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VICTOR HUGO Olympio

aus DER SPIEGEL 6/1958

Unter seiner Neujahrspost fand der Präsident des Verwaltungsrates der Pariser Allgemeinen Omnibusgesellschaft einen Brief, in dem es hieß: »Ich benutze regelmäßig die Straßenbahn vom Etoile zum Trône und die Omnibusse Les Batignolles - Jardin des Plantes. Erlauben Sie mir, durch Ihre freundliche Vermittlung dem Personal der beiden Linien ein Geschenk von fünfhundert Francs anzubieten ...«

Der Brief, der vor nunmehr achtzig Jahren geschrieben wurde, trug die Unterschrift von Victor Hugo - einem französischen Dichter, der von 1802 bis 1885 lebte und dessen literarische Sonderstellung in Frankreich nur der vergleichbar ist, die in Deutschland Johann Wolfgang von Goethe eingeräumt wird. »Niemandem nach ihm war und ist es vergönnt, den Typus des Dichters so überwältigend zu verkörpern«, schrieb Friedrich Sieburg über den französischen Olympier. »Seine Fähigkeit, alles Leben in Dichtung umzusetzen, ist so rasend gesteigert, daß sie an Irrsinn grenzt. Wie ein gigantischer Meteorstein liegt sein Werk in der Landschaft der französischen Literatur, versperrt Wege und Aussichten, zwingt zur ständigen Anerkennung seiner Präsenz und nötigt die Strömungen, seine Füße zu umspülen.«

Von der gewaltigen Zahl der Gedichte, Dramen und Romane, die Hugo verfaßte, sind zwar nur wenige in die deutsche Sprache übersetzt worden, doch ist dem deutschen Publikum ein Teil von Hugos Oeuvre auf zeitgemäße Art vor Augen gekommen. Filmfassungen seiner Romane »Les Miserables« (Die Elenden) und »Notre-Dame de Paris« (Der Glöckner von Notre -Dame) sind auch in Deutschland gezeigt worden. »Notre-Dame de Paris« wurde nach dem Erfolg des Filmes, bei dem Charles Laughton die Hauptrolle spielte und nach weiteren Verfilmungen kürzlich in Frankreich abermals in ein Drehbuch umgeschrieben: Diesmal spielen Anthony Quinn und Gina Lollobrigida die Hauptrollen.

Als Victor Hugo das Pariser Straßenbahn- und Omnibus-Personal mit einem Geldgeschenk bedachte, stand er im sechsundsiebzigsten Lebensjahr und im Zenit seines ohnehin spektakulären Ruhmes. Tag für Tag pflegte er vom Morgengrauen an in roter Jacke und grauem Überrock am Schreibpult zu arbeiten, nach dem Mittagessen aber seine Wohnung in der Rue de Clichy zu verlassen, um angeblich mitten im Pariser Gedränge das Alleinsein zu genießen.

In Wirklichkeit begab sich der lebensfrohe Greis in einen anderen Pariser Stadtteil zu einem Rendezvous mit einer seiner Geliebten. Er besuchte die 25jährige Putzmacherin Marie Mercier, wenn er die Straßenbahn benutzte, die zwischen der Place de l'Etoile und der Place du Trône (jetzt Place de la Nation) verkehrte. Und wenn er sich vom Omnibus, der aus Batignolles kam, auf das jenseitige Seine -Ufer befördern ließ, eilte er am Jardin des Plantes in die Arme der 29jährigen Blanche*, die er »Alba« getauft hatte, und brachte ihr eigens für sie verfaßte Verse

Einzelheiten aus der Biographie des Dichters, die freilich nicht nur seine heimlichen Nachmittagsbesuche betreffen, hat der französische Schriftsteller Andre Maurois in einem Buch zusammengetragen, das vor wenigen Wochen unter dem Titel »Olympio« auch in Deutschland erschienen ist**. Am Abend, so berichtet Maurois, der seine Kenntnisse aus vielen bis dahin ungenutzten Quellen schöpfte, wurde aus dem weißhaarigen Liebhaber wieder der honorige »Erzvater« und kunstsinnige »alte Orpheus«, der im samtbesetzten Gehrock, zu dem er eine schneeweiße Seiden-Halsbinde trug, Gäste empfing.

