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»Opposition bringt nichts«

Mehr als 3000 Funktionäre, Kleriker und Angestellte der evangelischen DDR-Kirche haben nach Schätzungen nebenher für eine höchst unchristliche Institution gearbeitet: für das Ministerium für Staatssicherheit. Wie die Stasi die Kirche unterwandert hat, wie sehr sich leitende Kirchenmenschen mit dem SED-Geheimdienst eingelassen haben, läßt sich aus der öffentlich zugänglichen, vollständig erhaltenen Akte des thüringischen Oberkirchenrats Gerhard Lotz rekonstruieren, der 25 Jahre lang für die Kirchenabteilung XX/4 der MfS-Zentrale tätig war - ein zeitgeschichtliches Lehrstück über das heimliche Bündnis zwischen Thron und Altar in der DDR.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Antwort: Nein. Also, ich kann mich nicht erinnern. So war das Verhältnis nicht. Wir waren so interessiert an solchen innerkirchlichen Dingen gar nicht. Was sollten wir damals als Arbeiter - wir waren ganz froh, daß wir den Unterschied wußten zwischen evangelischer und katholischer Kirche. Und was die da mit ihrem Glauben gemacht haben, wissen Sie, das war nicht unser Bier.

Frühlingsanfang, März 1955: Hauptmann Franz Sgraja ist schon am frühen Vormittag in Berlin aufgebrochen, um seinen Gesprächspartner in Eisenach noch rechtzeitig zum Dienstschluß abzupassen.

Sgraja ist im jungen DDR-Staat beim - wie es damals hieß - »Staatssekretariat für Staatssicherheit« für die Bearbeitung der Kirchen zuständig. Vor seiner Fahrt in den Süden der Republik hat er noch einmal gründlich die Unterlagen studiert, die er von der Stasi-Bezirksverwaltung über seine Zielperson erhalten hat: Lebenslauf, ein Persönlichkeitsprofil und alle bekanntgewordenen Ansichten des Oberkirchenrats der thüringischen Landeskirche Gerhard Lotz, 43.

Der Kirchenjurist ist Stellvertreter des Landesbischofs Moritz Mitzenheim. Sgraja will den Mann für die Zusammenarbeit mit der Stasi gewinnen.

In Eisenach legt sich Sgraja vor dem Gebäude der Kirchenleitung auf Lauer. Als er sicher ist, daß Lotz noch im Hause weilt, ruft er von einem nur der Stasi zugänglichen Telefon im Rathaus an. Doch statt Lotz nimmt Bischof Mitzenheim, der gerade bei seinem Stellvertreter im Zimmer ist, den Hörer ab.

Dem Stasi-Hauptmann fällt rasch eine Legende ein: Er stellt sich als Vertreter des Rates des Kreises vor, der nur nachfragen will, ob eine Terminvereinbarung schon schriftlich vorläge. Damit ist das Telefonat beendet.

Hauptmann Sgraja fürchtet schon, er sei umsonst gekommen. Er versucht es noch einmal. Diesmal hat er die Ehefrau am Apparat, denn Lotz wohnt mit ihr und seinen Kindern im Gebäude des Landeskirchenamtes.

Erst beim dritten Mal klappt es. Sgraja stellt sich als Vertreter des Innenministeriums vor, er sei zufällig in Eisenach und müsse Lotz dringend sprechen. Sgraja bittet ihn, ins Eisenacher Rathaus zu kommen.

In einem eigens für solche Anlässe hergerichteten Ratszimmer redet Sgraja, der sich als »Herr Zocher aus Berlin« _(* Vor dem Potsdamer ) _(Untersuchungsausschuß zur Klärung der ) _(Stasi-Verstrickungen des früheren ) _(Konsistorialpräsidenten Manfred Stolpe, ) _(am 5. Mai. ) vorstellt, gleich Klartext: Man brauche in Berlin Informationen aus erster Hand über die kirchliche Lage in Thüringen. Die Regierung habe ihn, Lotz, ausgeguckt. Mit Leuten wie Lotz, schmeichelt Sgraja, wolle man das Verhältnis Staat/Kirche verbessern. Die Gespräche, sagt Sgraja, müßten vertraulich bleiben. Der Mann läßt durchblicken, daß er von der Staatssicherheit ist.

Der Oberkirchenrat ist sofort einverstanden, denn er vertritt schon lange die Ansicht, »daß die Opposition zum Staat nichts bringe«, wie Sgraja zufrieden notiert. Dankbar nimmt Lotz zur Kenntnis, daß er auch die Möglichkeit erhalten soll, »zum Besten der Kirche« seinerseits Kritik an staatlichen Stellen anzubringen. »Auf dem direkten Wege über ihn«, brüstet sich Sgraja, sei manches durchzusetzen.

Es wird ein langer Abend, die Herren plaudern über die bevorstehende Synode, Staatszuschüsse an die Kirchen, die Rolle der Bischöfe und andere Kircheninterna. Später wechseln die beiden zum gemeinsamen Abendessen ins Parkhotel, die Unterhaltung wird lockerer.

Lotz erzählt von seinem Jurastudium in der Nazizeit und von seinem Privatleben. Mit der Arbeit in der Kirche sei er nicht sehr zufrieden.

Zum Abschied bekommt Lotz eine Telefonnummer, »falls er mal zufällig in Berlin sei«. Die nächste Begegnung wird für einen Monat später wieder in Eisenach vereinbart.

Zum zweiten Treffen kommt Oberkirchenrat Lotz um Stunden zu spät. Er entschuldigt sich, es habe heftige Auseinandersetzungen um seine Person gegeben. Seine positive Haltung zum jungen DDR-Staat stört viele Pfarrer. Da er Kontakte zum staatlichen »Amt für Kirchenfragen« unterhalte, bekomme er zunehmend Ärger mit den »Rechten« in der Kirche. Manchmal, vermerkt Sgraja, würde Lotz am liebsten den Dienst quittieren.

