Zur Ausgabe
Artikel 51 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ITALIEN »Operation heißer Herbst«

aus DER SPIEGEL 37/2006

Stets hat es Silvio Berlusconi behagt, sich mit Napoleon zu vergleichen, was Tatendrang und historische Größe betrifft. Nun ahmt der italienische Ex-Premier den Größten aller Kleinen auch mit einem Exil im Mittelmeer nach und hat sich nach Sardinien zurückgezogen - zum Ärger seiner Getreuen. Die fordern konstruktive Oppositionsarbeit, anstatt pathetisch übel zu nehmen, dass Nachfolger Romano Prodi alles zu gelingen scheint, wovon Berlusconi selbst geträumt hat: Die Wirtschaft erholt sich, die Steuereinnahmen fließen wie noch nie, die Squadra wird Fußballweltmeister, und die Entsendung eines starken Friedenskontingents in den Libanon hat Italien in der Welt Respekt verschafft.

Berlusconis Vordenker Giuliano Ferrara fürchtet ein »langes und gewundenes, ja monotones Ende einer Ära«. Zu seinem 70. Geburtstag Ende September könne der Ex-Premier sich kein besseres Geschenk machen als den Abschied von der Parteipolitik. Zudem hat auch der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón seine Ermittlungen wieder aufgenommen. Berlusconi wird vorgeworfen, beim Kauf von Anteilen am spanischen Fernsehsender Telecinco zwischen 1991 und 1993 das Kartellamt durch Urkundenfälschung hintergangen zu haben. Darüber hinaus sollen 108 Millionen Euro Steuern hinterzogen worden sein. Bei solchen Delikten drohen in Madrid Haftstrafen von mehr als 20 Jahren. Garzón hatte das Verfahren 2001 ruhen lassen, weil Berlusconi als Regierungschef Immunität genoss. Jetzt will der Ermittler den Prozess rasch wieder in Gang bringen, bevor der Medienmilliardär sich in ein neues Amt - etwa auf europäischer Ebene - flüchten könnte.

Berlusconi scheint vor allem auf Fehler der Regierung zu warten. Im Oktober werde sich die Koalition in Haushaltsdebatten aufreiben, glaubt er. Dann will er in einer »Operation heißer Herbst« die Massen mobilisieren. Wie einst Napoleon möchte Berlusconi im Triumph aufs Festland zurückkehren und seine Schlacht um die Hauptstadt beginnen - hoffend, dass es kein Waterloo wird.

Zur Ausgabe
Artikel 51 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.