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STINNES-VOLKSAKTIEN Ohne Hugo

aus DER SPIEGEL 34/1961

Einer Ironie des Wahlherbstes ist es zuzuschreiben, daß eines der spektakulärsten Industrie-Imperien des Spätkapitalismus auf der Bonner Privatisierungsliste steht: Die Reste des Stinnes-Konzerns, den der Ruhrmagnat Hugo Stinnes in den Inflationswirren nach dem Ersten Weltkrieg zusammengerafft hatte, sollen nach dem Willen der CDU-Programmatiker an Kleinsparer verteilt werden.

Nach den Wahlen will die Bundesregierung ihren Anteil am Montankonzern Hugo Stinnes AG, in 100 -Mark-Volksaktien gestückelt, an die Kleinverdiener austeilen. Der Ausgabekurs soll voraussichtlich 200 Prozent betragen.

In der Eile des Wahlgeschäfts hat sich Bundesschatzminister Hans Wilhelmi sogar über die Bedenken eines Mannes hinweggesetzt, dessen Wort für gewöhnlich in Bonn schwer wiegt. Hermann Josef Abs, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, erklärte rundheraus, daß der Stinnes-Konzern »kein geeignetes Objekt zur Ausgabe von Volksaktien« sei, da seine Betriebe - vornehmlich Bergwerke sowie Unternehmen der See- und Binnenschiffahrt - allzu großen Unternehmer-Risiken ausgesetzt seien. Die Deutsche Bank, die ebenfalls an Stinnes beteiligt ist, möchte daher das Papier nicht gern in den Schubladen der Kleinverdiener sehen.

Problematisch dürfte das Unterfangen schon deshalb sein, weil der zweifelhafte Nimbus des Inflations-Gewinnlers Stinnes noch heute in deutschen Gauen fortstrahlt, ein Umstand, der auch gläubige Anhänger der christlichen Soziallehre verwirren könnte.

Der Mülheimer Konzerngründer und Kohlenkaufmann Hugo Stinnes, ein Mann mit Bürstenhaarschnitt, stechendem Blick und Assyrerbart, sammelte nach dem Ersten Weltkrieg mit Hilfe von Bankkrediten Firmen aller Branchen wie Bierseidel. Im Jahre 1924 gehörten ihm bereits 1535 Unternehmen mit rund 3000 Fabriken und Filialen, darunter allein 81 Kohlenbergwerke sowie 56 Hütten- und Walzwerke.

Auf dem Sterbebett vergatterte der Konzernherr 1924 seine beiden ältesten Söhne, Edmund und Hugo, die Konzernstrecke zu sichten und das erjagte Millionen-Vermögen zu konsolidieren. Unrentable Betriebe und Unternehmen sollten schnellstens verkauft werden.

Die Söhne hielten sich nicht an des Vaters Wort. Frühzeitig zerstritten, kauften sie unbekümmert weiter. Bereits ein Jahr nach Vater Hugos Tod war der Konzern konkursreif. Im Frühjahr 1925 mußte Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht Konzern-Wechselschulden in Höhe von 90 Millionen Mark begleichen, um den Trust vor einer Riesenpleite zu bewahren. Trotz dieser amtlichen Stützungsaktion ließ sich der Untergang nicht vermeiden.

Unter dem Druck der Gläubiger brach der Konzern stückweise auseinander. Viele Werke wurden regelrecht verramscht. Übrig blieben nur die Steinkohlenbergwerke Mathias Stinnes AG mit den Betrieben Chemiewerk Ruhröl

und Ruhrglas sowie einige Schiffahrtsunternehmen.

Um wenigstens die Reste seines Erbes zu retten, nahm Hugo Stinnes junior schon Mitte der zwanziger Jahre Verbindung mit amerikanischen Banken auf, die Stinnes schließlich eine Anleihe über 100 Millionen Mark gewährten. Aber der Preis war hoch: Der Konzern mußte in die neugegründete Hugo Stinnes Corporation mit Sitz in Baltimore (USA) eingebracht werden, an der die Mülheimer Familie lediglich einen Anteil von 50 Prozent erhielt. Die Mutter von Hugo Stinnes, Cläre, hatte bis zum Beginn des Krieges gerade noch drei weitere Prozent zugekauft und sich damit eine knappe Mehrheit gesichert, als die USA im

Jahre 1943 das Stinnes-Aktienpaket beschlagnahmten.

