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»Onze Claus is de liefste mof van Nederland«

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über die Krise im holländischen Königshaus *
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 35/1983

Vielleicht hätte der Prinz mit den traurigen Augen auf die Winzerin vom Kaiserstuhl hören sollen, die ihm »täglich ein Viertele« empfahl, oder auf Frau Adelheid D. aus Bochum, die ihn gern mit Aerobic kuriert hätte, oder auf den Gesundmacher Manfred Köhnlechner, der ihm verdünntes Sandviperngift gegen die Tristesse verordnete.

Vielleicht würde ihm dann das Schicksal eines königlichen Frührentners und der niederländischen Nation eine schwere Identitätskrise erspart bleiben.

Doch der traurige Prinz schlug die gutgemeinten Rezepte in den Wind, die ihm »Bild« im Namen einer mitleidenden Leserschaft übermittelte. Nach einer Kreuzfahrt mit der Familie auf der Jacht des Amsterdamer Bier-Magnaten Freddie Heineken zog er sich nach Bad Driburg am Teutoburger Wald zurück. Dort will er nun - bei 80 000 Mark Apanage im Monat - den Sinn des Lebens bedenken und sein Golfhandicap um ein paar Schläge verringern. Er zieht die Konsequenzen aus einer Familienkrise, die in eine Staatskrise überzugleiten droht.

Die Königin von Holland ist Strohwitwe - womöglich für immer. Das Volk der Niederländer hat wieder einmal Pech mit einem deutschen Prinzgemahl gehabt - zum drittenmal in diesem Jahrhundert.

Über eins aber ist sich fast ganz Holland einig: »Onze Claus«, wie er zärtlich genannt wird, hat seine Pflicht getan, hat dem Haus Oranien-Nassau drei Söhne gezeugt. Nach drei Generationen Mädchen ist erstmals nicht mehr Not am Mann in der königlichen Erbfolge. Er hat die Monarchie aus dem schlimmsten Formtief ihrer Geschichte, in das sein Schwiegervater, Prinz Bernhard, sie gestoßen hatte, zu neuer Beständigkeit geführt.

Die liberale Königin und ihr »pink prince«, wie »Time« ihn nannte, passen gut ins Bild der offenen niederländischen Gesellschaft. Nach jüngsten Umfragen stehen heute neun von zehn Holländern fest zu ihrer Königin.

Und das sind längst nicht alles Royalisten. In Holland kriegen selbst erbitterte Republikaner feuchte Augen, wenn die Königin am »Prinsjesdag« mit imperialem Pomp das Parlament eröffnet. Der nicht mal sonderlich monarchistische Amsterdamer Homosexuellenverein COC bemühte sich sogar zeitweilig um königliche Approbation.

Sjoukje van Heekeren, Blumenverkäuferin am Spui in Amsterdam, artikulierte die Verehrung, die ihre Landsleute für den Prinzgemahl empfinden: »Er ist der netteste und sympathischste Mof, den wir in Holland haben.« »Mof« ist das Synonym für »Deutscher«, das im Klangwert dem von Deutschen für Holländer geprägten »Kaaskopp« ähnelt.

Doch der Traum ist aus. Claus geht und kommt vorerst nicht wieder. Er sucht jetzt in Bad Driburg eine Wohnung - da, wo er durch Caspar Graf Oeynhausens Vermittlung vor 19 Jahren seine Trixie kennenlernte.

Daß ihn die Holländer zunächst der Mitgiftjägerei verdächtigten, war unrecht. Claus hatte sich sein Taschengeld verdient, indem er aus den gesammelten Hirschgeweihen von Onkel Julius Hirschhornknöpfe schnitzte. Zur Antrittsvisite bei der mutmaßlich wohlhabendsten Monarchin Europas rollte er in einem ältlichen Porsche mit VW-Motor vor.

Als 1965 die Verlobung mit Beatrix bekanntgegeben wurde, stöhnte halb Holland: »Nog een mof.« Im Parlament tobten Tumulte. Presse und Geheimdienst stocherten in der Amsberg-Vita herum. Doch die Recherchen förderten keinerlei Belastungsmaterial zutage.