Sgraja baut ihn auf: Man werde schon gemeinsam viel erreichen und verändern, die »realistischen« Kräfte in der Kirche auf lange Sicht stärken. In Zukunft könne alles nur besser werden. Die Kirchen in der DDR müßten sich dazu bloß von denen im Westen lossagen. Die Thüringer Kirche könne eine entscheidende Rolle dabei spielen.

Bis weit nach Mitternacht beraten die beiden über ein »Staatssekretariat für Kirchenfragen«, das zwei Jahre später tatsächlich eingerichtet wird. Ganz nebenbei fragt Sgraja seinen Gesprächspartner nach zahlreichen Funktionären der thüringischen Landeskirche aus. Der Stasi-Offizier sucht Material für weitere Anwerbungen.

Die folgenden Treffen der beiden Herren sollen telefonisch ausgemacht werden. Sgraja will sich als Vertreter der Behörde »Handel und Versorgung« im Landeskirchenamt melden. Lotz wählt den Namen »Karl« - falls er mal bei Sgraja anrufen möchte.

Am folgenden Tag ruft Bischof Mitzenheim seinen Stellvertreter zu sich. Lotz bekommt weiche Knie, als ihm der Bischof berichtet, daß zwei Angestellte der Kirchenleitung von der Stasi aufgesucht worden seien. Tatsächlich hat die Eisenacher MfS-Kreisverwaltung den Kraftfahrer des Bischofs und eine Schreibkraft angesprochen, »unqualifiziert«, wie Sgraja erbost in seine Akte schreibt.

Lotz berichtet Sgraja beim nächsten Treff: »Mir war es ganz unheimlich, denn ich nahm an, daß der Bischof mich auch damit meinte.« Mitzenheim habe sich ihm gegenüber beschwert, daß »die Staatsorgane laufend Informationen aus dem kirchlichen Leben erhalten«. Dies sei besonders während der Bischofskonferenz in Weimar deutlich geworden.

Aus diesem Grunde habe Bischof Mitzenheim ihn beauftragt, eine Anweisung an alle Pfarrer auszuarbeiten, in der sie nochmals zur Geheimhaltung der kirchlichen Belange aufgefordert werden sollten. Sgraja notiert das in seinem Treffbericht ohne Kommentar. Über die Bischofstagung hatte ihn, wie aus den Unterlagen hervorgeht, Lotz ausführlich unterrichtet.

Ausgerechnet der heimliche Stasi-Mitarbeiter »Karl« formuliert am 21. April 1955 ein Rundschreiben an die Brüder und Schwestern der Thüringer Landeskirche über die »Verpflichtung zur Amtsverschwiegenheit«. O-Ton Lotz: »Sollten Versuche gemacht werden, Sie zur Verletzung dieser Pflicht zu veranlassen, ist dies unverzüglich dem Dienstvorgesetzten oder dem Landeskirchenrat anzuzeigen.«

Lotz, der sich diesmal in einer konspirativen Eisenacher Wohnung mit Sgraja trifft, hat ein Exemplar seines Rundschreibens für den Stasi-Hauptmann mitgebracht. Als Sgraja ihm am Ende des Treffs 100 Mark geben will, lehnt »Karl« ab. Die Begründung zitiert der Stasi-Mann in seinem Treffbericht: »Die Verbindung zu Ihnen halte ich aus der Überzeugung, einer guten Sache zu dienen. Das Geld würde diese Verbindung entwürdigen.«

Zwei Wochen danach wird »Karl« in der Ost-Berliner Stasi-Zentrale auf Vorschlag Sgrajas als ordentlicher »GM« (Geheimer Mitarbeiter, spätere Bezeichnung: Inoffizieller Mitarbeiter, »IM") registriert. Von einer schriftlichen Verpflichtung sehen die MfS-Offiziere ab. Mielke unterschreibt die Registrierung persönlich. Die mündlichen Erklärungen zur Einhaltung der Vertraulichkeit sowie die Bereitwilligkeit, mit der Lotz über Interna seiner Kirche berichtet, reichen der Stasi aus.

Alle Informationen gibt »Karl« mündlich; Notizen, die er sich bei weiteren Treffen mit dem Offizier macht, verbrennt er laut Sgraja noch während der konspirativen Zusammenkunft. Oberkirchenrat Lotz will sich nichts nachweisen lassen.

Der Führungsoffizier Sgraja und sein Spitzel Lotz treffen sich von nun an fast jeden Monat einmal in konspirativen Wohnungen in Berlin oder in einem Lokal in Leipzig. Lotz hält sich regelmäßig zu kirchlichen Konferenzen in der Messestadt auf. Treffen in Eisenach vermeiden die beiden möglichst, da »Karl« Angst hat, enttarnt zu werden.

»Karl« läßt seinen Stasi-Konfidenten Protokolle aus Sitzungen und Besprechungen der Ost-Bischöfe mit der West-Kirche einsehen, informiert ihn über Konferenzen und Synoden, den kirchlichen Geldtransfer zwischen West und Ost, die Schreiben der EKD - Sgraja liest alles, was über den Tisch von Bischof Mitzenheim läuft. Manchmal ziehen sich die Treffen bis zu acht Stunden hin.

Im Sommer 1955 ruft Sgraja eines Abends an: »Da es noch hell war, fuhren wir außerhalb der Stadt in einen Wald«, notiert er. Beim Spaziergang im Dickicht berichtet »Karl« von seinen Erfolgen. Während der Bischof in Westdeutschland ist, werden alle Schreiben an Mitzenheim von ihm geöffnet.

So erfährt Sgraja alles über die politischen Absichten der westdeutschen Kirchenspitze und über persönliche Notlagen einzelner Pfarrer, die sich vertrauensvoll an ihren Bischof gewandt haben. Er läßt sich von »Karl« auch über die NS-Vergangenheit kirchlicher Mitarbeiter berichten.

Doch wichtiger ist ihm ein Plan, den er mit Lotz immer wieder durchgeht: Mit Hilfe der thüringischen Landeskirche müsse es gelingen, die Trennung der ostdeutschen von den westdeutschen Kirchen zu erreichen.

