eine Sprache, der alle anderen Dienste leisten.«

Eine solche neuartige Sprache hatte er nunmehr erfunden. Sie versuchte ihrem Traumstoff durch Neuschöpfungen, Alliterationen, multilinguale Wortspiele, Schachtelwörter, Sprachabwandlungen und -verballhornungen gerecht zu werden, um so die Bedeutung des Traumes zu vervielfältigen.

So bedeutet der Titel des Buches, »Finnegans Wake«, unter anderem die Totenwacht des Finnegan, gleichzeitig aber auch Finnegans Auferstehung. Zudem enthält er das französische »fin« (Ende), aber auch das englische »again« - die Wiederkehr.

Joyce, der Gewagtheit seines Experiments wohl bewußt ("Ich stelle mir vor, daß ich etwa elf Leser haben werde"), war dennoch von den ersten Reaktionen auf die »Work in Progress«-Fragmente ziemlich betroffen. So enthusiastisch nämlich seine Bewunderer den »Ulysses« gepriesen hatten - das wirre und undurchsichtige Prosagestrüpp von »Finnegans Wake« konnte sie weniger begeistern. Ezra Pound gab seinen Mißmut deutlich zu erkennen, und auch die Mäzenin Harriet Weaver äußerte sich ablehnend. »Mir scheint, Sie vergeuden Ihr Genie«, schrieb sie an Joyce, blieb aber ihrer Rolle als »heilige Harriet« (Tochter Lucia Joyce) treu und unterstützte ihn weiterhin mit Geldsendungen.

Nora Joyce fragte ihren Mann: »Warum schreibst du keine vernünftigen Bücher, die die Leute verstehen können?« Bruder Stanislaus bezeichnete das Buch als einen »Anfang von Gehirnerweichung« und erregte sich: »Ich lehne es jedenfalls ab, mich von einem literarischen Derwisch in einem wirren Tanz herumwirbeln zu lassen.«

Joyce war über diese einmütige Ablehnung bestürzt, schrieb aber dennoch weiter an »Finnegans Wake«, seinen eigenen Worten zufolge bisweilen sechzehn Stunden am Tag. Er gestand Harriet Weaver: »Möglich, daß Pound recht hat, aber ich kann nicht mehr zurück.« Er fühlte sich fortan in eine Verteidigungsstellung gedrängt und litt in zunehmendem Maß unter Depressionen, die allerdings auch eine Folge von Lucias Krankheit waren.

Bei Tochter Lucia machten sich zu jener Zeit erste Anzeichen von Geistesgestörtheit bemerkbar. Joyce hatte anfangs ihre schizophrenen Anfälle bagatellisiert und an Harriet Weaver geschrieben: »Ich bin eigentlich ziemlich sicher, daß sie uns einige faustdicke Lügen auftischt und eine ganze Menge Theater spielt«; später jedoch, als ihr Zustand sich verschlimmerte, konsultierte er Ärzte und ließ Lucia operieren; sie mußte schließlich in ein Sanatorium gebracht werden.

Aus Sorge um seine Tochter - er war der Meinung, daß ein weniger turbulentes Familienleben den Ausbruch ihrer Krankheit vielleicht verhindert hätte - trank Joyce noch mehr als zuvor. Sein Sekretär Paul Léon berichtete, daß Joyce »zwischen Zuständen großer Reizbarkeit und ohnmächtiger Wut bis zu plötzlichen Weinkrämpfen hin und her schwankt«; einem Freund gestand Joyce: »Ich kann nichts als eine dunkle Wand vor mir sehen, eine dunkle Wand, oder einen Abgrund, wenn Sie wollen, physisch, moralisch und materiell.« Und zu dem irischen Schriftsteller Samuel Beckett ("Warten auf Godot") äußerte er: »Mit uns geht es eben rasend bergab.«

Im November 1938 hatte Joyce nach sechzehnjähriger Arbeit »Finnegans Wake« beendet. Das Buch erschien ein halbes Jahr später in London und New York, fand aber keine sonderlich gute Aufnahme und wurde von den meisten Rezensenten - als unverständlich oder verrückt bezeichnet.

Nora Joyce hingegen war plötzlich vom Talent ihres Ehemannes überzeugt. »Weißt du, Jim«, sagte sie, »ich habe kein einziges Buch von dir gelesen, aber nun werde ich es doch endlich tun müssen, weil sie einfach gut sein müssen, wo sie sich nicht schlecht verkaufen:«

Ermüdet, von Augenschmerzen und Magenkrämpfen gequält und mehr als je zuvor dem Trinken hingegeben, lebte Joyce nach Kriegsbeginn in Saint-Gérand-le-Puy, einem kleinen Ort in der unbesetzten Zone Frankreichs. Eine Möglichkeit, in die Vereinigten Staaten zu entkommen, nutzte er nicht aus; der Versuch, in die Schweiz zu gelangen, scheiterte zunächst an der Haltung der Schweizer Fremdenpolizei, die seine Gesuche mit der - unrichtigen - Begründung abwies, daß er Jude sei.

Nachdem schließlich Freunde eine Kaution von 20 000 Franken hinterlegt hatten, durfte Joyce mit seiner Familie im Dezember 1940 in die Schweiz einreisen. Einen Monat später, am 13. Januar 1941, starb James Joyce nach einer Darmoperation im Züricher Schwesternhaus vom Roten Kreuz.

James Joyce auf die Frage, warum er »Finnegans Wake« in einer so dunklen und rätselhaften Sprache verfaßt habe: »Um die Kritiker dreihundert Jahre lang zu beschäftigen.«

Dieser langwierigen Beschäftigung dürfen sich in Zukunft auch die deutschen Kritiker hingeben: Der Verlag Günther Neske in Pfullingen hat angekündigt, daß er zusammen mit dem Züricher Rhein-Verlag eine deutsche Übersetzung des unübersetzbaren Buches »Finnegans Wake« publizieren will.

* Stuart Gilbert: »Das Rätsel Ulysses«. Rhein-Verlag, Zürich; 268 Seiten: 9,80 Mark. Stanislaus Joyce: »Meines Bruders Hüter«. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 352 Seiten; 18,80 Mark. ** Herbert Gorman: »James Joyce. Sein Leben und sein Werk«. Claassen Verlag, Hamburg; 376 Seiten; 18,50 Mark. Richard Ellmann: James Joyce«. Rhein -Verlag, Zürich; 768 Seiten; 56 Mark.

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