Das 200 Seiten starke Dossier, das die Untersuchungskommission im Auftrag der Regierung über die Amsberg-Vergangenheit zusammenstellte, dokumentierte eine ganz normale Vita der Flakhelfer-Generation. Das Belastendste war ein Photo, das Claus als Teenager mit schwarzer Totenkopfmütze zeigt. Doch die Mütze stammte nicht von der SS, wie Amsterdamer Blätter vermuteten, sondern vom gänzlich unbescholtenen Panzerregiment 6 in Neuruppin.

Auch in der Studien- und Lehrphase in Hamburg, während der er mit Ferdinand Graf von Bismarck eine Studentenbude teilte, fanden sich keine dunklen Punkte, nicht mal eine Weibergeschichte. Am 28. Juni 1965 trat Königin Juliana unter Tränen vor die Nation und verkündete: »Ich darf Ihnen versichern, es ist alles in Ordnung.«

Daran hat sich in der Zwischenzeit einiges geändert, und der nun beginnende Rückzug des sensiblen Sympathieträgers aus der Märchenwelt der Monarchie hat Gründe, an denen Ärzte und Klatschchronisten seit einem Jahr mit gleichermaßen unbefriedigenden Ergebnissen herumrätselten.

Nur so viel steht fest: Die in der Branche gehandelten Diagnosen waren alle falsch. Gehirntumor, multiple Sklerose, vererbte Störung des Hirnstoffwechsels, kanadische Schüttelkrankheit - das alles hat er nicht.

Mag sein, daß eine verschleppte Midlifekrise mit im Spiel war oder daß er in seinen Aufgaben als Vorsitzender des Komitees zur Errettung der Windmühlen und Schirmherr des Weltkongresses

für pflanzliches Eiweiß nicht die letzte Erfüllung fand. Nur, bis Mitte vergangenen Jahres hat er mit der Frustration ohne sichtbare Zeichen seelischer Zerrüttung leben können - ebenso wie mit dem Konflikt zwischen seiner angeblich republikanischen Gesinnung und seiner aristokratischen Kümmerexistenz im Schatten der Königin.

Der Bruch kam ganz plötzlich, im letzten Sommer. Der Prinz sah auf einmal alt aus. Er wirkte matt und fahrig. Beim Staatsbesuch in Großbritannien im November mußten ihm die Ärzte Mittel verabreichen, damit er die Protokollstrapazen durchhielt.

Doch ein halbes Jahr darauf schien er wieder päßlich. Nach langwieriger Behandlung in der Klinik des Baseler Depressionstherapeuten Paul Kielholz, wo er auch auf den deutschen Staralkoholiker Harald Juhnke traf, konnte er im Frühjahr wieder sein lange verschmähtes Lieblingsgericht, Spargel mit Mayo, essen.

Im Juni kam die Meldung, er habe beim Rekonvaleszieren im Sanatorium des Grafen Caspar von Oeynhausen-Sierstorpff den deutschen Ökonomen Otto Graf Lambsdorff beim Skat aufs Kreuz gelegt - obwohl er seit seiner Flakhelferzeit kein Blatt mehr auf der Hand gehabt hatte.

Dann kam Graf Caspar mit der frohen Botschaft der Saison heraus: Unter deutlichem Hinweis auf die Heilkraft der gräflichen Caspar-Heinrich-Quelle verkündete der Kurherr: »Claus und Beatrix haben ihre Liebe neu entdeckt.«

Tatsache ist: Die Caspar-Heinrich-Quelle hat den Prinzen nicht gesund gemacht, wohl aber der Prinz die Kaspar-Heinrich-Quelle. Die vom Kostendämpfungsgesetz gebeutelte gräfliche Kurverwaltung meldete erstmals wieder steigende Umsätze. Prinz Claus jedoch versank wieder in Depression.

