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Hören und Sehen ONLINE-MUSIK - Wettrüsten im Netz

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Musikindustrie und Online-Tauschbörsen geht weiter. Allmählich dämmert den großen Labels: Der Vertrieb übers Netz ist das Beste, was ihnen passieren konnte.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Panikartiger Massenandrang herrschte auf den Servern der Musiktauschbörse Napster. Anwälte der Firma hatten am 2. März, einem Freitag, vor Gericht versprochen, rund eine Million urheberrechtlich beanstandete Titel zu sperren.

Ein ganzes Wochenende lang liefen die Modems heiß, allein am Freitag loggten sich fast 700 0000 Nutzer auf den Servern bei San Francisco ein, um Songs von Metallica, Dr. Dre und den Beatles herunterzuladen, bevor sie gesperrt würden. Am Sonntagabend wurde die neue Filtersoftware aktiviert und durchstöberte die zentrale Datenbank nach zunächst rund 6000 umstrittenen Songs, um sie zu blockieren. Knapp eine Woche später gelangten weitere 135 000 Titel auf die Filterliste.

Doch schnell kam von Seiten der Musikfans Entwarnung. »Der Filter ist eher ein Sieb«, höhnten die Kids, Tausende von angeblich gesperrten Titeln ließen sich problemlos weiter herunterladen. Der Trick: Die Freunde kostenloser Musik hatten sich einen Spaß daraus gemacht, Songtitel einfach umzubenennen und damit unauffindbar zu machen für die Suchmaschine des Filterprogramms. Schon kursiert ein Verfremdungsprogramm namens »Pig«, das die Umbenennung der Dateien automatisch vornimmt, indem es einfach den ersten Buchstaben ans Ende stellt: Aus »Madonna« wird »adonnaM«, aus »Music« »usicM«.

Wieder haben pfiffige Musikpiraten der trägen Industrie eins ausgewischt, wie schon so oft. Der Rechtsstreit darum, wie wirkungsvoll der Filterversuch war, dürfte noch eine Weile weitergehen. Und selbst eine Schließung von Napster per einstweiliger Verfügung ist nicht das Ende vom Lied: Davon profitieren alternative Tauschbörsen, die juristisch noch schwerer zu kontrollieren sind, weil sie keine feste Netzadresse haben, die sich sperren ließe.

So markiert der löchrige Filter eine neue Phase im Umgang mit Musik im Netz: Nicht mehr nur Anwälte, sondern auch Computerprogramme sollen in Zukunft das Urheberrecht schützen.

Bislang dominierten Militärmetaphern: »Der Rock'n'Roll steht am Rande eines Bürgerkriegs«, kommentierte das britische Fachblatt »New Musical Express«. Eine Industrie mit 40 Milliarden Dollar Umsatz stand einem Millionenheer zahlungsunwilliger Nutzer gegenüber.

Nun findet ein Umdenken statt - die Musikindustrie entdeckt das Netz. Eine neue Generation von Musikmanagern, meist um die 40 Jahre alt, sieht im Zulauf zu Napster nicht nur kriminelles Verhalten, sondern den legitimen Kundenwunsch, bequem von zu Hause aus an die persönliche Lieblingsmusik zu kommen, ein Service, den weder CD-Läden noch Radio-Wunschkonzerte liefern.

Zu dieser Generation gehört auch Tim Renner, 36, frisch eingesetzter Chef bei Universal Music Deutschland, der in der Branche als Erneuerer mit Basiskontakt gilt. Während sein Vorgänger Wolf Gramatke noch in der ersten Hysterie um illegal kopierte CDs mit Polizei-Razzien auf Schulhöfen drohte, fand Renner es sinnvoller, bei den Teenagern »erst mal ein Unrechtsbewusstsein, vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen« zu erzeugen - mit der Kampagne »Copy Kills Music«.

Angeblich entsteht durch illegales Kopieren ein jährlicher Schaden von über einer Milliarde Mark, doch ist genau das schwer zu bemessen. HipHop Superstar Eminem drohte allen, die seine Musik illegal im Netz anbieten, eine Tracht Prügel an - obwohl er sich kaum über rückläufige Umsätze beklagen kann. Im Gegenteil: Sein aktuelles Album »The Marshall Mathers LP« mit dem Welthit »Stan«, das bereits vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin über Napster gratis verfügbar gewesen sein soll, hat sich fast acht Millionen Mal verkauft. Ebenso wie andere aktuelle Bestseller der Internet-Generation wie Britney Spears, 'N Sync oder die Backstreet Boys, die allesamt gewaltige Umsätze verbuchen konnten. Die Rocker von Limp Bizkit erfreuten ihre Fans sogar mit einer von Napster gesponserten Gratis-Tournee.