Das Diner bestand fast immer aus den gleichen Gängen: Erst Hummer oder Steinbutt und holländische Schlagsahne -Tunke, dann Rinderbraten, Gänseleberpastete, Eis. Beängstigend war für Uneingeweihte der »gefräßige« Appetit, mit dem der Hausherr diesem Menü zusprach.

Ebenso ungewöhnlich war die Leichtfüßigkeit, mit der Victor Hugo als Sechsundsiebzigjähriger die Treppen zu seiner Wohnung im vierten Stock hinaufstieg. Eine Etage tiefer hatte er eine zweite Wohnung gemietet, in der sich die Empfangsräume befanden. Wenn die Abendgäste vom Speisezimmer in den Roten Salon gegangen waren, erschien der Dichter, der sich eine Weile zurückgezogen hatte, bald abermals unter ihnen, in der Hand eines seiner Manuskripte, die er der Haltbarkeit wegen auf bestes Papier schrieb, und setzte mit gespieltem Widerstreben seine Brille auf.

Während der anschließenden Vorlesung brannten auf dem Kaminsims »wie auf einer Bühne« vierzehn Kerzen, deren Schein von einem großen Spiegel reflektiert wurde; ein Arrangement, bei dem das Gesicht des rezitierenden Poeten - der Literat Edmond de Goncourt (1822 1896) hat die Szene beschrieben - im Schatten lag, zugleich aber wie von einer Gloriole umrahmt wirkte. Das Kerzenlicht spielte auf dem kurzgeschorenen Haar, dem struppigen Vollbart und der weißen Halsbinde, wobei es rosig die »gespaltenen Satyr-Ohren« Hugos durchleuchtete.

Mit der Bezeichnung »Satyr-Ohren« spielte der in Pariser Klatsch bestens eingeweihte Edmond de Goncourt auf jene Komponente bei Hugo an, die notgedrungen auch in der soeben erschienenen Biographie sehr breiten Raum einnimmt und die Andre Maurois als das »erotische Delirium« bei Victor Hugo definiert. Je älter Victor Hugo nämlich wurde, desto stärker wurde auch die wechselseitige Anziehungskraft zwischen ihm und zahllosen Frauen. Das Doppelleben, das er infolgedessen führte, bewog ihn zwar von Zeit zu Zeit, hart mit sich ins Gericht zu gehen. Es endete aber erst, als der Dichter im Juni 1878 eine leichte Gehirnblutung erlitt und die Ärzte ihn nunmehr zwangen, seine Lebensweise radikal zu ändern.

Bis dahin aber hatte Hugo die Freundschaft immer neuer Frauen zu gewinnen gewußt, ein Faktum, mit dem sich am Ende auch seine legitime Frau Adele wohl oder übel abfinden mußte.

Der erste Bruch in der Ehe zwischen Adele und Victor Hugo - Victor heiratete 1822 im Alter von zwanzig Jahren - war allerdings von Adele verschuldet worden. Einige Jahre nach der Eheschließung spielte sich zwischen dem Ehepaar Hugo, dem bereits mehrere Kinder geboren worden waren, und dem Literaturkritiker Saint -Beuve (1804-1869), dem Hausfreund der beiden, ein heikles Drama ab.

Victor Hugo hatte sich in diesen Lebensjahren fast völlig seiner Arbeit überlassen; zudem waren der Ehefrau Adele sein heftiges Temperament und seine Neigung zu häuslicher Tyrannei schmerzhaft bewußt geworden. Während Victor Hugo mit mehreren Gedichtsammlungen, mit dem Drama »Hernani« (1830) und mit dem Notre-Dame-Roman (1831) seinen Ruhm begründete und sich insbesondere durch das programmatische Vorwort zu seinem Drama »Cromwell« zum Wortführer der französischen Romantik machte, hatte er sich seinen alten Freunden entfremdet und seine Frau vernachlässigt. Seine Erfolge - »Hugo hatte Genie, Sainte-Beuve Talent« lautet die Formel von Andre Maurois - erregten den Neid des befreundeten, im übrigen seinerseits prominenten Kritikers Sainte-Beuve, der nur allzu gerne selber ein Dichter gewesen wäre.