Der Rückfall traf zusammen mit einem Ereignis, das die Gerüchteküche in Den Haag schlagartig unter Volldampf setzte. Am 2. Juli veröffentlichte die seriöse »Haagse Post« ein Interview mit dem ultralinken Amsterdamer Publizisten und Kreml-Freund Willem Oltmans. Eher beiläufig waren Oltmans und sein Interviewer, »Post«-Redakteur John Jansen van Galen, auch auf ein Gerücht über einen »ernstig incident« zu sprechen gekommen, der sich beim Besuch des Königspaares in New York im Juni vergangenen Jahres zugetragen haben soll und in den laut Oltmans »Prinz Claus und eine mit dem Königspaar befreundete Person« verwickelt gewesen sein sollen.

Oltmans hielt das zwar für eine Ente - sagte er. Aber gerade in einer von übertriebener Diskretion gezeichneten Hofatmosphäre pflegen selbst vage Gerüchte besondere Eigendynamik zu entwickeln. Und deshalb war Oltmans auch sicher, daß »die Bombe bald hochgehen« würde.

Dabei hatte die Redaktion der »Haagse Post« in Sorge um rechtliche Folgen die deutlichsten Passagen schon aus dem Interview herausgestrichen.

Das »Post«-Interview war nicht mal die brisanteste Ladung unter dem Oranier-Thron. Eine andere Bombe war eine Woche zuvor von unbekannter Hand entschärft worden:

Am 30. Juni sollte das in der belgischen Stadt Gent erscheinende Wochenblättchen »Metro« mit einer Enthüllungsgeschichte über Prinz Claus aus der Feder des holländischen Rundfunkjournalisten Jan Pijper auf den Markt kommen. Doch die Druckerei lehnte ab, angeblich weil »Metro« bei ihr mit 180 000 Gulden in der Kreide stand. Drei Tage später erschien »Metro« dann doch noch - ohne die Claus-Story.

Der SPIEGEL hat das Originalmanuskript gelesen. Darin kolportiert Pijper, der US-Geheimdienst CIA versuche, die Königin und indirekt ihre Regierung mit dem »ernstig incident« unter Druck zu setzen, um ihnen die Zustimmung zur Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen abzuringen.

Claus, so hieß es weiter, wolle das Handtuch werfen. Doch Beatrix sei entschlossen, »ihre königliche Haut so teuer wie möglich zu verkaufen«.

Der politische Hintergrund für die verworrene Spekulation: Die Stationierungsfrage ist in den Niederlanden offen. Meinungsumfragen signalisieren ein Patt zwischen Befürwortern und Gegnern der Nachrüstung. Der christdemokratische Premierminister Ruud Lubbers hat in einer vertraulichen Note an den Kollegen Kohl in Bonn zu verstehen gegeben, die Niederländer würden die Entscheidung der Deutschen in ihre Überlegungen für oder wider die Stationierung vorrangig einbeziehen.

Pijpers These wirkt, schon von Ferne betrachtet, dubios. Sie hakt auch im politischen Detail: Die Königin hat zwar ein beschränktes Mitspracherecht bei der Regierungsbildung. Doch zur Zeit sind in Holland ausnahmsweise keine Wahlen in Sicht. Während der Legislaturperiode ist der Einfluß des Königshauses auf die Richtlinien der Politik gleich Null.

Nach den Erfahrungen mit der geradlinigen Bockbeinigkeit holländischer Königinnen hätten die Männer vom Dienst auch nicht hoffen dürfen, mit einem solchen Manöver den Durchbruch in der Nachrüstungsfrage zu erzwingen.

Im Gegenteil: Die CIA hätte mit einer solchen Operation nur eine starke Solidarisierungswelle

ausgelöst, die die öffentliche Meinung zuungunsten Washingtons und damit auch zuungunsten der Nachrüstung hätte umkippen lassen.

Gewiß, das Land, das Kugelkäse und Holzschuhe hervorgebracht hat, ist ganz und gar nicht die Urheimat sinnlicher Extravaganzen. Wer anders als der Durchschnitt fühlt, wird mürrisch toleriert, doch nicht geliebt. Die Prüderie des Volksempfindens hinkt deutlich hinter der Liberalität der Verfassung her.