Landesbischof Mitzenheim, so Sgraja, müsse in eine Situation manövriert werden, die ihn von »politisch negativen« Bischöfen trenne und ihn zwinge, immer mehr auf die Ratschläge »Karls« zu hören. Diese Loyalität zum Staat, verspricht der Stasi-Offizier, werde sich auch für die thüringische Landeskirche bezahlt machen.

»Karl«, schlägt sein Stasi-Mentor vor, solle mit jungen und »progressiven« Pfarrern in Thüringen einen Bund bilden, über den man politischen und personellen Einfluß nehmen könne. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist der »Weimarer Kreis«, zu dem sich Mitte der fünfziger Jahre einige Pfarrer und Superintendenten zusammentun.

Zu diesem Kreis gehört auch Ingo Braecklein, der spätere Nachfolger Mitzenheims im Bischofsamt. Braecklein ist zudem einer jener acht Kirchenmänner, die der ehemalige Konsistorialpräsident der Berlin-Brandenburgischen Kirche Manfred Stolpe am 3. Mai dieses Jahres als seine »Mitstreiter« beim Kungeln mit der Stasi öffentlich gemacht hat.

Da Oberkirchenrat Lotz ohnehin den Ruf eines »Roten« weghat, rät ihm Sgraja, ein Jahr nach seiner Anwerbung für die Stasi, in die regimetreue Ost-CDU einzutreten. Das Vertrauen »rechter« Kirchenkreise könne er sowieso nicht mehr erlangen, seine Perspektive sei eine andere, ermuntert ihn der Stasi-Hauptmann.

Gegenüber Bischof Mitzenheim, fordert Sgraja, müßten alle Register gezogen werden, damit sich dieser nützlich mache. Er beauftragt »Karl«, den »Frauenumgang« des Bischofs festzustellen.

Bereitwillig erzählt Lotz beim nächsten Treff dem Stasi-Mann, welche weiblichen Mitarbeiter der Kirchenleitung ein gutes Verhältnis zum Bischof hätten. Von einer jungen Theologin will er gehört haben: »Wenn ich wollte, wie ich könnte, Mitzenheim würde ich um den kleinen Finger wickeln.« Sgraja notiert sich die Dame.

Sein Ziel ist es, mit Hilfe von »Karl« Bischof Mitzenheim und die thüringische Landeskirche gegen den Berliner Bischof Otto Dibelius und dessen kirchlichen Einheitskurs in Stellung zu bringen.

Doch »Karl« ist in dieser Phase nur begrenzt einsetzbar. Nach zweijähriger inoffizieller Mitarbeit hat er Depressionen und will seine Arbeit in der Kirche aufgeben. Mitzenheim hält ihn aus vielen Gremien, speziell den Westkontakten, heraus.

Ein Treffen in Leipzig dauert zwölf Stunden. Sgraja und ein weiterer Kollege der Stasi-Kirchenabteilung bemühen sich, ihren geheimen Mitarbeiter wieder aufzurichten.

Lotz erzählt, was ihn bedrückt: Er wolle seine Kinder demnächst zur Jugendweihe schicken; das werde ihm in der Kirche wieder nur mehr neue Feinde schaffen. Wenn das MfS nicht wäre, hätte er längst das Handtuch geworfen.

Ein halbes Jahr später ist »Karl« wieder voll im Einsatz. Er berichtet über die Stimmungslage nach den DDR-Wahlen.

Weil die meisten Pfarrer der Magdeburger Landeskirche nicht zur Wahl erschienen sind, überlegt die SED disziplinarische Maßnahmen. »Karl« macht Vorschläge: Die staatliche Haltung könne am besten durch etwas Druck deutlich gemacht werden, etwa bei finanziellen Zuwendungen oder beim Papierkontingent für die Magdeburger Kirchenzeitung.

Für Sgraja hat »Karl« bei diesem Treffen ein besonderes Bonbon: den Schlüssel zum Hintereingang der Kirchenleitung in Eisenach. Die Stasi soll sich einen Abdruck und eine Kopie davon machen. Außerdem hat »Karl« Skizzen vom Bischofszimmer und den übrigen Räumlichkeiten der Kirchenleitung angefertigt.

Drei Monate später nutzen Sgraja und »Karl« einen ruhigen Herbstabend zur »Besichtigung«. Alle übrigen Mitglieder der Kirchenleitung halten sich gerade in Berlin auf.

Sgraja überprüft die Sitzungssäle und das Bischofszimmer, wieweit sie sich zum Einbau von Abhörwanzen eignen. Als er den Schreibtisch des Bischofs durchsuchen will, klappert die zurückgebliebene Ehefrau des Bischofs in den darüberliegenden Räumen. Sgraja und »Karl« brechen das Unternehmen ab.

Zu später Nachtstunde kehren sie zurück. Doch Sgraja erlebt eine herbe Enttäuschung: Der nachgemachte Schlüssel paßt nicht.

Die monatlichen Treffen zwischen »Karl« und Sgraja dehnen sich immer länger aus. Der Hauptmann der Stasi-Kirchenabteilung kennt inzwischen, wie aus seinen Notizen hervorgeht, sämtliche Einrichtungen der Landeskirche ebenso wie die theologischen und persönlichen Differenzen zwischen einzelnen Pfarrern, ihre familiären Verhältnisse, ihre Briefwechsel - selbst intime Angelegenheiten sind dem Geheimdienstmann vertraut.

Er nutzt dieses Wissen, um Personalpolitik zu machen. Als in Gera - zum Beispiel - ein neuer Visitator (Kontrolleur) gewählt werden soll, erörtert er mit »Karl« stundenlang die Taktik, um einen Favoriten des MfS durchzusetzen.

