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Äthiopien Operation Theodoros

Nach der Flucht des Diktators Mengistu hat der Kampf um Addis Abeba begonnen.
aus DER SPIEGEL 22/1991

Ohne Hoheitszeichen und mit abgeblendeten Lichtern landete die Boeing 707 kurz vor Mitternacht auf dem Flughafen der simbabwischen Hauptstadt Harare. Sicherheitsbeamte drängten eine Gruppe wartender Journalisten ins Innere der Ankunftshalle. Durch ein Fenster konnten die Pressevertreter gerade noch sehen, wie ein kleinwüchsiger Mann die Gangway heruntereilte und in einer schwarzen Limousine verschwand.

Der so auf Anonymität bedachte Ankömmling war Afrikas derzeit prominentester Asylbewerber: Äthiopiens abgehalfterter Staatschef Mengistu Haile Mariam. Sorgfältig hatte der Diktator seinen Abgang geplant. Mengistu - seit Ende der siebziger Jahre mit Simbabwes Präsident Robert Mugabe befreundet, als er dessen Guerilla-Kämpfer für die Unabhängigkeit Simbabwes ausbildete - braucht sich um seine Zukunft wenig Sorgen zu machen.

Ehefrau Webanchi Beshaw weilte schon seit zwei Monaten in Simbabwe. In Norton, 50 Kilometer südwestlich der Hauptstadt, unterhalten die Mengistus eine Farm. Zwei ihrer vier Kinder hat sie bereits auf einer exklusiven Jungenschule untergebracht, dem von Anglikanern geführten St. John's College in Harare.

Mit dem Rücktritt Mengistus ging die Herrschaft eines der blutigsten Tyrannen auf dem Kontinent zu Ende. Mengistu (amharisch: die Macht) Haile Mariam (die Kraft Marias) gehörte zu jener Gruppe revolutionärer Militärs, die 1974 den greisen Kaiser Haile Selassie gestürzt hatten und angetreten waren, das Land aus seinen feudalen Strukturen zu befreien.

Doch Mengistu, der sich innerhalb weniger Jahre aller seiner Konkurrenten entledigte, wurde zum »roten Negus«. In den 14 Jahren seiner Alleinherrschaft trieb er sein Land immer tiefer ins Elend. Äthiopien verkam mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 100 Dollar zum ärmsten Land der Erde.

Während der großen Hunger-Katastrophe von 1984 starben Hunderttausende. Doch der Alleinherrscher gab Millionen für eine pompöse Feier zum zehnten Jahrestag der Revolution aus und pries die Erfolge des Sozialismus.

Dawit Wolde Giorgis, ehemals Mitglied im Zentralkomitee der Arbeiterpartei Äthiopiens, beschrieb nach seiner Flucht 1985 Mengistu in seinen Memoiren: »Er hält seine Macht aufrecht wie Stalin - durch Gewalt, Intrigen und Manipulation.«

Nach dem Ende des Kalten Krieges, als sich seine bisherigen Bündnispartner Sowjetunion, DDR und Kuba zurückzogen, probte auch Mengistu die ideologische Wende: Der linientreue Marxist schwor dem Sozialismus ab und suchte neue Schutzherren.

Mit einer strammen Stellungnahme für die Alliierten im Golfkrieg suchte er die Gunst der USA. Auch mit Israel kam er ins Geschäft. Jerusalem lieferte Waffen, im Gegenzug ließ Mengistu die Falascha, die schwarzen Juden, ausreisen. Letzten Freitag startete Israel eine Luftbrücke, um fast 18 000 Falascha aus Äthiopien herauszuholen.

Amerikaner wie Russen sehen in der Flucht des ungeliebten Partners einen Durchbruch: Seit Wochen hatten amerikanische und sowjetische Diplomaten Mengistu in der äthiopischen Hauptstadt zum freiwilligen Abschied gedrängt. Sein Rücktritt sollte den Weg zu einer Beendigung des 30 Jahre andauernden Bürgerkrieges freimachen.

»Die Person, die für das Blutvergießen verantwortlich war, ist abgereist, um noch mehr Blutvergießen zu verhindern«, verkündete denn auch Mengistu-Nachfolger General Tesfaye Gabre Kidan, 54, in einer Rundfunkansprache. Anfang der Woche sollen in London Delegationen der äthiopischen Regierung und der Rebellenorganisationen der Eritreer, Tigrer und Oromo unter der Schirmherrschaft der USA zu Friedensverhandlungen zusammentreffen.

General Tesfaye, selbst jahrelang Oberbefehlshaber im Eritrea-Krieg und rechte Hand Mengistus, ist den Widerstandskämpfern kein Partner für einen Friedensschluß. Den angebotenen Waffenstillstand haben sie erst einmal abgelehnt. Giorgis Petrosia, Sprecher der eritreischen Rebellen, erklärte: »Das System ist noch da. Wir werden weiterkämpfen.«

Auf allzuviel Widerstand der Regierungsarmee scheinen die Rebellen nicht mehr zu stoßen. In Scharen laufen die oft zwangsrekrutierten Soldaten über oder desertieren.

Unaufhaltsam rücken so die Rebellen der Revolutionären Demokratischen Front des Äthiopischen Volkes (EPRDF), eines Bündnisses verschiedener Oppositionsgruppen unter Führung der tigrischen Befreiungsfront, auf die Hauptstadt vor. Ende vergangener Woche schlossen sie den Ring um Addis Abeba.

Die Kämpfer der Volksbefreiungsfront Eritreas, die einen unabhängigen Staat fordern, stehen kurz vor Assab, dem letzten Hafen unter Regierungskontrolle. Von dorther kommt der gesamte Nachschub für die Hauptstadt, starten die Lastwagenkonvois mit ihren Hilfsgütern für die Hungernden in den Provinzen Eritrea, Tigre und Harrar. Fast acht Millionen Menschen droht der Hungertod.

Im Westen des Landes ringt die Oromo-Befreiungsfront seit fast zehn Jahren um einen eigenen Staat. Erstmals in der Geschichte des Bürgerkriegs in Äthiopien hatten sich die Widerstandsorganisationen Ende Februar zu einer gemeinsamen Offensive gegen das Regime in Addis Abeba entschlossen - zur Operation Theodoros, benannt nach einem äthiopischen Kaiser, der im vergangenen Jahrhundert das Reich einte.

Auch wenn gegenwärtig der gemeinsame Krieg gegen das morbide Regime die Rebellengruppen zusammenzwingt, ist eher wahrscheinlich, daß Äthiopien in Zukunft in verschiedene Staaten zerfallen könnte.

Die Angst davor erklärt wohl, weshalb die Bewohner von Addis Abeba die Flucht Mengistus gelassen aufnahmen, einzig beim Sturz des zehn Meter hohen Lenin-Denkmals kam Jubel auf. Sie betrachten ihre möglichen Befreier mit Mißtrauen.

So hatte sich die Befreiungsfront Tigres in früheren Jahren einem ultra-orthodoxen Kommunismus nach albanischem Vorbild verschrieben: die »wahren Sozialisten« bekämpften den »falschen Sozialisten« Mengistu. Erst im vergangenen Januar beschloß die EPRDF ein demokratisches Programm.

»Viele sind enttäuscht«, berichtet ein deutscher Entwicklungsexperte, der seit 15 Jahren in Äthiopien lebt, »daß Mengistu ungestraft davongekommen ist.« Während der Ex-Diktator in seinem Exil in Simbabwe auf ein angenehmes Leben rechnen könne, »ist der Krieg in Äthiopien noch lange nicht zu Ende«.

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