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FDP Ohren zu

Die FDP-Generalsekretärin Irmgard Adam-Schwaetzer will in ihrem neuen Amt ausgleichend wirken. Bisher hat sie in der Fraktion eher für Konfrontation gesorgt.
aus DER SPIEGEL 45/1982

Gelächter erntete Günter Verheugen, als er Parteifreunden vor drei Wochen weissagte, wer sein Nachfolger im Amt des Generalsekretärs werde.

Eine Frau müsse es sein, schloß Verheugen aus langjähriger Kenntnis des Parteivorsitzenden. Den Werbegag, als erste Bundestags-Partei einen weiblichen Manager zu präsentieren, werde sich Hans-Dietrich Genscher nicht entgehen lassen.

Schließlich hätten ihm die Demoskopen eröffnet, allein bei den Frauen könnten die Freien Demokraten noch zusätzliche Wählerstimmen holen. Nur eine der acht FDP-Damen in der Fraktion aber bleibe als Kandidatin übrig, weil sie als einzige den Wechsel zur Union unterstützt habe: Irmgard Adam-Schwaetzer.

Verheugen behielt recht, den Linksliberalen verging das Lachen. Der Sozialpolitiker Friedrich Hölscher wollte erst nicht glauben, daß Genscher auch bei dieser Personalentscheidung »keinen Schritt auf uns zu macht«, sondern mit seinem Kandidaten-Vorschlag »die Konfrontation sucht«. Der Haushaltsexperte Klaus Gärtner: »Aus Scherz wurde blutiger Ernst.«

Die vierzigjährige Apothekerin aus dem rheinischen Düren sitzt erst seit 1980 im Bundestag: Wegen des unerwartet guten FDP-Wahlergebnisses rutschte sie von einem unteren Listenplatz ins Parlament. Zuvor hatte die promovierte Pharmazeutin (Thema der Doktorarbeit: »Derivate des 4-Azaphenanthrenringsystems durch intramolekulare Zyclisierungsreaktion") neun Jahre als leitende Angestellte in der Pharma-Industrie gearbeitet.

Schon lange zählte Irmgard Adam-Schwaetzer zu den unnachgiebigen Befürwortern des Machtwechsels in Bonn. Im Sommer, als der Großteil der FDP-Fraktion den Haushaltskompromiß der sozialliberalen Regierung billigte, stimmte sie dagegen. Sie wollte unter anderem die sogenannte Negativliste nicht billigen, nach der Mittel gegen Husten und Verstopfung nicht mehr auf Rezept ausgegeben, sondern vom Verbraucher selbst bezahlt werden sollten.

Ihre politische Karriere verdankt sie vor allem dem linksliberalen Burkhard Hirsch. Der nordrhein-westfälische FDP-Vorsitzende kämpfte 1980 dafür, daß die FDP-Novizin - sie ist erst seit 1975 in der Partei - den 14. Platz auf der Landesliste bekam.

Doch als Hirsch im Bundestag seine Bedenken gegen die Innenpolitik der Regierung Kohl/Genscher darlegte, zeigte sich, wie weit Frau Adam-Schwaetzer von den Sozialliberalen abgerückt ist. Immer wieder zischte sie »Was redet der denn da«, »Der hat doch keine Mehrheit«, so daß sich Abgeordnete auf Neben- und Hinterbänken die Ohren zuhielten. Selbst der Baden-Württemberger Klaus Rösch, beileibe kein Linker, regte sich auf: »Ich kann diese Frau nicht mehr hören.«

Zuerst, nach ihrem Einzug ins Parlament, hatte die Abgeordnete den Eindruck erweckt, sie stehe auf der Seite der Progressiven. Sie war gegen das Ehegatten-Splitting und für ein Gesetz, das die Diskriminierung der Frau mit Strafe bedroht. Wie jedem Fraktionsneuling wurde auch ihr ein Parlamentarier zugeteilt, der über die ersten Hürden in Bonn hinweghelfen sollte: Der Pate hieß Jürgen Möllemann.

Dem Karriere-Liberalen, inzwischen Staatsminister im Auswärtigen Amt, konnte nicht gefallen, daß sein Schützling am regelmäßigen Frühstück der Fraktions-Linken teilnahm. Nun ißt Irmgard Adam-Schwaetzer beim konservativen Zirkel des Schatzmeisters Richard Wurbs zu Abend.

Mit Fleiß ging die Abgeordnete daran, Vorschläge für die Novellierung des Kriegsdienstverweigerungsrechts zu erarbeiten. Ihr Plan: Das Verfahren der Gewissensprüfung sollte, wenn auch vereinfacht, beibehalten und dafür auf eine Verlängerung des Zivildienstes verzichtet werden. Die Fraktion lehnte ab: Dort galt noch immer der Grundsatz, die Ausforschung des Gewissens müsse abgeschafft werden.

Quer legte sich die Parlamentarierin, die sich in ihrem neuen Job als »Integrationsfigur« verstanden wissen will, öfter mal auch im Arbeitskreis Sozialpolitik ihrer Fraktion. Sie fühlte sich von Informationen abgeschnitten oder verdächtigte Kollegen, sie hielten den Dienstweg nicht ein. Anstatt die Vorwürfe im Arbeitskreis anzusprechen, beklagte sie sich in Briefen beim Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick.

Dem wurde in einer der letzten Fraktionssitzungen Frau Adam-Schwaetzers Übereifer zuviel. Heftig hatte sie dafür gestritten, daß im parteiinternen Mitteilungsblatt »Neue Bonner Depesche« nur Mischnicks Bundestagsrede zum konstruktiven Mißtrauensvotum, nicht aber die der Genscher-Kritiker Hildegard Hamm-Brücher und Gerhart Baum abgedruckt werden sollte. Der Fraktionschef: »Schließlich bin ich Herausgeber dieses Blattes. Und ich bestimme, daß alle 3 Beiträge veröffentlicht werden.«

Die neue Generalsekretärin, die auf dem Berliner FDP-Parteitag am Freitag voriger Woche mit 200 von 382 abgegebenen Stimmen gewählt wurde, gibt inzwischen zu, sie habe sich nicht immer sehr geschickt verhalten: »Da hat es von beiden Seiten sehr viele Provokationen gegeben.« Ihr nächstes Ziel: »Auf die anderen zuzugehen.«

»Freiburg«, sagt sie über die 1971 beschlossenen Reformthesen der FDP, »ist ein Symbol« - auch wenn sie, zur Schadenfreude ihres Vorgängers Verheugen, in einem Fernsehinterview den Programm-Parteitag der Liberalen nicht so richtig zu datieren wußte. Verheugen: »Sie ist ja auch erst sieben Jahre in unserer Partei.«

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