Über Ingo Braecklein, den späteren Bischof, zerbricht er sich besonders den Kopf. Sgraja will ihn 1957 in der »derzeitigen« kirchenpolitischen Situation nicht verheizen, sondern »ihn noch länger unbelastet in Reserve halten«, denn Braecklein sei »der kommende Mann in der Thüringer Landeskirche«. Mitzenheim, so Sgrajas aktenkundige Einschätzung, sei zwar brauchbar, aber irgendwann habe der sich abgenutzt und müsse weg.

Sgraja und »Karl« denken sich raffinierte Pläne aus, wie sie Mitzenheims Einfluß langfristig schmälern können. Sie erörtern, wie sie Spannungen zwischen dem Bischof und anderen leitenden Kirchenfunktionären ausnutzen können, um Zwietracht zu säen und das Ansehen Mitzenheims zu beschädigen. Pläne und erzielte Erfolge protokollieren die Konfidenten in den Akten.

Aus der thüringischen Kirche kann Sgraja auch sonst schöne Erfolge melden. Als bei der gemeinsamen »Ostkonferenz« der Kirchen 1957 in Berlin Teilnehmer den Vorschlag machen, für politisch Inhaftierte in der DDR Fürbittlisten in den Gottesdiensten zu verlesen, lehnt dies die Mehrheit der Thüringer Oberkirchenräte ab. Einige Pfarrer waren kurz zuvor wegen Begräbnisreden verhaftet und abgeurteilt worden, weil die Texte angeblich staatsfeindliche Hetze enthielten.

Als mißliebige Jugend- und Studentenpfarrer vom Staat drangsaliert und unter fadenscheinigen Vorwänden verhaftet und vor Gericht gestellt werden, ist eine Mehrheit der thüringischen Geistlichen dafür, mit Stillschweigen darüber hinwegzugehen. Bei Geheimkontakten zwischen Kirchenleitung und Staat wird Verständnis für das staatliche Vorgehen signalisiert. Die Kirche selbst diszipliniert ihre ungeliebten Pfarrer durch Versetzung in unbedeutende Dörfer.

Als ein Thüringer Studentenpfarrer verhaftet wird, weil er seinen Studenten mitgeteilt hat, er gehe nicht zur nächsten Wahl, beeinflußt »Karl« seine Kirchenbrüder so erfolgreich, daß die den Behörden melden: »Die Landeskirche wird für Pfarrer G. nichts unternehmen.« Der Pfarrer wird zu Gefängnis verurteilt und nach seiner Entlassung von der Kirche aufs platte Land abgeschoben.

»Karl« und Sgraja wollen vor allem die Evangelische Akademie nutzen, den Kreis der »loyalen Kräfte« stetig zu vergrößern. Sie planen gemeinsame Seminare und Tagungen, auf denen über ein besseres Verhältnis zwischen Kirche und Staat diskutiert werden soll - »auf der Plattform Römer 13«, notiert Sgraja mehrfach in seinen Akten.

Den Satz des Apostels Paulus an die Römer ("Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat") hat sich der Stasi-Mann Sgraja, wie aus den Akten hervorgeht, wiederholt von »Karl« erklären lassen. Kein Wunder, denn damit ließ sich für den Aufbau einer dem Sozialismus ergebenen Kirche gut agitieren.

Doch »Karl« ist sich auch für die ganz normale Denunzierung nicht zu fein. Bei einem Treffen berichtet er beispielsweise, daß ein »reaktionärer« Thüringer Oberkirchenrat bei seinen Urlaubsreisen an die Ostsee nackt bade. Sgraja verspricht, »operative Maßnahmen« einzuleiten. Ein nackter Oberkirchenrat läßt sich schon irgendwann einmal gebrauchen.

Weihnachtsgeschenke im Wert von 200 Mark bringt Sgraja zum letzten Treff im Jahr 1958 mit: Blumen, Pralinen, Damenstrümpfe, das Buch »Die Steppe brennt«. Die Akten sagen aus, daß »Karl« Strümpfe und Pralinen nicht annimmt.

Ab und zu läßt Sgraja seinen geheimen Mitarbeiter »Karl« von anderen geheimen Stasi-Zuträgern im Büro der Kirchenleitung überprüfen. In Berlin wird »Karl« nach einem Zusammentreffen mit Sgraja noch bis spät in die Nacht von zwei Mitarbeitern der Kirchenabteilung beschattet. Ergebnislos, wie die berichten: Der Oberkirchenrat läuft ziellos in der Innenstadt umher, sieht sich in mehreren Kneipen und Hotel-Bars um, landet schließlich gegen zwei Uhr nachts im Grand Cafe.

»Karl« ist für Sgraja inzwischen eine besonders zuverlässige Kraft zur Durchsetzung strategischer Ziele. Nachdem der Staat Mitte der fünfziger Jahre die Jugendweihe eingeführt hat, sehen sich die Protestanten in einer Zwickmühle. Die Jugendweihe soll die Konfirmation verdrängen.

Jahrelang bemüht sich die SED, den harten Widerstand in beiden Kirchen gegen die Teilnahme junger Christen an dem sozialistischen Ritual zu brechen. »Karl« ist einmal mehr zur Stelle. Er hilft mit, differenzierte Stellungnahmen kirchlicher Gremien zu erarbeiten und durchzusetzen. Über Ingo Braeckleins »Weimarer Kreis« versucht er geschickt, die Stimmung in der Kirche zu wenden.

Die Berliner Stasi-Kirchenabteilung und »Karl« schmieden ständig neue Aktionspläne. Sgraja will in Thüringen eine feste Basis dem Staate ergebener Protestanten schaffen, die auf die übrigen Landeskirchen der DDR ausstrahlen, um letzten Endes eine Abspaltung von den Kirchen im Westen zu erreichen.

Der Aufwand von »Karl« und Sgraja lohnt sich: Die Thüringer Synode bricht, im Jahr 1958, aus der einheitlichen, ablehnenden Haltung zur Jugendweihe aus; der Vertreter der West-Kirchen auf der Kirchenversammlung reist verärgert ab. Von den Thüringer Kirchenkanzeln wird Kompromißbereitschaft zum Staat verkündigt.

