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ZEITGESCHICHTE »Operation Gold«

Es war die aufwendigste Aktion der CIA in Berlin: Durch einen Tunnel spionierten die Agenten auf der Ostseite der Stadt. Nun wird das Relikt des Kalten Krieges freigelegt.
aus DER SPIEGEL 39/1997

Der Berliner CIA-Chef Bill Harvey war gewarnt. Am 22. April 1956 um 0.50 Uhr entdeckten seine Beobachter auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs eine Reihe von Sowjetsoldaten, die mit Schaufeln und Hacken anrückten.

Gut zwölf Stunden später standen die Soldaten und ostdeutsche Geheimpolizisten in jenem Tunnel, den Harveys Agenten ausgehoben hatten. Leise zogen diese sich durch die enge Tunnelröhre zurück. Dort, wo die Zonengrenze verlief, errichteten sie eine Sandsackbarriere, davor ein - in holprigem Deutsch - bemaltes Schild: »Sie treten jetzt in die amerikanischen Sektor hinein.« Die Operation »Gold« war am Ende.

Knapp sieben Monate lang hatten die CIA und der britische Geheimdienst SIS an dem 583 Meter langen Tunnel gegraben, der in den Berliner Ostsektor führte: direkt zu Fernmeldeleitungen der sowjetischen Militärs. Fast ein Jahr lang konnten so die Westagenten Moskaus Truppen in der DDR belauschen. Jeden Tag nahmen sie 1200 Stunden Gespräche auf und druckten 300 Meter Telexe aus. 443 000 Gespräche wurden vollständig aufgezeichnet.

Es war der spektakulärste Lauschangriff nach Kriegsende. Erstmals erfuhren London und Washington im Detail, wie viele Soldaten in der DDR stationiert waren. CIA und SIS verwirklichten »den Traum jedes Nachrichtendienstlers«, räumt Ex-DDR-Spionagechef Markus Wolf noch heute neidvoll ein.

Sichtbar ist von dem stählernen Relikt des Kalten Krieges im Berliner Stadtbild nichts mehr. Die SED ließ den Einstieg, den die Sowjets gegraben hatten, bald wieder zuschütten; das Fundament des westlichen Eingangs wurde 1995 aus der Erde gezogen.

Am Mittwoch voriger Woche jedoch ließ das Berliner Alliierten Museum erstmals seit 41 Jahren die Lauschröhre öffnen. Museumsdirektor Helmut Trotnow will im kommenden Jahr ein Stück des Bauwerks ausstellen. Der Tunnel ist immer noch in gutem Zustand, selbst Harveys Sandsackbarriere steht bis heute, nur das Schild ist weg.

Pünktlich zur Öffnung des Tunnels erscheint zudem eine Dokumentation der Akteure von damals. Die ehemaligen Agenten Sergej Kondraschow (KGB) und David Murphy (CIA) haben zusammen mit dem Journalisten George Bailey bislang unbekannte Akten aus den Archiven von CIA und KGB ausgewertet*.

Demnach war der Westen damals auf die Tunnelidee gekommen, weil die Sowjets seit 1948 für geheime Informationen auch das alte Kabelnetz der Deutschen Reichspost nutzten. 1949 machten die Briten im besetzten Wien einen ersten Versuch. Heimlich buddelten sie sich aus ihrem Sektor an die Leitungen in der sowjetischen Zone heran. Drei Jahre lang ging alles gut, dann flog die Operation »Silber« auf.

Der US-Geheimdienstchef Allen Dulles ließ sich von der Idee dennoch nicht abbringen und befahl die Operation »Gold« in Berlin. Die Aktion würde vom dortigen CIA-Vormann Bill Harvey geleitet.

Mit den Briten war Harvey sich schnell einig. Die CIA übernahm das Graben, der

SIS das Anzapfen. Die Vorbereitungen begannen 1953. Auf einem Militärgelände in der englischen Grafschaft Wiltshire hob der SIS einen Probetunnel aus und ließ während der Arbeit Blinde darüber laufen. Die sollten feststellen, ob etwas zu hören oder spüren war.

Harveys Späher warben unterdessen in den ostdeutschen Fernmeldeämtern Mitarbeiter der DDR-Post an. Die CIA-Agenten wollten wissen, wo sie die alten Reichspostkabel vom amerikanischen Sektor aus am besten erreichen konnten. Schließlich wurde eine Altglienicker Wiese im Süden Berlins ausgewählt, in der Nähe des DDR-Flughafens Schönefeld.

Der Airport bot eine willkommene Tarnung. Die CIA baute ein Lagerhaus mit Radarantennen. Ihre sowjetischen Rivalen sollten glauben, den Amerikanern gehe es um den Flugverkehr. Doch statt in den Himmel zu gucken, ließ Harvey in dem zweistöckigen Bau Pioniere der US-Armee im Erdreich wühlen.

Eine eigens aufgestellte Waschmaschine sorgte dafür, daß die Soldaten nicht in verdächtig dreckigen Uniformen ins Freie traten. Der Aushub, 3100 Tonnen, landete im Lagerhaus, das zu diesem Zweck einen besonders tiefen Keller erhalten hatte. Der Tunnelbau war die »aufwendigste Aktion« der Berliner CIA überhaupt, erinnert sich ihr Mitarbeiter Murphy heute.

