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Briefe

Opfer struktureller Gewalt
aus DER SPIEGEL 16/1975

Opfer struktureller Gewalt

(Nr. 1311975, Friedensforschung)

Unter 100 Projekten, die die Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung bisher gefördert hat, sind drei, die nicht das erwartete Ergebnis gebracht haben. Der SPIEGEL hat sie genannt. Unverständlich und nicht zu akzeptieren aber ist, daß er sie schlicht in eine Reihe setzt mit großen und erfolgreichen Forschungsvorhaben wie denen der Professoren Ruf und Stökl sowie dem des Katholischen Arbeitskreises Entwicklung und

Frieden. Stereotype haben in der Außenpolitik große Bedeutung für die Einstellung gegenüber internationalen Konflikten. Verhaltenstraditionen in nordafrikanischen moslemischen Staaten sind wichtige Faktoren im Nahostkonflikt. Ein Beitrag zur Lösung des Rassenkonflikts im südlichen Afrika gehört zu den vordringlichen Friedensaufgaben, gerade in der Bundesrepublik, die dort stark engagiert ist. Allerdings darf man nicht, wie der SPIEGEL, diesen Konflikt als »afrikanische Stammesfehden« mißverstehen.

Bonn PROF. DR. E.-O. CZEMPIEL

Sie behaupten, Friedensforscher hätten bislang »praxisnähere Fragen« gemieden. Richtig ist vielmehr, daß eine Reihe von Forschern mit erheblichem Einsatz an

wissenschaftlicher Expertise Beiträge zu sehr aktuellen Problemen geliefert haben. Es erscheint mir unredlich und unverantwortlich, Projektträger, über deren Forschungsergebnisse man vielleicht geteilter Meinung sein kann, in einem Atemzug mit solchen Projektträgern namentlich aufzuführen, die ihren Verpflichtungen gar nicht oder doch nur sehr unzureichend nachgekommen sind.

Tübingen PROF. DR. VOLKER RITTBERGER

Japan hat seit 1945 trotz seiner industriellen Großmachtstellung eine buchstäblich beispielslose Selbstbegrenzung seines Verteidigungspotentials wie auch größte Zurückhaltung im außenpolitischen Verkehr mit anderen Staaten praktiziert. Die Frage nach den Ursachen und dem möglichen Modellcharakter dieser Verhaltensformen ist in der spannungsreichen Welt von heute höchst aktuell geblieben. Meine Arbeit über dieses Thema ist zwar noch »in Vorbereitung«, jedoch nicht eingestellt worden, wie der SPIEGEL behauptet.

München

PROF. DR. GOTTFRIED-KARL KINDERMANN

Daß aus sozial ungerechten Verhältnissen gewalttätige Konflikte entstehen, kann nur leugnen, wer vor der gesellschaftlichen Wirklichkeit die Augen verschließt. Man hat in der Friedensforschung vor Jahren errechnet, daß die Opfer ungerechter Gesellschaftsordnungen, das heißt die Opfer struktureller Gewalt, heute schon die von Strategen für einen Nuklearkrieg zwischen den Großmächten prognostizierten Kriegsopfer an Zahl übersteigen.

Frankfurt PROF. DR. DIETER SENGHAAS

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