Zwischen Adele und Sainte-Beuve spann sich an, was Maurois als »Übergang von der ehelichen Loyalität zum Verrat im Herzen und im Geist« diagnostiziert. Adele und ihr ressentiment-geladener Verehrer trafen sich hinter der Säule einer Kirche, dann im Zimmer von Sainte-Beuve. Victor Hugo hatte als junger Mensch drei Jahre um die Einwilligung von Adeles Eltern in die Ehe gekämpft und »acht Jahre lang in der Vorstellung gelebt, für diese Frau der Gegenstand einer fast religiösen Anbetung zu sein«. Er hatte »nichts geahnt von dem enttäuschten Herzen an seiner Seite«.

Als ihm aufging, was geschehen war, resümierte er in seinem Tagebuch: »Wehe dem, der liebt, ohne geliebt zu werden! ... Sieh, diese Frau. Sie haßt dich zwar nicht, aber sie liebt dich nicht. Das ist alles ...« Doch ein Dichter, erklärt der Hugo-Biograph Maurois, »kann durch mysteriöse Umwandlung seinen Schmerz zu Liedern formen«. Der betrogene Victor filterte seinen Kummer in Verse; er gab einen Gedichtband heraus, den er noch nicht dreißigjährig, »Les Feuilles d'Automne« (Die Herbstblätter) nannte.

Trost bei Juliette

An Scheidung dachten die Eheleute Hugo nicht, Victor dachte um so weniger daran, als er, Sohn eines rauhbeinigen und lebenslustigen napoleonischen Generals, selbst aus einer geschiedenen Ehe stammte. Den Ausschlag für den Entschluß, zusammenzubleiben, gab die Rücksicht auf die Kinder, die Adele geboren hatte. Im Hause Hugo galt das Familienleben als sakrosankt. Auch war Adele mit ihrem Galan Sainte-Beuve nicht sehr glücklich - »diese Liebe war am Versickern, kaum daß sie begonnen hatte«. Victor aber wurde bei den Proben zur später triumphalen Premiere seines Dramas »Luerece Borgia« durch die Bekanntschaft mit der zwar mäßig talentierten, persönlich jedoch um so reizvolleren Schauspielerin Juliette Drouet entschädigt. Juliette Drouet wurde ihm »eine Geliebte von unwahrscheinlicher Schönheit« - und war im übrigen stets bereit, seine Manuskripte abzuschreiben.

Madame Hugo erlangte über den Herzensbund ihres Gatten mit der schönen Schauspielerin allmählich Gewißheit, wünschte nun aber auch ihrerseits nicht, sich von Hugo zu trennen, von dessen Produktion inzwischen sogar Goethe in Weimar Notiz genommen hatte. Nach und nach »entfernte sie Sainte-Beuve aus ihrem Leben«. Zumindest nominell wollte sie die Lebensgefährtin eines prominenten Mannes sein, der unter die »Vierzig Unsterblichen« der »Academie Francaise« aufgenommen worden war und der seinem Pariser Verleger, Delloye, seine sämtlichen bis dahin erschienenen Werke für die nach dem damaligen Wert enorme Summe von 250 000 Francs überließ.

Bis zum Offizier der Ehrenlegion hatte es Victor Hugo schon gebracht. Nun verkehrte er auch bei Hofe. Durch eine Order des »Bürgerkönigs« Louis-Philippe wurde dem »Vicomte Hugo« im April 1845 die Würde eines Pairs von Frankreich verliehen. Durch den Pairs-Titel erlangte Hugo aber auch eine Eigenschaft, die er bereits einige Monate später in Anspruch nehmen mußte: die Immunität. Allein seiner Zugehörigkeit zur Pairskammer* verdankte es nämlich Victor Hugo, daß er bei einem Skandal nicht verhaftet wurde, der sich im Juli 1845 zutrug.

