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ÄGYPTEN Offene Hand

Hunderttausende Ausländer treibt es, die pharaonischen Tempel zu sehen. Der Tourismus hat den Baumwoll-Export als Devisenbringer überflügelt - trotz vieler bürokratischer Hemmnisse. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Ein rostbrauner Koloß, 28 Stockwerke hoch, überragt seit kurzem die anderen Hochhäuser an Kairos Nilufer: das Semiramis Inter-Continental, mit Platz für 952 Gäste.

Nur wenige Meter daneben steht das Fünf-Sterne-Hotel Shepheard's, im Umkreis von einem Kilometer warten weitere sechs Mammut-Hotels der Spitzenklasse auf zahlungsfähige Ägypten-Besucher. »Die Leute kommen in Scharen aus aller Welt. Das Tourismus-Zentrum des Nahen Ostens heißt 'Misr' - Ägypten«, frohlockt Tourismus-Manager Wagih Schandi.

Das ist keine orientalische Übertreibung: Im ersten Halbjahr 1987 zog es bereits 900000 Touristen ins Land der Pharaonen, fast ebenso viele wie im gesamten Vorjahr.

Auf dem Nil zwischen Kairo und Assuan kreuzen inzwischen 65 Touristendampfer, sie bringen das ganze Jahr über Tausende von Besuchern zu dem, was Ägypten einmalig macht: zu den Pharaonen-Tempeln Abydos, Dendera, Edfu und Kom Ombo, zu den gewaltigen Mauern und Sphinxen von Karnak und Luxor, zu den Gräbern im Tal der Könige, an den 500 Kilometer langen Assuan-Stausee mit den vor dem Wasser geretteten Tempeln von Abu Simbel.

Klimatisierte Schlafwagenzüge und eine Airbus-Flotte verbinden die Hauptstadt mit den historischen Stätten des Niltals. Die amerikanische Fluggesellschaft TWA und die einheimische Egypt-Air haben eine Direktverbindung nach New York eröffnet, um Dollar-Touristen ohne Umweg ins Land zu schaffen. Die Lufthansa fliegt neben der Hauptstadt Kairo nun auch Alexandria an, Ägyptens Sommermetropole am Mittelmeer. Chartermaschinen verfrachten Reisegruppen im Direktflug ins oberägyptische Luxor, wo in diesem besonders heißen Sommer selbst 46 Grad im Schatten den Boom nicht bremsten.

Über eine Milliarde Mark brachte die Tourismusindustrie allein im vergangenen Jahr dem Land ein. Sie rückte damit unter den staatlichen Einnahmequellen auf Platz drei vor, hinter den Überweisungen der ägyptischen Gastarbeiter im Ausland und dem Erlös aus dem Erdölgeschäft, aber noch vor dem klassischen Devisenbringer Baumwolle und den Benutzungsgebühren des Suez-Kanals.

Früher galt Ägypten allenfalls als Winterziel englischer Lords, die im trockenen Klima etwa des südägyptischen Kataraktstädtchens Assuan ihr in feuchtkalten Schlössern erworbenes Rheuma auskurierten. Inzwischen hat Ägypten selbst Israel mit seinen heiligen Stätten an Besucherzahl überrundet.

Dem Ansturm war das Land zunächst nicht gewachsen. Doppelbuchungen oder verschlampte Reservierungen vergrätzten die Touristen. Ein Zimmer im Nile Hilton an der Uferpromenade des großen Stroms war, trotz Vorbestellung, häufig meist nur nach Zahlung eines Bakschisch von mindestens fünfzig Mark zu bekommen.

Doch dieser Betten-Engpaß ist nun beseitigt. Allein in Kairo gibt es drei Sheratons, zwei Hiltons und zwei Meridiens.

Einige Kairoer Luxushotels zahlen zu den schönsten der Welt, etwa das Marriott auf der Nil-Insel Zamalek, dessen Hauptkomplex einst der prunkvolle Palast des ehemaligen Baumwollkönigs Lutf Allah war.

Im historischen Mena House Hotel am Fuße der Cheopspyramide, wo zahlungswillige Gäste im Bett Winston Churchills schlafen können, oder in den 1500-Mark-Suiten

der obersten acht Etagen des neuen Sheraton Gezira trifft sich der Jetset der arabischen Welt. Ölscheichs und Geschäftsleute wie der saudiarabische Waffenhändler Adnan Kaschoggi erholen sich im angenehmen Ambiente von der asketischen Strenge ihrer Heimatländer.

Kein Verbot trübt ihre Lebensfreude. So können auch die Saudis in Ägypten selbst im Fastenmonat Ramadan weiter Whisky und Cognac konsumieren. In den Spielkasinos von Kairo und Alexandria zocken die Wüstensöhne um gewaltige Summen.

Die schwerreichen Golf-Araber verdarben die Hotelpreise, deshalb stoppten die staatlichen Tourismus-Manager den Wucher durch streng kontrollierte Verordnungen. Fazit: In einem Fünf-Sterne-Hotel kostete 1984 ein Zimmer etwa 230 Mark, dieses Jahr gerade noch 100. Ein durchschnittliches Mittagessen im Restaurant ist schon für 20 Mark zu haben.

