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Frankreich Operation Erzengel

Die französische Regierung soll ihre Flugzeug-Lieferungen an Libyen stoppen. Andernfalls droht ein Ex-Beamter mit der Enthüllung von Skandalen.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Der Erzengel schwor Rache für Israel, und Frankreichs Regierung zittert.

Man las es am Mittwoch -- gut eine Woche nach dem Massaker von München: Gabriel Aranda, 33, Berater des französischen Ex-Wohnungsbau-Ministers Chalandon und engagierter Israel-Freund, will geheime, die Gaullisten belastende Dokumente veröffentlichen. Nur eins kann ihn stoppen: die Einstellung der französischen Mirage-Lieferungen an den Israel-Feind Libyen.

Mit seiner »Operation Erzengel« -- so das satirische Wochenblatt »Le Canard enchaîné« -- belastet Aranda nur ein halbes Jahr vor den Parlamentswahlen die ohnehin schon durch Korruptionsskandale geschwächten Gaullisten und verschärft den Disput um Frankreichs Nahostpolitik.

Nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 hatte Charles de Gaulle den Stab über Israel gebrochen und die Waffenlieferungen an den Hebräerstaat eingestellt. Fortan schickten die Franzosen Mirage-Jagdbomber nach Libyen. »Es gab nur einen Grund dafür«, so Aranda heute, »das sind die Moneten.« Tatsächlich hat Frankreichs Schwenk von Israel zu den Arabern viel mit Geld, wohl auch mit Politik, aber nur wenig mit Moral zu tun. 100 Millionen Araber sind für Frankreich wichtigere Geschäftspartner als drei Millionen Israelis.

Gedeckt von de Gaulle und seinem Nachfolger Pompidou, baute die proarabische Regierungslobby ihre Stellung aus. Sie wird angeführt von Louis Terrenoire, einst Generalsekretär der gaullistischen UDR und ehemaliger Minister, heute Vizepräsident des Europäischen Parlaments. Terrenoire, der während des Kriegs Hunderten von Juden das Leben rettete und von den Deutschen nach Dachau verschleppt wurde, verstieg sich nach dem Münchner Geiselmord zu der Behauptung: »Frau Golda Meir hatte den Tod der israelischen Sportler beschlossen«

Das Drama von München hat vermutlich auch Erzengel Gabriel Aranda zur Flucht in die Öffentlichkeit getrieben. Der eher schüchterne Ex-Journalist und politische Wissenschaftler Aranda: »Ich habe beschlossen, den Augiasstall zu säubern.«

»Da einige Verantwortliche nur die Sprache des Geldes verstehen«, so Aranda in einem mit »Schalom« unterzeichneten Brief an die Abendzeitung »Le Monde«, »sprechen wir doch öffentlich davon -- von ihrem Geld. Von Profitgier, ja. von Profitgier.«

Der Profitgier sei es zuzuschreiben, klagt Aranda, daß am 10. Februar 1970 im Alpental Val-d'Isère 39 junge Franzosen unter einer Lawine sterben mußten. In dem bislang geheimgehaltenen Bericht 1. G. 70-22 des Generalinspektors Luguern sei festgestellt, daß die Genehmigung zum Bau ihres Wintersporthotels erteilt worden sei, obgleich der Baugrund in einem Lawinengraben gelegen habe. Aranda: »Alles des Geldes wegen«.

Skandalöser noch, zürnt Erzengel Gabriel. sei Frankreichs Lieferung von Kampfflugzeugen (monatlich zwei bis drei Stück) an Libyen. Aranda: »Eine völlige Mißachtung des Lebens von Frauen und Kindern in Israel.«

Bis zum Sturz des französischen Premiers Chaban-Delmas im Juli dieses Jahres hatte Aranda gehofft, daß der Verkauf der Mirage-Flugzeuge bald eingestellt würde. Denn Aranda-Chef und Israel-Freund Albin Chalandon hatte sich Hoffnungen gemacht, nach einer Kabinettsumbildung das mächtige Wirtschafts- und Finanzministerium zu übernehmen. Doch mit Chaban verschwand auch Chalandon -- und damit Arandas letzte Hoffnung.

»Es gibt nur einen ehrbaren Ausweg für Frankreich«, schreibt Aranda, »sofort das (über Lieferungen in den Nahen Osten verhängte) Embargo anzuwenden und die sofortige Rückgabe der bereits zu Unrecht gelieferten Jagdbomber zu erzwingen.« Wenn nicht. droht der Erzengel, werde er weitere Dokumente veröffentlichen.

Frankreichs Regierung reagierte scharf. Sie erstattete Anzeige gegen Unbekannt wegen Diebstahls, Weitergabe von Dokumenten und Komplicenschaft. Beim Gewerkschaftsboß der kommunistischen CGT, Georges Séguy, herrschte noch olympischer Geist: Er verteilte an die Fünfte Republik die Goldmedaille für Skandale.

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