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Orale Phase

aus DER SPIEGEL 17/1999

Internet-Spürhunde haben eine Entdeckung gemacht. Unter der Adresse www.kueche-genuss.de wird enthüllt, daß es im deutschen Fernsehen pro Woche 100 Kochsendungen gibt. Nicht mal Soaps oder Talks sind häufiger zu sehen.

Richtig internett wäre der Versuch, das Phänomen zu erklären. Voilà: Beim Fernsehen kehrt sich das Schema der individuellen Entwicklung um.

Der Mensch durchlebt, nach der Geburt, zunächst saugend und sabbernd eine orale Phase. Ihr folgt die lustvolle Besetzung aller Vorgänge, die mit Verdauung zu tun haben - anale Phase genannt. Erwachsen wird der Mensch, wenn er in der Pubertät unter Überwindung des Ödipus-Komplexes zur Reife findet und Oralität und Analität redend sublimiert.

Das Fernsehen geht genau den umgekehrten Weg. Holzschnittartig sieht der so aus: Zuerst wurde im Medium von steifen Menschen steifleinern geredet und geredet.

Dann - mit Beginn der Talkshows - trat das Fernsehen in seine Pubertät ein (menschlich gesehen: zurück). Schwienigeln oder sich sonstwie ungezogen aufführen wurde zum neuen Leid- und Leitwert.

Nach der Pubertät - sie ist noch nicht abgeklungen - zeigte sich die (Rück-) Entwicklung in die Analität: Das Fernsehen beschäftigte sich lustvoll mit seinen Exkrementen. Das hatte Namen wie Trash-TV oder, hochtrabend, Selbstreferentialität. Harald Schmidt zum Beispiel darf als führender Erotiker der analen Phase gelten.

Und während dieses Stadium noch nicht überwunden ist, bricht mit der Inflationierung der Kochsendungen bereits die Regression in die orale Fernseh-Epoche an. Das Säfteln, das bedrohliche Malmen der Münder - schon Runden wie das »Literarische Quartett« signalisierten, daß der orale Durchbruch bevorstand.

Wohin aber wird sich das Fernsehen nach der Invasion der Kochlöffel zurückentwickeln?

Die Puppenspiele für die Kleinsten, Teletubbies genannt, zeigen die Zukunft: TV als Da-da-da-ismus.

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