Vielen erscheinen die Internet-Tauschbörsen eher als hocheffektive Promotion-Maschine. Grunge-Diva Courtney Love meint: »Mir ist es lieber, wenn hundert Millionen Menschen eins meiner Lieder hören als nur die üblichen 100 000.«

Sind MP3-Files Ware oder Werbung? Müssen Napster-User bestraft oder bezahlt werden dafür, dass sie Musik austauschen und sie dadurch bekannt machen? Die Antwort darauf soll in Zukunft von Lied zu Lied individuell programmiert werden. »Digital Rights Management« (DRM) hieß Ende Januar auf der Musikmesse Midem in Cannes das allgegenwärtige Schlagwort.

Die jungen Digital-Rights-Manager ersetzen Gerichts- durch Geschäftsprozesse, Moral durch Software-Codes.

Dutzende Firmen, vom kleinen Start-up wie Copyright.net oder Liquid Audio bis hin zum Büromaschinen-Konzern IBM, arbeiten zurzeit daran, Sicherheitssperren, Kontrollen und Zusatzinformationen fast unhörbar in den Klangkörper eines Stückes einzuweben. Die Varianten dazu sind zahlreich:

* Um Raubkopierer aufzuspüren, erlauben digitale Wasserzeichen in den Klangdaten Rückschlüsse darauf, wer ein Musikstück wann wo ursprünglich gekauft hat.

* Ein Kopierschutz verhindert, dass eine Musikdatei von einem auf ein anderes Gerät übertragen ("exportiert") wird.

* Ein eingebautes Programm lässt digitale Kopien von Mal zu Mal schlechter werden.

* Regionalcodes beschränken die Nutzung geografisch - DVD-Filme aus den USA zum Beispiel lassen sich mit europäischen Geräten nicht abspielen. Ähnliches ist für Musikstücke denkbar.

* Ein kommerzielles »Clearinghouse« verkauft einen digitalen »Schlüssel«, ohne den sich die Musikdateien nicht öffnen lassen. »Man kann die ,DB2 Digital Library' mit einem Bankautomaten vergleichen, von dem der User Geld abhebt«, heißt es auf einer Website von IBM.

* Musikstücke mit Verfallsdatum erlöschen nach mehrmaligem Hören oder nach einer bestimmten Zeit und müssen dann neu freigeschaltet werden.

* Superdistribution - Musikdateien »merken« sich, wie sie verteilt worden sind, und belohnen besonders fleißige Verteiler - wer einen neuen Hit an viele Freunde weiterverschickt und sie so zum Kauf einer CD animiert, bekommt Konzerttickets billiger.

Das Kunstwerk in Zeiten der digitalen Reproduzierbarkeit bekommt ein geheimnisvolles Eigenleben, eine kommerzielle Datenaura. Allerdings: Die heute auf Napster kursierenden MP3-Files lassen sich nicht mehr nachträglich mit DRM-Codes impfen. Dienste wie Napster, Gnutella oder Aimster werden auch in Zukunft weiter existieren - als musikalische Paralleluniversen neben anderen, durch DRM geschützten.

Um Hörer zum Verwenden neuer, geschützter Musikformate zu animieren, plant die Musikindustrie die Einführung eines neuen Audio-Standards namens Advanced Audio Coding (AAC) mit besserer Klangqualität und kürzeren Download-Zeiten. Brandneue Hits sollen die Hörer zu dem neuen Format hinüberlocken. Kostenersparnisse, erhöhte Nachfrage und Kundenbindung, so hofft die Tonträgerindustrie, stellen sich dann wie von selbst ein - Code sei Dank.

Dass sich jeder DRM-Schutz prinzipiell knacken lässt, ist klar. Doch ebenso klar ist: Über den wirtschaftlichen Erfolg entscheiden die restlichen 99 Prozent der Nutzer, denen zum Hacken Zeit und Lust fehlten.

»Wir bewegen uns auf eine Zeit zu, in der das Urheberrecht effektiver geschützt ist als je zuvor seit den Zeiten von Gutenberg«, meint deshalb Lawrence Lessig, Juraprofessor an der Harvard Law School. »Programme können und werden als Urheberrechtsschutz zunehmend das Gesetz verdrängen.«

Nicht nur die jungen Digital-Rights-Manager glauben, dass Napster das Beste ist, was den großen Schallplatten-Labels je passieren konnte: Die Musikpiraten haben die Branche wachgerüttelt.

»Eigentlich müssten wir den Major Labels eine saftige Rechnung schicken«, frotzelt ein Chat-Teilnehmer in einem Online-Forum der Tauschbörse Aimster. »Jede andere Firma müsste dafür ein paar Milliönchen abdrücken an irgendwelche beschlipsten Unternehmensberater.«

CHRISTOPH DALLACH, HILMAR SCHMUNDT

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