Auch auf Bischof Mitzenheim übt »Karl« immer stärkeren Einfluß aus, manövriert ihn in immer heftigeren Widerspruch zu den West-Bischöfen um Dibelius. Mal fängt »Karl« Briefe an seinen Bischof ab, mal leitet er sie mit zeitlicher Verzögerung und erst nach Rücksprache mit Sgraja weiter. Mal gibt »Karl« gezielte Informationen von Sgraja weiter, die seinen Bischof gegen Vorhaben der West-Bischöfe aufbringen sollen.

Weil Mitzenheim mit seiner DDRfreundlichen Haltung mehr und mehr aneckt und mitunter voller Zweifel ist, sucht er zunehmend Rat - bei seinem Oberkirchenrat Gerhard Lotz. Der versorgt ihn mit Argumenten, schreibt ihm Entwürfe für Reden, Stellungnahmen und Briefe.

Eine Ostkonferenz der Bischöfe 1958 in Berlin bringt schließlich den Durchbruch im Sinne der SED. West- und Ost-Oberhirten verzanken sich so sehr, daß die Spaltung nur noch eine Frage der Zeit ist.

Eine Delegation der Ost-Landeskirchen mit Mitzenheim an der Spitze spricht kurz darauf beim DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl vor. Die Delegierten haben eine Erklärung in der Tasche, ausgearbeitet von »Karl«. Darin wird eine erste Anerkennung der DDR durch die östlichen Landeskirchen formuliert - ein schwerer Affront gegenüber der West-Kirche.

»Karls« Erklärung geht bei einem weiteren Treffen mit Grotewohl in das wegweisende Staat-Kirche-Kommunique des Jahres 1958 ein. »Wir respektieren die sozialistische Entwicklung«, heißt es im Text, der die kircheninterne Parole der achtziger Jahre von der »Kirche im Sozialismus« bereits vorwegnimmt.

Mit Sgraja gemeinsam entwirft »Karl« im Herbst 1958 den Organisationsaufbau eines eigenen DDR-Kirchenbundes. _(* Mit den Bischöfen Mitzenheim und ) _(Schönherr, 1971. ) Eine grafische Skizze des aufzubauenden Apparats liegt den detaillierten Überlegungen - in der Akte abgeheftet - bei. Vorgesehen ist unter anderem ein Sekretariat des Bundes. Dessen Chef soll als zentrale Kontaktperson zum Staatssekretariat für Kirchenfragen fungieren.

»Karl« und Sgraja feilen an diesem Plan in den nächsten Jahren stetig weiter und sprechen ausführlich über die Personen, die im zukünftigen Kirchenbund eine Rolle spielen sollen. 1969 übernimmt Manfred Stolpe, der später als Inoffizieller Mitarbeiter »Sekretär« von der Stasi-Kirchenabteilung geführt wird, als erster diesen Posten.

Um Mitzenheim auf Kurs zu halten, sind nach übereinstimmender Ansicht von »Karl« und Sgraja »positive Signale des Staates« vonnöten.

Denn landauf, landab machen Protestanten in der DDR schlimme Erfahrungen: Eltern, die ihre Kinder zur Kirche schicken, werden diffamiert und benachteiligt, Pfarrer landen im Gefängnis, Bahnhofsmissionen werden aufgelöst, weil deren Arbeit zu öffentlich ist, Kirchenneubauten nicht genehmigt.

Bischof Mitzenheim kann gegenüber seinen Mitbrüdern in Sachsen, Mecklenburg oder Berlin jedoch aus Thüringen viel Positives berichten: Zulassung von Pfarrerkindern zur Oberschule, Baugenehmigungen für kirchliche Vorhaben, gute Finanzregelungen, Möglichkeiten für die Diakonie.

»Karl« müht sich auch sonst, den Bischof bei Laune zu halten: Die eintreffenden Briefe an die Landeskirche werden von ihm sorgfältig gesiebt. Schreiben, die sich negativ zum Kurs der thüringischen Kirche äußern, legt »Karl« seinem Bischof gar nicht erst vor.

Bei einem Treff im April 1959 geht es wieder mal um die Personalpolitik in der Kirche. Bei der bevorstehenden Landessynode steht die Wahl eines neuen Oberkirchenrats an.

»Karl« hat bereits dafür gesorgt, daß die Kirchenleitung einstimmig als einzigen Kandidaten den Weimarer Superintendenten Ingo Braecklein vorschlägt. Sgraja und »Karl« planen, Braecklein aufzubauen und ihn in die Leitung der Evangelischen Kirche in Thüringen zu bringen; er gehört nach Stasi-Einschätzung zu den loyalsten Kräften in der ostdeutschen Christenheit.

Die Wahl verläuft wie gewünscht. Braecklein wird Oberkirchenrat.

Der loyale »Weimarer Kreis« um Braecklein soll durch eigene Veröffentlichungen gestärkt werden. Die Stasi liefert fürs erste über »Karl« 50 Matrizen und 1000 Blatt Saugpapier - in der DDR zu jener Zeit rare Kostbarkeiten. Auf dem Stasi-Papier erscheinen theologische Erörterungen über Römer 13 und das Verhältnis von Staat und Kirche. »Karl«, der Kirchenjurist, entwirft 1960 ein neues Synodalgesetz, mit dessen Hilfe der »Weimarer Kreis« sich in der Kirchenversammlung eine genehme Mehrheit sichert.

Sgraja und dessen Mitstreiter Klaus Roßberg aus der Berliner Stasi-Kirchenabteilung beginnen jetzt mit der Anwerbung von Ingo Braecklein - dem geplanten Mitzenheim-Nachfolger - und weiteren kirchlichen Mitarbeitern aus dem »Weimarer Kreis«. Die Kirchenabteilung XX/4 registriert den IM »Ingo« 1960 unter der Nummer XV 10 671/60 als erfolgreich angeworben.

