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SELBSTJUSTIZ Opfer der Opfer

aus DER SPIEGEL 39/1964

Der Besuch der alten Dame nahm ein schlimmes Ende. Nachdem sie die Kasse des Discount-Ladens »Bantam Super am Zoo« in der Westberliner Kantstraße passiert hatte, bat eine Angestellte die Kundin in ein Nebengelaß. Dort mußte sie unter Aufsicht des Filialleiters ihre Taschen leeren: Ein Vergleich mit dem Kassenbon ergab, daß sie Waren im Wert von zehn Mark zwar eingesteckt, jedoch nicht bezahlt hatte.

Vom Ladenpersonal vor die Wahl gestellt, entweder angezeigt zu werden oder aber eine Buße in zehnfacher Höhe des Warenwerts zu bezahlen, entschloß sich die ertappte Kundin zur Hergabe von 100 Mark. Wieder daheim, griff sie zu Feder und Papier und schrieb dem Westberliner Landeskriminalamt, was sie bei »Bantam« erlebt hatte.

Der Brief trug keine Unterschrift. Erst nach umständlichen Ermittlungen fanden die Kriminalisten Namen und Adresse der Informantin, einer 66jährigen Rentnerin, heraus.

Bis dahin aber hatten die Beamten des Dezernats E (Einbruch, Diebstahl) schon eine Reihe weiterer Zeugen für die im »Bantam«-Laden praktizierte Selbstjustiz aufgespürt: Die Kriminalisten erbaten den Besuch aller Ladendiebe, die wegen ihrer Tätigkeit in der Zoo-Gegend bereits belangt worden waren, und legten Ihnen die Frage vor, ob sie schon einmal das Opfer ihres Opfers geworden seien. Einige sagten ja.

Übereinstimmend gaben sie und andere, später ermittelte »Bantam«-Bestrafte zu Protokoll, daß die von der anonymen Informantin geschilderte Prozedur der bei »Bantam« üblichen Methode entsprach: In den meisten Fällen waren die Ladendiebe aus Angst vor einer Diebstahlsanklage zur Bußleistung im zehnfachen Wert des Diebesgutes bereit. Minderbemittelten wurde zuweilen Teilzahlung eingeräumt.

Diese private Rechtspraxis hat die drei »Bantam«-Inhaber und vier ihrer Angestellten - darunter die Ladendetektivin - mit den staatlichen Rechtsnormen in Konflikt gebracht, und letzte Woche erhob Staatsanwalt Runge beim Amtsgericht Tiergarten Anklage gegen die »Bantam«-Leute: Gegen vier wegen vollendeter Erpressung, gegen zwei wegen Anstiftung zur Erpressung und in einem Fall wegen Erpressungsversuchs.

Den Tatbestand der Erpressung* sieht Staatsanwalt Runge als erfüllt an, weil sich die »Bantam«-Händler durch die Kompensation von Diebstahlsanzeigen mit zehnfachem Wertersatz Rechte zulegten, die weit über das Maß der den Kaufleuten sonst zugebilligten Strafgewalt hinausgeht.

Bislang jedenfalls hat die deutsche Justiz nichts gegen jene milde Strafzumessung einzuwenden, mit der sich die Selbstbedienungsläden gegen die wachsende Quote der Ladendiebstähle (gegenwärtig rund ein Prozent des Umsatzes) zur Wehr setzen: Der Ladendieb hat zwischen einer Anzeige bei der Polizei und einer Geldbuße in Höhe des einfachen Betrages der Beute an eine karitative Vereinigung zu wählen. Das Diebesgut wird ihm abgenommen, und er bekommt Hausverbot.

Diese zulässige Form der Selbstjustiz aber erschien den »Bantam«-Händlern nicht abschreckend genug. Bei einer Tagesquote von zwölf bis 15 ertappten Ladendieben hielten sie außerordentliche Maßnahmen anstelle von Hausverbot oder Anzeige für gerechtfertigt, zumal ein großer Teil der vielen Diebstahlsverfahren (in Berlin 16 000 Anzeigen jährlich) wegen Geringfügigkeit eingestellt wird.

Die Staatsanwaltschaft verschloß sich derlei Erläuterungen. Sie sieht den Erpressungsvorwurf im Gegenteil noch dadurch bekräftigt, daß alle bei »Bantam« über Ladendiebe verhängten Strafbeträge in die Ladenkasse flossen. Über die ordentlichen Verkaufserlöse und über die Erträge der Selbstjustiz wurde nicht gesondert Buch geführt.

Angesichts des bevorstehenden Verfahrens bleibt den »Bantam«-Leuten nur die Hoffnung auf ausgleichende Gerechtigkeit: Die 14 Belastungszeugen der Anklage könnten sich nach Abschluß des Verfahrens selbst in Angeklagte verwandeln, falls die Staatsanwaltschaft ihnen wegen Ladendiebstahls den Prozeß macht.

* Paragraph 253 StGB (Erpressung): »Wer

einen anderen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt und dadurch dem vermögen des Genötigten oder eines anderen Nachteil zufügt, um sich oder einen Dritten zu Unrecht zu bereichern, wird wegen Erpressung mit Gefängnis nicht unter zwei Monaten, in besonders schweren Fällen mit Zuchthaus bestraft.«

Westberliner »Bantam Super«-Geschäft: Diebe erpreßt?

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