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VIETNAM / US-KRIEGSPLAN Operation Öltropfen

aus DER SPIEGEL 10/1964

Zum zweitenmal innerhalb von drei Monaten hat sich Amerikas Verteidigungsminister Robert McNamara auf die Reise gemacht, um den Kriegsschauplatz in Südvietnam zu inspizieren.

Im Dezember hatte sich McNamara Lageberichte über die wöchentlich schlechter werdende innenpolitische und militärische Situation in dem von Streitereien der herrschenden Militär-Clique und von kommunistischen Partisanen hart bedrängten Land anhören können. In dieser Woche will er mit vietnamesischen und amerikanischen Generälen einen neuen Schlachtplan besprechen.

Nach Rückkehr von seiner ersten Vietnam-Reise hatte der Minister eine Gruppe von Stabsoffizieren des Pentagon angewiesen, Operationspläne für eine Intensivierung des Abwehrkampfes gegen die roten Bataillone aus Nordvietnam auszuarbeiten. Die amerikanischen Generalstäbler kamen zu der Auffassung, daß Südvietnam nur gehalten werden könne, wenn man sich nicht allein auf die Verteidigung beschränke, sondern den Krieg ins Hinterland des Feindes trage.

In den Plänen des Pentagon ist deshalb ein abgestufter Offensivschlag gegen die bisher vom Krieg verschonte kommunistische Nordhälfte Vietnams vorgesehen:

> ein Vorstoß amerikanischer und südvietnamesischer Guerillatruppen, die einen Sabotagefeldzug gegen Industrieanlagen, Häfen, Brücken und Ölraffinerien führen sollen;

> eine Seeblockade durch amerikanische Flotteneinheiten an der Küste Nordvietnams, um den Nachschub der Partisanen über das Südchinesische Meer zu unterbinden;

> Luftangriffe mit dem Ziel, die Bahnverbindungen zwischen Nordvietnam und seinem Waffenlieferanten Rotchina zu zerstören.

Für den Fall, daß Rotchina angesichts dieser Maßnahmen den Nordvietnamesen etwa im Stile des Korea-Krieges durch die Entsendung von »Freiwilligen«-Verbänden zur Hilfe kommen sollte, wurden eine Bombardierung militärisch und industriell wichtiger Anlagen im Raum Hanoi und in Südchina sowie der Einsatz von mindestens zwei amerikanischen Divisionen projektiert.

Da US-Präsident Johnson im Wahljahr 1964 jedoch die Ausweitung des Krieges scheut, hat er McNamara die Weisung gegeben, den Generälen in Südvietnam klarzumachen, daß sie in absehbarer Zeit weder mit der Unterstützung durch aktive US-Divisionen noch mit Luftangriffen gegen Nordvietnam rechnen könnten.

McNamara will aber in Saigon klären, ob sich wenigstens die ersten beiden Programmpunkte des Operationsplanes realisieren lassen: Guerilla-Vorstöße nach Nordvietnam und Seeblockade.

Damit greift Washington einen alten Plan wieder auf, der bereits vor einigen Jahren im Geheimdienst der US-Armee entstanden war.

Schon kurz nach Ausbruch des Bürgerkrieges in Südvietnam im Sommer 1959 vertrat der US-Brigadegeneral Edward Lansdale, der an der Liquidierung des roten Huk-Aufstandes auf den Philippinen (1946 bis 1954) maßgeblich beteiligt war, die Auffassung, man müsse die kommunistischen Partisanen in Südvietnam mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Lansdale konnte den Chef des Armee-Geheimdienstes, Generalleutnant Trudeau, für seine Idee gewinnen. Bald lief im Pentagon eine im Trudeau-Stab gefertigte Studie um, in der gefordert wurde: »Wenden wir den Partisanenkrieg (der Kommunisten) zu unseren Gunsten an und finden wir Mittel, mit denen wir ein kommunistisches Regime beseitigen können.«

Für eine solche Kriegführung besaß Amerika schon damals eine geeignete ZbV-Einheit: die »Sondertruppen« (Special Forces) der US-Armee.

Nach dem Amtsantritt John F. Kennedys wurde dessen damaliger Sonderberater, der heutige Außenamts-Planungschef Walt W. Rostow, auf das Lansdale-Projekt aufmerksam. Rostow war (und ist) der Meinung, der Bürgerkrieg in Südvietnam könne nicht gewonnen werden, solange Amerika nicht in Nordvietnam eine zweite Front eröffne.

Berater Rostow wußte den Präsidenten für den Lansdale-Plan zu gewinnen. Er begeisterte Kennedy durch eine magische Formel: Wie ein »sich ausdehnender Öltropfen« werde der westliche Partisanentrupp das feindliche Hinterland durchsickern - vereinzelte Stützpunkte bildend, die sich allmählich zu einem Netz von untereinander verbundenen Stützpunkten vereinigen und den Gegner ablenken und aufsplittern.

Operation Öltropfen lief an, Im Frühsommer 1961 erhielt Geheimdienst-General Lansdale die Genehmigung, eine 2000 Mann starke Gruppe südvietnamesischer und US-Sondertruppler aufzustellen und nach Nordvietnam zu schicken. Im Juli marschierte sie los.

Doch die West-Partisanen konnten sich gegenüber dem Gegner kaum behaupten. Brigadier Lansdale mußte 85 Prozent seiner Untergrundtruppe auf die Verlustliste schreiben. Er forderte die Aufstellung eines neuen Partisanenkommandos - Washington, durch die Verluste entmutigt, lehnte ab.

Das Pentagon erinnerte sich des alten Projekts erst wieder, als sich das Kriegsglück der antikommunistischen Truppen in Südvietnam jäh wendete und den Buddhistenverfolgungen des später gestürzten Saigoner Diktators Diem zwei Militärrevolten folgten, die Südvietnams Heer noch mehr verwirrten.

Vor die bittere Wahl gestellt »zwischen einem Krieg, den wir nicht gewinnen, und einem Frieden, den wir nicht akzeptieren können« (Eisenhower), wollen Amerikas Strategen und Geheimdienstler mit ihren Offensiv-Plänen jetzt versuchen, die kriegsunlustigen Militärs in Saigon zu Taten anzuspornen und die kommunistischen Führer in Nordvietnam abzuschrecken.

Der Zeitpunkt erscheint den Amerikanern günstig: In Washington liegen sichere Informationen über eine schwere Hungersnot vor, die Nordvietnam heimgesucht hat. Außerdem haben die Amerikaner sehr genau die Mission der beiden nordvietnamesischen Politbüro-Mitglieder Le Duan und Truong Chinh beobachtet, die Anfang dieses Jahres in Moskau vergeblich von Chruschtschow Hilfe und Einverständnis mit dem Einsatz regulärer nordvietnamesischer Truppen in Südvietnam erhalten wollten.

Der Chef der Sowjet-Union wehrte jedoch ab. Chruschtschow will keine neuen Auseinandersetzungen mit den USA, und er will auch keine Gemeinsamkeit mit den Rotchinesen, die den Kommunisten in Nordvietnam den Rücken stärken.

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