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PROZESSE Optimal frei

Wer eine Sex-Sauna betreibt, macht sich nach einem Kölner Urteil der »Förderung der Prostitution« schuldig -- insbesondere, wenn es sich um einen »exzellent eingerichteten Betrieb« handelt.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Ein Fernsehauge prüfte jeden Ankömmling schon vor der Tür, und nur, wer dann auch dem abschätzenden Blick der Kassiererin genügte, wurde eingelassen. Mitglieder hatten 30 Mark zu zahlen, Tagesgäste 50 Mark, dafür bekamen sie ein Handtuch und einen Spind zugeteilt, wo die Kleider abzulegen waren. Man bewegte sich nackt im »Club privé«.

Die Sauna in der Heinsbergstraße 18 zu Köln bot Schwitzbad, Bottich und Bier im allgemeinen sowie, in separaten Kabinen, auch »Entspannungsmassagen« zu 40 Mark im besonderen. Wer drauflegte, bekam noch mehr geboten: Die Damen nahmen 100 Mark mit, 150 Mark ohne Präservativ.

Das hatte sich bald bis zur Kölner Kriminalpolizei herumgesprochen, die dem Etablissement im Juni 1977 denn auch einen Besuch abstattete. Die Beamten mieden freilich die Kontrollkamera am Eingang wie die Kasse und drangen statt dessen über Hinterhof und Seiteneingang ein. Sie überzeugten sieh vom Klub-Geschehen, notierten die Namen der männlichen Gäste und identifizierten die Massage-Mädchen als registrierte Prostituierte.

Bald darauf wurde der »Club privé« vom Gewerbeaufsichtsamt geschlossen, der Eigentümer Dieter Engel, 41, von der Staatsanwaltschaft angeklagt -- wegen Förderung der Prostitution und Zuhälterei. »Keines der Mädchen«, so vermerkte der Staatsanwalt, »hatte medizinische Massage-Ausbildung.«

Sauna-Chef Engel mochte die Klub-Praxis nicht leugnen, war aber auch nicht bereit, die strafrechtlichen Vorwürfe der Ankläger einfach hinzunehmen. Beraten vom Kölner Anwalt Lothar Bungartz, entschloß er sich, um die Existenzberechtigung seiner Ex-Sauna durch alle Instanzen zu kämpfen. »Die deutsche Justiz«, so Bungartz, »hat ständig mit der Lust ihre liebe Last und bemüht sich mit falscher juristischer Begriffsakrobatik um die Unterdrückung derartiger Etablissements.«

Unternehmungen nach Art des Kölner Klubs, die Baden wie Bumsen offerieren, haben sich während der letzten Jahre in fast allen westdeutschen Großstädten etabliert. Sie annoncieren in den Boulevardblättern mal als »Sauna mit privater Atmosphäre«, mal als »Palm-Beach-Club« oder einfach als »Massage-Studio« (SPIEGEL 14/1976), und die Kunden verstehen's ganz gewiß -- eine zeittypische Spielart von Bordell und Eros-Center.

Seit Jahren werden solche Sex-Studios von den Ordnungsbehörden zwar kontrolliert, aber fast überall auch toleriert, weil beispielsweise, worauf der Frankfurter Kriminal-Direktor Gerd Knappik gern hinweist, »Freier mit Geschlechtskrankheiten hinterher wissen, wo sie waren«. Das erleichtert den Behörden dann die Wahrheitsfindung.

Vor allem aber, so argumentieren Polizisten dieser Denkrichtung, würden durch solche Etablissements Belästigung der Nachbarschaft und sittliche Gefährdung von Kindern vermieden, der Straßenstrich und damit verbundene Formen der Kriminalität -- vom Beischlafdiebstahl bis zu Zuhälter-Überfällen -- eingedämmt.

So kann auch Dieter Engel seit 1972 in Frankfurt einen gleichartigen, aber weit größeren Sauna-Salon als den Kölner Klub unbehelligt führen; annonciert hat er sogar schon mal in der offiziellen Festschrift »200 Jahre Deutsche Polizei«. Und des öfteren ließen sich Ärzte, Soziologen und Sexualwissenschaftler Engels Frankfurter »Sudfaß« aus beruflichen Gründen vorführen.

