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PUBLIC RELATIONS / FDP Orange statt Gelb

aus DER SPIEGEL 23/1968

Die Freien Demokraten sollen das Wort »liberal« auf den Index setzen und sich statt dessen Arbeitern, »unruhigen Studenten« und »antiautoritären Gruppen« als politisches Asyl anbieten. Rund acht Millionen Mark soll die politische Renovierung kosten und der FDP bei der nächsten Bundestagswahl zu »12,8 Prozent bis 13,2 Prozent« der Stimmen verhelfen.

So steht es im »Exposé FDP-Öffentlichkeitsarbeit 1968/69«, das sich Dr. Hans Friderichs, Bundesgeschäftsführer der Freidemokraten, bestellt hat. Das über 200 Seiten starke Werk untersucht den Standort der Partei nach Oster- und Notstandsaufruhr und liefert Leitlinien für die Wahlwerbung, mit der die Partei schon jetzt, 16 Monate vor der Stimmabgabe, beginnen will.

Verfasser ist ein Team des Hamburgers Wolf Uecker, dessen UPS-Agentur für institutionelle Werbung und Öffentlichkeitsarbeit den Millionenauftrag von Dr. Friderichs erhielt. Die FDP, so Uecker, wolle mit der Tradition brechen, »Wahlkampfgelder erst in der Materialschlacht der letzten Wochen vor der Wahl zu verpulvern«.

Ueckers Öffentlichkeitsarbeiter, Jochen R. Klicker, 32, und Gerhard Struck, 29, deren Exposé von der Parteispitze bereits gebilligt worden ist, ermittelten, daß die FDP sich unter dem Markenzeichen Opposition am besten verkaufen ließe. Und der günstigste Kurs sei mehr links, obwohl das Wort gemieden werden soll: »Die Freien Demokraten müssen ... zu verhindern suchen, daß sich links von ihnen neue Parteien ... etablieren, denn an diese werden sie zwangsläufig Wähler verlieren.«

Der ideale FDP-Wähler ist nach der Analyse von UPS 30 Jahre alt, verdient 1000 Mark netto im Monat, »ist intelligent, hat Verantwortung, befindet sich in beruflicher und sozialer Mobilität mit dem Trend nach oben, ist kritisch und neigt nicht zur Saturierung«.

Zu dieser Gruppe der »sozialen Aufsteiger« gehört auch »der hochqualifizierte Facharbeiter, der Vorarbeiter und der Werkmeister, der seine politischen Interessen bei der Sozialdemokratie verraten sieht«. Ebenso wird auf die außerparlamentarische Opposition gezielt und überhaupt auf alle, die »oppositionell denken und mobile Parteien wünschen«.

Den traditionellen FDP-Wählern »des alten Mittelstandes« mißt die Studie keine große Bedeutung mehr bei. Sie seien bereits bei den letzten Landtagswahlen zahlreich abgewandert, da sie sich ohnehin »bei einer oppositionellen FDP nicht mehr hinreichend repräsentiert« fühlen.

Das neue Markenbild der Partei wird »kühl-sachlich« dargeboten. Alle Klischees und auch »die hinlänglich bekannten Statussymbole der Wohlstandsgesellschaft«, ja sogar der Aufruf »Wählt FDP« sollen im Werbematerial fehlen. In Veranstaltungen sollen nicht mehr Wahlreden alten Stils gehalten, sondern Diskussionen gesucht werden.

Selbst die herkömmlichen Symbole der Partei werden verschwinden. Die Farben Blau-Gelb, so fanden von Uecker beauftragte Motivforscher, entsprechen »nicht der oppositionellen Linie und dem politischen Willen der FDP ... Blau vor allem in tieferer Tönung hat dämpfende Wirkungen«. Künftig sind Weiß und Orange vorgesehen. Der FDP-Adler muß wegen des »fehlgesteuerten Assoziationsbereiches« weichen.

Die Autoren der Studie erkannten auch die Hauptgefahr« die ihrem sorgsam gefertigten Plan droht. Sie schrieben beschwörend: »Die FDP muß sich für längere Zeit auf die Opposition einrichten ... dabei darf sie sich nicht wie die SPD ... prostituieren. Die FDP muß klarmachen, daß sie keine »Regierungspartei im Wartestand« ist.«

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