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NAHER OSTEN Ohr am Berg

Am Streit um die Sinai-Pässe Giddi und Mitla scheitert ein weiteres Entflechtungsabkommen zwischen Israel. und ägypten.
aus DER SPIEGEL 30/1975

Henry Kissinger nannte die 800 Meter hohe Bergkette nach Israels Generalstabschef »General Gurs Alpen«. Der US-Außenminister spottete, solche Verteidigungspositionen erinnerten ihn an »Karl-May-Strategie«.

Für den jüdischen General Jekutiel Adam aber ist der Höhenzug »Israels Tempelmauer«. Und der Knesset-Abgeordnete Joram Aridor fürchtet sogar, der Rückzug von den Bergen könnte »in Auschwitz-Grenzen« enden.

An jeden Zollbreit Boden einer Bergkette, die sich 40 Kilometer östlich des Suezkanals wie eine Barriere durch die monotone Mondlandschaft des Sinai zieht, kraut sich Israel: Nur vier enge Täler zwischen steil abfallenden Kämmen eignen sich als Durchfahrtstraßen, darunter der Giddi- und der Mitla-Paß, seit Jahrtausenden Verbindungsrouten zwischen Kulturen und Kontinenten -- Afrika und Asien.

Im Orient von heute verbinden sie nichts, sondern sind als militärische Einfallstraßen erste Gefahrenpunkte. Und so wurden die beiden Pässe zum Zankapfel, der eine weitere Entspannung zwischen Israelis und Arabern hindert. Nachdem Israel-Premier Rabin vorige Woche verkündet hatte, daß bis zum nächsten Rückzugsschritt im Sinai noch Monate vergehen könnten, reagierte Ägypten wütend: Es werde den Vertrag über die Uno-Friedenstruppe im Sinai, der diesen Donnerstag ausläuft, nicht verlängern. Auf eine ähnliche Ankündigung folgte 1967 der Ausbruch des Juni-Kriegs.

Die Argumente der Israelis für ihren Starrsinn: Bei einer Annullierung des 27jährigen Kriegszustands wären sie schon Ende 1974 bereit gewesen, ihre beiden strategischen Heiligtümer Giddi und Mitla aufzugeben -- nicht aber für ein auf höchstens drei Jahre befristetes Stillhalteabkommen.

Ägypten auf der anderen Seite fürchtet, daß die formelle Beendigung des Kriegszustands als Verzicht auf seine noch von Israel besetzten Gebiete gedeutet werden könnte und die arabischen Brüder Kairo als Verräter verdammen würden.

Ein Rückzug von den Bergpässen beeinträchtigt in der Tat Israels Verteidigungskonzept. Denn der Judenstaat hält auf dem Sinai-Bergrücken hei Umm Chaschiba und Dschebel Giddi riesige Späh- und Warnstationen, von denen man in der Ferne das träge Wasser des Suezkanals in der Sonne blitzen sieht. Die »Augen und Ohren Israels« (so die Soldaten über die Anlagen) erlauben der Luftwaffe eine Radarkontrolle bis tief nach Ägypten und können den Bodentruppen als Leit- und Funkzentrum dienen. Die Israelis hören zudem von dort aus den Funk- und Telephonverkehr des Gegners ab.

Die Rabin-Regierung möchte deshalb vor einem neuen Entflechtungsabkommen unbedingt die Warnstation von Umm Chaschiba als Garant gegen ägyptische Aggressionspläne behalten. Sie schlug Kairo vor, in einer künftigen demilitarisierten Zone eine ähnliche Warnanlage zu etablieren. Ägyptens Sadat verwarf bisher solche Anregungen. Die Ägypter wären lediglich bereit, beiderseitige Frühwarnanlagen amerikanischen Spezialisten anzuvertrauen, die mit ihren Spähflugzeugen und Satelliten ja schon die bereits gültigen Entflechtungsverträge überwachen.

Israel hingegen traut den Amerikanern nicht mehr, seit der US-Partner im vergangenen Jahr die Installation neuer ägyptischer Raketenstellungen verschwiegen hatte. Bei seinen Gesprächen auf Schloß Gymnich schlug Rabin deshalb Henry Kissinger einen Kompromiß vor: Israel und Ägypten sollten solche Horchposten mit je 150 Soldaten bemannen, die jedoch unter amerikanischer Kontrolle stehen. Kissinger billigte den Vorschlag und versprach, ihn Sadat zu empfehlen.

Israelische Militärs warnen vor der Räumung der Pässe. Denn die Ägypter halten sich in der knapp zehn Kilometer breiten Entflechtungszone östlich des Kanals zwar an die vereinbarte Truppenstärke und die zugelassenen Waffen. Sie errichteten dort jedoch mächtige Militäranlagen mit Bunkern. Artilleriestellungen und Raketenrampen, die innerhalb von sechs bis zwölf Stunden einsatzbereit sind.

Bei einem Vorstoß der Ägypter durch die von Israel aufgegebenen Pässe könnten die Juden nicht mehr so leicht Verstärkungen heranführen, weil auch Kairos Radaraugen tief ins israelische Hinterland schauen: Von den Höhen lassen sich die Staubfahnen motorisierter Verbände auf 80 Kilometer Entfernung ausmachen.

In einem Gutachten für die Regierung befürwortete Israels Heeresführung dennoch Flexibilität am Sinai, wenn zum Beispiel Gebietsverzichte durch US-Waffenlieferungen kompensiert würden. Denn F-15-Flugzeuge und »Lance«-Raketen seien wichtiger als einige Kilometer Gebirgsgelände.

»Mit Zeit und Geld lassen sich 100 Abwehrstellungen im öden Sinai aufbauen«, weiß General Jeschajahu Gavisch, Sinai-Befehlshaber im Junikrieg 1967. Auch der einstige Abwehrchef General a. D. Aharon Jariv meint: »Ohne die Pässe wird die Sinai-Verteidigung erschwert, nicht aber unmöglich.«

Für ein Arrangement mit Ägypten tritt der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses der Knesset, Jizchak Navon, ein: »1948, 1956 und 1967 errangen wir überwältigende Siege, obwohl Ägypten die Pässe hielt. 1973 waren unsere Truppen dort, und dennoch konnten wir Ägyptens Kanalüberquerung weder voraussehen noch verhindern.«

Der Berufssoldat Jizchak Rabin, keineswegs ein Scharfmacher, zeigte sich in den letzten Wochen in der Frage der Sinai-Pässe ungewöhnlich hart -- doch nicht nur aus militärischen Überlegungen. Die Tel Aviver Zeitung »Haaretz« vermutet, daß der Premier gegen die innere Opposition »seine Regierung retten« möchte: Zur Zeit wollen nur 17,4 Prozent der Israelis gegen eine drei- bis fünfjährige Übereinkunft mit Ägypten laut Meinungsumfrage auf den Giddi- und den Mitla-Paß verzichten. Doch 63 Prozent lehnen solche Zugeständnisse ab.

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