Dem Ausbau ihrer Tourismus-Industrie läßt sich die Regierung einiges kosten. Vollklimatisierte Dieselzüge mit komfortablen Schlafabteilen, von MAN eigens nach ägyptischen Vorgaben gebaut, bieten den Reisenden auf der 900 Kilometer langen Strecke von Kairo nach Assuan einen reizvollen Blick auf die Nillandschaft.

Westlichem Standard entsprechen auch die neuen Autostraßen, die gebührenpflichtige Wüstenpiste von Kairo nach Alexandria etwa und die gut ausgebauten Autobahnen von Kairo nach Suez und Ismailia. Eine wachsende Zahl von Reisenden erschließt sich deshalb das Land der Pharaonen inzwischen per Mietwagen, vor kurzem noch unmöglich.

Durch die Halbinsel Sinai führt eine rund 250 Kilometer lange Mittelmeer-Küstenstraße, die Ägypten mit Tel Aviv verbindet. Täglich verkehren dort die Busse der ägyptischen East Delta Bus Company und des staatlichen israelischen Transportunternehmens Egged zwischen Kairo, Tel Aviv und Jerusalem.

24000 Israelis machten 1986 Urlaub im ehemaligen Feindesland. Weil immer mehr Nahost-Touristen einen Israel-Besuch mit einem Abstecher nach Ägypten verbinden, mußten die Luftverkehrsgesellschaften beider Länder die Flugfrequenz zwischen Kairo und Tel Aviv auf einen Flug pro Tag erhöhen.

Das Geschäft läuft so gut, daß sich die israelische Fluggesellschaft El Al um zusätzliche Landerechte in Luxor bemüht, dessen pharaonische Königsgräber und Sakralbauten viele Besucher weit mehr anzieht als die laute und schmutzige Megalopolis Kairo.

Sosehr sich die Regierung bemüht, auch den verwöhnten Urlauber zufriedenzustellen - vieles liegt noch im argen. Das gilt vor allem für die staatlich geleiteten Hotels. Sie sind oft nach dem Prinzip geführt: viel Bürokratie und wenig Effizienz.

Vor einigen Monaten erst raffte sich das Tourismus-Ministerium endlich dazu auf, die Staatshotels zu modemisieren. Bisher praktisch unkündbaren und wenig strebsamen Bediensteten droht Entlassung, renommierte ausländische Hotelketten sollen die Staats-Unterkünfte auf das Niveau der gepflegten privat betriebenen Hotels anheben.

Natürlich funktioniert das Dienstleistungsgewerbe vor allem auf dem Land noch wie im Orient üblich - nämlich schlampig. Weil die Zahl der Absolventen der Hotelfachschulen in Luxor (unter deutscher Aufsicht), Alexandria und Ismailia mit der rasch wachsenden Nachfrage nicht schritt hält, greifen die Manager in ihrer Not auf junge Leute zurück die ihr Studium abgebrochen haben und sich in der berechtigten Hoffnung auf guten Verdienst als Kellner, Küchengehilfen oder Fremdenführer verdingen.

Die jungen Damen, die etwa im Coffeeshop des Meridien Hotel in Kairo Pfirsich Melba und ägyptisches Stella-Bier an die Marmortische bringen, kommen im Monat auf durchschnittlich von 1200 bis 1600 Mark.

Ein junger Ingenieur bei einer Staatsfirma bringt dagegen ganze 150 Mark nach Hause. Folge: Viele unqualifizierte Kräfte drängen auf den lukrativen Markt.

Korruption und Faulheit der allgegenwärtigen Bürokraten sind immer noch die hartnäckigsten Feinde der ägyptischen Tourismus-Industrie. So klagen viele Hotel-Manager über die unzuverlässigen staatlichen Importfirmen, die allein berechtigt sind, die vielen in Ägypten nicht produzierten Genußmittel einzuführen.

Beispiel: Um französischen oder Schweizer Käse zu importieren, sind über zwei Dutzend Unterschriften erforderlich. Ist der Camembert oder der Gruyere dann endlich am Flughafen eingetroffen, dauern die Zollformalitäten nicht selten bis zu sechs Wochen.

Weil der ägyptische Wein »mal vollmundig, mal wie Essig schmecken kann« - wie ein deutscher Hotel-Manager in Kairo bemängelt -, ziehen gute Häuser europäische Importweine dem qualitativ nicht kalkulierbaren Rebensaft der ägyptischen Staatsgüter vor. Die unberechenbaren Zöllner, die bisweilen ein Bakschisch erwarten, setzen aber mitunter willkürlich so hohe Tarife an, daß eine Flasche einfacher Burgunder bis zu 200 Mark kosten kann.

Besonders tourismusfeindlich sind die Praktiken der Sittenpolizei. »Das Zusammenwohnen von Nichtverheirateten in Hotelzimmern ist in Ägypten nicht möglich«, berichtet der Ägypten-Repräsentant eines großen italienischen Reiseunternehmens. Da alle Formen von Prostitution hart geahndet werden, müssen Junggesellen auf einem Erholungsurlaub am Nil enthaltsam leben.

Auch sonst sollen sich die Besucher aus dem Westen tunlichst mit nichts anderem beschäftigen als mit Ägyptens fünftausendjähriger Geschichte, dem Einkauf von Souvenirs und dem Bräunen ihrer Körper in der Wüstensonne.

Über die Politik des Landes zu reden, ist den Fremdenführern unter Androhung von Geldstrafen verboten.

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