Zur Ausgabe
Artikel 94 / 129
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

USA »Operation Rückenwind«

Ende einer Heldenlegende: Bei Kommandounternehmen der vielgerühmten »Special Forces« wurde während des Vietnamkriegs tödliches Nervengas eingesetzt - auch amerikanische Deserteure wurden mit Chemiegift bekämpft.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Sie sind die sagenumwobenen Stars der US-Streitkräfte, Bilder ihrer muskelbepackten Supermänner hängen in vielen Rekrutierungsbüros: Die »Special Forces«, ausgewählt aus Eliteeinheiten wie den »Green Berets« der Armee und den »Seals« der Marine, sind umrankt von der Gloriole unerschrockener Draufgänger, die sich für die gerechte Sache in die Bresche werfen - kurzum: uniformierte Rambos im Dienst der Demokratie.

Auch offizielles militärisches Schriftgut pflegt das Stereotyp vom Super-Soldaten: »zäh, findig, ergeben, tüchtig«. Die Spezialeinheiten, so heißt es in einer Studie der Armee, verkörpern nicht weniger als »die nationalen Ideale des amerikanischen Kämpfers«.

Seit vergangener Woche ist der legendäre Ruf dahin. Ausgerechnet Einheiten der Special Forces, so behaupten der US-Nachrichtensender CNN und das Nachrichtenmagazin »Time«, hätten während des Vietnamkriegs bei geheimen Kommandounternehmen Nervengas verwendet.

Durch die tödlichen Schwaden wurden feindliche Soldaten und Zivilisten getötet; bei mindestens einem Einsatz, im September 1970 (Codename: »Operation Rückenwind"), wurde das Gift auch gegen eigene Deserteure eingesetzt.

Nach Aussagen von US-Militärs, die seinerzeit mit den geheimen Missionen befaßt waren, ist der weltweit geächtete Kampfstoff Sarin mehr als 20mal verwendet worden - jenes tückische Giftgas, das 1995 bei einem Terrorangriff der Aum-Sekte in der U-Bahn von Tokio zwölf Menschen tötete.

Ein weiteres Mal als Lügner überführt wird damit Präsident Richard Nixon, der 1969 versicherte, die Vereinigten Staaten würden auf den Ersteinsatz von Nervengas verzichten. Beim Kampf gegen den Vietcong waren die Amerikaner seinerzeit auch in den Nachbarländern Kambodscha und Laos militärisch aktiv, um die kommunistische Guerrilla vom Nachschub abzuschneiden, der von Nordvietnam über den Ho-Tschi-minh-Pfad nach Süden rollte.

Jedes Mittel war den USA recht, um zu verhindern, daß die roten Pathet-Lao-Rebellen in Laos an die Macht kamen. Insgesamt fielen auf das kleine Land über zwei Millionen Tonnen Bomben - mehr als die alliierten Luftflotten im Zweiten Weltkrieg über Deutschland abwarfen.

Um die amerikanische Öffentlichkeit, US-Alliierte und vor allem die Sowjetunion nicht unnötig herauszufordern, erklärte das Pentagon die verheerende Kampagne in Laos zur geheimen Kommandosache. Nicht die US-Streitkräfte, sondern der Geheimdienst führte anfangs die Regie in dem unerklärten Krieg im »Land der Elefanten«. In dieser unheilvollen Atmosphäre reifte der Entschluß der US-Militärs zum punktuellen Einsatz chemischer Waffen.

Stellvertretend für die Amerikaner, so berichtet der CIA-Offizier James Parker, kämpften damals in Laos und Kambodscha, die beide offiziell nicht in den Krieg verwickelt waren, Tausende thailändischer Söldner, rekrutiert aus den Reihen der Grenzpolizei. Sie wurden mit Hubschraubern und Flugzeugen der CIA zu ihren Einsätzen in den Dschungel geflogen. Schulter an Schulter mit dieser Truppe fochten auch antikommunistische Kämpfer vom Bergvolk der Hmong, die seit 1962 von US-Agenten für den Einsatz geschult worden waren.

CIA-Mann Parker, Deckname »Maultier«, der eine Hmong-Einheit kommandierte, wurde bisweilen von Skrupeln befallen, wenn er seine Kindersoldaten ins Gefecht schickte: »Manche waren jünger als 15 Jahre und keiner viel größer als sein M16-Gewehr.« Die kaltschnäuzige Antwort eines US-Kollegen spiegelt die damals herrschende Meinung: »Wir kämpfen hier einen unkonventionellen Krieg.«

Mit dieser Einstellung - jenseits von Moral und Völkerrecht - rechtfertigten auch die Special Forces ihre Killereinsätze »jenseits des Zauns« (Militärjargon).

Verwendet wurde der Kampfstoff von der U. S. Air Force auf Anforderung der »Gruppe für Studien und Beobachtungen« (Studies and Observations Group), kurz SOG, einer Einheit, die so geheim war, daß die Regierung sogar ihre Existenz leugnete. Die Truppe war direkt dem Generalstab im Pentagon unterstellt, viele ihrer »schwarzen Operationen« erfolgten nur nach Zustimmung aus dem Weißen Haus.

