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BELGIEN / SPAAK Opportunist Polenri

aus DER SPIEGEL 8/1961

Eine Rückkehr in die belgische Politik«, dozierte der 62jährige Paul-Henri Spaak in seinem Dienstzimmer im Nato-Glaspalast an der Pariser Place du Maréchal de Lattre de Tassigny, »steht im Zeichen eines unmittelbar bevorstehenden Kampfes, der für unser Land entscheidend sein wird.«

»Es geht darum«, erklärte der massige Mann mit dem mürrischen Bulldoggengesicht dem Korrespondenten des Brüsseler Sozialistenblattes »Le Peuple«, »ob Belgien an konservativer Routine festhalten und seine Mißerfolge beweinen oder etwas Neues auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet schaffen will.«

Nato-Generalsekretär Spaak, der mit diesen tönenden Worten seinen Abstieg von der schwankenden Kommandobrücke atlantischer Solidaritätsträume (SPIEGEL 7/1961) in die parteipolitischen Niederungen seines Vaterlandes kaschierte, hatte wenige Tage zuvor den Botschaftern der fünfzehn Mitgliedstaaten des Nordatlantikpakts seinen vorzeitigen Rücktritt mitgeteilt. Begründung: Er wünsche wieder »am politischen Leben seines Landes« teilzunehmen.

»Er war in den Ratsversammlungen des Westens einer der letzten Vertreter jener Mannschaft der Schuman, Adenauer, Monnet, De Gasperi, die sich geschworen hatten, aus unserem alten Kontinent die neuen ,Vereinigten Staaten' zu machen«, beklagte der Pariser »Monde« den Abgang des gescheiterten Nato-Politikers. Die unabhängige Brüsseler Wochenzeitung »Pourquoi Pas?« aber spöttelte über den Dulles-Freund: »Ein Vorsänger der großen Angst und Quartiermacher des Atom-Terrors.«

Dem belgischen Hof wie der vom Zerfall bedrohten Sozialistischen Partei Belgiens erscheint indes der Europageschäftige Sozialist Spaak als der »Mann der Vorsehung«, der nach den Streikunruhen allein imstande ist, das innenpolitische Gleichgewicht wiederherzustellen. Spaak, so argumentiert das. Brüsseler Blatt »Le Soir«, sei ein »Versöhner« von unschätzbarem Wert, da er weder durch das Kongo-Fiasko noch durch den Streik und den Zank um das Spar-Gesetz kompromittiert sei.

Mit Spaak hoffen die Sozialisten bei den auf April vorverlegten Parlamentswahlen die Stimmen der durch den Streik vergrämten bürgerlichen Wähler zurückzugewinnen; mit ihm glaubt auch der Hof jenes »Kabinett der Köpfe« bilden zu können, das König Baudouin im Sommer vergangenen Jahres projektierte.

Als die Eyskens-Regierung nach dem Kongo-Abenteuer moralisch abgewirtschaftet zu haben schien, hatte sich das Interesse Baudouins bereits der massigen Gestalt des Nato-Generalsekretärs zugewandt; zusammen mit seinem katholischen Koalitionspartner aus der Vorkriegszeit, dem Hochfinanz-Lobbyisten Paul van Zeeland, sollte Spaak damals ein autoritäres Kabinett zusammenstellen, das die Regierungsmacht indirekt In die Hände der Laekener Hof-Clique gegeben hätte.

Dem Nato-Strategen schien jedoch die Zeit für eine Rückkehr noch nicht gekommen. Spaak wartete ab, bis ihn die sozialistische Partei Mitte Januar offiziell durch eine Delegation um Hilfe anging: Der zum »Chef-Depanneur« (Pannen-Nothelfer) der rissigen Partei - Organisation bestellte »Citoyen Polenri« (nach Paul-Henri) konnte nun seine Bedingungen stellen.

Die erste dieser Bedingungen war das Verlangen Spaaks, in seinem alten Brüsseler Wahlbezirk zum Spitzenkandidaten außer Konkurrenz nominiert zu werden: Das Risiko einer Desavouierung durch die Wähler seiner eigenen Bezirksgruppe wünschte der Nato-Heimkehrer nicht einzugehen.

Eine zweite Forderung Spaaks, daß er vom Parteibüro in der Form einer Demarche - »Le Monde": »Etwa so, wie man dem General de Gaulle in Colombey-les-Deux-Eglises ein Bittgesuch unterbreitete« - zurückgerufen werden müsse, Ignorierte die Brüsseler Parteiführung. Sie stellte die Rückkehr Spaaks im Gegenteil als dessen eigenen Entschluß hin. Spaak, so hieß es in einem parteioffiziellen Kommuniqué, wolle seinen Platz »im Dienste der Politik und des Programms der Partei« wieder einnehmen.

Hinter diesen dürren Worten stand eine Warnung, die der marxistisch-doktrinäre Flügel der belgischen Sozialisten dem ehrgeizigen Nato-Politiker zukommen ließ. Der Heimkehrer hatte in der Tat noch eine dritte Bedingung gestellt, die ein sozialistisches Provinzblatt in Charleroi so umschrieb: Spaak wünsche »die Ellbogen frei zu haben«, und weigere sich, vom Parteibüro Weisungen entgegenzunehmen.

