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»Öl kann man nicht durch Geld ersetzen«

Bundesregierung und Konjunktursachverständige sind ratlos, wie sie der Ölkrise und ihren Folgen begegnen sollen. Bonn befürchtet Wachstumsverluste und Arbeitslosigkeit. Finanzminister Helmut Schmidt warnte vor überhöhten Lohnforderungen. Die Konjunkturbremsen freilich sollen trotz der Gefahren vorerst nicht gelöst werden.
aus DER SPIEGEL 48/1973

Der Minister mag nicht mehr baden gehen. Seit drei Wochen, seit auch Hans Friderichs die Energiekrise etwas ernster nimmt, meidet der Bonner Wirtschaftsminister den Swimming-pool in seiner Zweitwohnung in Bonn-Röttgen.

Freiwillig noch verzichtet der Chef-Ökonom auf seine Morgen-Erfrischung, unfreiwillig mußten am vergangenen Wochenende die Bundesbürger ihren schönsten Sonntagsspaß drangeben: das Schlangefahren über Land. Leere Autobahnen und stille Städte machten die seit Wochen schwelende Energiekrise erstmals den Bundesbürgern schmerzlich bewußt.

Was wochenlang allenfalls die Spur einer bösen Ahnung war, nahm vergangene Woche Gestalt an: Bei Öl und Benzin ist nur der Mangel reichlich.

Die Tankstellen an den Autobahnen geben an jeden Kunden höchstens zwanzig Liter ab. Die Deutsche Lufthansa, die allein im innerdeutschen Flugverkehr täglich 840 000 Liter Flugbenzin verbrennt, strich aus ihrem ohnehin schon geschrumpften Flugplan noch weitere Linienflüge. Die zunehmende Treibstoffknappheit machte noch ein Weiteres möglich: Die Fluglotsen -- deren Ansehen nach Beginn der Ölkrise auf den tiefsten Punkt gesunken war -- gaben ihren sechs Monate währenden Bummelstreik am vergangenen Freitag auf.

Im oberfränkischen Bamberg meldeten sogar die öffentlichen Verkehrsbetriebe, daß Dieselkraftstoff für ihre Busse knapp wird. Und in allen Bundesländern sollen die Weihnachts-Schulferien verlängert werden, um ein wenig Öl zu sparen.

Bis zur vergangenen Woche noch rollte der Rohölnachschub wie geplant, bis dahin hatten allenfalls hysterische Autofahrer und verschreckte Eigenheimer krisenähnliche Zustände heraufbeschworen -- durch Hamsterkäufe.

In großstadtnahen Autobahntankstellen etwa war der Umsatz auf das Vierfache hochgeschnellt, insgesamt verkauften die Tankwarte zehn Prozent mehr als üblich.

Anfang vergangener Woche meldeten die Ölkonzerne erstmals tatsächlich Nachschub-Mangel: In den nächsten Tagen rechnen die meisten Gesellschaften mit Rohölkürzungen von zehn bis 15 Prozent, nur die drei kleineren Benzinverkäufer auf dem westdeutschen Markt -- die italienische Agip, die französische Elf und die in belgischem Besitz befindliche Deutsche Fina -- haben ihren Plan-Vorrat bis Ende des Jahres sicher.

Prompt gerieten die Staatslenker, zuvor peinlichst darauf bedacht, die Krisenfurcht zu besänftigen, in Hektik. Abend für Abend streuten sie über die Mattscheiben düstere Prognosen aus: »Um Gefahren für Produktion und Arbeitsplätze abzuwenden«, so verkündete Wirtschaftsminister Friderichs am Montag letzter Woche mit besorgter Miene, gelte es, »die Versorgung der Wirtschaft mit notwendiger Energie zu sichern«. Tags darauf tadelte das SPD-Präsidium unter Vorsitz von Kanzler Brandt die eigene Regierung, die Öffentlichkeit müsse fortan »rechtzeitig und vollständig« über Energie-Sparmaßnahmen unterrichtet werden. Finanzminister Helmut Schmidt warnte. die Energieknappheit werde das Wirtschaftswachstum, die Produktivität »und leider Gottes auch die Beschäftigung« schmälern. Am vergangenen Freitag erteilte Arbeitsminister Walter Arendt deshalb ein Anwerbe-Verbot für Gastarbeiter, die nicht aus den Staaten der EG stammen.

Selbst weniger zuständige Kabinettsmitglieder glaubten aktiv werden zu müssen. Entwicklungshilfe-Minister Erhard Eppler machte in Kairo bei Präsident Anwar el-Sadat Visite, um proisraelische Statements von Brandts Partei-Stellvertreter Heinz Kühn wieder aus der Welt der Medien zu schaffen. Technologie- und Postminister Horst Ehmke gab ein Prognose-Modell in Auftrag, das zeigen soll, wie und wieviel Energie gespart werden kann. Ein Ehmke-Beispiel: »Es wäre ein leichtes«, das heiße Schmutzwasser von Waschmaschinen zum Aufwärmen für die Lauge des nächsten Waschgangs zu nutzen -- falls noch Schmutziges vorrätig ist.

