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ATOMLOBBY Ohne einen Pfennig

Eine »sehr vertrauliche« Aktennotiz enthüllt, wie die nach Tschernobyl bedrängte Kernkraft-Industrie Propaganda-Helfer in Marsch setzte. *
aus DER SPIEGEL 29/1986

Der Präsident wandte sich in gebotener Würde »an die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West)«. Seine Botschaft: »Kein Bürger« hierzulande habe durch den Reaktorunfall in Tschernobyl »gesundheitliche Schäden erlitten«, die Wahrscheinlichkeit, daß in Zukunft Schäden aufträten, sei »äußerst gering«. Im übrigen habe die Bundesregierung »der Situation angemessen« reagiert.

Der Präsident heißt Dr. med. Karsten Vilmar, er ist Chef der Bundesärztekammer. In halbseitigen Zeitungs-Anzeigen ermahnte er seine Kollegen in den vergangenen Wochen ganz im Sinne von Bundesregierung und Atomindustrie, ihre Patienten auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse aufzuklären, um »unsinnigen Spekulationen, Unsicherheit und Hysterie« zu begegnen.

Zur Verwunderung des Präsidenten waren viele seiner Ärzte-Kollegen keineswegs beglückt über die Anzeige. Die Protestbriefe waren so zahlreich, daß der Oberarzt sie nicht mehr individuell, sondern nur mit einem Formbrief beantworten konnte.

Anstoß nahmen die Mediziner vor allem an den Hintermännern der insgesamt zehn Millionen Mark teuren Werbekampagne zum Nutzen der Nuklearindustrie. Verbreitet wird der vom Ärzte-Präsidenten verfaßte Aufruf nämlich von der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke e.V. (VDEW). Der Vorwurf vieler Ärzte: Vilmar habe sich als Lobbyist der Atomwirtschaft mißbrauchen lassen und damit der Glaubwürdigkeit des Berufsstandes geschadet.

Das trifft den Kern. Denn ausgeheckt wurde die Idee zur Schadensbegrenzung per Anzeige im Deutschen Atomforum, einem Verein mit dem einzigen Zweck, die friedliche Nutzung der Atomenergie zu propagieren. Die VDEW wurde nur vorgeschickt, um die wahren Lobbyisten in Deckung zu halten.

Bitter hatten sich die Kernkraft-Industriellen auf einer Sondersitzung des Atomforum-Präsidiums am 22. Mai in Frankfurt beklagt, der Reaktorunfall in Tschernobyl habe selbst »unter KKW-Befürwortern zu Verunsicherungen geführt«. Präsident Rudolf Guck, im Hauptberuf Badenwerk-Manager: »Viele Politiker fürchten um ihre Wiederwahl, wenn sie sich zur friedlichen Nutzung der Kernenergie bekennen.

Die Idee, die Bürger mit einer »großen Zeitungsinseratenaktion darüber aufzuklären, »warum die Kernenergie unentbehrlich ist«, kam dem Atomforum-Geschäftsführer Peter Haug. Doch zunächst lief er damit auf.

Präsident Guck, Kraftwerk-Union-Chef Klaus Barthelt, RWE-Manager Dietmar Kuhnt und Nukem-Geschäftsführer Peter Jelinek-Fink warnten vor einer solchen Aktion. Ihre in einer »sehr vertraulichen« Aktennotiz festgehaltene Sorge: »Die Grünen würden sofort gegenhalten mit der Behauptung, der angeschlagene Kapitalismus kämpfe um sein Überleben, und die Kernenergie-Lobby verpulvere das Geld der Stromkunden, um zu retten, was zu retten sei.«

Das Deutsche Atomforum, so auch VDEW-Geschäftsführer Horst Magerl, sei »der schlechteste Zeuge, da es in eigener Sache plädiere«. Gleichzeitig bot er sich selbst als geeignet an, das Geld der Stromkunden unauffälliger zu verpulvern. Die VDEW, so Magerl, vertrete alle Elektrizitätswerke, auch die, die gar nicht an der Kernenergie interessiert seien: »Sie erzeugen mit Kohle, Öl, Wasser oder Kernenergie Strom und können nicht zur Kernenergie-Lobby gerechnet werden.«

Präsident Guck entschied, was da vorgebracht werde, »sei einleuchtend«. Ärztekammer-Präsident Vilmar wurde daraufhin später gefragt, ob er mit der Veröffentlichung seiner Stellungnahme zu Tschernobyl durch die VDEW einverstanden sei.

Das Atomforum-Präsidium sann über weitere Mittel nach, das Image der Atomenergie aufzupolieren. Jelinek-Fink von Nukem erinnerte sich einer erprobten Verfahrensweise. Man solle doch einfach »20 einnußreiche Journalisten« zur Eröffnung einer internationalen Nuklearausstellung Anfang Juni in Genf einladen. Schon damals, am 22. Mai, war es nämlich beschlossene Sache, die Eröffnung der aufwendigen Atommesse ganz dem Thema Tschernobyl zu widmen, natürlich aus der Sicht der Industrie. Jelinek-Fink voller Vorfreude: »Da wird also darüber berichtet, ohne daß uns das einen Pfennig kostet.«

Weiter verlangte das Forums-Präsidium in Frankfurt, »daß auch die Industrie sich öffentlich klar für die Kernenergie aussprechen muß«. Die Runde beauftragte KWU-Chef Barthelt damit, Siegfried Mann, den Hauptgeschäftsfuhrer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), zu einer Anzeigenaktion a la VDEW zu überreden. Doch das Ergebnis war negativ: »Der BDI wird keine Anzeigen schalten.«

Zum Zeichen seines guten Willens bot Mann einen anderen Hilfsdienst an: BDI-Präsident Hans Joachim Langmann werde Präsidium, Vorstand und »eine ausgewählte Gruppe von Vorstandsvorsitzenden großer deutscher Unternehmen anschreiben und dort anregen, auf regionaler Ebene Gespräche mit der ortsansässigen Presse über die Bedeutung der Kernenergie zu führen«.

Die Aufmerksamkeit des BDI-Hauptgeschäftsführers galt aber nicht nur dem gemeinen Publikum in der Provinz. Alarmiert hatte ihn vor allem die skeptische Reaktion Richard von Weizsäckers auf die Katastrophe von Tschernobyl. Manns Hilfsangebot an die in Not geratenen Nuklear-Industriellen: »Der Präsident des BDI beabsichtigt, diese Fragen auch in einem offenen Brief an den Bundespräsidenten zur Sprache zu bringen.«

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