Auf Beschluß der Muttergesellschaft in Baltimore mußten die Stinnes im Juni 1948 aus der Konzernleitung ausscheiden. Die Amerikaner schickten einen Mann ihres Vertrauens nach Deutschland, den Manager Heinz P. Kemper. Unter Kempers Regie rückte die Zechengesellschaft Mathias Stinnes AG schon bald wieder unter die Großen der Ruhr. Neue Kokereien und Brikettfabriken warfen teilweise beträchtliche Gewinne ab. Die Glaswerke Ruhr produzieren derzeit 25 Prozent des deutschen Hohlglases. Der Konzern setzt jährlich etwa 800 Millionen Mark um.

Ende 1956 traf die amerikanische Regierung Vorbereitungen, die beschlagnahmten 53 Prozent des Stinnes-Kapitals öffentlich zu versteigern. Heinrich von Brentano schaltete sich ein, um einen Erwerb durch Ausländer zu verhindern, und beauftragte die Deutsche Bank, das Paket für die Bundesregierung zu ersteigern. Über die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frankfurt stellte Bonn 100 Millionen Mark zur Verfügung. Ein Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank legte weitere 35 Millionen zu, und am 26. Juni 1957 ersteigerte das Konsortium das Corporation-Paket.

Durch Zukäufe der Banken wurde die 53-Prozent-Mehrheit in den folgenden Jahren auf einen Anteil von 87,39 Prozent erweitert. Hiervon wiederum gehören 75 Prozent der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau. Die Familie Stinnes allerdings konnte sich an dieser Kaufaktion nicht beteiligen: Sie hatte nicht genug Geld.

Verblieben sind Hugo Stinnes die Hugo Stinnes Industrie und Handel GmbH mit Maschinen- und Baustoff -Fabriken, die Hugo Stinnes Transozean Schiffahrt GmbH sowie eine Reihe Beteiligungen. Seine Mutter Cläre unterhält einen eigenen Konzern unter dem Dach der Hugo Stinnes OHG, zu der Unternehmen der Baustein- und Plastikherstellung sowie Verlags- und Handelsgesellschaften gehören.

Als am Freitag vorletzter Woche Bundesschatzminister Hans Wilhelmi auf dem Frankfurter Wahl-Wirtschaftstag der Christdemokraten verkündete, er werde demnächst ein neues Privatisierungsobjekt herausrücken, begannen die Auguren zu wispern. Der Bund besitzt nämlich außer dem Stinnes-Paket nur noch drei privatisierungsfähige Konzerne:

- Die Vereinigte Industrie-Unternehmungen AG (Viag), Westdeutschlands größten Aluminium- und Stickstoffproduzenten,

- die Hibernia AG mit Zechen und

chemischen Werken sowie

- die Preußische Elektrizitäts AG.

Gegen die Privatisierung der Viag sprach, daß ihr Haupterzeugnis, nämlich das Aluminium, sehr starken Preisschwankungen ausgesetzt ist. Die Viag -Aktie erfüllt mithin nicht jene Voraussetzungen, die Bonn an die sogenannten Volksaktien knüpft. Einer Veräußerung von Preußen-Elektra stehen zahlreiche Vorkaufsrechte von Städten und Kommunen entgegen, so daß eine breite Streuung des Kapitals nahezu unmöglich ist. Die Zechengesellschaft Hibernia schließlich ist angesichts der notorischen Kohlenkrise zur Zeit außerhalb jeder Diskussion. Übrig blieb mithin das Paket der Hugo Stinnes AG.

Die Bedenken des Bankiers Hermann Josef Abs gegen Wilhelmis neuesten Wurf gründen sich jedoch nicht allein auf Sicherheits- und Rentabilitätserwägungen. Der Frankfurter Bankier würde es lieber sehen, wenn der Bund sein Stinnes-Paket ohne jede Sozialklausel frei an der Börse verkaufen würde. Bei einem in Aussicht genommenen Verkaufskurs von 200 Prozent hatte sich Hermann Josef Abs bei einem Kauf dieser Papiere erkleckliche Kursgewinne ausgerechnet.

Verärgert ist auch Hugo Stinnes, der sich schon 1957 vergebens um Rückgabe seines US-Pakets bemühte und seither immer wieder ohne Ergebnis Ersatzansprüche an die amerikanische Regierung gestellt hat. Da Hugo Stinnes nicht zu den minderbemittelten Bundesbürgern gehört, ist er vom Erwerb seiner eigenen Aktien ausgeschlossen.

Ruhrmagnat Hugo Stinnes sen.

Von Kleinsparern beerbt

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