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Holocaust Ohne Seele

Bundespräsident Herzog imponierte beim Auschwitz-Gedenken durch kluges Schweigen.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Der 72jährige jüdische Rechtsanwalt Arieh Ben-Tow feierte vorige Woche seinen 50. Geburtstag. Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gedachte der ehemalige Häftling seiner Befreiung durch die Russen. »Am 27. Januar 1945 bin ich zum zweitenmal geboren worden.«

Ein schreckliches, ein schmerzliches Fest. Vom Tor des Lagers Birkenau kann Ben-Tow, dem die SS die Häftlingsnummer 133102 gegeben hatte, die Baracke 16 sehen, in der er mit seinem Bruder eingepfercht war. Der Bruder starb am 19. Dezember 1943, die Schwestern, die Eltern und Großeltern sind in der Todesfabrik der Nazis vergast, verbrannt, in alle Winde verstreut worden.

Jetzt fürchtet der Überlebende des Holocaust den Tod durch Vergessen. Deshalb ist er überglücklich, daß er am Tor des Lagers einen Repräsentanten der Täter, den Präsidenten der Deutschen, Seite an Seite mit den Juden sieht.

Roman Herzog nimmt - außerhalb des polnischen Staatsprotokolls - an einer jüdischen Gebetstunde teil. Für Ben-Tow ist das die »wichtigste Geste eines deutschen Staatsmannes, seit ich Willy Brandt vor dem Warschauer Ghettodenkmal knien sah«.

Der Bundespräsident weiß, daß es bei den Polen Stirnrunzeln geben wird, weil er - wenige Stunden vor dem hochoffiziellen Staatsakt - einer Alternativveranstaltung der Juden beiwohnt. Er nimmt diese Irritation hin. Aus der Umgebung von Präsident Lech Walesa ist zu hören, daß die deutsch-polnischen Beziehungen belastet seien.

Wochenlang hatten sich die Polen und die jüdischen Organisationen darüber gezankt, ob das Andenken der jüdischen Opfer - 50 Jahre nach dem Holocaust - angemessen berücksichtigt wird.

Die Juden fanden die geplante Veranstaltung zuwenig jüdisch-religiös ausgerichtet. Michel Friedman, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, nennt sie »unprofessionell«, »historisch bedenkenlos« organisiert und vor allem »ohne Seele« vorbereitet.

Es sei eben kein Zufall, vermutet der Christdemokrat, daß in einem Land, »das geprägt ist von einer antijudaistischen Kirche, der Antisemitismus tief und breit und salonfähig ist«.

Auch der Bundestags-Vizepräsident Burkhard Hirsch (FDP), der zusammen mit seiner Grünen-Kollegin Antje Vollmer zur deutschen Delegation unter Herzog gehörte, vermißt ein klärendes Wort der polnischen Kirche: »Sie war nicht hilfreich.« Von offenem Antisemitismus mag der FDP-Politiker nicht reden.

Auf der anderen Seite halten die Polen das Begehren der Juden für übertrieben und sticheln gegen deren Funktionäre. In Auschwitz, so Staatsminister Andrzej Zakrzewski, seien nicht nur Juden ermordet worden. »In den ersten 18 Monaten waren dort ausschließlich Polen gefangen.«

Von einer »Polonisierung« der Feierlichkeiten, wie die Juden behaupteten, könne keine Rede sein, sagt Zakrzewski - ob in Auschwitz-Birkenau etwa nicht die Fahnen von 32 Staaten wehten?

Die streitenden Parteien blockierten sich so sehr, daß am Ende der Eklat drohte: Erst in letzter Minute wurde die Gegenveranstaltung im KZ organisiert. Friedman: »Sonst hätten wir vor uns selbst nicht mehr bestehen können.«

Seinen polnischen Gastgebern versichert Herzog, er sei im Konflikt ums rechte Gedenken neutral. Ansonsten ist er der Meinung, daß es nun wirklich nicht Sache der Deutschen sei, »sich in diesen Streit einzumischen«.

Ob Auschwitz und Birkenau eher eine nationale Gedenkstätte der Polen ist oder ein Mahnmal für den Völkermord an den Juden, so der Bundespräsident salomonisch, sei für ihn nicht entscheidend: »Die Trauer um die Toten hat für mich Vorrang vor allen anderen Überlegungen.«

Nicht nur der Auschwitz-Häftling Ben-Tow, sondern auch die anderen Juden verstehen Herzogs stumme Teilnahme am Totenritual als offene Parteinahme für ihre Sache: Herzog neben den Repräsentanten der deutschen, europäischen, israelischen und amerikanischen Juden auf dem langen Weg vom Lagertor bis zu den zerborstenen Resten der Gaskammern und Krematorien - das ist auch ein Signal.