Um diese Zeit hatte Victor Hugos Leidenschaft für die Schauspielerin Juliette Drouet allmählich nachgelassen - immerhin blieb Juliette, nach Maurois, »was Adele nie gewesen war oder nicht sein wollte: die muntere Reisebegleiterin, die fleißige Kopistin, die Frau, die Lob spendete, die verkörperte Poesie«. Neuerdings aber war Hugos Neugier durch Leonie Biard erregt worden, die Frau eines Malers, die als einzige Französin jener Tage auf einer Studienreise mit ihrem Mann bis nach Spitzbergen gekommen war.

Mit Leonie Biard - sie war eine geborene d'Aunet, »von niederem, jedoch authentischem Adel« - wurde Hugo in flagranti von einem Polizeikommando in einem Pariser Absteigequartier überrascht; Leonies Mann, der Maler Biard, hatte die Polizei alarmiert. Man verhaftete Leonie und schaffte sie ins Gefängnis: Zur Anzeige gebrachter Ehebruch wurde im damaligen restaurativen Frankreich hart bestraft. Hugo entging dem gleichen Schicksal nur dank seiner frisch erworbenen Immunität.

Sehr betrüblich fand der Dichter Alphonse de Lamartine (1790-1869) das »amouröse Abenteuer« seines »armen Freundes Hugo": »Es muß entsetzlich für ihn sein, diese arme kleine Frau im Gefängnis zu wissen.« Frankreich, so meinte der Dichter -Kollege des ertappten Pairs, sei allerdings elastisch: »Man kommt sogar von einem Kanapee wieder auf die Beine.« Die »Vicomtesse Hugo« aber - die Ehefrau Adele - gedachte ihrer eigenen Schuld und quittierte die Beichte ihres Mannes mit »sanfter Milde«. Obendrein besuchte sie Madame Biard im Gefängnis.

Der »Bürgerkönig« Louis-Philippe mußte eingreifen, damit der hintergangene Gemahl seine Ehebruchs-Anzeige gegen Leonie und den »Vicomte Hugo« zurücknahm. Bei der Audienz tauschte Biard gegen seinen Verzicht den königlichen Auftrag ein, für das Versailler Schloß eine Reihe von Fresken zu malen. Daraufhin kursierte in Paris das Bonmot: Die »fresques« (Fresken) hätten den Maler die »frasques« (Streiche) seiner ungetreuen Frau schnell vergessen lassen.

Madame Biard wurde von ihrem Mann geschieden und aus dem Gefängnis in ein Kloster verbracht, wo sie einige Monate interniert blieb. Sie mußte ihren Mädchennamen d'Aunet wieder annehmen und wurde bei der »Vicomtesse Hugo«, die den Adel zu schätzen wußte, Beraterin für Kleider und Schmuck. Hugos legitime Frau Adele befreundete sich sogar mit ihr, und Victor durfte fortan auch für Leonie d'Aunet den Unterhalt bestreiten. Besuch über die Hintertreppe

Obwohl die Affäre zwischen Hugo und der Malersfrau Leonie in Paris viel Aufsehen erregt hatte, war der Schauspielerin Juliette Drouet, Hugos Freundin, erstaunlicherweise nichts davon bekanntgeworden. Ebensowenig ahnte Juliette, daß »Toto« - wie sie ihren Freund Hugb zärtlich nannte - vielerlei Damenbesuch von anderen Schauspielerinnen und Literatur -Schwärmerinnen über einen verschwiegenen Zugang bekam, den auch Juliette früher hatte benutzen dürfen: Eine Treppe führte von einem Nebeneingang des Hauses aus direkt in das Arbeitszimmer Hugos.