Aus knapp 600 Meter Entfernung mußten die Ingenieure der CIA ein fünf Zentimeter breites Kabelbündel treffen. Für ihre Berechnungen fehlte ihnen jedoch ein Bezugspunkt. Die Agenten täuschten deshalb ein Baseballspiel vor und schlugen den Ball weit über die Sektorengrenze. Doch die ostdeutschen Grenzer, ausnahmsweise freundlich, warfen ihn zurück.

An die Stelle der sportlichen Lösung trat die 007-Variante. Zwei CIA-Männer, als Offiziere verkleidet, fuhren nach Ost-Berlin - US-Militärs durften das. Die beiden simulierten in Sichtweite ihrer Kollegen über den Leitungen eine Autopanne und ließen einen kleinen Gegenstand, der Radiowellen reflektierte, liegen. Das reichte aus. Im Februar 1955 wurde der Tunnel fertiggestellt.

Damit war der SIS an der Reihe. Einen Monat brauchten die Briten, um die Abhörkammer auszuheben und auszustatten. Experten der britischen Post zapften jede der 295 Telefonleitungen an. Zuschauen durften dabei nicht einmal die Amerikaner. Die Technik behielten die Briten für sich.

Verstärker glichen den Spannungsabfall aus, den das Anzapfen mit sich brachte, und peppten die abgehörten Signale auf. Daumendicke Leitungen, die in der freigelegten Tunnelröhre noch heute zu sehen sind, transportierten die Informationen zu den gut 600 Ampex-Tonbandgeräten in der »Radarstation« am Einstieg des Tunnels. Die Aktion war, schwärmt Markus Wolf noch heute, ein »technisches Wunder«.

Die Stasi wurde von der Entdeckung des Tunnels völlig überrascht. »Beeil dich, Mischa!« trommelte Stasi-Minister Ernst Wollweber im Morgengrauen des 22. April 1956 Agentenchef Markus Wolf aus dem Bett, »du glaubst nicht, was sie gefunden haben.« Wolf und Wollweber waren die ersten Deutschen im Tunnel.

Die beiden wußten allerdings nicht, daß der sowjetische Geheimdienst über die »Operation Gold« bereits seit 1953 informiert war. George Blake, britischer Doppelagent, hatte den Plan seinem Führungsoffizier Kondraschow verraten. Dessen Vorgesetzter alarmierte sofort Marschall Andrej Gretschko, Oberbefehlshaber der sowjetischen Truppen in der DDR.

Doch der gestandene Heerführer durfte den Tunnel nicht aufdecken. Berlins KGB-Chef Jewgenij Pitowranow wollte seinen Meisterspion Blake keiner Gefahr aussetzen. Später versuchte das KGB, die abgehörten Informationen nachträglich zu entwerten, und ließ durchsickern, die Botschaften seien gezinkt gewesen. Davon will Blakes Führungsoffizier Kondraschow in seinem Buch nun nichts mehr wissen. Es habe »keine Desinformation« gegeben.

Elf Monate und elf Tage mußte Gretschko mit den Lauschern leben. Dann legte ein besonders kräftiger Frühlingsregen zahlreiche Leitungen durch Kurzschluß lahm. Nun hatten die Sowjets einen Anlaß zum Graben, der auch SIS und CIA einleuchten mußte.

Harvey, der die Fernmeldesonderkompanie kommen sah, wollte den Tunnel sprengen. Zwölf Meter der Röhre hatte er mit Sprengstoff verminen lassen. Doch der amerikanische Stadtkommandant Charles Dasher war nicht in Kriegsstimmung: »Können Russen dabei ums Leben kommen oder verletzt werden?« fragte er vorsichtig. Harvey konnte das nicht ausschließen und mußte den Rückzug anordnen, bis unter die Zonengrenze.

Dort, hinter der Sandsackbarriere, verschanzte er sich mit einem schweren, wenn auch ungeladenen Maschinengewehr. Als die sowjetischen Soldaten näher kamen, entsicherte er mit lautem Klacken. Die Sowjets ließen sich bluffen und machten halt.

Der Tunnel, tönte das DDR-Fernsehen, sei der »amerikanische Blinddarm des Kalten Krieges« gewesen. Iwan Kozjuba, sowjetischer Stadtkommandant, schickte seine Sekretärin mit einem Sack Zehnpfennigstücke durch das Brandenburger Tor zum Klassenfeind. Sie sollte die Westpresse anrufen und alarmieren. Doch statt sich zu entrüsten, fanden die Journalisten den Tunnel »wundervoll«.

[Grafiktext]

1956 entdeckter amerikanische Spionagetunnel zum Anzapfen von

Telefonleitungen des sowjetischen Sektors

[GrafiktextEnde]

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1956 entdeckter amerikanische Spionagetunnel zum Anzapfen von

Telefonleitungen des sowjetischen Sektors

[GrafiktextEnde]

* George Bailey, Sergej A. Kondraschow, David E. Murphy: »Dieunsichtbare Front. Der Krieg der Geheimdienste im geteiltenBerlin«. Propyläen Verlag 1997; 590 Seiten; 58 Mark.

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