Wer die Illusion von der schönen heilen Welt der Monarchie zerstört, muß mit dem Schlimmsten rechnen. Bei den bekennenden Antimonarchisten Willem Oltmans und Jan Pijper scheint die Interessenlage klar zu sein. Oltmans gehört zu jenen Journalisten, die nicht nur Geschichten schreiben, sondern auch Geschichte machen - nicht immer zu Gefallen der Regierung in Den Haag.

Er war Berater des indonesischen Präsidenten Sukarno wie des Moskau-treuen Kongo-Premiers Patrice Lumumba. Und er hat in zahlreichen Schriften die Vorzüge des Sowjetstaats besungen.

Die Russen zeigen sich erkenntlich, wo sie können. Zur Vorstellung seines neuesten Buches im Haager »Promenade Hotel« zum Beispiel schickte ihm sein Freund, der Moskauer ZK-Mann und Andropows Chef-Amerika-Berater Georgij Arbatow, dessen gesammelte Schriften Oltmans auf Niederländisch herausgegeben hat, einen leibhaftigen Kosmonauten als Werbegehilfen.

Skandalchronist Jan Pijper pflegt ähnliche, wenngleich weniger hochkarätige Bindungen. Er ist ein enger Freund des prominenten KP-Journalisten Wim Klinkenberg. An Klinkenbergs Seite hat er manche Attacke gegen die Monarchie gestartet.

Jedenfalls blieben die Probleme im Königshaus für die - mehrheitlich republikanisch gesinnte - holländische Presse monatelang tabu. »Ein toller Reißer«, sagt der Stellvertretende Chefredakteur einer Amsterdamer Tageszeitung, der nicht genannt werden will, zum SPIEGEL, »aber er würde nur Schaden anrichten, wir würden 100 000 Abonnenten verlieren, und die ganze Nation müßte auf die Psychiatercouch.«

Willem Oltmans beteuert, er habe sein Interview nur gegeben, um falschen Gerüchten entgegenzutreten. Doch er vergißt, daß er selbst damit die Gerüchte der Öffentlichkeit zugänglich machte. Wenn er die Königin vor übler Nachrede hätte schützen wollen, wie er vorgibt, hätte er nur den Mund zu halten brauchen.

Oltmans ist sehr indigniert über solche Einwände. Er habe im Interesse von Beatrix einen Falkland-Effekt erreichen wollen, sagt er, »damit die ganze Herde hinter ihr steht«.

Man würde ihm gern glauben, wenn er die Königin nicht im nächsten Atemzug als die »Frau mit dem dicken Hintern auf dem Balkon« beschimpfen würde.

Gijgs van der Wiel, königlicher Chef-Dementierbeamter, bestreitet zwar, daß im Haager Innenministerium ein Gesetz vorbereitet wird, das die Interimsregentschaft für den Fall einer plötzlichen Amtsunfähigkeit der Königin vom Prinzgemahl auf den »Staatsrat« überträgt.

Nicht zu bestreiten aber ist, daß im Frühjahr eine Drei-Männer-Kommission berufen wurde, die Kronprinz Willem Alexander auf seine Aufgaben als König der Niederlande vorbereiten soll. Willem Alexander ist erst 16 und geht noch zur Schule - neuerdings weit weg vom Schuß im britischen Wales.

Kein Zweifel, die Zeichen stehen auf veränderlich. Und Beatrix mag sich wohl des Ratschlags erinnern, den ihr, so heißt es, die Großmutter, Ex-Königin Wilhelmina, auf dem Totenbett gab: »Heirate nie einen deutschen Prinzen.«

Noch heute heißt es in der niederländischen Nationalhymne: »Wilhelmus von Nassave bin ich von teutschem blut«. Doch seit Hitlers Überfall sind die Beziehungen zwischen Deutschen und Niederländern gespannt. 100 000 holländische Juden wurden ermordet. 55 000 Holländer folgten freiwillig dem Ruf des deutschen Führers zur Eroberung von Lebensraum im Osten. Das Trauma der Kriegszeit blieb in Holland lebendiger als anderswo in Europa.