Umgekehrt aber wußte die geschiedene Leonie d'Aunet genau, daß sie Juliette als Nebenbuhlerin besaß, konnte aber bei Hugo ihren Wunsch nicht durchsetzen, er möge ihr Juliette endlich opfern. Daher ersann Leonie einen Plan, mit dessen Hilfe sie Juliette und Hugo endgültig auseinanderzubringen hoffte. Sie schickte Ende Juni 1851 an Juliette ein Päckchen, in dem sich, säuberlich gebündelt, Hugos an Leonie gerichtete, glutvolle Liebesbriefe befanden. In dem Begleitbrief wurde Juliette von Leonie aufgefordert, die Verbindung mit Hugo unverzüglich zu lösen, die dem Dichter längst zur Last geworden sei

Als Victor Hugo entdeckte, zu welcher Indiskretion sich Leonie hatte hinreißen lassen, suchte er nach einem Ausweg. Der Dichter wollte keine Differenzen mit Leonie und Adele, er wollte im eigenen Hause Frieden halten. Daher appellierte er an das Verständnis von Juliette für seine häuslichen Verhältnisse und ruhte nicht eher, bis Juliette ihm verziehen und in eine auf vier Monate befristete »Prüfungszeit« eingewilligt hatte, Auch Leonie stimmte einer solchen Abmachung siegesgewiß zu. Nach Ablauf der Frist sollte der Dichter zwischen den beiden Rivalinnen endgültig seine Wahl treffen.

Indes hatte Leonie mit ihrem Verrat doch den Bogen überspannt; sie verlor in der kommenden Zeit ihren Einfluß auf Hugo. Der Dichter hatte sich in diesen Jahren auch stärker als zuvor im politischen Betrieb engagiert, und hier war ihm der Rat der besonnenen Juliette unentbehrlich.

Victor Hugo war im Juni 1848 ins Parlament gewählt worden. Da er der Republik als Staatsform zunächst mißtraute, hatte er anfangs dem von der Februarrevolution 1848, emporgetragenen Thron -Prätendenten Louis-Napoleon Bonaparte seine Loyalität bezeigt, dann aber, als er von Klerus und Großkapital die demokratische Freiheit bedroht sah, gegen das von den Parteigängern des künftigen Kaisers ausgeheckte Wahlgesetz Front gemacht: Dieses Gesetz schloß rund vier Millionen Wähler - vornehmlich die steuerschwachen Arbeiter und Intellektuellen - durch eine Koppelung des Wahlrechts mit einer Mindest-Steuersumme von der Wahlbeteiligung aus.

Im Jahre 1851 versuchte Louis-Napoleon durch einen Staatsstreich die Monarchie wiedereinzuführen, die 1848 abgeschafft worden war. Dichter Hugo war empört; der Staatsstreich machte ihn endgültig zum Republikaner.

Während des Aufruhrs, der den Staatssteich Napoleons begleitete, wagte sich Hugo »mitten in die blutige Unordnung«. Er hielt unter freiem Himmel eine Ansprache und geriet in die Straßenkämpfe vom 4. Dezember 1851, von denen er behauptete, daß sie zwölfhundert Tote gekostet hätten. Nur die Besonnenheit Juliettes rettete ihm, wie er hinterher galant bekannte, das Leben.

Als Napoleons Staatsstreich gelungen war, sollte Hugo verhaftet werden. Mit einem Paß, der auf einen fremden Namen lautete und den Juliette besorgt hatte, verließ Victor Hugo Frankreich. Adele war bettlägerig. Auch Leonie, bei der Haussuchung gehalten wurde, blieb in Paris. Nur Juliette begleitete »Toto« nach Brüssel: Aus der ominösen »Prüfungszeit« war sie als Siegerin hervorgegangen.

Immerhin folgte Hugos Ehefrau Adele ihrem Mann bald ins Exil nach. Da er das Englische nicht beherrschte, ließ sich Victor Hugo mit Adele, seiner Tochter und seinen zwei Söhnen, aber auch mit Juliette - die allerdings nicht unter einem Dach mit ihm wohnen durfte - auf den Kanalinseln nieder, die der Normandie vorgelagert sind. Hugo lebte zunächst auf Jersey, später auf Guernesey. Wie heute unterstanden die Inseln bereits damals als autonome Freistaaten der britischen Krone, doch war die Amtssprache das Französische. Himmel und Schlüsselloch

Auf Guernesey erwarb Hugo die Villa »Hauteville House«, über deren Dach er sich einen Arbeitsraum errichten ließ, der nur von Glaswänden umschlossen wurde. So waren es »der Himmel und die Unendlichkeit«, auf die sich sein Blick beim Dichten richtete; zu späterer Stunde waren es die Dienstmädchen in ihren Zimmern, die der Dichter zuweilen durchs Schlüsselloch musterte.

