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HAITI Onkel Menschenfresser

Tumulte und Barrikaden - Zehntausende lehnten sich gegen Diktator Duvalier auf. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Die Aufschrift auf dem zwei Meter hohen Kreuz verkündete: »Es ist Zeit für die Wende.« Sprechchöre forderten den Rücktritt des Präsidenten, Demonstranten riefen: »Das Geld ist in der Schweiz, und wir sind im Elend.« In Cap-Haitien, der zweitgrößten Stadt des Landes, protestierten am Mittwoch vergangener Woche 40000 Einwohner gegen ihren Staatschef, den 34jährigen Präsidenten auf Lebenszeit Jean-Claude ("Baby-Doc« ) Duvalier.

Doch abgesehen von der Tatsache, daß es sich um die bis dahin größte Demonstration handelte, war es ein seit Monaten vertrautes Bild im verarmten Westteil der Karibikinsel. Ungewöhnlich war nur eines: Die Ordnungskräfte des Präsidenten, sonst mit Waffen und Schlagstöcken schnell zur Hand, hielten sich zurück. Zwar versperrten sie den Zugang zu den Kasernen der Stadt, doch ansonsten ließen sie die Demonstranten trommeln und singen.

Gewaltsamer verlief tags darauf eine verfrühte Jubelfeier im 700 Meilen entfernten Miami. Etwa 2000 Exil-Haitianer glaubten Duvalier bereits gestürzt und feierten ausgelassen auf den Straßen, als ein Wagen in die Menge hineinfuhr und eine Frau tötete. Nur mit bissigen Hunden konnte die Polizei die aufgebrachten Menschen wieder zur Ruhe bringen.

Am nächsten Morgen hatte das Gerücht vom Sturz Duvaliers sogar die amerikanische Regierungszentrale erreicht. Überraschten Journalisten verkündete Ronald Reagans Pressesprecher Larry Speakes am Freitagmorgen, daß Duvalier geflohen sei und eine militärisch-zivile Regierung die Macht übernommen halbe.

Die voreilige Meldung beruhte wohl auf Wunschdenken. Der bullige Diktator, der über Radio wenige Stunden zuvor einen 30tägigen Ausnahmezustand ausgerufen hatte, ließ sich im Schutz einer schwerbewaffneten Militäreskorte durch die Hauptstadt Port-au-Prince chauffieren und verkündete über Radio, später auch im Fernsehen: »Der Präsident ist hier, fest und stark wie ein Affenschwanz.«

Die Prahlerei sollte seine Unsicherheit verdecken. Denn die Dynastie der Duvaliers ist gefährdet wie noch nie. Sogar die Schutzmacht USA, die vor 29 Jahren Jean-Claudes Vater, den Arzt Francois Duvalier, an die Macht gebracht hatte, geht offen auf Distanz.

Als sein Sohn 1971 nach dessen Tod die Regierung übernahm, bemühte er sich, der Schreckensherrschaft, die »Papa Doc« mit Hilfe seiner Spezialmiliz, den »Tontons Macoutes« (Onkel Menschenfresser) errichtet hatte, den Anstrich von Gesetzlichkeit zu geben. Zuletzt ließ er sich im vergangenen Sommer per Volksbefragung - 99,98 Prozent Ja-Stimmen - als Präsident auf Lebenszeit bestätigen. Gleichzeitig erlaubte er die Gründung von Parteien unter der Bedingung, daß sie sein Regime respektierten. Schon einmal, 1978, hatte er auf Druck des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter Parteien und Gewerkschaften zugelassen. Doch nachdem der weniger um Menschenrechte besorgte Ronald Reagan Präsident geworden war, wanderten in Haiti wieder 500 Oppositionelle ins Gefängnis.

Während Baby-Docs 15jähriger Regierungszeit geriet das Land immer mehr ins Elend. Mit seiner 33jährigen Frau Michelle führte er ein Luxusleben abwechselnd auf einer Ranch, einem Sitz in den Bergen und in zwei Villen. Die Landesmutter flog mit der Concorde zum Shopping nach Paris und holte sich Nerze aus Modeschöpfer-Ateliers.

Dagegen müssen fast 80 Prozent der Haitianer mit weniger als 130 Dollar im Jahr auskommen. 65 Prozent der Arbeitsfähigen sind beschäftigungslos. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt nur 48 Jahre. 85 Prozent der 5,4 Millionen Einwohner können weder lesen noch schreiben. Um dem Elend zu entgehen, ziehen viele in den Ostteil der Insel, in die Dominikanische Republik, wo sie wie Sklaven bei der Zuckerrohrernte schuften. Mehr als 50000 flohen in die USA.

Im vergangenen November jedoch begann es vor allem unter den Jugendlichen zu gären. In Gonaives gingen Schüler und Studenten zusammen mit Slumbewohnern auf die Straße und forderten das Militär zum Staatsstreich auf: »Nieder mit dem Elend«, »Nieder mit der Präsidentschaft auf Lebenszeit«, »Es lebe das Heer«, schrien sie. Als Polizei in die Menge schoß, starben drei Jugendliche.

Baby-Doc wandte die alten Einschüchterungsmethoden seines Vaters an. Im Dezember ließ er den katholischen Sender »Radio-Soleil« schließen, weil der Demonstrationen übertragen hatte, und sperrte den Oppositionsführer Hubert de Ronceray ein. Als die US-Regierung drohte, die für 1986 vorgesehene Finanzhilfe von 56 Millionen Dollar wegen der fortlaufenden Menschenrechtsverletzungen zu kürzen, kam de Ronceray frei, das Radio durfte wieder senden.

Zu Neujahr bildete Duvalier - zum viertenmal in sechs Monaten - die Regierung um und entließ den gefürchteten Polizeichef. Trotzdem verhinderten diese Besänftigungsversuche nicht, daß erneut Unruhen unter der hungrigen Bevölkerung ausbrachen.

Um das Volk bei Laune zu halten, senkte der Finanzminister die Preise für Zucker, Brennstoff, Speiseöl, Reis und Mehl um zehn Prozent. Am vorletzten Wochenende machte Duvalier unter dem Druck der Massen auf der Straße noch ein weiteres Zugeständnis: Er verkündete die Auflösung seiner Geheimpolizei. Zudem schickte er zwölf hohe Offiziere in den Ruhestand, um einem Militärputsch vorzubeugen.

Trotzdem brach vorige Woche der Sturm erneut los, zwölf Menschen wurden seither bei den Unruhen erschossen. In allen größeren Städten wurden Polizeikasernen angegriffen. Lagerhäuser wurden geplündert und Touristen aufgefordert, in die regierungsfeindlichen Parolen miteinzustimmen. Doch die Karnevalsstimmung, Tanz und Musik, die viele dieser Demonstrationen auf karibisch zunächst begleitet hatten, verflog schnell.

Noch während der angeschlagene Präsident im kugelsicheren Wagen durch die Hauptstadt fuhr, um seine Präsenz zu beweisen, errichteten die Bewohner von Port-au-Prince schon Barrikaden. Die Sicherheitskräfte, die sich in Cap-Haltien so friedlich gegeben hatten, griffen wieder zu den Gewehren.

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