Zu Weihnachten bedankt sich Sgraja bei Lotz mit einer kleinen Aufmerksamkeit, die der Kirchenmann auch nicht mehr abschlägt: In einem Berliner HO-Geschäft läßt er das beliebte Transistor-Radio »Sternchen« aus volkseigener Produktion für den Oberkirchenrat besorgen.

Die Quittung - wie alle anderen penibel aufbewahrt in welken, grauen Briefumschlägen - vermerkt mit unnachahmlicher Treue zum Detail: »Dem geheimen Mitarbeiter ,Karl'' wurde als Anerkennung seiner guten Zusammenarbeit mit dem MfS ein Transistor-Radio ,Sternchen'' mit Ersatz-Batterien übergeben.«

»Karl« bekommt nun von der Stasi immer häufiger etwas zugesteckt. Als »Auslagenerstattung«, »Reiseunkosten«, »Weihnachtsgeschenk« oder »Anerkennungsprämie«. Mal sind es 100, mal 500 Mark, gelegentlich Parfüm und Damenstrümpfe für die Gattin, die vom zweiten Leben ihres Mannes nichts weiß. Die Tochter von Lotz wird zum Studium in Leipzig zugelassen.

Zum 50. Geburtstag 1961 gibt es 1000 DDR-Mark, »für den Einsatz zur Generalsynode« Pralinen, Apfelsinen und Bananen. »Karl«, der niemals etwas Handschriftliches von sich an die Stasi weitergibt, unterschreibt auch die Quittungen nicht.

Im Sommer 1960 gründet Lotz im Stasi-Auftrag einen geheimen Kreis von Kirchenjuristen. Bei der ersten Zusammenkunft am 9. August in Berlin sind drei Juristen, die gleichzeitig Stellvertreter ihrer Bischöfe sind, anwesend - aus Mecklenburg, Sachsen und Thüringen. Anlaß des Treffens ist ein neues Disziplinar- und Pfarrergesetz, von dem die drei befürchten, es könne zu Spannungen mit dem Staat führen.

Sie diskutieren darüber, wie sie in den Landeskirchen Bedenken erzeugen könnten, um »Sand in die kirchenpolitischen Pläne hineinzustreuen«, wie es in dem Protokoll der Zusammenkunft heißt.

Das Protokoll vermerkt, daß die drei vereinbarten, künftig niemanden von ihren geheimen Aktivitäten zu informieren: »In diesem Zusammenhang wurde die Übereinstimmung bei allen 3 Juristen erzielt, daß derartige inoffizielle Kontaktaufnahmen wiederholt stattfinden sollen.«

Bei den weiteren Treffen geht es um grundsätzliche Fragen des Verhältnisses von Kirche und Staat. »Zur Abdeckung dieser (ersten) Besprechung der Juristen«, heißt es in Sgrajas Akten, »wurde vereinbart, daß sie gegenüber ihren Bischöfen von einem reinen juristischen Erfahrungsaustausch sprechen.«

In diesem Jahr erkrankt »Karl« ernsthaft an Herz und Leber und verbringt drei Monate im Eisenacher Krankenhaus. Anfang 1961 ist er wieder aktiv, um bei der EKD-Synode in Berlin im Sinne seiner Auftraggeber die Kirchenspaltung voranzubringen.

»Karl« bleibt am Ball: Auf seinen Vorschlag bekommt Mitzenheim zum 70. Geburtstag vier Tage nach dem Mauerbau von Ulbricht den Vaterländischen Verdienstorden in Gold. Die Mehrheit der protestantischen Kirchenführer übergeht das Ereignis mit Schweigen, einige gratulieren.

Ein Protesttelegramm gegen den Mauerbau unterzeichnet Mitzenheim auf Vorschlag »Karls« nicht. Und auf Anraten »Karls« bleibt er auch einer Sitzung der Ost-Bischöfe fern, angeblich wegen Krankheit. In Wahrheit ist Mitzenheim kerngesund.

Eine besondere schauspielerische Leistung vollbringt Oberkirchenrat Lotz am 6. November 1961. An diesem Tag offenbart ihm und dem Oberkirchenrat Braecklein ein Mitbruder seine Geheimdienst-Kontakte. Seine Verbindung zum MfS sei »allgemeiner Art, betreffe politische Fragen des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche«, gesteht er den beiden IM »Karl« und »Ingo«. Er habe niemandem geschadet, keine Angaben über Personen gemacht.

Am nächsten Tag gibt »Karl« seinem Führungsoffizier Sgraja zu Protokoll: »Der Mann war während der ganzen Befragung äußerst unsicher, bekam heftige Schweißausbrüche, mußte sich an der Sessellehne festhalten, um ein Zittern zu verbergen, und machte widersprüchliche Angaben.« »Karl« will seinem Bischof nahelegen, den Mann aus seiner leitenden kirchlichen Position zu entfernen und in einer untergeordneten Funktion im Archiv zu beschäftigen.

»Karl« und Sgraja planen häufig regelrechte Inszenierungen: Um eine Distanzierung Mitzenheims von einem Pfarrer zu erreichen, arbeiten die beiden etwa eine Art Drehbuch aus.

Danach soll sich ein Mitarbeiter der Stasi-Kirchenabteilung beim Bischof anmelden und ihm »die Wahrheit« über die staatlichen Anschuldigungen gegen den Pfarrer vortragen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt des Gespräches soll »Karl« eingreifen und die »schwerwiegenden Belastungen« kommentieren. Dann soll der Stasi-Vertreter drohen, »Karl« hingegen auf Milde plädieren, um den Bischof in die gewünschte Richtung zu treiben.

Die Akten vermerken: »Das Gespräch verlief vereinbarungsgemäß. Der Bischof war erschüttert, ,Karl'' argumentierte entsprechend der Konzeption, und der Bischof ließ ein sich von Pfarrer F. distanzierendes Schriftstück ausfertigen und leitete gleichzeitig ein Disziplinarverfahren ein.«

Gegenüber Mitzenheim wird »Karl« im Laufe der Zeit immer kritischer. Er klagt bei Stasi und Partei über den alternden Bischof, der bei seinen Auftritten im Lande »unkontrollierbares Zeug schwätze«. Die SED dürfe nicht allein danach gehen, was er bei offiziellen Anlässen sage; Mitzenheim drohe »vieles kaputtzumachen, was er mühsam in all den Jahren aufgebaut« habe.

