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SPIONAGE Operation Exodus

Amerikanische Sondereinheiten machen in Europa Jagd auf östliche Computerspione - mit gutem Erfolg. *
aus DER SPIEGEL 30/1987

Früher stand auf Werner Bruchhausens Bürotür in Düsseldorf: »Nicht stören«. Er brauchte die kreative Ruhe, um telephonisch sein weltumspannendes Firmenimperium zu dirigieren. Wer ihn beim Telephonieren störte, flog unweigerlich raus.

Für die nächsten anderthalb Jahrzehnte ist diese Regel außer Kraft gesetzt. Die Wärter im Hochsicherheitstrakt der Gefängnisinsel Terminal Island vor Kalifornien ziehen einfach den Stecker raus, wenn sie meinen. Werner Bruchhausen habe genug telephoniert.

Bruchhausen wurde am 1. Mai in Los Angeles wegen fortgesetzten Verstoßes gegen die amerikanischen Embargobestimmungen zu fünfzehn Jahren Haft und 15000 Dollar Geldstrafe verurteilt. Seine Verhaftung war der bislang empfindlichste Schlag gegen den illegalen Technologietransfer, der dafür sorgt, daß die schwerfällige sowjetische Rüstungsmaschinerie nicht allzu weit hinter den westlichen Standard zurückfällt.

Der Nachschub ist schwieriger geworden, seit die Amerikaner in Westeuropa ein eigenes Fahndungsnetz aufgezogen haben. Die »Inter-Agency Task Forces« des Pentagon und US-Zollbeamte von der »Operation Exodus« haben in Zusammenarbeit mit europäischen Partnern in den vergangenen Jahren 4000 für den Warschauer Pakt bestimmte illegale Frachtsendungen abgefangen.

Heinrich Vogel, Direktor des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln, behauptet, daß im Bereich der Hochtechnologie bis zu 70 Prozent der militärischen Neuentwicklungen des Warschauer Paktes illegal aus dem Westen kämen. US-Firmen lieferten der Sowjet-Union Empfänger für das Navigationssystem, mit dem U-Boote der Roten Flotte ihre Position bestimmen. Die Spawr Optical Research Inc. entwickelte die wassergekühlten Laserspiegel, mit denen die sowjetischen Killersatelliten ausgestattet sind. Das Steuerungssystem der SS-20-Mittelstreckenrakete wurde mit Hilfe von EDV-Anlagen konstruiert, die IBM-Deutschland unwissentlich an den Osten geliefert hatte. Der Kursrechner stammt vom Massachusetts Institute of Technology. Selbst der Kreiselkompaß in den Atomsprengköpfen der SS2O arbeitet mit Kugellagern »made in USA«.

Den größten Coup der letzten Jahre landete Moskau mit dem heimlichen Erwerb von elektronisch gesteuerten Werkzeugmaschinen zur Herstellung von geräuscharmen U-Boot-Schrauben. Lieferanten waren die japanische Toshiba Machine Company und die staatliche norwegische Kongsberg Vapenfabrikk.

Mit der neuen Superschraube können Sowjet-Boote der Typen »Akula«, »Mike« und »Sierra« die westliche U-Boot-Abwehr ebenso lautlos untertauchen wie die geplante amerikanische »Seawolf« - Stückpreis: eine Milliarde Dollar - in Zukunft die östliche. Um den verlorenen Vorsprung wieder aufzuholen, so sagt Ronald Reagans Ex-Unterstaatssekretär Richard Perle, müsse das Pentagon Milliarden investieren.

Bernard Green, der britische Mitarbeiter von Vapenfabrikk, der den Deal eingeleitet hatte, wurde Ende Juni unter dem Verdacht der Urkundenfälschung verhaftet. In Tokio trat unter dem Druck des Verteidigungsministeriums die Toshiba-Konzernspitze zurück. Vor dem Parlament zürnte Premierminister Yasuhiro Nakasone, Toshiba habe mit der Transaktion »Verrat am japanischen Volk« geübt.

Doch Washington gab sich mit diesen Unterwerfungsgesten nicht zufrieden. Auf dem Rasen vor dem Kapitol schlugen zehn Kongreßabgeordnete mit Vorschlaghämmern demonstrativ ein Toshiba-Radio _(Kongreß-Abgeordnete zerschlagen ein ) _(Toshiba-Radio. )

in Trümmer. Anfang des Monats verabschiedete der Senat ein Gesetz, das Toshiba- und Vapenfabrikk-Produkte bis auf weiteres vom US-Markt ausschließt, für Toshiba ein Exportverlust von 2,3 Millionen Dollar.

Die zwei rührigsten High-Tech-Beschaffer des sowjetischen Geheimdienstes KGB und der Moskauer »Militär-Industriellen Kommission« (WPK) waren jahrelang Bruchhausen und der Großschieber Richard Müller aus Jesteburg in der niedersächsischen Nordheide. Ihr Geschäft war einfach, einträglich und vergleichsweise gefahrlos: Sie kauften elektronische Hardware und Software in den Vereinigten Staaten, versahen die Sendungen mit falschen Warenbegleitpapieren und verfrachteten sie auf Zickzack-Umwegen in den Ostblock.

