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Ohne Zugeständnisse geht nichts

Die Niederlande sind Paradebeispiel für ein Bündnis für Arbeit. Ihre Erfahrung: Der Prozeß ist zäh, langwierig - aber erfolgreich.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Der niederländische Regierungschef Wim Kok hat den Deutschen für ihre Bündnisrunden einen erstaunlichen Rat mit auf den Weg gegeben: Sie sollten viele Themen gleichzeitig angehen, empfahl er jüngst dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement. »Je mehr zu tun ist, desto mehr Möglichkeiten gibt es zum Interessenausgleich«, lautet Koks Konsenskurs.

Der Mann hat Erfahrung. Die Niederlande gelten als das Erfolgsbeispiel schlechthin, wie Tarifparteien und Politik gemeinsam gegen die Jobmisere kämpfen können.

Kein einfaches Geschäft. Der Prozeß ist zäh und langwierig, ohne einseitige Zugeständnisse der Beschäftigten geht nichts. Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen: Heute ist die Arbeitslosenquote der Niederländer etwa halb so hoch wie hierzulande.

Die Gesprächsrunden im Nachbarland begannen in einer tiefen Rezession. Um die Strukturkrise im eigenen Land zu bewältigen, schlossen die Tarifpartner 1982 ein historisches Bündnis: den Vertrag von Wassenaar. Der Staat, der grundsätzlich in Tarifverhandlungen eingreifen kann, verpflichtete sich zur Zurückhaltung - unter der Bedingung, daß die Gewerkschaften eine moderate Tarifpolitik verfolgen.

Die verständigten sich mit den Arbeitgebern auf eine klare Linie: Über Jahre hinweg sollten die Lohnzuwächse unter denen der starken Konkurrenz in Deutschland bleiben.

Der Staat seinerseits veränderte die Rahmenbedingungen. Er kürzte viele Sozialleistungen und verringerte etwa die Lohnfortzahlung für Kranke.

Gleichzeitig aber hat der Staat gezielt soziale Härten ausgeglichen - vor allem durch gigantische Ausgaben für die Frühverrentung. Beides zusammen nützte den holländischen Unternehmen.

Kein Wunder, daß sich die deutschen Arbeitgeber gern auf die Folgen von Wassenaar berufen.

Doch auch die deutschen Gewerkschaften stellen die Niederländer gern als Vorbild dar: Sie preisen deren Anstrengungen zur Verkürzung der Arbeitszeit, etwa durch Teilzeitjobs und flexiblere Arbeitszeitmodelle.

Tatsächlich ist im Nachbarland die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden pro Kopf etwa gleich hoch wie hierzulande. Es gibt also nicht mehr Arbeit, sondern sie wird anders aufgeteilt.

Experten streiten darüber, in welchem Ausmaß sich die Lektionen auf Deutschland übertragen lassen. Nach Ansicht von Beratern im Bonner Kanzleramt half in den Niederlanden auch der sogenannte Sozioökonomische Rat, in dem sich Verbandsfunktionäre und Regierungsvertreter regelmäßig treffen.

»Deshalb hatten alle eine ähnliche Einschätzung der Lage - und das ist der Kern des holländischen Erfolgs«, sagt ein Kanzlervertrauter.

Auch in Deutschland soll deshalb künftig ein Beraterzirkel die Bündnisrunden beobachten. »Wir brauchen bloß einen völlig anderen Namen«, sagt der Bonner Experte: »Sonst denkt noch jemand, bei uns wäre der Sozialismus ausgebrochen.« ELISABETH NIEJAHR

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Deutschland/Niederlande: Arbeitlosenquote und Lohnstückkosten

im Vergleich

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Deutschland/Niederlande: Arbeitlosenquote und Lohnstückkosten

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Elisabeth Niejahr
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