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CDU Ohne Bindefähigkeit

CDU-Manager Geißler will seine Parteizentrale schlagkräftiger machen - mit mehr Einfluß und Geld. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Die Staatsgeschäfte mögen noch so drängen, für sein Parteivolk nimmt Helmut Kohl sich Zeit.

Mal hebt ein Kreisvorsitzender das Telephon ab, und am Apparat ist der Bundeskanzler, um zum Geburtstag zu gratulieren. Mal widerfährt einem Basisdelegierten die Ehre, daß der Vorsitzende die Ortshonoratioren warten läßt, weil er in der Wohnküche des Parteifreundes den Kochkünsten der Hausfrau seine Reverenz erweist.

Die Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktionen lädt Kohl zum Essen ins Kanzleramt, Besuchergruppen aus Kreisverbänden dürfen in der Regierungszentrale ihrem »lieben Helmut Kohl« die Aufwartung machen - derlei Fürsorglichkeit und menschennahe Anteilnahme zahlen sich aus in Gefolgschaftstreue der Beglückten.

Hier wurzelt Kohls Stärke, die ihn, glaubt er, jedem Herausforderer aus den eigenen Reihen überlegen macht. Gerne brüstet er sich gegenüber seinem Generalsekretär, daß er viel besser als Heiner Geißler mit dem Innenleben der Partei vertraut sei und auch viel mehr Würdenträger persönlich kenne.

Tatsächlich dient die Basisarbeit des Parteichefs dessen Machterhalt, weniger dem Gesamtwohl der Partei. Jetzt möchte der »geschäftsführende Vorsitzende« (Geißler über Geißler) - vorbei an Kohls undurchschaubarem Beziehungsgeflecht - seinen Einfluß in der CDU ausbauen. Beim Parteitag im Juni stehen Beschlüsse zur »Parteireform« an: Geißlers Zentrale im Konrad-Adenauer-Haus will versuchen stärker in die Gliederungen der Gesamtpartei hineinzuwirken und die CDU vor Ort attraktiver zu machen.

Denn es steht ja nicht zum besten mit der Union draußen im Lande. Seit 1984 hat die CDU über 20 000 Mitglieder verloren; die Zahl lag 1987 bei 715 000, und seither ging es weiter bergab. Allein in Nordrhein-Westfalen, im größten Landesverband, verlor die CDU im vergangenen Jahr 3000 Beitragszahler.

Die Partei ist überaltert. Nur 3,5 Prozent der Mitglieder sind jünger als 24 Jahre. Vor der Jungen Union in Wuppertal beklagte Norbert Blüm, alle großen Parteien litten unter abnehmender »Bindefähigkeit«. Die Union habe noch nicht hinreichend jenen »Erdrutsch« zur Kenntnis genommen, in dem sich die Menschen von ihr wegbewegten.

Woran es hapert, meint das Adenauer-Haus zu wissen. Die örtlichen CDU-Verbände sind zu sehr mit sich beschäftigt, zu einseitig auf Kommunales fixiert, bei weitem nicht ausreichend an der Diskussion bundespolitischer Themen interessiert.

Mitte April will der Vorstand in einem Leitantrag den Kurs der Erneuerung vorgeben. Die hauptamtlichen Geschäftsführer der 251 CDU-Kreisverbände sollen von organisatorischem Kleinkram entlastet werden und sich mehr der politischen Arbeit mit den Bürgern widmen. Gedacht wird an die Einrichtung moderner Dienstleistungszentren, die für mehrere Kreisverbände technische Arbeiten wie Finanzen, Mitgliederbetreuung, Einladungen erledigen.

Nicht zufrieden ist das Adenauer-Haus mit der Qualifikation mancher unterer Funktionäre. Verbesserte Schulung sei geboten. Mehr mitbestimmen möchte die Parteizentrale vor allem bei der Auswahl von Führungspersonal.

Bislang hat die Parteispitze kein Recht, Landesverbänden beim Aufstellen der Listen für die Bundestagswahl hineinzureden. Mit Hilfe einer Satzungsänderung soll der CDU-Vorstand künftig mindestens zehn Kandidaten seiner Wahl ins Parlament hieven können, die, etwa wegen ihres Fachwissens, in der Fraktion gebraucht werden, in ihren Landesverbänden aber keinen ausreichenden Rückhalt haben.

Klar, daß Manager Geißler auch ans Geld denkt. Um die Ende 1986 mit 16,8 Millionen Mark verschuldete Bundespartei aufzupäppeln, will er den Landesverbänden für seine Bundeskasse pro Mitglied zwei statt bisher eine Mark abfordern.

Offen ist, wie sich Helmut Kohl zu all den schönen Plänen stellt. Mit seinem Widerwillen gegen einen Machtzuwachs für Geißlers Zentrale weiß er sich mit der Basis einig - eben immer ein Mann des Parteivolkes.

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