Aber die Not mit den deutschen Prinzen ist älter. Seit Wilhelm der Schweiger von Nassau-Dillenburg im Jahre 1551 die Nassauer-Dynastie begründete, kamen 15 von 23 Ehepartnern der Oranier und bis auf einen einzigen sämtliche Gatten der niederländischen Könige aus Deutschland. Doch Exportschlager waren die wenigsten.

Am allerwenigsten Wilhelminas Ehemann Hendrik alias »Schweine Heintje«,

wie er wegen seiner Vorliebe für die Landwirtschaft genannt wurde. Heinrich (Hendrik) von Mecklenburg-Schwerin war, wie heute Claus von Amsberg, ein Opfer jener männerfeindlichen Regel, nach der die Ehefrauen von Königen zwar Königinnen, die Ehemänner von Königinnen aber keine Könige werden.

Nur, daß der »blaue Heinrich«, wie er unter Freunden hieß, leichter damit fertig wurde. Nach einer gemeinsamen Bergtour in den Schweizer Alpen notierte ein Freund Baron Wittert van Hoogland en Emiclaer, der Prinz sei wieder mal durch seine Extravaganzen aufgefallen. Seine Kontakte zu Schweizer Zimmermädchen und internierten deutschen Soldaten seien ihm von den Gastgebern zum Nachteil ausgelegt worden.

Die wechselweise homo- und heterophilen Abenteuer des Prinzgemahls waren Gegenstand zahlreicher Anekdoten. 1920 wurde er bei einer Razzia in einem Knabenbordell, 1925 als Zuschauer eines »rosa Balletts« aufgegriffen. Sein alter Weg- und Zechgenosse Ernst Heldring schrieb nach Hendriks Tod in sein Tagebuch: »Er war eine bemitleidenswerte Figur, gutherzig, kindlich, fröhlich, jedoch ständig gebückt unter seiner schiefen Position als Gemahl der Königin. Er trank viel, und seine Seitensprünge auf sinnlichem Gebiet waren von niederem Niveau.«

Trotzdem war der nächste Prinzgemahl wieder ein Deutscher: Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfeld, der »Nazi-Prinz«, wie er wegen seiner Mitgliedschaft in der SS-Motorstaffel anfangs genannt wurde. Die Hochzeit mit Juliana war von seiner Seite wohl keine Liebesheirat. »Lulu« war keine Schönheitskönigin, aber sie war Kronprinzessin und eine gute Partie - die beste Partie, die ein verarmter deutscher Adliger im weitgehend republikanischen Europa zwischen den Kriegen machen konnte.

Für den Volksmund war Juliana »wie Braunbrot mit Käse und Salzhering«. Und das ist nach holländischen Wertmaßstäben ein schönes Kompliment. Bernhard war ein Mann von zackigem Selbstverständnis. Sein Motto: »Im Land regiert meine Frau, zu Hause ich.«

1976 gab Bernhard ohne viel Ausflüchte zu, daß er in den Lockheed-Bestechungsskandal verwickelt war. Die Beweise waren erdrückend. Der Prinz hatte einen Millionenbetrag von Lockheed kassiert.

Eine von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission grub einen Scheck aus, den Lockheed zugunsten eines Victor van Baarn ausgestellt hatte. Doch Mijnheer van Baarn existierte nicht. Baarn heißt der Ort, in dem das königliche Schloß Soestdijk liegt.

Während die Korruptionsfahndung bei Lockheed auf Hochtouren lief, hielt »Benno«, wie er von seinen Freunden genannt wurde, auf einem Management-Seminar im schweizerischen Davos eine vielbeachtete Rede, in der er auch sein geschäftliches Kern-Credo von sich gab: »Einfallsreichtum, Energie und persönliche Hingabe des Individuums und des freien Unternehmertums sind immer von höchster Wichtigkeit ... Wer besser, intelligenter, kreativer und schneller im Denken ist, verdient auch, dafür belohnt zu werden.« Bernhard hat immer gut verdient mit diesem Prinzip.

Daß Bernhard damals nicht vor Gericht kam und die Monarchie nicht stürzte, ist im wesentlichen dem damaligen sozialistischen Ministerpräsidenten Joop den Uyl zu danken, dem Chef jener Partei, die die Abschaffung der Monarchie im Grundsatzprogramm verankert hat.

