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Rüstung Ohne Biß

Modernste Himmelsspäher aus den USA sollten den Aufmarsch der Friedenstruppen in Bosnien absichern. Doch die Premiere mißlang.
aus DER SPIEGEL 1/1996

Alles fing bestens an: Der neue unbemannte Aufklärungsflieger mit dem modernsten Satellitenkommunikationssystem und dem bedrohlichen Namen »Predator« (Raubtier) war noch keine 40 Stunden in der Luft erprobt worden, als er aus den USA auf dem geheimen Stützpunkt der Amerikaner 50 Kilometer nördlich der albanischen Hauptstadt Tirana eintraf.

Der erste Einsatz über dem bosnischen Kriegsgebiet begann vielversprechend. Die Kameras lieferten Live-Aufnahmen vom Überwachungsgelände - auch an das Nato-Kommando Südeuropa in Neapel, wo die Lufteinsätze der Allianz koordiniert werden.

Die Bilder, die dort eintrafen, entsprachen dem Wunschtraum militärischer Aufklärer: Noch aus 5000 Meter Höhe war jeder Panzer, jeder Lastwagen, jedes Artilleriegeschütz auszumachen - wenngleich vorerst nur bei klarem Wetter. Das elektro-optische Überwachungssystem mit seiner 900-Millimeter-Linse erlaubte sogar die Identifizierung einzelner Personen.

Die Militärs im fernen Neapel waren begeistert. Zwar wurde die Drohne von der geheimen Einsatzgruppe in Albanien gelenkt, aber die Offiziere in der süditalienischen Nato-Zentrale hatten die Möglichkeit, einzugreifen und den Raubvogel nach eigenen Bedürfnissen zu steuern.

Was die Aufklärer erlebten, war Multimedia-Krieg live: Sie ließen den Flieger unter die Wolkendecke sinken und überwachten den Verkehr auf den bosnischen Bergstraßen. Deutlich waren Flüchtlingstrecks zu erkennen sowie Militäreinheiten und Panzer.

Das UAV (Unmanned Aerial Vehicle), wie die Maschinen im Abkürzungswahn der Militärs heißen, arbeitete nach Aussage der Nato-Aufklärer »absolut fehlerfrei« - bis zu der Sekunde, in der die Bilder auf den Terminals einfach erloschen. Der Himmelsspion war nach gut einer Stunde von serbischer Luftabwehr erfaßt und abgeschossen worden.

Vier Tage später mußte ein zweiter Späher zur Selbstzerstörung gegen eine Bergwand gelenkt werden, damit der wohl von Geschoßsplittern getroffene Aufklärer (Stückpreis je nach elektronischer Ausrüstung: zwischen 1,5 und 3,2 Millionen Dollar) nicht in serbische Hände fiel - die US-Streitkräfte hatten ihre jüngste Waffenpleite.

Obwohl das Pentagon in den vergangenen 20 Jahren über vier Milliarden Dollar investierte, fehlt den nur eingeschränkt nutzbaren UAV-Systemen der letzte Biß. Anfang November wurden die beiden noch unversehrten Drohnen klammheimlich von ihrem albanischen Stützpunkt abgezogen und zur kalifornischen Heimatbasis El Mirage zurückgebracht.

Dort sollen sie nun mit einem neuen Spezialradar ausgerüstet werden, das ihnen künftig erlauben wird, aus sicherer Höhe auch durch Wolken hindurch die Lage zu erkunden. Frühestens im März, wenn der Aufmarsch der 60 000 Friedenssoldaten längst abgeschlossen ist, können die Himmelsspäher wieder eingesetzt werden - bis dahin müssen sich die Amerikaner mit einem veralteten Modell begnügen, das nach Ansicht von Experten so häufig vom Himmel fällt wie »Äpfel vom Baum«.

Ein Mißerfolg im Golfkrieg hatte die Entwicklung der neuen Wunderwaffe vorangetrieben. Daß es den Amerikanern nicht gelungen war, die mobilen »Scud«-Raketen des irakischen Diktators Saddam Hussein zu entdecken, erneuerte den alten Wunsch der Aufklärer, die Lage am Boden eines Krisengebiets mit ähnlicher Präzision zu erkunden, wie es die »Awacs«-Flugzeuge für den Luftraum schon seit langem leisten.

Wegen der schlechten Wetterbedingungen zu Beginn des bosnischen Winters, vor allem aber wegen der vielen mobilen Luftabwehrraketen der Serben sind Hubschrauber nur bedingt für Aufklärungsflüge geeignet. Schultergestützte Abwehrgeschosse vom Typ SA 7 und ihre zahllosen zum Teil selbstgebastelten Nachbauten seien auf dem Balkan »praktisch so weit verbreitet wie schlichte Granatwerfer«, klagt Oberst James Cartwright von den Marineinfanteristen.

Zwar werden auch über Bosnien Aufklärungsflugzeuge wie etwa die in größter Höhe operierenden E-8 »Joint Stars« und sogar der Spionageveteran U-2 eingesetzt. Aber in Bergschatten oder uneinsehbarem Gelände sollten die Predators ungleich bessere Arbeit leisten.

Doch auch wenn die Raubvögel, ausgerüstet mit dem neuen wolkendurchdringenden Radar, tatsächlich im März wieder an den Himmel über Bosnien zurückkehren, droht neuer Streit um ihre Tauglichkeit. Die Auswerter an den Monitoren fürchten, von Bildern dann so überhäuft zu werden, daß sie ohne computerunterstützte Orientierungshilfen in der Datenflut ertrinken würden.

»Da sitzt man am Terminal und hat Zugang zu allen Informationen, aber man muß trotzdem wissen, wie man sie herausfiltern kann«, sagt Generalleutnant Clarence McKnight, ehemals zuständig für Führungs- und Informationssysteme bei den Vereinigten Stäben. »Andernfalls wäre es so, als dusche man unter den Niagarafällen: Man wird zwar sauber - aber auch durch die Flut erschlagen.«

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