Zur Ausgabe
Artikel 1 / 87
Nächster Artikel

»Omas, Opas, Tanten - alle gegen Spekulanten«

In den Städten wächst die Verbitterung über Wohnungsmangel und Häuserabriß
aus DER SPIEGEL 3/1981

An dem alten zweistöckigen Haus mit dem verwaisten Tante-Emma-Landen und der aufgegebenen Eisenwarenhandlung in der Nürnberger Johannisstraße 70 flatterte am Neujahrsmorgen ein munteres Spruchband: »Dieses Jahr ist wie verhext, schon wieder ist ein Haus besetzt.«

An Heiligabend waren etwa 30 junge Leute als »alternative Weihnachtsüberraschung« in das unbewohnte Haus gegenüber dem Johannisfriedhof eingerückt. In der Nacht zum neuen Jahr folgte eine andere Gruppe ihrem Beispiel und nahm ein weiteres Gebäude im Nürnberger Stadtteil Maxfeld ein.

Die beiden Hausbesetzungen während der ruhigen Feiertage waren die letzten einer langen Serie im abgelaufenen Jahr. In Berlin und Bremen, Hannover und Göttingen, in Köln, Frankfurt und Stuttgart -- überall zogen neue Bewohner in leere alte Häuser, ohne lange nach Schlüsseln und Mietvertrag zu fragen.

Hausbesetzer richteten sich im ungenutzten Gerätehaus der Feuerwehr von Radolfzell am Bodensee ein oder belegten die ehemalige Wachtmeisterwohnung des alten Gefängnisses von Marburg mit Beschlag.

Am häufigsten schlugen die Besetzer ihre Quartiere in den heruntergekommenen Altbauvierteln rings um die Zentren der Großstädte auf -- dort, wo die fatalen Folgen der Städtebau- und Wohnungsmarktpolitik mit dem ebenso verhängnisvollen Instrument der Stadtsanierung kuriert werden sollen.

»Wir wollen nicht zerstören, sondern die Zerstörung aufhalten«, verkündeten Hausbesetzer aus Berlin-Kreuzberg. »Billige Wohnungen werden abgerissen und durch teure Betonklötze ersetzt«, klagten die Nürnberger.

Die Wohlstandsbürger der Bundesrepublik, in grünen Villenvororten oder großflächigen Mietwohnungen zu Haus, können nur mühsam mitvollziehen, was sich seit einigen Monaten in den nicht so glitzrigen Vierteln ihrer Städte abspielt: Wütende Junge und aufgebrachte Altbewohner protestieren gegen die Abriß- und Absahnpraktiken in den Altbauvierteln; nur mit Polizeigewalt können Hauseigentümer über ihre mehr oder weniger verfallenen Bauten verfügen.

Die Aktionen der Hausbesetzer machten auch dem betuchten Publikum deutlich, daß es 35 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach Jahrzehnten des Auf- und Ausbaus noch -- oder wieder? -- zuwenig Wohnraum gibt; daß vor allem Randgruppen -- kinderreiche Familien, Ausländer, Studenten -- oft nur unter unsäglichen Mühen eine Bleibe finden; daß es in der Bundesrepublik anno 1980 so etwas wie eine neue Wohnungsnot gibt.

Die Politiker unterschätzten lange die brisante Mischung, die sich zwischen den alten Gemäuern zusammenbraute.

Freiburgs Oberbürgermeister Eugen Keidel etwa mußte im letzten Sommer an die tausend Polizisten aufbieten und die halbe Innenstadt mit Wasserwerfern und Stacheldraht abriegeln, damit das von Studenten, Lehrlingen und Aussteigern besetzte »Dreisameck« geräumt und abgerissen werden konnte.

Erst im Berliner Altbauviertel Kreuzberg, dann am feinen Kurfürstendamm splitterten in den letzten Dezemberwochen die Schaufensterscheiben, flogen Pflastersteine gegen die Polizei, wurden Mannschaftswagen dutzendweise zu Schrott gemacht. So wild war es selbst in alten Apo-Zeiten nicht zugegangen.

»Daß irgendwann«, schrieb der »Kölner Stadtanzeiger«, »mit Gewalt reagieren könnte, wer jahrelang den dubiosen Machenschaften von Häuser-Spekulanten und 'Absanierern' ausgesetzt war -- das war nicht nur in Berlin zu befürchten.«

Verschreckt von den Berliner Tumulten, bot Hamburgs Bausenator Volker Lange leerstehende stadteigene Wohnungen in einem »Modellversuch« zu einer Art legalen Besetzung an und übte zugleich vorbeugende Reue: »Ich gehe auch davon aus, daß Fehler gemacht worden sind.«

Doch so schnell und einfach läßt sich nicht reparieren, was über Jahre falsch gelaufen ist. Geradezu systematisch und von Amts wegen war nach dem Krieg in den altstädtischen Randgebieten der Citys kaputtgemacht worden, was die Bomben noch ausgespart hatten.

Die heruntergekommenen Blöcke schienen gerade noch gut genug als Aufmarschgebiet für die Autokolonnen des Wirtschaftswunders. Stadtautobahnen zerschnitten gewachsene Strukturen, und gar nicht selten wurden Schneisen geschlagen für Trassen-Pläne, die später schamhaft zu den Akten gelegt werden mußten.

In den sechziger Jahren endlich rafften sich die Städte auf, etwas für die unattraktiven Straßenzüge im Schatten der quirligen Geschäftszentren zu tun. S.37 Doch die Wohltaten wirkten letzten Endes wieder verhängnisvoll.