In der Kabinettssitzung am Donnerstag schließlich, in der Willy Brandt bekanntmachte, »das Land« sei »von einem Mangel bedroht«, verabschiedeten die Minister einen Sechspunkte-Plan, der die akute Energieverknappung freilich ebensowenig wie Ehmkes Sparwaschgang mildern kann.

So sollen die Genehmigungsfristen für Kraftwerks-Neubauten verkürzt und die Energieforschung ausgebaut werden -- Maßnahmen, die bestenfalls in vielen Jahren greifen.

Ob die Notpläne, die Bonn jetzt rasch zu Papier bringt, ausreichen, ob sie überhaupt notwendig sind, vermag kein Verantwortlicher zu sagen: Weil die Kontrakte der Mineralölgesellschaften mit den Förder-Ländern zum Jahresende erneuert werden müssen, können die Ölhändler derzeit nur über den Nachschub bis Silvester Auskunft geben. Energie-Friderichs: »Niemand ist in der Lage zu sagen, wie es im Januar weitergeht.«

Erst am 11. Dezember glauben die Ölmanager der Konzerne genauere Prognosen für Januar und Februar abliefern zu können. Aber auch dann werden Westdeutschlands Wirtschaftslenker noch keine Antwort auf die Frage erhalten, die sie am stärksten bedrängt: Welche Folgen der Energiemangel für die Konjunktur hat.

Die Reihe der Ratlosen verlängerte am vergangenen Donnerstag der professorale Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung, als er sein Jahresgutachten präsentierte: Öl wurde nur im Vorwort des 442 Seiten starken Werkes, das der Regierung die wirtschaftspolitische Richtung für das nächste Jahr weisen soll, kurz erwähnt.

Ratsmitglied Professor Claus Köhler rechtfertigte sich: »Mehr als Tendenzen lassen sich da nicht ausmachen. Es ist eben sehr schwierig, sich in die Seele von Arabern zu versetzen.«

In Kanzler Brandts Ministerrunde wußte Wirtschaftsminister Friderichs über die konjunkturellen Auswirkungen der Krise nur dies zu sagen: »Die Energiekrise wird das Wachstum möglicherweise bis zu Null herunterfahren« -- die Sachverständigen hatten für 1974 real zwei bis drei Prozent angesagt. Und der zur Kabinettssitzung geladene Bundesbank-Präsident Karl Klasen dachte bereits an die nächste Lohnrunde der vier Millionen Metallarbeiter: »Bei Energiemangel ist noch weniger zu verteilen.«

Helmut Schmidt warnte vor hohen Lohnsteigerungen. In eine Stellungnahme der Bundesregierung zum Sachverständigen-Gutachten hatte der Bundesfinanzminister vorsorglich hineinkorrigiert, daß die Zunahme der Effektivlöhne 1974 »deutlich unter« der Steigerung der öffentlichen Haushalte von rund elf Prozent bleiben müsse -- Friderichs hatte immerhin vorgeschlagen, die Löhne dürften bis um 10,5 Prozent steigen.

Einig waren sich der Wirtschafts- und der Finanzminister mit ihrem Kanzler, daß die Konjunkturbremsen trotz Ölkrise noch nicht gelockert werden sollten. Auch niedrigere Zinsen oder höhere Staatsausgaben, so ließen sich die anderen Kabinettsangehörigen belehren, könnten eine unter Energiemangel leidende Wirtschaft nicht wieder in Schwung bringen. Wirtschafts-Staatssekretär Otto Schlecht: »Öl ist zwar auch eine Liquidität, aber man kann es nicht durch Geld ersetzen.«

Statt auf Konjunkturgesetze und Globalsteuerung besannen sich die Bonner Wirtschaftslenker auf jenes Dekret, das ihnen Einblick in die Geschäftspraktiken von Großunternehmen erlaubt: das Kartellgesetz, nach dem marktbeherrschende Unternehmen gezwungen werden können, den Berliner Wettbewerbshütern ihre Kalkulation offenzulegen.

Die Bonner wollen verhindern, daß die vier Mineralölriesen Aral, Esso, Shell und BP mit der Notlage aller wuchern. Immerhin: Seit Ende Oktober stiegen die Raffinerie-Abgabepreise für Benzin von 15 auf 20 Pfennig je Liter. für leichtes Heizöl gar von 16 bis auf 26 Pfennig. --

Nur leise murrend haben die Manager der Öloligarchie am vergangenen Mittwoch dem Wirtschaftsminister zugesagt, ihre Kostenrechnung und ihre Verdienstspannen offenzulegen. Eines können die Töchter der multinationalen Gesellschaften jedoch verschweigen: den Gewinn, der bereits in den Einkaufspreisen steckt, die sie mit ihren Müttern verrechnen. Hans Friderichs mahnte die Repräsentanten des Ölbusineß: »Wie Sie sich jetzt verhalten, wird eine Rolle dabei spielen, wie man nach der Krise von Ihnen denken wird.«

Auf die Frage, wer denn der Mahnung Gewicht geben soll, antwortete ein Kanzler-Berater: »Der liebe Gott.«

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