Immer wieder sinnieren »Karl« und Sgraja über den möglichen Nachfolger. Ingo Braecklein wird bereits 1965 für dieses Amt von ihnen fest in Aussicht genommen. Der Führungsoffizier von Braecklein, Klaus Roßberg, kommt zu den Beratungen mit »Karl« immer häufiger dazu. Die beiden erzählen »Karl«, daß auch »Ingo« schon seit 1960 als Inoffizieller Mitarbeiter registriert ist. Diese Mitteilung über »Ingo« an »Karl« vermerken die Stasi-Offiziere ausdrücklich in den Akten.

Sgraja und »Karl« gewinnen auch den Staatssekretär für Kirchenfragen, Hans Seigewasser, für ihre Personalpläne. Der ist einverstanden mit dem inzwischen 61jährigen Braecklein als Bischof »auf einige Jahre«, wenn es mit Mitzenheim absolut »nicht mehr ginge«. Parallel müsse aber mit allen Kräften ein jüngerer Bischofskandidat aufgebaut werden.

Es folgen zahllose weitere Gespräche, um die Personalpolitik geschickt zu beeinflussen. Immer wieder wird detailliert durchbuchstabiert: Wer wird wann durch wen ersetzt, wer erhält wessen Amt, wohin können »negative« Kräfte abgeschoben werden.

Im Sommer 1968 erklärt sich Mitzenheim bei einem Gespräch mit Lotz und Braecklein bereit, zum Jahresende zurückzutreten. Braecklein verspricht, den loyalen »Thüringer Weg« weiterzugehen. Vier bis sechs Jahre könne er schon noch Bischof sein.

Mitzenheim beginnt daraufhin, sein sogenanntes Rentnerhaus zu errichten. Da er seine Rücktrittsabsichten geheimgehalten hat, führen seine Bauaktivitäten zu Gerüchten in der Thüringer Kirche, daß wohl bald mit dem Rücktritt des Bischofs zu rechnen sei.

Das wiederum aktiviert die Gegner des loyalen Kurses. Sie machen gegen Braecklein Stimmung mit dem Argument, der sei zu alt. Die Stasi fürchtet um ihren Plan. »Karl« wird zu Paul Verner nach Berlin zitiert, der in der SED-Spitze, dem Politbüro, für Kirchenfragen zuständig ist.

Nach intensiven Erörterungen zwischen Verner, dem Staatssekretariat für Kirchenfragen und der Stasi-Kirchenabteilung XX/4 wird beschlossen: Mitzenheim muß zunächst noch bleiben, die Zusammenarbeit mit Braecklein soll intensiviert werden; als jüngerer Kandidat soll schnellstens Walter Saft von der Evangelischen Akademie in Eisenach aufgebaut werden.

Doch Saft steht schon zu sehr - ähnlich wie Lotz - im Ruf, ein »Roter« zu sein. Eine Mehrheit für ihn in der gesamten Landeskirche durchzusetzen ist schwer, glaubt »Karl«. Um den befürchteten Widerstand gegen Saft abzubauen, organisieren »Karl« und Sgraja dessen Versetzung ins Pastoralkolleg, »damit er mit möglichst vielen Pastoren Kontakt bekommt«.

Doch die Zeit läuft ihnen davon. Aus taktischen Erwägungen - Mitzenheim wird immer »wunderlicher« (Lotz), und Saft bleibt ein unsicherer Kandidat - favorisiert die Stasi schließlich doch den Oberkirchenrat Braecklein. 1970 wird Braecklein von der thüringischen Synode gewählt, mit 58 Ja- gegen 3 Nein-Stimmen bei 3 Enthaltungen.

Im selben Jahr wird »Karl« in Berlin heimlich ausgezeichnet. Anläßlich des 20. Jahrestags der Bildung des MfS erhält der Oberkirchenrat eine auf seinen Klarnamen Dr. Gerhard Lotz ausgestellte »Verdienstmedaille der NVA in Gold«. Sgraja notiert: »Der IM war überaus gerührt und berichtete über seine jahrelange Zusammenarbeit mit dem MfS.«

Gefeiert wird im engen Kreis in der konspirativen Wohnung »Stadion«. Lotz, nun schon 15 Jahre dabei, sagt in einer Dankesrede: »Die Auszeichnung ist Ehre und Verpflichtung und Dank für das Vertrauen. Die ganze Kraft für die weiteren Jahrzehnte will ich einsetzen.«

»Karl« wirkt schon längst über Thüringen hinaus. Auf Synoden, in der Christlichen Friedenskonferenz oder anderen internationalen Gremien und in der DDR-CDU ist er aktiv. Er ist auch auf den zentralen Konferenzen der Ost-Kirchenleitungen mit dabei - in bester Gesellschaft. Neben einer Reihe weiterer Inoffizieller Mitarbeiter haben Sgraja und dessen Leute auch den späteren Konsistorialpräsidenten Detlef Hammer aus Magdeburg dort plaziert. Hammer war, wie sich nach seinem Tod 1991 herausgestellt hat, sogar hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter, ein Offizier im besonderen Einsatz.

Die Stasi-Kirchenabteilung verfügt so stets über mehrere heimliche Mitschriften des höchsten Führungsgremiums der DDR-Protestanten, die alle in den MfS-Akten erhalten sind und die die knappen kirchlich-offiziellen Protokolle an Präzision und Detailtreue bei weitem übertreffen.

Die Stasi war immer dabei: Als die acht DDR-Bischöfe im Juni 1969 die personelle Besetzung des inzwischen gegründeten DDR-Kirchenbundes besprechen wollten, schipperten sie mit dem Motorschiff »Elfriede« über den Schweriner See, um Lauscher fernzuhalten. Anschließend zogen sie in die Privatwohnung des Schweriner Bischofs.