Die Kommandos, so Vietnamveteran Major John Plaster, hatten die Aufgabe, die Nachschubtransporte des Gegners auf dem Ho-Tschi-minh-Pfad zu sabotieren. Sie übernahmen dubiose Kampfaufträge in Laos und Kambodscha, retteten abgeschossene Piloten und versuchten die Befreiung von amerikanischen Kriegsgefangenen tief im feindlichen Hinterland*.

Die SOG-Spähtrupps operierten in kleinen Gruppen von meist drei Amerikanern

und neun Südvietnamesen oder Montagnards, Angehörigen von Bergstämmen im Sold der CIA. Gerieten die Teams unter Feuer, griffen die »Kriegsbeil-Truppen« ein oder »Slam«-Einheiten in Kompaniestärke. »Slam« stand für »Suchen, aufspüren, vernichten, beobachten«.

Die Einsätze waren riskant: Die Aufklärer hatten die höchste Todesrate der gesamten Streitkräfte. Von denjenigen, die in Gefangenschaft gerieten, überlebte nur eine Handvoll. Dutzende von Teams verschwanden spurlos und sind bis heute vermißt. Trotz der hohen Verluste brüsten sich die SOG-Kommandos mit der höchsten »Vernichtungsquote« der US-Militärgeschichte: 1970 kamen auf einen Toten aus den eigenen Reihen 153 getötete Feinde.

Das Erfolgsgeheimnis war simpel: Anders als die meist zum Wehrdienst verpflichteten US-Infanteristen rekrutierten sich die Elitekommandos aus hochmotivierten, handverlesenen Freiwilligen, darunter auch solche durchgeknallten Typen wie den Killer, der mit Pfeil und Bogen Jagd auf die verhaßten Nordvietnamesen machte, oder den abgebrühten Exzentriker, der nach dem blutigen Dienst im blauen Samtjackett und in Begleitung seines Schäferhundes namens »Klaus« zu promenieren pflegte.

Normale Armeevorschriften waren für die Spezialeinheiten außer Kraft gesetzt. Die Elitesoldaten wurden auf Biegen und Brechen von ihren Vorgesetzten gedeckt. Zur Bataille trug man die passenden Abzeichen - mit Tigern, Totenschädeln, Schlangen und Macheten. Pardon wurde nicht gegeben, zwischen Kombattanten und Zivilisten nicht unterschieden. Der selbstdefinierte SOG-Kampfauftrag lautete: »Bring sie alle um, und laß Gott sie hinterher sortieren.«

Nach diesem mörderischen Motto verfuhren die Kommandos auch bei der »Ope-

* »SOG: The Secret Wars of America''s Commandos in Vietnam«. Simon & Schuster, New York; 368 Seiten; 25 Dollar.

ration Rückenwind« am 11. September 1970, rund 100 Kilometer tief im laotischen Dschungel: Der »Kriegsbeil-Trupp« startete von der vietnamesischen Basis Dak To, sein Auftrag: ein laotisches Dorf auslöschen, in dem eine Gruppe von Deserteuren der US-Armee vermutet wurde. Alle »Rundaugen« sollten getötet werden. Und zwar mit allen Mitteln, zur Not auch mit »Schlafgas«.

»Kompanie B wurde um 12.32 Uhr 20 Kilometer südöstlich von der Ortschaft Chavane abgesetzt«, heißt es in der armeeamtlichen Darstellung ("Command History 1970, Annex B"), die zwar nicht mehr als »top secret« klassifiziert ist, die aber noch immer geschwärzte Passagen enthält. Die 16 Kommando-Soldaten und rund 140 Montagnards gerieten gleich bei der Landung unter heftiges Feuer. Es dauerte drei zermürbend lange Tage, bis sie ihr Ziel erreichten. »Es war eine haarige Situation«, erinnert sich Gruppenführer Jimmy Lucas, »ich glaubte nicht daran, daß ich da lebend wieder rauskommen würde.«

Der Angriff dauerte dann nur etwa zehn Minuten: Nach einer Bombardierung durch die US-Luftwaffe am Abend zuvor stießen die SOG-Männer auf keinen nennenswerten Widerstand mehr. »Es war merkwürdig, fast gespenstisch«, sagt Craig Schmidt aus dem Zug von Leutnant Van Buskirk. Sie durchkämmten die Hütten, warfen Granaten in Verstecke, Unterstände und Tunnelsysteme.

Dabei wurden auch mehr als ein Dutzend toter Amerikaner gefunden. Leutnant Robert Van Buskirk tötete zwei überlebende »Langschatten« persönlich, die in ein unterirdisches Tunnelsystem abtauchen wollten. »Anfang 20, blondes Haar. Sah aus, als würde er über den Strand von Kalifornien rennen«, beschreibt der Zugführer einen Mann, der um sein Leben lief. »Brauchte einen Haarschnitt. Trug GI-Stiefel, war kein Gefangener in Fußeisen.«

Sie sollten rauskommen, rief Van Buskirk in das Versteck der beiden wehrlosen Männer. Doch die wußten, was sie erwarten würde, und die Antwort war deutlich: »Fuck you.« »No, fuck you« rief der SOG-Mann und warf eine Phosphorgranate in den Tunnel.

