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SDI Ohne Rückenwind

Trotz der Challenger-Katastrophe träumt Ronald Reagan weiterhin von der Verwirklichung seines SDI-Konzepts. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

In den Morgen- und Abendnachrichten des Fernsehens berichteten die Reporter noch immer von neuen Trümmerfunden im meilenweiten Umkreis vom Kennedy Space Center, wo am letzten Januar-Dienstag eine gigantische Explosion in 16 Kilometer Höhe den Stolz Amerikas, die Raumfähre »Challenger«, zerfetzt hatte (siehe Seite 213).

Die Nation trug noch Trauer, da erschien, eine Woche nach dem Unglück, mit federndem Schritt, den Kopf stolz erhoben, umbrandet von minutenlangem Jubel der Abgeordneten und Senatoren, seiner Minister und der handverlesenen Zuschauer auf den Tribünen, Amerikas oberster Seelentröster im Repräsentantenhaus und sprach dem Volk wieder Mut zu.

»Wir haben innegehalten«, predigte Ronald Reagan, »um gemeinsam zu trauern und den Mut der sieben Challenger-Helden zu ehren.« Nun aber sei es an der Zeit, in ihrem Sinne nach vorn zu blicken: »Vorwärts, Amerika, greif nach den Sternen.«

Ronald Reagan, so populär wie kaum je ein Präsident vor ihm, meinte damit nicht nur neue Shuttle-Flüge und eine Fortsetzung der zivilen Raumfahrtprogramme.

Er hatte auch und vor allem jenes gigantische Weltraum-Abenteuer im Sinn, das er Freund und Feind ohne Unterlaß als seinen »Traum« anpreist, das Realisten und Experten hingegen für eine unerschwingliche und unerreichbare Utopie, für die Vorstufe zum »Krieg der Sterne« halten: die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI).

Scheinbar unbeeindruckt davon, daß durch den Feuerball am blauen Himmel Floridas das Programm zur Erforschung des Universums möglicherweise um Jahre zurückgeworfen worden ist, verkündete der Präsident in seiner »Botschaft zur Lage der Nation« ein entschiedenes Jetzt-erst-recht: »Ein Schutzschild wird eines Tages Atomwaffen überflüssig machen und die Menschheit befreien von der Geißel des nuklearen Terrors.«

Wie ernst es ihm und seinem SDI-Minister Caspar Weinberger damit ist, wurde tags darauf noch deutlicher, als Ronald Reagan dem Kongreß seinen Haushaltsentwurf 1987 zuleitete. Innerhalb des noch einmal um 11,9 Prozent auf 311,6 Milliarden Dollar erhöhten Verteidigungsbudgets wird nun erstmals dem »Star Wars«-Programm die höchste Priorität zugewiesen.

Allein 4,8 Milliarden Dollar, 75 Prozent mehr als im laufenden Budget, wollen Reagan und seine Strategen im Finanzjahr 1987 für SDI ausgeben: insgesamt werden über einen Zeitraum von fünf oder sechs Jahren über 32 SDI-Milliarden veranschlagt.

Daß die SDI-Planer ihre 4,8 Milliarden leicht ausgeben können, daran besteht kein Zweifel: Der Rückschlag durch die Challenger-Katastrophe ist, zumindest für den Augenblick, für SDI verhältnismäßig gering.

Zwar sollte im Juli eine Shuttle-Besatzung die Möglichkeit erkunden, Bombenflugzeuge und anderes Fluggerät vom Weltall aus aufzuspüren und zu verfolgen (Projekt »Teal Ruby").

Ebenfalls für dieses Jahr vorgesehen war der Versuch, von Bord einer Shuttle mit einem Laserstrahl einen ausgedienten Satelliten zu beschießen, der sich mit derselben Geschwindigkeit durchs All bewegt wie eine Interkontinentalrakete.

Mit dem »Teal Ruby«-Test sind die Militärs ohnehin schon um mehr als ein Jahr im Verzug, und der Lasertest hatte nach Meinung von Experten mehr demonstrativen als praktischen Wert gehabt.

Erst ab 1987/88 planten die SDI-Strategen einen verstärkten Shuttle-Einsatz für ihr Programm: bis 1995 im Schnitt jährlich fünf Flüge zur Vorbereitung und Erprobung von SDI-Komponenten. Vorerst aber können die Militärs die bis zur Feststellung der Unfallursachen verhängte Shuttle-Pause zumindest im Bereich SDI offenbar ohne größere Probleme überstehen.

Was den »Star Wars«-Befürwortern Sorgen bereitet, sind in der Tat weniger die unmittelbaren Auswirkungen des Unglücks als die »bei den Politikern möglicherweise ins Schwanken geratene Zuversicht, die USA könnten die erforderliche Technologie auch entwickeln« ("The Wall Street Journal").