In den Stasi-Akten finden sich mehrere Seiten mit Protokollen von dieser Veranstaltung.

»Karl«, Sgraja und Roßberg wählen nicht immer feine Mittel, um auf die kirchliche Personalpolitik Einfluß zu nehmen. Als Mitte der siebziger Jahre ein Nachfolger für Braecklein in Thüringen ansteht, gilt es, als erstes einen mißliebigen Superintendenten aus der Kandidatenliste auszusortieren. Die Stasi inszeniert eine häßliche Kampagne.

In der Landeskirche werden Fotos verschickt, die den verheirateten Superintendenten in verfänglicher Pose mit einer Vikarin zeigen. Doch die anonymen Beschuldigungen verfangen nicht. Da springt »Karl« ein und versucht, die Echtheit der Fotos nachzuweisen, »indem er selbst die Stelle des (fotografierten Ehebruchs) ausfindig macht und Bischof Braecklein dafür gewinnt, daß dieser sich nicht schützend vor G. stellt« (Stasi-Akte).

»Karl« organisiert getrennte »Vernehmungen« der Vikarin und des Superintendenten mit Bischof Braecklein. Dabei verwickeln sie sich in Widersprüche, die Vikarin »gesteht«. Das bringt »Karl« die Rache von G. ein, der in kirchlichen Kreisen verbreitet, die ganze Sache sei eine Aktion der Stasi und Lotz würde mit ihr zusammenarbeiten. Doch ihm fehlen die Beweise. Der Ruf des Superintendenten ist ruiniert, »Karl« bleibt unbeschädigt.

1975 schlägt Sgraja seinen IM »Karl« erneut zur Auszeichnung vor: für den »Kampforden für Volk und Vaterland«. Ihn zeichne »Einsatzbereitschaft, Zuverlässigkeit, schöpferische Eigeninitiative und Standhaftigkeit« aus, heißt es in der Ordensurkunde. »Durch hohen persönlichen Einsatz im Rahmen seiner führenden Position innerhalb der evangelischen Kirchen in der DDR hat er entscheidenden Anteil an der Zerschlagung der sogenannten Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er hat einen sehr großen Anteil an den politisch-operativen Maßnahmen, die zur Gründung des Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR führten.«

Ein Jahr später wird »Karl« 65, seine Pensionierung als Leiter des Landeskirchenamts in Eisenach und Stellvertreter des Bischofs steht an. Für die Stasi bleibt er auch als Rentner »entsprechend seines Alters ständig einsatzbereit«, im »In- und Ausland, zeitlich unbegrenzt zur Einflußnahme auf kirchenleitende Personen, entsprechend seiner besonderen Fähigkeiten, der Entwicklung operativer Legenden und Kombinationen«, vermerkt Roßberg in »Karls« Kaderakte.

Der Höhepunkt der heimlichen Stasi-Karriere des Kirchenmannes ist in einem der vergilbten Briefumschläge seiner Stasi-Akte enthalten: eine übergroße Urkunde für den Oberkirchenrat Gerhard Lotz mit aufgedrucktem bunten Orden. Mit Mielkes persönlicher Unterschrift wird ihm aus Anlaß seiner 20jährigen inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS der Ehrentitel »Verdienter Mitarbeiter der Staatssicherheit« verliehen.

In einem der anderen angeschmuddelten Briefumschläge stecken die Quittungen für die interne Feierstunde mit »Karl«. Kalte Platte, Kaffee, Sekt, Zigaretten im Objekt »Wendenschloß« am 25. Februar 1976 von 17 bis 21 Uhr. Teilnehmer: Major Roßberg, Oberstleutnant Sgraja, Oberst Ludwig und Generalmajor Kienberg, der Chef der Stasi-Hauptabteilung XX.

Von da an wird es um Lotz stiller. Kirchenpolitisch spielt er keine Rolle mehr, die MfS-Offiziere aus Berlin lassen sich nur noch selten sehen. Im Frühling 1980 besucht Roßberg den Pensionär, der inzwischen mehrere Herzinfarkte hinter sich hat. Der Bericht über die Krankenvisite ist das letzte Blatt in der Akte des Inoffiziellen Mitarbeiters »Karl«.

Roßberg schreibt auf dem Formblatt in seiner krakeligen Handschrift nur wenige Zeilen in die Spalte »Treffauswertung": »Der IM ist in einer schlechten körperlichen Verfassung. Er hat die Folgen der Herzinfarkte und der anschließenden Thrombosen noch nicht überwunden. Sein Gewichtsverlust beträgt 80 Pfund. Er macht einen völlig zerrütteten und für sein 68. Lebensjahr bereits greisenhaften Eindruck. Er bereut, so schnell in den Ruhestand getreten zu sein. Der IM beklagt sich über das völlige Fallenlassen seiner Person durch staatliche Mitarbeiter, staatliche Organe und durch die CDU (Berliner Stellen).«

In die Rubrik »Neuer Auftrag und Verhaltenslinie« trägt Roßberg ein: »Dem IM wurde die Erinnerungsmedaille 30 Jahre DDR überreicht, wofür er sich mit warmen Worten bedankte.«

Am 10. Dezember 1981 stirbt Gerhard Lotz. Seine Akte wird 1986 von Roßberg archiviert. Das bewahrt sie vor der Vernichtung. Die Akten anderer Kirchenmänner, die bis zum Dezember 1989 für das MfS gearbeitet haben, gibt der letzte Chef der Kirchenabteilung XX/4, Oberst Joachim Wiegand, nach der Wende zur Vernichtung frei.

* Vor dem Potsdamer Untersuchungsausschuß zur Klärung derStasi-Verstrickungen des früheren Konsistorialpräsidenten ManfredStolpe, am 5. Mai.* Mit den Bischöfen Mitzenheim und Schönherr, 1971.

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