Die Gewinnspannen lagen zwischen 100 und 300 Prozent. Das Risiko war gering. Denn Verstöße gegen die sogenannte Cocom-Akte - eine Liste strategisch wichtiger Güter, die für den Ost-Export gesperrt sind - werden in Westeuropa nur als Zollvergehen geahndet.

Bruchhausens Partner im Osten war Wiktor Kedrow, Vizechef des Moskauer Staatshandelsunternehmens Elorg. Kedrow leitete die heiße Ware über staatliche Handelshäuser mit Doppelfunktion überall im Ostblock - Maschpriborintorg in Moskau, VEB Carl Zeiss in Jena, Isotimpex in Sofia, Tungsram in Budapest, Metronex und Unitra in Warschau - direkt an WPK weiter.

Müllers und Bruchhausens geschäftliche Schwierigkeiten begannen 1981 mit der Machtübernahme Ronald Reagans. Der neue Mann im Weißen Haus verschärfte den Technologieboykott. CIA, Handelsministerium und Pentagon gründeten Spezialeinheiten zur Bekämpfung des Chip- und Computerschmuggels. Das Außenministerium nahm sich laxe Bündnispartner vor, um die Löcher im Cocom-Netz zu stopfen.

Auch die Neutralen mußten sich beugen, weil Washington mit Liefersperren gegen Firmen drohte, die das Embargo unterliefen. Die Parlamente in Bern, Wien und Stockholm erließen Gesetze, die praktisch einer Übernahme der Cocom-Bestimmungen ins nationale Strafrecht gleichkamen. Schweizer Privatbanken legten unter amerikanischem Druck erstmals die privaten Konten von »Techno-Banditen« (CIA-Jargon) offen.

Die langen Arme der »Spinne«, wie die Überseefahndung im Zollfahnder-Slang heißt, reichen bis nach Nahost und Südostasien. Am 25. November vergangenen Jahres spürten die US-Überseefahnder auf Zypern 40 Ortungsgeräte für Jagdbomber auf, die nach Libyen und Syrien gehen sollten. Einen Container mit 50 Großcomputern verfolgten sie bis nach Südostasien, ehe sich die Spur im Dschungel von Malaysia verlor.

Unter dem zunehmenden Fahndungsdruck sind die Preise der Konterbande enorm gestiegen. Für einen 100000-Dollar-Computer, der vor drei Jahren frei Moskau 300000 US-Dollar kostete, müssen WPK oder KGB heute rund eine Million hinlegen.

Richard Müllers letzter großer Coup endete 1983 mit einem Desaster. Zwei Hochleistungsgroßrechner vom Typ VAX 11-780, die sich kombiniert auch als Feuerleitsystem für Atomraketen eignen, wurden im November in Hamburg und im schwedischen Hafen Hälsingborg beschlagnahmt. Der Fahndungserfolg, lobte US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger, habe »die Nato vor riesigem Schaden bewahrt«. Müller ist seitdem verschwunden.

Gegen Werner Bruchhausen hatten die westdeutschen Ermittlungsbehörden zunächst keine rechtliche Handhabe. Später war der Elektronik-Dealer nicht mehr greifbar, weil er seine alten Operationshasen stillgelegt und die Schwerpunkte seiner Handelskontakte nach Zypern, Saloniki, Sofia, Istanbul und Piräus verlegt hatte.

Am 1. Mai 1985 buchte er im Reisebüro Bouriadis in Saloniki einen Flug über Zürich nach London, um ein Abkommen über die Lieferung von VAX-Computern an Bulgarien zu besiegeln. Die Rechner waren in zwei Sendungen am 22. Februar und am 15. März, als Bürogeräte und Design-Maschinen getarnt, von Zürich nach Saloniki geliefert und dort von der Filiale der Spedition Serbotrans übernommen worden.

Was Bruchhausen nicht wissen konnte: Die Amerikaner hatten ihn monatelang von einem griechischen V-Mann beschatten lassen. Der Grieche hatte auch Zugang zum Buchungscomputer im Reisebüro Bouriadis. Als der Ost-West-Händler in London-Heathrow landete, warteten an der Paßkontrolle schon Beamte von Scotland Yard. Aber sie ließen ihn zunächst einmal passieren. Er wurde erst sechs Tage später in seinem Hotel in Kensington festgenommen, nachdem ihn die Fahnder offenbar erfolglos observiert hatten.

Die Briten hätten Bruchhausen wieder laufen lassen müssen, wenn ihm nicht ein schwerer Fehler unterlaufen wäre. Die Schmuggelei war ihm nicht nachzuweisen. Aber bei seiner Verhaftung trug er einen falschen brasilianischen Paß auf den Namen Ernesto Hause bei sich. Und Urkundenfälschung wird in Großbritannien härter bestraft als ein Verstoß gegen die Zollbestimmungen.

Weil er wußte, was ihn in den Vereinigten Staaten erwartete, kämpfte Werner Bruchhausen über ein Jahr lang unter Einsatz aller Rechtsmittel - bis hin zur Petition an das Oberhaus - gegen seine Auslieferung. Vergebens.

Dabei hat er es von Anfang an nur gut gemeint. Nach seiner Verurteilung in Los Angeles erklärte er: »Ich habe mich veranlaßt gefühlt, Hans-Dietrich Genscher bei seiner Entspannungspolitik zu unterstützen.«

Kongreß-Abgeordnete zerschlagen ein Toshiba-Radio.

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