Den Uyl verstand es, Parlament und Nation unter Hinweis auf den Gemeinnutz der Affäre zum Verzicht auf strafrechtliche Weiterungen zu bewegen.

Tatsächlich handelte Bernhard nicht nur, wie im Fall Lockheed, aus schierem Eigennutz. Er verstand sich auch als erster Handelsvertreter der Nation. Er bekleidete Führungsposten in nicht weniger als 300 Firmen und Organisationen. Was er anpackte, ging wie geschmiert.

Nach einer Business-Reise durch Lateinamerika kabelte Bernhard nach Hause: »Jungs, ich habe den Vertrag.« Im Auftrag des schwer angeschlagenen Amsterdamer Konzerns »Werkspoor« hatte er dem Präsidenten Juan Peron in Buenos Aires Eisenbahnwaggons für 250 Millionen Gulden verkauft. »Werkspoor« mußte zwar mit zwölf Millionen Dollar für Peron und hohe argentinische Beamte überkommen. Aber 10 000 Arbeitsplätze in Holland waren gerettet.

Den fröhlichen Business-Prinzen mit der unschuldigen weißen Nelke im Knopfloch (die er sich von KLM im Kühlschrank um die ganze Welt nachfliegen ließ) focht das alles kaum an. Während der Lockheed-Krise scherzte er einmal unter Freunden: »Ein Prinzgemahl muß ein Fell und Ohren haben wie ein Elefant, damit er alles hört und viel aushalten kann.«

Königin Beatrix scheint geneigt, dem erwarteten Druck der Ereignisse ähnlich zu trotzen wie 1965, als sie den Claus nahm. Damals hatte Königin Juliana hilflos gestanden: »Wat het meisje wil, dat doet ze.« Und so ist sie noch heute.

Beatrix will - notfalls ohne Prinzgemahl - den Thron besetzt halten, bis Willem Alexander, der Erstgeborene, ihn übernehmen kann, Sie fühlt sich durch das Motto gedeckt, das die Oranier im Wappen tragen: Je maintiendrai - ich halte durch. Ob Volk und Volksvertreter nach den Erschütterungen um Prinz Bernhard noch mal durchhalten werden, ist eine andere Frage.

Schon Königin Wilhelmina wurde mit ihren Eheproblemen nur schwer fertig. Sie wollte sich spontan scheiden lassen, als sie von Prinz Hendriks sexuellen Abenteuern erfuhr, ließ sich aber von ihrem Premier, Cort van der Linden, umstimmen: Der Prinzgemahl bekam ersatzweise zwei Monate Stubenarrest.

Auch Königin Juliana hielt an der Seite ihres Mannes aus. Der sozialistische Ministerpräsident Willem Drees teilte anläßlich einer königlichen Familienkrise auf Anfrage mit, er werde sich nicht in Julianas Angelegenheiten mischen. »Was auf Schloß Soestdijk passiert«, sagte er damals, »das ist die Privatsache Prinz Bernhards und der Königin.«

Die Verfassung sieht für die aktuelle Lage keine Lösung vor. Das Parlament in Den Haag hat seinerzeit zwar über die Hochzeit von Claus und Beatrix abgestimmt. Daß es auch bei einer Scheidung gefragt werden müsse, steht nicht im Gesetz.

Eine Scheidung der königlichen Ehe ist einstweilen auch nicht in Sicht. Sie müßte wohl nach den gleichen eherechtlichen Grundsätzen vollzogen werden wie die Scheidung jedes beliebigen Piet, Jan und Frans. Doch dieser triviale Grundsatz hat für Beatrix auch eine beruhigende Komponente: Im 20. Jahrhundert herrscht auch in königlichen Ehen Gütertrennung. _(Um Scheidungsgerüchten entgegenzutreten, ) _(ließen sich Beatrix und Claus letzte ) _(Woche demonstrativ photographieren. )

Um Scheidungsgerüchten entgegenzutreten, ließen sich Beatrix undClaus letzte Woche demonstrativ photographieren.

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