Das Dorf wurde total zerstört. Die gesamte Bevölkerung wurde getötet - Frauen und Kinder eingeschlossen. »Wir zählten über hundert Leichen«, erinnerte sich später Hauptmann Eugene McCarley. Und Feldwebel Mike Hagen berichtet: »Die meisten gehörten nicht zur kämpfenden Truppe. Die paar Soldaten vor Ort überrannten wir sofort. Wir machten alles nieder.«

Doch der Rückzug wäre fast zum Desaster geworden. An der vorbereiteten Landungszone kam das Kommando unter schweren Beschuß. Einheiten des Pathet Lao und der nordvietnamesischen Armee, die auf den Höhenzügen um das Dorf Stellung bezogen hatten, zogen den Ring um das Reisfeld immer enger, wo das Kommando von Transport-Helikoptern aufgelesen werden sollte.

Die Special Forces feuerten aus allen Rohren, doch ihre Lage wurde zunehmend kritisch. »Der Feind kam auf uns zu, uns ging langsam die Munition aus«, sagt Van Buskirk. Letzter Ausweg: Hilfe aus der Luft. Per Funk bat er kreisende A-1-Skyraider, die Gegner zu bombardieren: »Werft das Schlimmste vom Schlimmen.«

Die Antwort ließ nicht auf sich warten. Während die Soldaten ihre M-17-Gasmasken, die sogenannten Lustigen Gesichter, überstreiften, konnten sie beobachten, wie die Flugzeuge Gaskanister über den feindlichen Linien abwarfen. »Mir erschien es wie ein sehr leichter Nebel«, beschreibt Feldwebel Hagen den Luftangriff, »es war geschmacklos, geruchlos, man konnte es kaum wahrnehmen.«

Die Giftschwaden waren tödlich. Die Gegner brachen reihenweise zusammen, sie übergaben sich, wälzten sich röchelnd am Boden. Während die Einheit an Bord der Hubschrauber zum Rückflug aufstieg, sah Leutnant Van Buskirk »nur noch leblose Körper, manche auf der Seite, manche auf dem Rücken«.

Im Operationsbericht wird dazu ausgeführt: »144 Feinde im Kampf getötet, 288 (Schätzung) durch Luftangriffe.« Außerdem ist die Rede von zerstörten Granatwerfern, gesprengten Raketen und vernichteten Fahrrädern. Zwei der beteiligten amerikanischen Soldaten wurden später für ihren Einsatz ausgezeichnet.

Feldwebel Hagen, der von den Gasschwaden etwas abbekam und seither unter fortschreitender Lähmung der Arme und Beine leidet, glaubt: »Natürlich wollte es die Regierung nicht Nervengas nennen. Sie nennt es ein Mittel, das den Gegner kampfunfähig macht. Aber es war ganz klar Nervengas.«

Der Einsatz von Giftgas war ganz offenbar kein Einzelfall. »Es handelte sich um eine viel größere Operation, als Sie glauben«, sagte der frühere Generalstabschef Admiral a. D. Thomas Moorer im Bericht des Fernsehsenders CNN. Das Kampfgas, von dem bis 1970 15 000 Tonnen für die Arsenale der USA produziert worden waren, sei »im großen und ganzen verfügbar« gewesen.

Generalmajor a. D. John Singlaub, selbst ehemaliger SOG-Kommandeur, rechtfertigt den Einsatz gegen die vermeintlichen Verräter mit einem damals ungeschriebenen Gesetz: »Für dein Überleben ist es vielleicht wichtiger, einen Deserteur zu killen als einen Vietnamesen oder Russen.«

Das Pentagon formuliert vorsichtiger. Das sorgfältig formulierte Dementi läßt mannigfache Interpretationen zu: »Wir haben keinen historischen Beweis, daß wir jemals Nervengas in Vietnam eingesetzt haben.«

Vielleicht erbringt die jetzt von US-Verteidigungsminister William Cohen angeordnete Untersuchung diese Beweise. Sie wären der makabre Beleg für die inoffizielle Devise der Special Forces: »Wir sind nicht bekannt für das, was wir sagen, sondern für das, was wir tun.«

[Grafiktext]

Kartenausriß - Ho-Tschi-minh-Pfad im Vietnam-Krieg

[GrafiktextEnde]

[Grafiktext]

Kartenausriß - Ho-Tschi-minh-Pfad im Vietnam-Krieg

[GrafiktextEnde]

* »SOG: The Secret Wars of America''s Commandos in Vietnam«.Simon & Schuster, New York; 368 Seiten; 25 Dollar.

Zur Ausgabe
Artikel 94 / 129
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.