Die katholisch-konservative »Libre Belgique« empfing den nach Brüssel zurückkehrenden »Opportunisten« Spaak mit einer giftigen Attacke. 1934, so resümierte das Blatt, gehörte der damals 35jährige Abgeordnete und Advokat jenen »revolutionären Banden an, die das Brüsseler Stadtzentrum terrorisierten«. 1940 versuchte Spaak als Außenminister mit den Deutschen in Waffenstillstands-Verhandlungen einzutreten - »was ihn nicht daran hinderte, den Belgiern - und sogar dem König - 1945 superpatriotische Lektionen zu erteilen«.

Im November 1941 schrieb Spaak aus London an König Leopold III., einen Brief, der den Satz enthielt: »Sire, haben Sie zu uns Vertrauen.« 1950 dagegen, so hieß es in dem Spaak-Porträt der »Libre Belgique«, »setzte er sich an die Spitze des sozialistisch-kommunistischen Straßenmobs, der friedliche Royalisten, die der Königsfamilie bei ihrer Rückkehr nach Laeken Blumen darbieten wollten, mit Steinen bewarf«.

In einem Interview, das der damalige Außenminister Spaak - er gehörte dem Kabinett van Zeeland an - der Zeitung »L'Indépendence« gab, hatte er sich bereits 1937 freimütig zu dem Grundzug dieses düsteren Charakter-Porträts bekannt. Spaak: »Obgleich das Wort eine herabsetzende Bedeutung hat, möchte ich nichts dagegen einwenden, wenn ich als Opportunist bezeichnet werde.«

Opportunist Spaak, der von den Kommunisten zum linken Flügel der belgischen Sozialisten übergewechselt -war und einige Jahre in dein Wochenblatt »L'Action Socialiste« - mit ähnlichen Schlagworten wie heute der wallonische Streik-Boß Andre Renard - den demokratischen Sozialismus bekämpfte, erklärte in jenem Interview zum ersten Male öffentlich, daß er in Zukunft den Thesen des belgischen Partei-Theoretikers Hendrik de Man folgen werde, der die marxistische Doktrin verworfen hatte.

Spaak, seiner Herkunft nach ein wohlhabender Brüsseler Bürger, hat sich seither dem sozialistischen Partei-Dogma nicht mehr unterworfen. »Dennoch ist er der einzige 'Sozial-Verräter'"', so prophezeite die satirische Brüsseler Wochenzeitung »Pan«, »der vor den Augen des Citoyen Renard Gnade finden könnte.«

Die paradoxe Sympathie zwischen dem arrivierten Europäer Spaak, dem Befürworter von EWG, Nato und Atombewaffnung, und dem wallonischen Streik-Terroristen Renard hat sentimentale Gründe: Renard ist in der sozialistischen Gewerkschaftsorganisation heute eine Art Doppelgänger des Citoyen Spaak aus dessen Sturm- und Drang-Jahren in der Partei.

In den zwanziger Jahren - und nicht erst 1934 - schlug der Revolutionär Spaak bei den bürgerlichen Brüsseler Zeitungen, beispielsweise der »Libre Belgique«, die Scheiben ein, gab sich antiklerikal und grölte das Spottlied, das man später noch aus seinem Munde im belgischen Parlament vernahm: »Runter mit dem Pfaffenkäppchen, nieder mit dem Pfaffenvolk ...«

»Wären sie katholisch und Kleriker«, urteilte »Pourquoi Pas?« über das ungleiche Paar, »so müßte Renard ein Arbeiterpriester und Spaak ein Bischof sein - salbungsvoll und mondän. Was jedoch den Epikureer-Prälaten nicht hindern würde, dem streitenden Priester eine Bewunderung zu bezeugen, die mit etwas Neid gewürzt ist.«

Einen möglichen Partner für den »Versöhner« Spaak sehen belgische Politiker bereits in dem christlich-sozialen Parteiführer Theo Lefèvre, der beim Hof zeitweilig in Ungnade geriet, weil er 1960 den Plan eines »Kabinetts der Köpfe« mit einer scharfen Presse-Erklärung zu Fall brachte. Lefèvre ist von der Christlich-Sozialen Volkspartei als Eyskens-Nachfolger vorgesehen.

Eine schwarz-rote Koalition mit oder ohne besondere Vollmachten, die von dem Sozialisten Spaak oder dem Katholiken Lefèvre geführt werden könnte, wird von Belgiens Zeitungen als das wahrscheinliche Ergebnis der Aprilwahlen erwartet. Ihr gelten im Hinblick auf die Stabilität der Monarchie auch die Sympathien des Hofes.

In dieser Lage fällt Paul-Henri Spaak, dem belgischen »Mann der Vorsehung«, eine Schlüsselrolle zu, die es ihm erleichterte, den Absprung von der Nato-Kommandobrücke zu riskieren. Seine Aufgabe besteht darin, Renard und die wallonischen Sozialisten zu neutralisieren und mögliche Stimmenverluste bei den Linkssozialisten durch eine Attacke auf das Fußvolk der Liberalen auszugleichen. Spaak soll - so resümierte »Pourquoi Pas?« - »einerseits den vom Aufstand der Gewalt noch erschütterten Bürger in Sicherheit wiegen, andererseits um seinen roten Federbusch wallonische Föderalisten, flämische Gemäßigte, orthodoxe Marxisten und Brüsseler Bürger vereinen«.

Seinen Parteifreunden gab der Nato-Heimkehrer bereits zu verstehen, daß er seine Aufgabe mit selbstgefälligem Optimismus anzupacken gedenke. Auf seinen eigenen Nimbus anspielend, telephonierte Spaak: »Uns bietet sich eine große Chance; man muß sie nur ergreifen.«

Nato-Heimkehrer Spaak: Quartiermacher des Terrors?

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