Hugo hat mit eigener Hand über solcherart Abwechslungen genauestens Buch geführt, in einer unschwer entzifferbaren, mit spanischen und lateinischen Brocken gemischten Geheimsprache. Die Drucklegung dieser delikaten Aufzeichnungen erfolgte 1954 - in demselben Jahr, in dem das französische Original der »Olympio« -Biographie von Maurois beim Pariser Verlag Hachette erschien.

Verfechter einer strengen Moral müssen sich von dem gewissenhaften Dichter -Chronisten Maurois entgegenhalten lassen, daß zwischen solcher weitschweifenden Erotik und der immensen dichterischen Produktivität Victor Hugos unleugbare Wechselwirkungen bestanden haben. Auf Guernsey vollendete Hugo den monströsen sozialen Roman »Die Elenden«, der ihm viel Lob einbrachte. Noch stürmischer war der Enthusiasmus, den »Les Travailleurs de la Mer« (Die Werkleute des Meeres) bei den Zeitgenossen des Romanciers auslösten. »Ich wollte«, so interpretierte Hugo dieses Buch, »die Arbeit, den Willen, die Hingabe verherrlichen - alles, was den Menschen groß macht; ich wollte zeigen, daß der unergründlichste aller Abgründe das menschliche Herz ist - und daß man dem Meer entkommen kann, um dann doch der Frau zu erliegen ...«

Neunzehn Jahre dauerte das Exil, das zumindest für den Dichter Hugo, wie Maurois versichert, »die Rettung« wurde. In seiner erst mit der Kapitulation von Sedan und dem Sturz des Kaisers Napoleon III. - im Jahre 1870 - endenden Exilzeit wurde Victor Hugo »der Große Verbannte, der Rächer, der Seher« - der legendäre Herold der Freiheit Frankreichs, den die Verbannung davor bewahrt hatte, im Getriebe der Politik zermahlen zu werden. Mit seinen zunächst heimlich, hernach legal nach Frankreich importierten Veröffentlichungen - das erste Pamphlet hieß »Napoleon le Petit« (Napoleon der Kleine) - und mit seinen Spottgedichten hatte sich Hugo beispiellose Popularität erworben.

Als »Prophet der Republik« kehrte Victor Hugo nach Paris zurück. Aber der Aufstand der radikalen »Commune« im von den Deutschen belagerten Paris, die Niederwerfung und Vergeltung durch Thiers führten zu innenpolitischen Wirren, in denen der Parlaments-Abgeordnete Hugo daran verzweifelte, der Stimme der Menschlichkeit Gehör verschaffen zu können, und schließlich sein Mandat niederlegte. Die Versailler Nationalversammlung hatte die Ermordung von 64 Geiseln durch die Pariser Aufständischen damit quittiert, daß ohne Gerichtsverfahren 6000 gefangene »Communards« (Mitglieder der Commune) füsiliert wurden. Victor Hugo protestierte und machte öffentlich bekannt, daß unter seinem Dach jeder verfolgte »Communard« ein, Asyl haben solle.

In der luxemburgischen Kleinstadt Vianden, in der sich Victor Hugo in den unruhigsten Monaten einmietete, wandte sich daraufhin die achtzehnjährige Marie Mercier an ihn; jene Putzmacherin, die Hugo später besuchte, wenn er die Straßenbahn zum »Tröne« benutzte. Hugos Ehefrau Adele war inzwischen gestorben, und der Dichter hatte zunächst seiner verwitweten Schwiegertochter, die den Haushalt leitete, die Marie Mereier als Dienstmädchen aufgenötigt. Später machte sich Marie als Putzmacherin selbständig.