Auf seine Art, so sieht es der Eigentümer, ist es ein Musterbetrieb. In Frankfurt geht und in Köln ging es betont hygienisch zu (Engel: »Jeder Gast hat ein eigenes Handtuch und ein frisches Leintuch"), die kaufmännischen und sozialen Spielregeln erscheinen sauber:

Unternehmer Engel zahlte, wie ihm ein Steuerbevollmächtigter attestierte, regelmäßig Lohnsteuer, Lohnsummensteuer, Umsatzsteuer, Einkommensteuer und andere Abgaben. Die Massage-Mädchen bezogen als Angestellte ein Monatsgehalt von 1200 Mark brutto, sie waren bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Köln versichert und mußten sich -- Bestandteil des Arbeitsvertrages -- jede Woche beim Gesundheitsamt einfinden.

Für jede »Entspannungsmassage« hatten die Mädchen 40 Mark ans Unternehmen abzuliefern. Ob und um welchen Preis sie außerdem Mehrleistungen erbrachten, blieb ihnen nach Darstellung des Anwalts ebenso überlassen wie der Erlös daraus.

Nun sind zwar käufliche Liebe und Zimmervermietung an Dirnen, ob en gros wie im Eros-Center oder en detail bei »Photomodellen« oder »Hostessen« nicht strafbar. Wer aber »gewerbsmäßig« einen Betrieb leitet, in dem die Prostitution »durch Maßnahmen gefördert wird, welche über das bloße Gewähren von Wohnung, Unterkunft oder Aufenthalt« hinausgehen, der wird nach Strafgesetzbuch-Paragraph 180 a (Förderung der Prostitution) mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bedroht.

Und sechs Monate bis fünf Jahre sind nach StGB-Paragraph 181 a (Zuhälterei) für denjenigen vorgesehen, der andere bei der Ausübung des gewerblichen Verkehrs »überwacht, Ort, Zeit, Ausmaß oder andere Umstände« der Prostitutionspraxis bestimmt oder aber Maßnahmen trifft, die eine Frau davon abhalten sollen, »die Prostitution aufzugeben«.

All diese Merkmale sah die Kölner Staatsanwaltschaft bei Engels Sauna-Management als erwiesen an. Die Klub-Damen hatten, in zwei Schichten, »die Gäste zu betreuen, wozu auch die Ausübung des Geschlechtsverkehrs gehört«, so die Anklage. Engel habe die Arbeitszeit geregelt und einen Teil des Entgelts zentral kassieren lassen.

Verteidiger Bungartz wiederum erklärte dazu in einer Schutzschrift, Engel habe eine »Organisationsform des Sexualangebots« gefunden, die »optimal frei« sei »von Gefahren jedweder Art«. Er habe auch dazu beigetragen, daß. »Sozialfälle vermieden werden im übrigen seien alle Sauna-Angestellten auch schon zuvor der Prostitution nachgegangen.

Vor einem Kölner Schöffengericht hielt dann der Staatsanwalt dem Angeklagten seinerseits zugute, daß er für »soziale Sicherheit« gesorgt und nicht das »Bild des typischen Zuhälters« geboten habe, daß er zudem in Frankfurt einen ähnlichen Betrieb »vollkonzessioniert« unterhalte. Jedoch erfülle die »Gesamtgestaltung« zumindest den Tatbestand der Prostitutionsförderung.

Vorletzte Woche wurde Engel vom Vorwurf der Zuhälterei freigesprochen, wegen Förderung der Prostitution zu 9000 Mark Strafe verurteilt. Als belastend wertete das Schöffengericht nicht nur die Sauna-Einrichtung, die nun mal über das Gewähren einer Wohnung hinausgehe, sondern auch das »Filtern von Kunden«, wodurch auf Gäste der »wirtschaftlich gehobenen Klasse« gezielt werde. Folgerung des Gerichts: Diese Absicht, ein »exzellent eingerichteter Betrieb« und angenehme Arbeitsbedingungen seien ein Anreiz für die Mädchen, Prostituierte zu bleiben.

Engel und sein Anwalt Bungartz gehen nun mit der Sauna-Sache in die nächste Instanz. Bungartz nennt es »juristischen Aberwitz und reinen Sophismus«, wenn die Rechtsprechung unterbinden wolle, »was im Rahmen der Tatsachen beifallswürdig und unter polizeirechtlichen Gesichtspunkten wünschenswert ist«.

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