Älteste Tageszeitung der Welt Die »Wiener Zeitung« kämpft ums Überleben

Von Kaiser Joseph über die Französische Revolution bis heute: Die »Wiener Zeitung« berichtet seit 1703 und zählt zum nationalen Kulturgut in Österreich. Nimmt die Regierung nun das Ende in Kauf?
Von Walter Mayr, Wien
»Wiener Zeitung«: Als die Zeitung 1703 gegründet wurde, waren die Türken gerade mal 20 Jahre aus Wien verschwunden

»Wiener Zeitung«: Als die Zeitung 1703 gegründet wurde, waren die Türken gerade mal 20 Jahre aus Wien verschwunden

Foto: imago stock&people / SKATA / imago images

Die langlebigste Tageszeitung der Welt wird im Wiener Schlachthofviertel gemacht. Dort, im dritten Stock eines funktionalen Würfels aus Beton und Glas, sitzt mit Blick über die Dächer der Hauptstadt Walter Hämmerle, Chefredakteur der »Wiener Zeitung«. Sein Thema an diesem Morgen: Wie er verhindern will, dass sein ehrwürdiges Blatt im 318. Jahr des Bestehens den Zeitungstod stirbt.

Vor sich hat Hämmerle die druckfrische Ausgabe liegen. Darin wird dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz »öffentliche Inszenierung« in Impffragen vorgeworfen. Der Autor des Leitartikels: Hämmerle selbst. Das ist insofern bemerkenswert, als er, der Chefredakteur, offiziell vom Kanzler ins Amt befördert wurde – die »Wiener Zeitung« ist zu hundert Prozent Eigentum der Republik Österreich. Ihr ranghöchster Redakteur untersteht also, wenn man so will, dem Inhaber der Regierungsgewalt.

Kriegsnachrichten und kaiserliche Treibjagd

Als die Zeitung gegründet wurde, 1703, waren die Türken unter Großwesir Kara Mustafa Pascha gerade mal 20 Jahre aus Wien verschwunden, und es regierte Kaiser Joseph I. »Mit Ihro Römischen Kayserlichen Allergnädigsten Privilegio« versprach das anfangs »Wiennerisches Diarium« genannte Blatt, ab sofort »alles Denckwürdige« zu berichten. Man legte los mit Kriegsnachrichten vom Gardasee und mit der Aufzählung der von kaiserlicher Hand bei einer Treibjagd erlegten Hirsche.

Wie aber ist es, eine Zeitung zu leiten, die – angefangen von der Menschenrechtserklärung der französischen Revolutionäre 1789 über den Triumphzug Adolf Hitlers zum Wiener Heldenplatz 1938 (»Das deutsche Volk ist erwacht, der Frühling der deutschen Nation angebrochen«) bis hin in die Gegenwart – seit Jahrhunderten das Weltgeschehen beschreibt? »Als ich 2018 mein Amt antrat, habe ich ein Versprechen abgegeben«, sagt Hämmerle. »Ich werde alles dafür tun, dass auf meinem Grabstein später nicht steht ›Letzter Chefredakteur der Wiener Zeitung‹.«

»Nicht ferngesteuert von Klick-Algorithmen«

Momentan deutet Einiges darauf hin, dass Hämmerle wortbrüchig werden muss. Kanzler Kurz von der konservativen ÖVP, der gemeinsam mit den Grünen regiert, hat im Koalitionsvertrag die Abschaffung der Pflichtinserate festschreiben lassen – der Unternehmensnachrichten im Amtsblatt-Teil der »Wiener Zeitung«. Mit jährlich 18 Millionen Euro schlagen die Verlautbarungen auf der Einnahmenseite des Verlags zu Buche. Entfiele dieser Bilanzposten ganz oder teilweise, weil die Pflichtinserate gemäß der neuen EU-Richtlinie 2019/1151 künftig digital erledigt werden dürfen, so stünde die »Wiener Zeitung« mit ihren 45 Vollzeitredakteuren schlagartig vor dem Aus.

Nimmt die Regierung das Ende billigend in Kauf? »Die Entscheider geben uns nicht das Gefühl, dass das, was wir hier tun, unbedingt erhaltenswert wäre«, sagt Hämmerle. »Mit dem nötigen politischen Willen wäre das Überleben dieser kleinen, aber feinen Tageszeitung der Republik zu sichern.« Die »Wiener Zeitung« sei eine Marke, die nicht so einfach zum »Verramschen« freigegeben werden dürfe: »Wir liefern Hardcore-Qualitätsberichterstattung und Vielfalt, wir fragen nach Relevanz, setzen auf Entschleunigung und lassen uns nicht von Klick-Algorithmen fernsteuern.«

In der Tat liefert die »Wiener« zum Schleuderpreis von einem Euro pro Exemplar solide Auslandsberichterstattung und anspruchsvolles Feuilleton. Das allein darf als Verdienst gelten innerhalb der überschaubaren österreichischen Presselandschaft, in der kleinformatige Boulevardblätter von der öffentlichen Hand besonders üppig mit bezahlten Annoncen und Presseförderung bedacht werden. »Wir können nicht einfach Geld zuschießen«, sagt die Mediensprecherin der Grünen – ganz so, als geschähe das nicht seit Jahren auf andere Art bei Zeitungen von deutlich geringerer Qualität, aber größerer Reichweite.

Gut 10.000 Leser hat die »Wiener Zeitung« unter der Woche, viermal so viele sind es am Wochenende. Dann nämlich wird das Blatt in branchenintern »Klau-Tascherl« genannten Plastikbehältern an Straßenecken zur freiwilligen Bezahlung angeboten.

Prominente protestieren gegen das Ende

»Man sollte eigentlich annehmen, dass die Eigentümer mit einem Juwel wie der ›Wiener Zeitung‹ wuchern«, sagt Hämmerle, »aber das ist nicht der Fall«.

Momentan habe die Regierung die »Pausetaste« gedrückt, eine sofortige Schließung des Blatts sei erst einmal vom Tisch. Gleichzeitig wächst der Widerstand in der Öffentlichkeit: Prominente wie Altbundespräsident Heinz Fischer und die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, fordern den Fortbestand der Zeitung. Eine gleichlautende Petition unterschrieben binnen wenigen Tagen mehr als 3300 Menschen.

Ob das genügt? Er fürchte, dass man das Blatt aus dem Jahr 1703 noch eine Weile »auslaufen« lasse, bis die öffentliche Empörung abgeflaut sei – dann werde zugesperrt. Ein Eigentümerwechsel aber müsse nicht das Ende sein, sagt Hämmerle, ein Mäzen könnte sich finden: »Die ›Wiener Zeitung‹ ist eine Marke, und ich glaube zu wissen, dass an dieser Marke durchaus Interesse besteht.«