»Ich kann nicht glauben, daß das Unglück keine Auswirkungen auf SDI haben soll«, prophezeite denn auch schon ein Senats-Mitarbeiter. »Die Shuttle ist schließlich wieder und wieder als Beweis dafür benutzt worden, wie erfolgreich wir auf dem Gebiet der Technologie sein können.«

Ende Dezember, als der siebte Countdown der Raumfähre »Columbia« Sekunden vor dem Abheben von einem Computer abgebrochen wurde, hatte der Fernsehjournalist John Chancellor in einem vielbeachteten Kommentar bereits eine Kernfrage aufgeworfen: _____« Das Computer-Programm für SDI wäre um ein Vielfaches » _____« umfangreicher als jedes » _(Bei der »Botschaft zur Lage der Nation« ) _(am vorigen Dienstag. Hinten: ) _(Vizepräsident George Bush, ) _(Repräsentantenhaus-Sprecher Thomas ) _(O''Neill. ) _____« Programm, das bisher geschrieben wurde. Im Vergleich » _____« dazu wäre das Shuttle-Programm nicht mehr als ein » _____« Pacman-Spiel. Die Schätzungen reichen von zehn Millionen » _____« bis zu hundert Millionen Programmzeilen, und es könnte » _____« nur in einem Atomkrieg selbst getestet werden. » _____« Wenn also schon der Start einer einzigen Shuttle » _____« Ungewißheit mit sich bringt, wie steht''s dann mit den » _____« Tausenden und aber Tausenden von Starts und Abschüssen, » _____« die bei SDI innerhalb weniger Minuten nötig wären? »

Computerexperten hatten zwar längst auf dieses Problem hingewiesen. Auch die besten Programmierer, so betonten sie, wären nicht in der Lage, ein derart umfangreiches Programm fehlerfrei zu schreiben. Die auf dem Weltmarkt verfügbare kommerzielle Software, ermittelte der Kommunikationsriese AT & T, enthalte im Schnitt 300 »ernsthafte Fehler« auf 1000 Programmzeilen.

»Was passiert denn«, fragte der in Kanada lehrende US-Professor David L. Parnas, einer der weltweit angesehensten Experten für Mammut-Programme, »wenn die Sowjets einen Angriff beschließen und die Software nicht exakt auf jeden einzelnen Begleitumstand eines solchen Angriffs ausgerichtet ist? Dann kann man doch nicht hingehen, das Programm korrigieren und den Atomkrieg von vorn beginnen.«

Parnas hatte ursprünglich einem SDI-Beratergremium angehört, das »Software für Kriegsmanagement« entwickeln sollte, war dann aber nach nur einer Sitzung des Gremiums zurückgetreten: _____« Der Präsident hat uns ... aufgefordert, die Mittel » _____« zur Verfügung zu stellen, mit denen Atomwaffen impotent » _____« und obsolet gemacht werden können. Ich halte es für » _____« unsere Pflicht, daß wir als Wissenschaftler und » _____« Ingenieure darauf erwidern, daß wir nicht über einen » _____« technologischen Zauberstab verfügen, mit dem das zu » _____« erreichen wäre. »

Solche Zweifel waren bislang fast ausschließlich in Fachzeitschriften oder in Seminaren erörtert worden. Die glanzvollen Flüge der Raumfähren oder auch die sensationellen, aus dem Weltall gefunkten Photos ferner Planeten hatten eher das Gefühl verstärkt, der technologische Fortschritt kenne keine Grenzen. Jeder Shuttle-Flug war zugleich ein Stück indirekte Werbung auch für SDI.

Und einige der geplanten SDI-Experimente von Bord einer Shuttle, so John Pike von der (SDI-kritischen) American Federation of Scientists, hätten dem Programm ohne Frage »ganz dolle PR verschafft«.

Weil SDI nun aber vorerst einmal »ohne den günstigen Rückenwind auskommen muß, der von erfolgreichen Experimenten ausgegangen wäre« ("The Washington Times"), müssen sich Ronald Reagan und seine »Star Wars«-Planer etwas Neues einfallen lassen, um die politisch-psychologischen Auswirkungen des Challenger-Unglücks auf SDI zu begrenzen.

Der Präsident wartete schon am Dienstag mit einem neuen Projekt auf: ein Weltraumflugzeug, das gegen Ende des kommenden Jahrzehnts Passagiere in zwei Stunden von Washington nach Tokio befördern soll.

Daß dieses Weltraumflugzeug zugleich auch ein »Killer-Waffensystem für die Air Force wäre« (so der Air-Force-Beamte Stanley A. Tremaine), erwähnte Ronald Reagan natürlich nicht - er taufte den Superflieger, friedlich und zivil, »Orient-Express«.

Bei der »Botschaft zur Lage der Nation« am vorigen Dienstag. Hinten:Vizepräsident George Bush, Repräsentantenhaus-Sprecher ThomasO''Neill.Das Computer-Programm für SDI wäre um ein Vielfaches umfangreicherals jedes

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