Als sich die politischen Verhältnisse stabilisierten, begegnete dem Republikaner Victor Hugo in Frankreich kaum noch Widerspruch: Hugo wurde zu einer Art von nationalem Monument. Don Pedro II., bis zum Jahre 1889 Kaiser von Brasilien, machte dem Dichter in der Rue de Clichy seine Aufwartung und schmeichelte ihm mit dem artigen Kompliment: »Hier gibt es nur eine Majestät, und das ist Victor Hugo!«

Juliette fand trotz ihrer siebenundsechzig Jahre, wie Andre Maurois es ausdrückt, noch nicht »die Kraft, zuzugeben - wie es vernünftig gewesen wäre -, daß dieser Mann mit seiner unvergleichlichen Vitalität jung geblieben war, während sie verblühte«. Sie war eifersüchtig auf das Findelkind Blanche, auf ein Mädchen, dem sie selbst bei Hugo die Arbeit als Kopistin verschafft hatte. Ins Verhör genommen, hatte Blanche beichten müssen, daß auch sie dem nimmermüden Dichter erlegen war.

Blanche hatte geschworen, nie wieder rückfällig zu werden. Indessen argwöhnte Juliette das Gegenteil und engagierte einen Privatdetektiv. Der gewerbsmäßige Späher brauchte nur hinter Hugo in den Omnibus zu steigen und dem Dichter zum Jardin des Plantes zu folgen. Juliette erfuhr prompt, was sie am allerwenigsten hatte hören wollen: Das »schmachvolle Abenteuer« des »alten Fauns« mit Blanche nahm seinen Fortgang.

Was danach geschah, hat der Dichter genau notiert. Victor Hugo in seinem Tagebuch am 19. September 1873, 7 Uhr 30: »Katastrophe. Brief von Juliette. Entsetzliche Angst. Schreckliche Nacht ...« Juliette hatte, wie ihr Abschiedsbrief klarlegte, aus ihrer Entdeckung die Konsequenz gezogen und war abgereist. Victor Hugo vermeinte, sie für immer verloren zu haben: »Meine Seele ist von mir gegangen.«

Der »Titan« Victor Hugo, dem sein majestätisches Selbstgefühl den Beinamen »Olympio« eingegeben hatte, war nur noch ein Riese »mit gebrochenem Herzen«. Seine Beschämung war aufrichtig: »Toto« wurde seiner Verstörung erst Herr, als er die Mitteilung erhielt, Juliette sei noch am Leben und halte sich in Brüssel auf.

»Nichts spricht mehr für Victor Hugo« - des stärkeren Nachdrucks wegen zitiert Andre Maurois in seiner »Olympio«-Biographie dieses Urteil des sittenstrengen katholischen Dichters Paul Claudel (1868-1955) gleich zweimal - »als die unerschütterliche Liebe, die ihm dieses wunderbare Geschöpf, das Juliette Drouet war, gewidmet hat.«

Zerknirscht verzichtete der theaterfreudige Dichter sogar darauf, der Generalprobe seines neu einstudierten Dramas »Marie Tudor« beizuwohnen, bei dessen Uraufführung einst Juliette höhnisch ausgepfiffen worden war; danach hatte sie nie mehr gewagt, als Schauspielerin aufzutreten. Fünf Viertelstunden stand der reumütige »Patriarch«, der vor Aufregung nichts gegessen hatte, auf dem Bahnhof, würgte ein halbes trockenes Brötchen herunter und wartete auf den Zug aus Brüssel. Seine Freude über die Rückkehr von Juliette war »so groß wie zuvor die Verzweiflung über ihre Flucht«. Juliette ließ ihn schwören, daß er Blanche künftig in Ruhe lassen werde.

