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FORSCHER »Operativ nutzbar«

Der Schering-Konzern verspricht sich Millionengewinne durch neue Sex-Präparate. Mit geforscht hat ein ehemaliger Stasi-Spitzel, der an Dopingmitteln arbeitete.
Von Udo Ludwig und Thomas Purschke
aus DER SPIEGEL 27/2000

Der Tiermediziner aus Jena ist ein wahrer Männerfreund. Aktiven Geschlechtsgenossen verspricht der Professor angstfreien Sex - die von ihm entwickelte Anti-Baby-Spritze für den Mann, marktreif angeblich in drei Jahren, soll ungewollte Folgen der Lust verhüten.

Noch größere Verheißungen macht der Wissenschaftler lendenlahmen Herrschaften. In wenigen Jahren, prophezeit der Hormonfachmann, werde sein Unternehmen Tabletten auf den Markt bringen, die sie nachhaltig lustvoller und potenter, einfach glücklicher werden lassen sollen.

Michael Oettel, 61, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung bei der Jenapharm GmbH, ist fast unverzichtbar für seinen Arbeitgeber. Die Pharmafirma aus Thüringen hat als eines der wenigen Industrieunternehmen aus den neuen Ländern die Wende weitgehend unbeschadet überstanden. Heute gehört der 980-Mann-Betrieb zur Berliner Schering AG - und nicht zuletzt Oettels Arbeiten versprechen Jenapharm eine ertragreiche Zukunft.

Nur bekommt das Unternehmen jetzt zwei Probleme mit seinem Forscher-Star: In Fachkreisen spricht sich herum, dass Oettel als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi Kollegen und Konkurrenten ausgespäht hat. Vor allem verstärkt sich der Verdacht, dass Oettel einen Teil seiner Hormon-Erfahrungen bei der Erforschung möglicherweise gesundheitsgefährdender Dopingpräparate sammelte.

In den siebziger und achtziger Jahren forschte Jenapharm an neuen Hormonprodukten und stellte Zehntausende von Dopingtabletten namens STS 646 her. Das Präparat war laut DDR-Arzneimittelgesetz nicht für die Anwendung an Menschen zugelassen. Oettel war als Wissenschaftler in die geheime Steroidforschung eingebunden.

Schon zur DDR-Zeit gab es Bedenken gegen die Hormonpräparate, die dennoch Hochleistungssportlern verabreicht wurden. Ein Mitarbeiter von Jenapharm warnte vor STS 646, weil »akute oder chronische Schädigungen des menschlichen Organismus« keineswegs ausgeschlossen werden könnten. Klinische Forschungen wie etwa die Prüfung von möglichen Erbgutschäden seien noch nicht beendet.

Doch Oettel war keiner, der sich mit Skrupeln unnötig selbst im Wege steht. Am 20. Juni 1979 verpflichtete sich der damals 40-Jährige handschriftlich bei der Stasi, er gab sich den Decknamen »Wolfgang Martinsohn«, so hieß ein verstorbener Schulfreund. Bis zur Wende lieferte der Spitzel regelmäßig Berichte ab, insgesamt kamen über tausend Seiten zusammen. Dafür erhielt der Pharma-Mann als Dank laut Stasi-Akten mal einen »großen Schwenker« für 111 Mark, mal einen Radiowecker für 300 Mark.

Oettel, der nach seinem Staatsexamen zunächst an der »Poliklinik für kleine Haustiere« an der Leipziger Karl-Marx-Universität gearbeitet hatte, wurde schnell zu einem wichtigen Mann für die DDR-Geheimen. Er saß in einer Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Empfängnisverhütung. Stasi-Offiziere beauftragten ihn, »operativ nutzbare Verbindungen« aufzubauen und Kollegen abzuschöpfen.