Nach einem Konzept, das die Experten verräterisch »Kahlschlag-Sanierung« tauften, räumten die Bauräte ganze Blöcke alter Häuser ab, ließ die Bauträger-Zunft Neubauten im sterilen Stil der Vororte hochziehen.

Die Bewohner wurden mit dem neuzeitlichen Komfort nicht froh. Über die Hälfte der »umgesetzten« Mieter, so ergab erst kürzlich wieder eine Studie, die im Berliner Arbeiterviertel Wedding angestellt worden war, sehnten sich nach ihren alten Wohnungen zurück.

Den derart sanierten Einwohnern hatte die höhere Miete ein Loch in die Haushaltskasse gerissen, das sie nur mit Einschränkungen bei Kleidung, Essen und Reisen stopfen konnten -- wie 56 Prozent der Befragten zu Protokoll gaben. Jeder fünfte Haushalt wurde durch die Kahlschlag-Sanierung zum Wohngeldempfänger gemacht.

Dort, wohin Abrißbirnen und Bulldozer noch nicht vorgedrungen waren, verfielen die Häuser von selbst. Alte Hausbesitzer und neue Spekulanten taten nicht einmal mehr das Notwendigste an Reparaturen, weil sie auf eine profitablere Nutzung ihrer Grundstücke durch Neubauten warteten.

Alteingesessene Mieter ergriffen die Flucht, Ausländer, froh über ein Dach über dem Kopf, rückten nach. Ganze Stadtteile bekamen ein anderes Gesicht -- so wie der Südosten Kreuzbergs, wo der Ausländeranteil auf über 30 Prozent stieg.

Das brachte die Kahlschlag-Methoden schließlich auch bei den Städteplanern in Verruf, zumal den Kommunen in den siebziger Jahren auch das Geld für die teure, mit Steuergeldern angetriebene Sanierungswalze ausging.

Das neue Stichwort hieß »Blockentkernung«. Die alten Straßenfronten, immerhin, sollen nun stehenbleiben; doch dahinter wurde rigoros planiert und perfekt »begrünt«.

Das nahm sich auf dem Blaupapier noch ganz gut aus. Die engen Berliner Hinterhöfe aus kapitalistischen Ausbeuter-Zeiten zum Beispiel, oft fünffach hintereinander gestaffelt, hatte schon weiland Zille bekrittelt ("Mit einer Wohnung kann man Menschen genauso erschlagen wie mit einer Axt"). Abriß erschien da eine wohllöbliche Tat.

Nur, in den kernlosen Blocks ging auf diese Weise Wohnraum verloren (rund ein Drittel der Einwohner war jeweils betroffen). Der war anderweitig kaum noch zu beschaffen, denn die neue Sanierungsphase fiel mitten in das Tief auf dem Wohnungsmarkt.

Die frisch aufgemöbelten Altbauten hatten noch einen weiteren Nachteil: Sie waren kaum billiger als Neubauten -- für die zum großen Teil auf preiswerten Wohnraum angewiesenen Ureinwohner der alten Stadtteile waren sie jedenfalls zu teuer.

Einen guten Teil der Sanierungskosten verursachen perfektionistische Förderrichtlinien der Kommunen. So müssen für teure Maurerstunden tragende Wände um 15 Zentimeter versetzt werden, damit die Wohnzimmer die amtlich verordnete Größe haben.

Dieser Perfektionswahn war auch Schuld an einem Ärgernis, das schließlich die Hausbesetzer auf den Plan brachte: Damit die Totalsanierer freie Bahn haben, werden ganze Blocks »entmietet« -- soll heißen: Die Bewohner werden rausgeschmissen.

Die Häuser stehen dann oft jahrelang leer. So gibt es in Berlin derzeit 7000 leere Wohnungen, obwohl beim Wohnungsamt 18 000 Dringlichkeitsfälle gemeldet sind.

Unter den wohlwollenden Blicken der Nachbarn führten die Hausbesetzer allein in Berlin an über 20 Beispielen bisher vor, daß die alten Häuser auch mit weniger Aufwand renoviert, »instandbesetzt« werden können.

Daß den Mietern mehr Mitwirkung bei der Altbauerneuerung eingeräumt werden könnte, scheint selbst den Experten im Bonner Bauministerium bedenkenswert. Doch alle Überlegungen der »interministeriellen Arbeitsgruppe« unter dem Stichwort »Mietermodernisierung« verfingen sich bisher im Gestrüpp von Bauverordnungen und Eigentumsrecht.

Allzuviel Bedenkzeit ist wohl nicht mehr gegeben. Proteste gibt es nämlich nicht mehr nur von langmähnigen Alternativlern, selbst in gutbürgerlichen Wohnvierteln wächst die Unruhe. Dort übernehmen Spekulanten immer mehr noble Altbauten, die sie nach einer luxuriösen, aber meist überflüssigen Modernisierung als Eigentumswohnungen an steuersparende Kapitalanleger verkaufen.

Die Bewohner einiger Schwabinger Häuser, die vor kurzem neue Vermieter erhalten hatten, zogen im vorweihnachtlich-friedlichen München mit Fackeln und Transparenten zu einer demonstrativen »Herbergssuche« auf die Straße.

Pensionierte Steuerberater, reputierliche Realschullehrerinnen und jungdynamische Rechtsanwälte murmelten, ein wenig schüchtern noch, das Motto mit: »Omas, Opas, Onkel, Tanten -alle gegen Spekulanten.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 87
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.