Doch diese Verpflichtung - der jeder Beschönigung abholde Maurois konstatiert es ohne Kommentar - »wurde nicht eingehalten«. Er sei »wie ein Wald, den man mehrmals abgeholzt hat; die jungen Schößlinge werden immer kräftiger und lebensfähiger« - das jedenfalls antwortete Victor Hugo auf die Frage eines Besuchers, die allerdings mehr seiner noch keineswegs nachlassenden dichterischen Produktivität galt. Doch hatte der »faunische Olympier« dabei wohl auch sein privates Dilemma im Sinn, das zeitweise durch eine Liaison mit der 42 Jahre jüngeren, gefeierten Schauspielerin Sarah Bernhardt noch kompliziert wurde.

Gedichte auf Vorrat

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Victor Hugo mit seinen Enkelkindern Georges und Jeanne in einem Haus an der Avenue d'Eylau, die ein halbes Jahr vor seinem achtzigsten Geburtstag in »Avenue Victor-Hugo« umbenannt wurde. Juliette erkrankte an Darmkrebs, konnte im »Theatre Francais« aber, neben Victor in der Intendanten-Loge sitzend, noch die Jubiläums-Aufführung seines Dramas »Le Roi s'amuse« (Der König amüsiert sich) besuchen. Zwei Jahre vor dem Dichter, im Mai 1883, starb sie.

Der Vorrat an Gedichten aus früherer Zeit, die er noch nicht veröffentlicht hatte, war so stattlich, daß Victor Hugo bis zu seinem Ableben, ohne daß er noch zu schreiben brauchte, Jahr für Jahr einen Versband herausgeben konnte. Er dosierte die Edition der »Titanen«-Legende zuliebe, der ein Ermatten des »alten Orpheus« abträglich gewesen wäre.

Obwohl er zuweilen für zwanzig Personen finanziell aufkam, neigte Hugo zum Geiz. »Ich gebe fünfzigtausend Francs den Armen«, verfügte er in seinem Testamentsentwurf - und änderte die Summe dann auf vierzigtausend ab. Im übrigen stimmten Entwurf und Testament im wesentlichen überein: »Ich wünsche, daß man mich im Leichenwagen der Armen zum Friedhof fährt ... Ich verbitte mir die Leichenrede irgendeiner Kirche. Ich bitte alle Seelen um ihr Gebet.« Seine Manuskripte, Tagebücher und Handzeichnungen übereignete Hugo der Pariser National-Bibliothek, die, wie er verkündete, »eines Tages die Bibliothek der Vereinigten Staaten von Europa sein wird«.

Am 22. Mai 1885 starb Hugo, 83jährig, an einer Lungenentzündung. Kammer und Senat beschlossen »im Namen des dankbaren Vaterlandes«, daß dem Verstorbenen zu Ehren das Pariser Pantheon, ein Kirchenbau, endgültig den »großen Männern« als Gedenkstätte gehören und daß Victor Hugo daselbst beigesetzt werden solle.

Zuvor wurde sein Sarg unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt; zwölf junge französische Dichter hielten die Totenwache. Nicht weniger als zwei Millionen Franzosen geleiteten den toten »Olympin« zum Pantheon, als - nach den Worten des damals neunzehnjährigen Romain Rolland, des späteren Nobelpreisträgers - »kurz vor Morgengrauen der Leichenwagen der Armen erschien, ganz nackt, ganz schwarz, mit zwei verlorenen kleinen Kränzen aus weißen Rosen«.

* Blanche war ein Findelkind und hatte keinen Zunamen. Sie wurde von der Familie Lanvin adoptiert.

** Andre Maurois: »Olympio - Victor Hugo«;

Claassen Verlag, Hamburg; 456 Seiten; 19,80 Mark.

* Die »Chambre des Pairs« war der Französischen Revolution von 1789 zum Opfer gefallen, aber 1814 wieder konstituiert worden; an ihre Stelle trat 1852 der Senat.

Dichter Hugo

»Weh dem, der liebt«

Kritiker Sainte-Beuve

Mit dem Hausfreund ...

Ehefrau Adele Hugo

... ein heikles Drama

Hugo-Freundin Sarah Bernhardt

Doppelleben ...

Hugo-Freundin Juliette Drouet

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Hugo-Beisetzung im Pantheon: Zwei Millionen Trauergäste

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