Zur Ausgabe
Artikel 24 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

PSYCHIATRIE Ohne Bewährung

Nur sechs Monate amtierte der reformfreudige Psychiatrie-Professor Horst Flegel als Chef der größten West-Berliner Nervenklinik. Auf Protest von Kollegen wurde der renommierte Mediziner entlassen.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Das Kollegium des West-Berliner Bezirksamtes Reinickendorf stand mit dem Rücken an der Wand. Bezirksbürgermeister Herbert Grigers, 43, hatte nach eigenem Bekunden nur noch »drei Quadratmeter Luft zum Atmen«, und Volksbildungsstadtrat Horst Dietze, 44. sah vor sich lauter »rhythmisch klatschende, fanatisierte Menscher«.

So kämpferisch gebärdeten sich am Montag letzter Woche 500 Demonstranten, die zunächst vor Grigers Rathaus zogen und später in seine Amtszimmer drängten: Sozialarbeiter und Krankenschwestern, Pfleger und Beschäftigungstherapeuten, Studenten und Ärzte. Sie trugen Transparente ("Weg mit den Verwahranstalten"), und sie skandierten: »Geschossen wird auf Flegel, gemeint ist das Reformprogramm.«

Geschössen worden war auf Professor Dr. Horst Flegel, 49, ärztlicher Direktor der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, des größten West-Berliner psychiatrischen Krankenhauses. Das Reiniekendorfer Riesenhaus (2500 Betten. 1250 Bedienstete) ist vor allem jugendlichen Rauschgiftdelinquenten als »Bonmies Ranch« geläufig.

Erst im Mai dieses Jahres hatten die Bezirksverwalter den Psychiatrie-Professor unter vier Bewerbern ausgewählt und von Düsseldorf nach Berlin geholt -- als einen »der modernen Entwicklung der psychiatrisch-neurologischen Diagnostik und Therapie aufgeschlossenen« Praktiker (so der Ausschreibungstext). Nun, sechs Monate später, sah sich das Bezirksamt »zu seinem Bedauern außerstande, die gesetzlich vorgesehene Bewährung zu bejahen«. Anders gesagt: Reformer Flegel war gefeuert -- obschon jener West-Berliner Mauerbau für Fallsüchtige und Fixer, Debile und Depressive dringend der Reform bedarf.

Zusammengepfercht in sanierungsreifen Backsteinhäusern (viereinhalb Quadratmeter pro Patient), dürftig beschäftigt mit Küchendienst oder Gartenarbeit dämmern die meisten Kranken rasch in totale Entmündigung hinüber.

Häufig unzulänglich ausgebildetes, jedoch mit nahezu unumschränkter Macht ausgestattetes Pflegepersonal wartet -- bei einem Tagessatz von 26 Mark -- diese Kranken. Lieblos verwahrt und in der Regel nur durch Psychopharmaka ruhiggestellt, werden die zu Heilenden einer Institution ausgeliefert, deren »krasse chronische Mißstände«. wie ein Assistenzarzt der Karl-Bonhoeffer-Heilstätten notierte, »eine sinnvolle Behandlung unmöglich machen«.

Sinnvollere Behandlung war das erklärte Ziel des neuen Direktors gewesen. Nach Flegels Reform-Modell, der therapeutischen Gemeinschaft, sollen die Kranken gemeinsam mit einem Team von Ärzten, Sozialarbeitern und Psychologen ihren Heilungsprozeß forcieren. Kleine Patienten-Gruppen sollen, etwa durch regelmäßige Treffs, aus ihrer Isolierung befreit werden, in ihrer Freiheit sowenig wie möglich beschränkt sein und so in einer veränderten Klinikatmosphäre selbst am Abbau der Distanz zwischen Behandelnden und Behandelten mitwirken.

Fernziel Flegelscher Milieu-Therapie: möglichst eigenständige Wohngemeinschaften und Abschaffung der überkommenen Polarität Arzt -- Patient. Derart grundsätzliche Veränderungen der Krankenhaus-Struktur allerdings können, so Flegel schon 1965, nur »evolutiv« erfolgen: Man müsse mit »einer Zeitdauer von fünf bis zehn Jahren rechnen«.

Dieses Langzeitprogramm stützt sich auf Erfahrungen anderer Kliniken etwa der rheinischen Landesnervenklinik Düsseldorf. wo Flegel, nach Studien an den renommierten englischen Modell-Institutionen Claybury und Tavistock, mit diesem Konzept Erfolg hatte.

Den Reinickendorfer Rathaus-Regenten (Stadtrat Dietze: »Ich verstehe etwas von Gruppendynamik") aber dauerte schon ein halbes Flegel-Jahr zu lange. Zwar hatte Dienstherr Grigers noch bei der feierlichen Amtseinführung das Klinikpersonal beschworen: »Dieser neue Mann braucht, trotz sicherlich auftretender Spannungen, das Vertrauen aller.« Das Vertrauen des Festredners jedoch besaß Flegel schon damals nicht mehr.

Denn bereits zwei Tage später verordneten die Bezirksamt-Männer ihrem überraschten Star eine Probezeit von drei Monaten, die später um ein weiteres Quartal verlängert wurde.

In diesem halben Jahr formierten sich die Flegel -Gegner: Oberärzte, Oberpfleger und Personalrat. Flegel gelang es nicht, wie die Bezirks-Politiker formulierten, ein »vertrauensvolles Klima der Zusammenarbeit« herzustellen. Und die »Angst, daß die therapeutische Demokratie das Chaos entbinde«, trieb, wie Flegel es sieht, die Verwalter von »Bonnes Ranch« schließlich zum Entlassungsbrief.

Bemängelte Oberpfleger Karl-Heinz Klünder, Vorsitzender des Personalrats: »Flegel ist wahrscheinlich nicht imstande, die Reform in die Tat umzusetzen, denn er hat uns sein Konzept nicht zugeleitet zum Zwecke einer Einigung.« Und die Abteilungsleiterin Dr. Lilian Barth (Forensische Psychiatrie) artikulierte die Bedenken ihrer Oberarzt-Kollegen: »Mit konfusen Ideen haben Flegel und seine Truppe von Jüngern Nabelschau betrieben ----- an der Realität. wo sie änderbar wäre, bat sich nichts geändert. Mit Ideen kommt man hier nicht weiter, hier kommt man mit Millionen weiter. Wir brauchen neue Häuser. Aufnahme-Stopp, neue Kliniken.

Trotz der Protest-Attacke von Flegel-Freunden gegen das Rathaus und ungeachtet der Warnungen von Berlins Gesundheitssenator Professor Hans-Georg Wolters ("Nicht vertretbar, ihn jetzt wegzuschicken") sowie des Präsidenten des Gesamtverbandes deutscher Nervenärzte, Professor Walter Theodor Winkler ("Erheblicher Rückschlag für die Entwicklung der Krankenhauspsychiatrie"), wollen die Reinickendorfer Regierenden bei ihrem Entscheid bleiben. Der »Marburger Bund«. Vereinigung deutscher Krankenhausärzte. übernahm inzwischen Flegels Rechts-Vertretung und kündigte gerichtlich Schritte an.

Bürgermeister Grigers wähnt sich dem Rat derer, die den Abgang des Reformers für einen wissenschaftlichen Verlust halten, klar überlegen: »Das ist die Kampagne einer professoralen Mafia.«

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.