Und so will der Präsident es verstanden wissen - nicht als Provokation gegenüber den Polen, sondern »aus einem persönlichen Bedürfnis«, so Herzog zum Vorsitzenden des Zentralrats, Ignatz Bubis. 1945, als Kind von elf Jahren, habe er KZ-Häftlinge auf der Straße in Landshut gesehen. »Dieser Eindruck hat sich mir eingebrannt.«

Selbstverständlich nimmt Herzog tags darauf an der Gedenkfeier teil, »aus Staatsräson«, wie er sagt. »Was würden die Zeitungen in aller Welt schreiben, wenn der deutsche Präsident an dieser Feier nicht teilgenommen hätte?«

Von allen Reisen, die der deutsche Präsident in diesem 50. Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs antreten muß, ist die nach Auschwitz die heikelste. Doch die Rolle, die er dort spielen muß, entspricht Herzogs Naturell.

Zum erstenmal zeigt der Mann, der bei seiner Wahl zum »unverkrampften« Umgang mit der deutschen Geschichte aufgefordert hatte, vor internationalem Publikum, daß und wie dies möglich ist.

Herzog macht Eindruck - nicht, wie sein Vorgänger Richard von Weizsäcker, durch Reden, sondern durch ausdrucksstarkes Schweigen.

Denn auch wenn er nichts sagt, verraten seine Gesten viel. Bei der offiziellen Feier am vorigen Freitag hält er sich im Hintergrund. Interviews lehnt er strikt ab: »Dies ist ein Ort des Schreckens, des Erinnerns und der Trauer - nicht der Publicity.« Die Fahrt zur Gebetsfeier legt er im Bus zurück, gemeinsam mit der deutschen Delegation.

Beim abendlichen Konzert in Krakau zeigt sich der katholische Präsident Walesa selbstverständlich - Thron und Altar - in der Königsloge neben dem Primas der katholischen Kirche Polens, Jozef Kardinal Glemp. Herzog bittet Bubis und den Chef der Sinti und Roma, Romani Rose, in seine Loge.

Herzog schweigt auch beharrlich, als hinter verschlossenen Türen auf der Krakauer Burg die Fetzen fliegen und viele Delegationsleiter das Auschwitz-Treffen zur eigenen Profilierung mißbrauchen.

Fast jedes Land beklagt mangelnde Beachtung der nationalen Interessen im Abschluß-Kommunique: Die Russen sehen die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung von Auschwitz zu wenig gewürdigt, die Briten vermissen ein Loblied auf ihren Kriegs-Premier Winston Churchill, die Bosnier ziehen wütend aus, als die Serben sprechen, und die Griechen sind erst gar nicht erschienen, weil am Mahnmal der Toten auch Mazedoniens Flagge gehißt worden ist.

Burkhard Hirsch bewundert die »Gelassenheit«, mit der Herzog es schafft, bei dem »ganzen diplomatischen Gewäsch« nicht aus der Haut zu fahren. Und auch Antje Vollmer, die ihn als Präsident nicht hatte wählen wollen, zeigt sich beeindruckt »vom Schweigen« ihres Staatsoberhauptes.

Ignatz Bubis und sein Präside Friedman sind von Herzog so angetan, daß ihnen von anderen jüdischen Delegationen bereits Distanzlosigkeit vorgeworfen wird.

Vor allem polnische Juden sind irritiert. Die Grenzen zwischen Opfern und Tätern, so verlangen sie, dürften auch 50 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz nicht verwischt werden.

Bubis rechtfertigt sich, er könne »nicht mit jedem deutschen Politiker den langen Weg« über der Welt größten Judenfriedhof gehen, »wohl aber mit diesem«.

Herzogs Rede am 1. August 1994 zur Erinnerung an den Warschauer Aufstand ist für Bubis ein Schlüsselerlebnis gewesen: »Er war der erste Präsident, der sich ohne Wenn und Aber beim polnischen Volk für die Taten der Deutschen entschuldigt hat. Sonst hätte ich den gar nicht gekannt.« _(* Vorn v. r.: Elie Wiesel, Lech Walesa, ) _(Frankreichs Sozialministerin Simone ) _(Veil. )

Auschwitz-Besucher Herzog (M.), Trauernde: »Ein persönliches Bedürfnis«

J. K. WOJCIK

Herzog (Pfeil) bei der polnischen Gedenkfeier*: »Aus Staatsräson«

Ehemalige KZ-Häftlinge bei der Trauerzeremonie: Tod durch Vergessen?

FOTOS: AP

* Vorn v. r.: Elie Wiesel, Lech Walesa, Frankreichs SozialministerinSimone Veil.

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