IM Wolfgang Martinsohn scheute, so steht es in den Akten, nicht davor zurück, über Mitarbeiter Auskunft zu erteilen. Aus den Unterlagen ergibt sich, dass er Informationen über persönliche West-Kontakte eines Professors der Forschungsstelle für Toxikologie in Graupa lieferte oder über die sehr engen Kontakte einer DDR-Forscherin zu einem Schering-Kollegen aus dem Westen plauderte.

Oettel galt der Stasi als »krankhaft ehrgeiziger« Karrierist, und der prahlte vor anderen schon mal, dass sein »Name einmal in goldenen Lettern dastehen solle«. Er habe seine Gespräche mit der Stasi, sagt Oettel heute, »stets als unvermeidlichen Bestandteil unserer dienstlichen Obliegenheiten aufgefasst«, bei seinen Auskünften habe es sich »um fachliche Themen« gehandelt.

Seine Spitzelkarriere blieb nach der Wende ohne Folgen. In Jena wollte keiner in der Vergangenheit kramen, über seine Verbindungen zur Stasi, behauptet Oettel, habe er seine »verschiedenen Arbeitgeber informiert«. Zumindest Schering weiß indes nichts davon.

Doch die Investoren bemühten sich auch nicht sehr aufwendig um Aufklärung. »Uns interessierte, was Jenapharm bietet: Kompetenz und Sachverstand«, sagt Schering-Sprecher Mathias Claus. Dass Forscher in den Labors mit Mäuseböcken experimentierten, damit später Athleten besser gedopt werden konnten, sollte ihnen nicht schaden - ihr Know-how wurde gebraucht, auch wenn Oettel ausschließt, dass sein früheres Wissen nun in die Forschung einfließt oder »gar zukünftig genutzt wird«.

Nach der Wende stritt DDR-Nationalpreisträger Oettel öffentlich erst einmal jegliche Mitarbeit an der Manipulation von Athleten ab. Als Dokumente wenig später das Gegenteil bewiesen (SPIEGEL 8/1991), rechtfertigte er sich, alle Arbeiten seien »im Rahmen eines staatlich sanktionierten Staatsplanvorhabens« erfolgt, außerdem habe er über den Zweck der Forscherei nicht Bescheid gewusst. Er gab freilich zu, dass sein »Vogel-Strauß-Verhalten« nur schwer mit »der Verantwortung des Wissenschaftlers zu vereinbaren sei«.

Den Verdacht, dass zumindest die meisten Forscher in seiner Umgebung in Wahrheit ziemlich genau wussten, was mit den Hormonpillen passierte, bestätigt nun der Internist Rainer Hartwich, damals ein Kollege Oettels. Hartwich hatte schon zur DDR-Zeit einen Protestbrief gegen den STS-646-Einsatz an das Gesundheitsministerium geschickt. Er teilte zudem als Informant mit dem Decknamen »Klinner« der Stasi seine Bedenken mit: Mittel, die nicht hinreichend geprüft und »nicht für die Anwendung am Menschen freigegeben« worden seien, würden bei Jenapharm in Massen produziert.

Ärzte und Trainer gaben die Kraftpillen ohne Warnungen an die Sportler weiter. Noch vor einem Jahr stellten Fahnder des Landeskriminalamts Thüringen STS 646 bei einer ehemaligen Skiläuferin sicher, die Pillen waren ihr von Betreuern als »Vitaminpräparat« übergeben worden.

Der Potsdamer Historiker Giselher Spitzer, der seit vielen Jahren über die DDR-Vergangenheit forscht, fordert von Jenapharm, »endlich alle vorhandenen Unterlagen offen zu legen« - allein schon, damit möglicherweise kranke Ex-Sportler erfahren, was mit ihnen gemacht worden ist.

Für seine Vergangenheit büßen musste bislang nur einer aus der Forscher-Crew: ausgerechnet der Kritiker Hartwich. Der Mediziner war 1987 zur Klinik Weißenburg gewechselt. Dort fand nach der Wende eine Überprüfung durch die Gauck-Behörde statt - Hartwich wurde wegen seiner Berichte an die Stasi entlassen. UDO LUDWIG,

THOMAS PURSCHKE

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